Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

lo Officielle Ausstellungs-Nachrichten.
»Adieu! — Also morgen. — Schluss.«
»Gott! diese Stimme!« meinte er, als er die Schallfänger auf
hing. »Die reine Musik.«
Am anderen Tage war der Herr nicht mit dem Frack an
gethan, sondern erschien im Winterpaletot am Telephon; indessen
ich erkannte ihn sofort wieder. Ein interessanter Mensch, sehr
nett und sehr gebildet. Wir grössten uns wie alte Bekannte.
»No. 999« sagte ich. Er nickte. Diesmal dauerte die Unter
haltung sehr lange. Vom Plüsch war keine Bede mehr und nicht
vom Preise.
»Fräulein Jenny?« sagte er. »Guten Morgen!«
»Guten Morgen!« lispelte sie.
»Ihr werthes Befinden?«
»Ich danke, es geht.«
»Ich habe kein Auge zugethan.«
»Ach! Thut mir leid. Weshalb denn?«
»Weil ich von Ihnen geträumt habe.«
»Von mir?«
»Ja, von Ihnen <<
»Aeusserst schmeichelhaft. Ich wüsste indessen nicht, wie ich
zu dem Vorzüge käme, von Ihnen geträumt zu werden.«
»Mein Gott! Ihre Stimme ist so süss, so melodisch, so sanft
und schmeichelnd, und wer solche Stimme hat, besitzt ein Gemüth
wie Wachs, ein Herz von Gold. Nach solchem Wesen habe ich
mich seit Jahren gesehnt. Jetzt habe ich es gefunden. Und nun
habe ich von meinem Glücke geträumt.«
»Sonderbarer Schwärmer.- lachte Jenny. Dann ward sie ernst.
»Die Stimme täuscht sehr oft.« meinte sie.
»Bei Ihnen nicht,« gab er zurück. — »Wann kommt der
Plüsch?«
»Morgen früh. Schluss! Schluss!« — —-
Der Plüsch kam wirklich am anderen Morgen; ich weiss cs
aus der Conversation meines Stammgastes. Freudestrahlend stand
er am Apparat. »Ich danke Ihnen, Fräulein! Fräulein Jenny! Ich
danke Ihnen!«
»Lassen Sic mich an den Apparat,« befahl die Dame. Ihr
Stellvertreter machte Platz. »Convenirt der Coupon?« —
»Aus Ihrer Hand — Alles,« sagte er.
»Was bekomme ich für die prompte Effeetuirung?«
»Einen Kuss,« sagte eine fremde Stimme
»Nicht doch!« schalt Jenny. »Wie kommen Sie dazu, sich
in meine Angelegenheiten zu mischen?«
»Sollen Sie haben. Und nicht blos einen; nein, unzählige.«
»Mein Herr!« zürnte Jenny.
»Thuen Sie doch nicht so. Der Kunde hat es Ihnen ja an
gethan,« meinte eine fremde Stimme in vorwurfsvollem Ton.
»Und Fräulein Jenny mir,« rief er.
Die fremde Stimme entfernte sich.
»Darf ich Ihnen meinen Dank mündlich abstatten?« fragte er.
»Ist ja bereits geschehen,« behauptete Jenny.
»Nein, ich meine unter vier Augen.«
»Thut mir sehr leid; aber . . . .«
»Aber?«
»Es geht nicht «
»Ich muss Sie sprechen; wahrhaftig!«
»Weshalb?«
»Ich kann nicht leben — ohne Sie.«
Jenny lachte. — »Ohne mich?«
»Lachen Sic nicht,« sagte er, »es ist mein völliger Ernst.«
»Sie kennen mich ja garnicht.«
»Ob ich Sie kenne. Sie sind ein Engel!«
»Das sind wir Alle -— so lange Sie uns nicht kennen.«'
»Nein! Sie sind es immer. Sie zu besitzen, wäre mein
grösstes Glück!«
»Wollen Sie mich denn? — Ich meine zur Frau.«
»Na, gewiss!«
»Ganz gewiss? Wenn Sie mir aber nicht gefallen?«
»Ich schwöre cs Ihnen; ich gefalle Ihnen.«
»Na! Dann in Gottes Namen! — Hier meine Hand! —
Aber um das Eine bitt’ ich Sic . . .«
»Alles sollen Sie haben, Alles !«
»Nur keinen langen Brautstand!
