Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officielle Äusstel Jungs- Nachrichten. ii
Göthe’schen Faust ausrufen, wenn man das Ausstellungsterrain be
trat, das zum ersten Male seit der Eröffnung sieb in sonnigem
Glanz zeigte und unter dem wolkenlos blauenden Himmel ein
ganz anderes, farbenprächtigeres Bild zeigte, als bisher, wo des
Wetters Ungunst wie ein Alp auf dem Unternehmen gelastet batte.
»Gefühl ist Alles!« und wenn das herrliche Werk menschlichen
Genies und Fleisses auch durch den verhüllenden Wolkenflor nicht
schlechter geworden ist, so betrachteten die Besucher, die schon
Vormittags schaarenweise herbeiströmten, es doch gestern mit ganz
anderen Gefühlen und in einer Stimmung, die das Gebotene doppelt
schön erscheinen liess. Und es war ein prächtiges Bild, das die
Ausstellung sowohl in ihrer Gesammtheit als auch in ihren Einzelheiten
bot. Leuchtender erglänzten die Kuppeln und Thürme — lichter
strahlte das helle Frühlingsgrün der landschaftlichen Umrahmung,
lustiger flatterten die Fahnen auf hohen Masten und freundlicher
strahlten vor Allem die Gesichter aller derjenigen — Aussteller und
Besucher —, denen der Erfolg des grandiosen, mit so viel Sorg
falt und Liebe vorbereiteten Werkes am Herzen liegt. Hoffen wir,
dass diesem ersten sonnigen Tage, der seine günstige Wirkung
überall in den weiten Räumen so prägnant bewies, recht viele folgen;
dann wird es sich zeigen, dass die Schöpfer unserer Ausstellung
sich nicht täuschten, wenn sie sich von derselben einen grossen,
ehrenvollen Erfolg versprachen. — Der Besuch am gestrigen
Donnerstag war, trotzdem das Entree eine Mark betrug, ein sehr
stärker, und stieg noch mehr, als von 5 Uhr ab der Eintritt nur
50 Pfennige kostete.
V
Die elektrische Rundbahn. Die von der Firma
Gebrüder Nagle auf dem Gelände der Berliner Gewerbe-Ausstellung
1886 zu erbauende und betreibende elektrische Rundbahn, welche
der Bewältigung des voraussichtlich enormen Verkehrs innerhalb
des ausgedehnten Terrains und der Bequemlichkeit des Publikum
dienen soll, ist dem Programm gemäss am Freitag, 1. Mai 1896,
dem Verkehr übergeben worden. Es war allerdings nur ein Betrieb
von mehreren Stunden angängig, weil ein Stromerhalt auf der
Ausstellung selbst noch nicht möglich war, vielmehr obige
Firma selbst aus ihrer Fabrik den Strom liefern musste,
doch verlief die Probefahrt, zu welcher die Ausstellungs
behörden besondere Einladungen erhalten hatten, wie auch alle
späteren Rundfahrten des Publikum, welch’ letzterem in liebens
würdiger Weise die Benutzung der Bahn an diesem Tage kostenlos
zur Verfügung gestellt wurde, in tadelloser Weise ohne die geringste
Störung. Am folgenden Sonntag, 3. Mai er., da die Stromabgabe
immer noch von der Naglo’schen Fabrik erfolgen musste und
letztere ihre Kraft an Wochentagen zum Fabrikbetriebe selbst
braucht, wurde der Bahnbetrieb fortgesetzt, und zwar mit
vier Wagen bei sechs Minutenverkehr während sechs Stunden,
in welcher Zeit ungefähr 3600 Personen befördert wurden. Trotz dieser
enormen Leistung in Anbetracht der Kürze der Zeit und der geringen
Wagenzahl ist auch an diesem Tage keine Störung oder Unregel
mässigkeit bemerkt worden, sodass der elektrischen. Rundbahn das
Gelingen der ihr gestellten Aufgabe als vollständig erfüllt zuerkannt
werden muss. Auch hat sich Art der Koritrole und Zahlweise,
nämlich durch automatisch wirkende Drehkreuze auf das Beste be
währt, was um so erfreulicher ist, als der Betrieb, wie allerdings zu
erwarten stand, bewiesen hat, dass ein Ausgeben von Fahrscheinen
und Kontroliren derselben, wie bei Strassenbahnen, bei der zu er
wartenden Frequenz der Bahn und den so kurz hintereinander
folgenden Stationen und dem damit verbundenen fortwährenden
Ein- nnd'Aussteigen schier unmöglich, wenn nicht ganz unmöglich
ist. Der definitive Betrieb der Rundbahn soll am Sonnabend er
folgen.
