Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 9
den von Künstlern oft ausgesprochenen Gedanken bestätigen, dass
die Ausführung einer lebensgrossen Figur in dem zartesten kera
mischen Material nicht mit unserem ästhetischen Gefühl in Ein
klang zu bringen ist. Man scheint auch diesen Factor von Seiten
der Leiter der Manufactur berücksichtigt zu haben, jedenfalls hat
man in den letzten Jahren einer bereits früher erfolgten Anregung
zu Folge von der Darstellung grösserer Figuren abgesehen.
In dem decorativ-ornamentalen Ausstattungstück steht dagegen
die Berliner Manufactur unerreicht da. Die grosse, reich verzierte
Stutzuhr liefert uns hierfür den deutlichsten Beweis. Hieran er
kennen wir auch, welche wunderbaren Effecte sich in der figür
lichen Darstellung erzielen lassen, so lange sie in kleinem Bahmen
gehalten sind. Ein ebenso hervorragendes Stück der keramischen
Kunst ist eine Standuhr neueren Datums. Die Hauptfigur
bildet Vater Kronos mit der Sichel, das Attribut des Todes
der Vergangenheit; es ist ein kräftiger Alter, der allen Stürmen
der Zeit erfolgreich Widerstand geleistet hat. Unten sitzen zwei
Sphinxe — durchaus moderne Sphinxe, denen es um die Hütung
des Weltgeheimnisses nicht mehr sonderlich zu thun ist, sonst
würden sie nicht mit den schelmisch lächelnden Knaben so zuvor
kommend kokettiren. — Wie diese, so ist auch eine andere Stand
uhr, die mit einem reichen figürlichen Schmuck bedacht ist, ein
Cabinetstüek der Sammlung. Graciös bewegte Putten umschweben
das Ziffernblatt oder bilden am Fuss der Uhr lustige Gruppen; auch
die Ornamente sind nicht minder flott in der Linienführung und
zart in der malerischen Behandlung.
Ebenso interessant sind auch die verschiedenen auf der Aus
stellung vertretenen Vasentypen. Es gereicht der Berliner Manu
factur zur besonderen Ehre, dass sie beständig darauf bedacht, ist,
neue Formen zu erfinden und die alten auszumerzen, doch macht
sich auch hin und wieder ein Streben nach bizarren Gebilden
geltend. Ich erinnere nur an eine der letzten Arbeiten,
eine Vase mit reichem Frucht- und Blumenarrangement. Den
Henkel bildet eine weibliche Figur, auf der vorderen Seite sehen
wir den Kopf eines Faun angebracht, der lüsterne Blicke nach den
zu hoch hängenden Weintrauben wirft. Dies alles streift trotz der
flotten Behandlung der einzelnen Theile nahezu die Manirirtheit.
Vornehmer in der Conception ist eine andere, weniger eomplicirte
Vase, die in Sonderheit mit naturalistisch behandelten Blumen de-
corirt ist. In der Modellirung von Blumen und Früchten
hat man in der Porzellan - Manufactur einen selten hohen
Grad von Vollkommenheit erreicht: die zartesten Blüthen und Staub
fäden werden mit dem der Natur eigenthümlichen Beiz ausgeführt,
selbst die Zufälligkeiten werden mit nicht geringerem Geschick
wiedergegeben. Wüssten wir nicht, dass Natur-abgüsse in der
Porzellantechnik keine Verwendung finden, so könnte man annehmen,
dass die Blumen auf diesem Wege hergestellt sind, so geschickt ist
die Naturform copirt worden.
Auch die malerischen Motive für die Vasen sind höchst
verschiedenartig und stets mit hohem künstlerischen Verständniss
durchgeführt worden. Meist überwiegen hier gleichfalls die Still
leben, doch treffen wir auch figürliche Darstellungen und Land
schaften in reicher Auswahl an Jede einzelne Vasenmalerei
ist schon ein in sich abgeschlossenes Kunstwerk; in hohem
Maasse verdienen diese Auszeichnung die Blumenstücke von Heinicke
und Miethe, welche Künstler die Natur in ihrem intimsten Schaffen
beobachtet haben; auch die unscheinbarste Blume ist in der ihr
eigenthümlichen Form und Bewegung wiedergegeben worden, ebenso
sind die Farben wirkungsvoll zu einander abgestimmt.
Weniger günstige Resultate hat man im Portraitfach erzielt,
was wohl nicht zum geringsten der durch den Brand hervor-
gerufenen Veränderung der Farbenwerthe zuzuschreiben ist. Ein
auf einer grösseren Vase gemaltes Portrait der Kaiserin scheint
unter diesem Uebelstand besonders gelitten zu haben, denn unmöglich
konnte ein zu kräftiger Farbenauftrag, der das zeichnerisch gute Portrait
ungünstig beeinflusst, in der Absicht des Künstlers gelegen haben.