»Einverstanden!« gelobte -»- — - i
»Schluss!« befahl Jenny.
»Erst noch einen Kuss!« Und er sandte ihr den Ver-
lobungskuss.
»Bin Morgen früh dort an Ihrer Vitrine Punkt 12 Uhr.
Adieu!« schloss Jenny.
Punkt Zwölf trat eine Dame an seine Vitrine. »Auf Wieder
sehen!« sagte sic zu einem jungen Manne, der sie begleitete, und
nickte ihm mehrmals vertraulich zurück.
Die Stimme klang wie Nachtigallensang.
Sie war's. Es blieb mir kein Zweifel. Eine entzückende
Person, fesch und chic.
Mein Bekannter vom Telephon hatte nicht Wort gehalten.
An seiner Vitrine stand er wenigstens nicht.
Endlich kam er, blickte nach allen Richtungen, ging an der
Dame vorüber, kehrte wieder an seinen Glaskasten zurück und
fixirte sie schliesslich, darauf sie ihn mit neugierigen Augen
betrachtete.
»Hm!« murmelte er. »Oh auch nur eine Einzige Wort
halten kann. Und wäre sie ein Engel, unpünktlich wäre sie doch!«
»Unpünktlich sind nur die Männer«, entgegnete sie. — »Ge
hören Sie zu diesem Glaskasten?«
»Aufzuwarten,« stotterte er.
»Dann gestatten Sie, mein Name ist Jenny.« —
Ich glaubte, der Schlag rührte ihn. »Jen—ny?« stammelte
er. »Ich hatte Sic mir anders gedacht.«
»Blond? Nicht wahr?
Er nickte.
»Und ich hin brünett, folglich sind Sie enttäuscht.«
»Im Gegentheil,« behauptete er.
»Seien Sie ganz offen: Ich gefalle Ihnen nicht,« sagte sie
etwas pikirt.
»0! Meine Theuerste! Ich schätze mich glücklich,« ver
sicherte er mit gepresster Stimme.
Sie sah ihn seltsam an.
Im Hintergründe ging derselbe junge Mann vorüber, dem
sic vorhin zärtlich zugenickt hatte.
Um ihren schönen Mund legte sich ein neckischer Zug. in
ihren dunklen Augen blitzte es wie Muthwillen.
»Meine Gnädige!« sagte er, von ihrem fröhlichen Wesen an
gesteckt: »Gestatten Sie?«
Er machte Miene, ihr die Hand zu küssen.
»0! Nicht doch!« wehrte sie ihm. »Nicht so stürmisch!
Wissen Sie denn, oh Sie mir gefallen?«
Er trat erschrocken einen Schritt zurück. — »Mein Fräulein!«
stammelte er. »Ich hoffe< . . .
Weiter kam er »lebt.
Die Gestalt in dem Hintergründe näherte sich. Sie ging auf
die Gestalt zu und nahm deren Arm.
»Mein Gatte!« sagte sie zu meinem Bekannten und entfernte
sich mit graziöser Verbeugung.
»Diese Schlange!« zischte der Enttäuschte. «In meinem Lehen
verlobe ich mich nie mehr durch’s Telephon.« 0. G.
1
Der Kaiser hat seinen Besuch in der Ausstellung für
Sonnabend, 16. Mai, in Aussicht gestellt. Wie gross das
Interesse des Kaisers für die Ausstellung ist, geht auch daraus
hervor, dass er sich täglich über alle Vorfälle auf dem Ans
stellungsterrain Bericht erstatten lässt.
o
Prinz Gustav zu Sachsen-Weimar und Prinz
Reuss besuchten heute den Pavillon des »Berliner Lokal-Anzeiger«
und auch die Redactionsräume.
9
Der erste Sonnentag! »Wie anders wirkt dies Zeichen
auf mich ein!« konnte man am gestrigen, Donnerstag mit dem
Top of page

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.