Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officielle Aiissteliungs- Nachrichten. 7
Die Papier-Industrie auf der Ausstellung.
Von P. Kunz endo rf.
[Abdruck untersagt ]
Was ist Papier? Auf diese einfache Frage giebt der ebenso
geistreiche wie spitzfindige Humorist Saphir die Antwort: »Papier
ist die nach einer Versöhnung mit erhobenen Ideenwelten ringende
Ausbreitung des lumpigen Princips im Raume«. Und in der That
spielen die Lumpen eine bedeutende Rolle in der Papierfabrikation
in Deutschland, ja die Erfindung der Papierbereitung aus Lumpen
wird wesentlich als eine deutsche Erfindung bezeichnet, wenn sie
auch von anderer Seite uns streitig gemacht und den Italienern
zugeschrieben wird. Eigenthümlich ist es, dass die erste
Papiermühle in Deutschland bereits im Jahre 1390 in
Nürnberg angelegt wurde, also fünfzig Jahre vor Erfindung
der Buchdruckerkunst. Noch im Jahre 1728 wurde in
London Papier aus Nesseln angefertigt, und in Holland entstand
1823 ein unverderbliches Papier aus Wassermoos. Aber alle diese
Versuche sind nur Spielereien gegen die vollendete Technik, zu
welcher die Papierfabrikation in Deutschland in neuerer und neuester
Zeit gelangt ist. Davon giebt auch die Gruppe XVI der Berliner
Gewerbe-Ausstellung, der wir heut einen längeren Besuch abstatten
wollen, einen vollgültigen Beweis. Sie befindet sich im Haupt
gebäude ungefähr in der Mitte zwischen Wandelhalle und Maschinen
halle, hat zwei geräumige Seitenhallen zur Verfügung und breitet
sich ausserdem noch über den vor diesen Hallen liegendem Mittel-
raum aus. Zur Rechten wird die Papierausstellung von der Textil
industrie, zur Linken von der Metallindustrie begrenzt.
Die Gruppe, welche in vier Unterabtheilungen zerfällt, zählt
im Ganzen 114 Aussteller, die sämmtlich in der denotativen Aus
stattung ihrer Räume das Beste leisten
Nicht nur die Verwendung des Papiers in allen möglichen Abarten,
sondern auch Alles, was dem Papier »verwandt und zugethan« ist,
theis in grösster Einfachheit, theils in weitestgehendem Luxus, ist
vertreten und gewährt ein einheitliches Gesäumttbild von Grösse und
Vielseitigkeit dieser Industrie. Diesen Eindruck gewinnt man
namentlich von der Collectiv-Ausstellung des Deutschen Papier-
Vereins, die einen der beiden Seitensäle einnimmt. Vollständige
Maschinenbetriebe sind ausgestellt, welche den Beweis liefern, dass
Papier und Pappen heutzutage zu allem Möglichen Verwendung
finden. Wir sehen Isolirrohre aus imprägnirtem Papier mit Zubehör
zur Verlegung elektrischer Leitungen, eine Betriebseinrichtung zur
Herstellung von Metallpapier auf elektrolytischem Wege, eine Gross-
Buchbinderei in vollständigem Betriebe, eine Briefumschlagsmaschine
neuester Construction, deren besondere Leistungsfähigkeit haupt
sächlich darin besteht, dass sie selbstthätig gummirt und die
fertigen Briefumschläge abzählt. Diese Maschine liefert pro Tag
50 bis 60 000 Stück fertiger Couverts.
Durch seinen fein-künstlerischen Geschmack fällt der reich
geschnitzte Aufbau der Firma Schwanhäuser vormals Grossberger
& Kurz auf, welcher zur Aufnahme der verschiedenen Erzeugnisse,
besonders in der Bleistiftfabrikation bestimmt ist, und rings um ihn
gruppiren sich die übrigen Vertreter dieser und ähnlicher Branchen,
wie Johann Faber, Günther Wagner, Georg Adler u. A.
Der Raum, den diese Gruppe in der Mittelhalle einnimmt,
ist ebenfalls in reicher und künstlerischer Weise geschmückt, und
der grossartig wirkende Baldachin, der diesen Theil der Gruppe
überwölbt, ist insofern auch ein Theil der Papier-Industrie, als zu
seinem Aufbau hauptsächlich Papier und Pappen verwendet worden
sind. Ein pavillonartigcr Schrank enthält die fertigen Erzeugnisse
der allbekannten Berliner Stahlfederfabrik von Hcintze & Blanckertz,
während daneben eine Maschine mit Handbetrieb die einfache
Herstellungsart von Federn und Haltern veranschaulicht. In ähn
licher Weise hat auch Sönnecken’s Verlag ausgestellt, und andere
Firmen von mehr oder minder bekannten Namen Schliessen sich
diesen an.