Ein Rundgang' durch das Hauptindustrie-
gebäude der Berliner Gewerbe-Ausstellung gestern (Donnerstag)
böt folgendes Bild: In der nördlichen grossen Querhalle, die an
den Kuppelsaal grenzt, arbeitete man noch an der'Decoration der
abschliessenden Hauptwand und hing alte kostbare Gobelins an den
Seitenwänden auf. ’ • In' der vorliegenden kleineren, "parallellaufenden
Halle ist' man an verschiedenen Stellen noch beim Aufbau und
beim Anstrich, im gegenüberliegenden Theil der grossen Querhalle
werden noch grössere Pavillons erbaut, es waren noch Zimmerleute,
Putzer, Tischler. Maler und Dccoiätcure bei der Arbeit Kojen
wurden theils ausgeschlagen, theils standen sie noch roh. — Im
ersten nördlichen Seitentract, quer zur Haupthalle, Gruppe VII,
Metall-Industrie, Abtheilung für Gold- und Silberwaaren, wurde der
letzte Pavillon aufgestellt, im gegenüberliegenden Theil, in dem die
schönen, kunstvollen Schmiedearbeiten ausgestellt sind, wurde an
den Ausstellungsgegenständen selbst noch vergoldet, bronzirt und
gestrichen, in der Haupthalle war man dabei, mächtige Thore aus
Schmiedeeisen aufzurichten. In der Äusstellungs-Abtheilung für
Eisen, Kupfer, Nickelblech etc. in verschiedenster Bearbeitung, in
der sich auch eiserne Möbel befinden, wurde an wenigen Stellen noch
etwas nachgeholfen. Die anstossende, last gänzlich mit Stahlkammern,
Geldschränken, feuersicheren Documcntenbehältern, eisernen Casetten
etc. angefüllte Halle ist fertig. Die Gruppe XVI, Papier-Industrie,
zeigte fast gar keine Lücke mehr, nur wurde da und dort noch
verspätet eingetroffenes Ausstellungsmaterial ausgepackt. In einer
Abtheilung von Gruppe I, Textilindustrie, wurde noch gearbeitet,
einige grosse Teppich-Ausstellungen dürften gestern fertig geworden
sein, an wenigen Stellen arbeiten noch Decorateure, Maler und Ver
golder. Gruppe V, Porzellan, Chamotte und Glasindustrie, war bei
der Errichtung des letzten Pavillon, in der deutschen Ausstellung
der Gruppe wird noch gemauert und gebaut, namentlich bei einzelnen
Ausstellern von Chamottewaaren. Gruppe XV, Leder- und Kantschuck-
Industrie, ist fertig. In der Maschinenhalle erklingt noch nerven-
‘erschütterndes Hämmern und Pochen, da wurde noch montirt,
genietet, Eisenthürme und Eisengerüste wurden aufgerichtet,
Maschinentheile geputzt und polirt, die Ketten der Flaschenzüge
klirren und rasseln, einige Abtheile werden noch zurecht gemacht.
Im dahinter gelegenen Hofe war die eine Mühle mit ihren Annexen
noch ziemlich zurück, im nördlichen Flügel der grossen Maschinen
halle wurde ein grosser Pavillon errichtet. — Um diese Lücken
wahrzunehmen, muss man jedoch ein sehr geübtes Auge
haben; den meisten Besuchern entgehen sie, einen eigentlichen
Eindruck des Unfertigen erhält man fast Nirgends,
Das fertige Gänze aber sowohl," als auch die Einzel-Ausstellungen
werden von den Besuchern geradezu bewundert und angestaunt.
Man konnte von auswärtigen Besuchern öfters die Frage hören:
»Aber, mein Gott, ist denn das wirklich Alles in Berlin gemacht?«
Diese Frage kann stolz mit »Ja« beantwortet werden. Auf
manchem Antlitz der Besucher des ersten »Mark-Tages« lesen wir
hohe Befriedigung ' und Freude am Gelingen dieses gewaltigen
Unternehmens.
V
Eine Ausstellungsmedaille von 1844. Es warne
uns eine bronzene Medaille der Gewerbe-Ausstellung von 1844
vorgelegt. Dieselbe zeigt auf der Vorderseite eine Borussia in
sitzender. Stellung, . die einen Lorberkranz in der rechten Hand
hält, mit der Linken stützt sie sich auf einen Fels, der die Auf
schrift: »Seid einig« trägt, das Schwert ruht im Schoosse der
Germania. Die Vorderseite zeigt die Umschrift: »Erinnerung an
die Ausstellung deutscher Gewerbe-Erzeugnisse zu Berlin 1844«.
Im Mittelfeld der Rückseite dieser sehr seltenen Medaille befindet
sich die Abbildung der damals von Borsig ausgestellten Locomotive
mit Tender, die berechtigtes Aufsehen erregte. Umgeben ist das
Mittelschild mit einem erhabenen, durch Embleme der Schifffahrt,
des Handels, der Industrie etc. unterbrochenen Kranze. Die Um
schrift der Rückseite lautet: »Vorwärts mit deutschem Fleiss und
deutscher Kraft«. Die Medaille befindet sich im Besitz eines
Herrn Wilhelm Glasen, Ritterstrasse, in dessen Hände sie durch
Erbschaft kam.
V
Die Unfallstation am Ausgang zum Ausstellungs-Bahnhof
ist, wie wir ausdrücklich hervorheben, ebenfalls an das Telephon-
netz der Ausstellung unter Nr. 176 angeschlossen, sodass man ans
kürzestem Wege Hilfe von ihr requiriren kann. Sie ist ausserdem
mit Transportwagen ausgestattet, welche das Fortschaffen von Ver
unglückten ohne alle Umstände gestatten, zumal auf der Wache
beständig ein paar Wagenpferde bereit stehen. — Die Sanitäts
wache hatte am Mittwoch Abend einen ausserordentlich schwerem
Fall von — Bekneiptheit zu behandeln. Ein Ausstellungsbesucher,
hatte sich bis zur Bewusstlosigkeit amusirt und wurde von mitlei-i'
digen Seelen nach der Sanitätswache gebracht, die für seinen Weiterj
transport sorgte.
S
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