Nächst den Vasen, zeichnen sich die ausgestellten Beleuchtungs
körper durch eine flotte Modellirung aus. Auch diese Gebrauchs
gegenstände, welche durch einige Metalltheile ergänzt werden, hat
man sich mit besonderem Eifer angelegen sein lassen. Die Com-
binirung beider Materialien ist sehr wirkungsvoll, namentlich wenn
durch eine geschickte Uebermalung des Porzellans dieses dem Charakter
der Bronze besser abgestimmt ist. Weiter fesselt uns eine ganze
Reihe von Genrefigürchen und anderen Nippessachen. Amor mit dem
Pfeil und Bogen ist ein häufig wiederkehrendes Motiv, das der
Phantasie des Künstlers immer neue Anregung bietet. Einzelne
Figuren sind auch in Biscuitmasse ausgeführt, in welchem Material
die Feinheit der Modellirung, welche leider durch die Glasurschicht
stets abgestumpft wird, besonders, zur Geltung gelangt. Einer nicht
geringeren Beliebtheit erfreuen sich auch noch immer die älteren
Arbeiten der Manufactur; es scheint das Genre in neuerer Zeit
auch nicht mehr in so ausgedehnter Weise wie früher
von der Porzellanmanufactur gepflegt zu werden. Auch
für die grösseren Arbeiten fehlt es an neuen Modellen; die
meisten der Ausstellungsobjecte werden dem Besucher der Welt-
Ausstellung in Chicago noch in guter Erinnerung sein. Dagegen
weisen die zahlreichen Teller mancherlei neue Motive auf. Die
flott componirten Ornamente wie die figürlichen und land
schaftlichen Darstellungen sind mit ausserordentlicher Sorgfalt
durchgeführt, wahre Cabinetstücke der Kleinkunst. Auch in derTechnik
des Pat-sur-Pat hat man sehr gute Resultate erzielt, welche die
bisherigen Versuche an Weichheit der Form und an pikanten
malerischen Reizen noch bedeutend übertreffen. J. Gaulke.
Durch’s Telephon.
[Abdruck untersagt.]
Kaum acht Tage sind in’s Land gegangen seit Eröffnung der
Gewerbe-Ausstellung, und schon spüren Einzelne ihre wohlthätigen
Wirkungen auf mercantilem Gebiete. Ein Paar unter den Vielen,
die sich auf die Ausstellung gefreut haben und sich von ihr
goldene Berge versprachen, ist bereits überglücklich geworden.
Trotz des unfreundlichen Wetters, das dem Hohenzollernwetter des
Eröffnungstages auf dem Fusse gefolgt ist, herrscht in der Rotunde
des Hauptgebäudes ein ungemein reges Leben; dort, wo Post- und
Fernsprechamt ihr Domicil aufgeschlagen haben, kommen und gehen
Aussteller und Schaulustige in ununterbrochener Folge, und es hat
sich bereits ein Stammpublikum gebildet, das an interessanten Er
scheinungen reich ist.
Schon am Eröffnungstage erschien im tadellosen Frackanzuge
ein jugendlicher Herr auf dem Fernsprechamte, und er war bis
heute sein bester Kunde. Das Telephon bleibt eine herrliche Er
findung. Wenn es nur nicht gar so indiscret wäre! Wer un
vorsichtig ist, kommt um seine sämmtlichen Geheimnisse. Denn der
Nachbar hört jedes Wort der Unterhaltung, wenn die Vorbedingungen
der fernsprechlichen Indiscretion vorhanden sind.
Doch, ich will nicht vorgreifen, sondern hübsch ordentlich er
zählen; verdient doch das, was ich mittheilen will, in den Annalen
der Fernsprecherei einen Ehrenplatz und bildet das goldenste Blatt.
Am 1. Mai stand ich neben ihm, als er Nummer 999 erbat;
das Amt habe ich leider überhört.
»Brauche noch fünfzig Meter Plüsch von der gehabten Farbe
und Qualität,« vertraute er dem Schallloche an.
»Bedaure,« hiess es von drüben. »Alles ausverkauft.«
»Ach, was!« sagte er. »Muss ihn haben, und wenn das
Meter zehn Mark kostet.«
» Auch für zwanzig Mark nicht zu haben,« antwortete No. 999
in rauhem Tone und verliess den Apparat.
»Sind Sie noch dort?« liess sich eine andere Stimme ver
nehmen, die ganz anders klang.
»Ja!« meinte er.
»Will mal selbst recherchiren,« tröstete ihn die Stimme.
»Bitte, sehr angenehm,« sagte er.
Inzwischen blieb er ungeduldig vor der Oeffnung stehen, beide
Ohren mit den Schallfängern bewaffnet.
»Sind Sie noch dort?« hiess es endlich.
»Jawohl,« meldete er sich.
»Es wird sich machen lassen,« berichtete No. 999.
»Schön, ich danke. — Preis?«
»Sechs Mark das Meter.« ' ,
»Ihr werther Name.?«
»Thut nichts zur Sache.. Aber wenn Sie ihn durchaus wissen
wollen: Jenny.«
»Tausend Dank, Fräulein Jenny.«
»Schluss! Adieu!«
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