Einen breiten Raum nimmt in der Gruppe »Papier« die
Cartonnagen-Industrie ein, die in den letzten Jahren einen ungeheuren
Aufschwung genommen hat. Auch eine elegante Emballage gehört
heutzutage zum guten Ton und dem achtungerweckenden Renommee
eines Geschäftshauses. Manch kleiner Cartonarbeiter, der früher
in einem Kellerlokal seine Arbeit mit der Hand verrichtete, ist
heut Besitzer einer Fabrik, die eine grosse Zahl von Arbeitern
beschäftigt und Maschinen neuester Construction in Betrieb hat,
Cartons sind ein Massen- und in den meisten Fällen auch ein
Zugabeartikel, und wenn auch der Werth des Einzelnen gleich
Null ist, »die Masse muss es bringen.« Welcher Luxus aber auch
in der Cartonfabrikation getrieben wird, dass zeigen deutlich die
vielseitigen Ausstellungen in dieser Branche. Hat doch eine der
bedeutensten Firmen dieser Art (Eduard Jacobsohn), welche übrigens
eine vollständige Cartonfabrik im Betriebe vorführt, einen eleganten,
hochstrebenden Pavillon ausgestellt, welcher ausschliesslich aus
Erzeugnissen eigener Fabrik, d. h. aus einfachen und eleganten,
aus grossen und kleinen, aus runden und viereckigen Cartons
zusammengesetzt und von einer zierlichen Weltkugel gekrönt ist.
Nicht minder reichhaltig in diesem Genre ist die Ausstellung der
Actiengesellschaft für Cartonnagenindustrie, ferner die von Georg
Adler, Otto Pieska, Gebrüder Polanski & Bauer und A ViDwock,
während die Gesellschaft für Cartonnagen-Industrie 0. & M. Schubert
die neuesten Maschinen und Apparate für die Cartonfabrikation
ausstellt.
Hervorragende Papierfabriken, die ihre Niederlagen in Berlin
haben, führen den Besuchern die verschiedensten Arten ihrer Fa
brikation vor. Die Patentpapierfabrik A. Moyn stellt ihre Normal-
Bücher- und Zeichenpapiere, Aktendeckel u. s. w. aus, die unter
der Bezeichnung »Ilohenofener Normal-Papiere« eine schnelle und
weite Verbreitung gefunden haben. Aehnliehe und andere Papier
sorten bringt die Fabrik Ostbofen, Bütten- und Maschinenpapiere
die Fabrik von Gebrüder Ebart, welche 1781 von Friedrich dem
Grossen in Spechthausen bei Eberswalde begründet wurde, Seiden-
und Blumenpapiere Ferdinand Flinsch und Adolph Flegel, Dach-
und Parketpappen R. Migankow, braune und weisse Pappen aus
Holzstoff 0. Opitz zur Ausstellung.
Haben wir in Vorstehendem einen Blick auf die Unter
gruppen 1 und 2, welche Papiere und Pappen sowie Buchbinder-
arbeiten aller Art umfassen, geworfen, so erübrigt es noch, den
beiden andern Untergruppen 3 und 4 einige Aufmerksamkeit zu
zuwenden. Sie führen uns Papierwaaren aller Art, Luxuspapiere,
die Erzeugnisse lithographischer und Buntdruckanstalten, sowie in
der vierten Gruppe Schreib-, Zeichen- und Maler-Utensilien vor.
Für das Auge bieten sie mehr, als die vorhergehenden Unter
abtheilungen, da sie farbenreich und vielgestaltig sich präsentiren.
Welchen Aufschwung die Luxuspapier-Fabrikation in den letzten
Jahren genommen, wie ihr immer neue und grossartige Ideen
zugeführt werden, das zeigt auch die zur Ausstellung gekommene
Collection ihrer Fabrikate, obgleich noch mancher von den be
deutenderen Fabrikanten der Ausstellung fern geblieben ist. Welche
Reichhaltigkeit von Entwürfen und Arrangements bieten allein die
Cotillon-Artikel! Zwar nicht chronologisch zusammengehörend, aber
doch eng verwandt sind die Christbaum-Artikel, die die Luxuspapier-
Fabrikation alljährlich in vielen Hunderten von Neuheiten auf den
Markt bringt. Hervorragendes in dieser Branche leisten Otto
Schaefer & Scheibe, Littauer & Boysen, Ed. Moniac, die Osnabrücker
Papierwaaren-Fabrik Löwenstein & Form stechen, Pohl Schwerdtfeger & Co. u. A. Auch das Placat- und Reelamewesen
nähert sich in vieler Beziehung der Luxuspapier-Fabrikation, da
gut ausgeführter Buntdruck ein Erforderniss aller besseren Placate
geworden ist. So liefert auch nach dieser Richtung hin
mancher Aussteller eine vielseitige Collection von fertigen Placaten
oder zeigt Original-Entwürfe für alle Branchen. In diese
Ausstellung treten vor den Ausstellern besonders hervor:
J. Aberle & Co., die Berliner Luxuspapierfabrik Heymann & Schmidt,
Wilhelm Boehme, Conradi & Co., Oswald Dietze, Hans Jacob! u. A.
Gesellschaftsspiele aller Art, die Lehrmittel der Fröbel’schen Kinder
gärten, Spielkarten, Diplome für sämmtliche Vereine und Gewerke
und Artikel für Ausübung häuslicher Kunst Schliessen sich den
vorgenannten Erzeugnissen der Luxuspapierfabrikation an und geben
Zeugniss von dem Ideenreichthum ihrer Erfinder und der zierlichen
und geschmackvollen Ausführung.
Mal- und Zeichenutensilien bilden auch einen Bestandtheil
der umfangreichen Papiergruppe. Die bekanntesten und leistungs
fähigsten Firmen sind an dieser Ausstellung betheiligt und führen
verschiedene Sorten von Aquarell- und Oelfarben, farbige Kreiden,
Schablonenpapiere, Zeichenvorlagen und vieles Andere vor.
Sehr reichhaltig ist auch die Abtheilung der Bureau- und
Comptqirutensilien beschickt. Einzelne JJojen sind ganz find gar
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