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Volume Nr. 20, 7. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

Officielle Äusstellungs-Nachrichten. n 
herbei und ersuchen die Anwesenden, das Gebäude zu verlassen. 
Die Glocke klingt schärfer und näher, mehr und mein - lichten sich 
die Gänge und schliesslich huschen nur noch einzelne Gestalten 
gleich Gespenstern zwischen Schränken, Tempeln und Pavillons und 
verschwinden in dem Thorweg, durch welches das helle Licht vom 
gegenüberliegenden Hauptrestaurant hereinschimmert. Endlich ist 
der letzte Besucher draussen, auch die Beamten verlassen ihre 
Posten und die eisernen Gitter Schliessen sich wieder für eine 
Nacht, um Morgens abermals der schaulustigen Menge die präch 
tigen Hallen zu öffnen. 
V 
Hinter den Coulissen des Hauptrestaurants. 
Der Ausstellungsbesucher, der nach vollbrachtem Bundgang auf der 
Terrasse oder in einem der schönen Säle des Hauptrestaurants in 
wohliger Buhe seines Leibes pflegt und sich der flotten Bedienung 
freut, dürfte sich unschwer einen Begriff von dem Umfang des Ge 
schäftsbetriebes an dieser Stätte machen, der gleichzeitig typisch für 
das kolossale Getriebe unserer ganzen Ausstellung ist, wo man 
überall nur mit den grössten Zahlen rechnet. Die Herren Adlon 
und Dressei beschäftigen ein Personal von ca. 800 Personen, 
von denen allerdings nur etwa 550 im Hauptrestaurant beschäftigt 
sind, während sich die übrigen auf die Restaurants der Fischerei- 
Ausstellung, der Fischkosthalle, des Pilsener Braustübels und des 
Alpen-Panorama vertheilen, die ebenfalls von der obigen Firma ge 
leitet werden. Als umsichtiger General - Feldmarschall derselben 
fungiit Herr Gustav Abler, der frühere treffliche Leiter des Savoy- 
Hötel. Was hat er nicht Alles zu eommandiren! Das Kellner- 
Bataillon allein marschirt jeden Morgen in einer Stärke von 
300 Mann auf und tritt sofort zu einer Parade an, auf welcher 
es in Ilalbuniform, d. h. in Hemdärmeln und mit Wisch 
tüchern bewaffnet, erscheint, um die »parole du joür«, aber 
auch die eventuellen »Nasen« in Empfang zu nehmen, die 
in Folge eingelaufener Beschwerden ausgetheilt werden. 
In den vier Speiseküchen walten 45 Köche und Kocheleven ihres 
Amtes, während 50 Spülfrauen und 20 Messer- und Silberputzer in 
ununterbrochener, anstrengender Thätigkeit unter Assistenz von 
20 Kirchendienern und Hausburschen das gebrauchte Material 
wieder in Stand setzen. Drei Leinenbeschliesserinnen herrschen im 
Reich der Wäscheschränke, deren Inhalt und musterhafte Ordnung 
Auge und Herz jeder Hausfrau erfreuen dürfte. Der Erstere be 
steht aus der Kleinigkeit von 3500 Tafeltüchern, 30000 Servietten, 
3500 Gartendeeken, 6000 Kellnerservietten und 1200 Messer-, Gläser-, 
Bouillon- und Eistüchern, die nach ihrem Gebrauch in den drei 
Waschanstalten des Restaurants wieder ihre jungfräuliche Frische und 
Weisse erhalten. Vier Kaffeeküchen mit einem Bedienungspersonal von 
20 Personen sorgen für die Bedürfnisse der Liebhaber des echten Mocca, 
und da denselben 12 000 Tassen, 6000 Kannen und Kännchen, 
5000 Serviceplatten und 6000 silberne Kaffeelöffel zur Verfügung 
stehen, so dürfen sie gewiss sein, Geschimnangels wegen, selbst 
beim grössten Andrang, nicht auf den arabischen Trank warten 
zu müssen. Für die »fleischlichen« Bedürfnisse sorgen sechs an 
gestellte Schlächter; sieben Bierbuffetiers spenden den braunen 
Gerstensaft, und in den Kellereien und Weinausgaben walten 
zwölf Personen ihres Amtes — nicht zu viel, wenn 
man bedenkt, dass den Gästen 300 Sorten Weine 
zur Verfügung stehen und so dem Gaumen des verwöhntesten 
Trinkers Rechnung getragen ist. Dass für dieses Ressort 15000 
Gläser jeglicher Gattung und 500 silberne Flaschenkühler vorhanden 
sind, sei nebenbei erwähnt und gleichzeitig auch der 20000 Seidel 
gedacht, die sich in den obengenannten fünf Etablissements in, 
Summa vorfinden. Von Porzellan sind in Gebrauch 8000 tiefer 
90000 flache, 10000 Dessert- und 8000 Compotteller und über 
10000 sonstige Gegenstände an Schüsseln, Terrinen, Saucieren etc, 
während zur Ergänzung der Gedecke 12 000 Messer und Gabeln, 
6000 Löffel, je 3000 Dessertmesser und Gabeln und 600 Service 
platten — Alles in Silber — dienen. Ueber dem Finanzdepartement 
waltet ein Hauptkassirer, dem 10 Kassirerinaen und 20 Bons- und 
Markenkassirerinnen unterstehen, und die Wirthschaftscentrale, wo 
die umfangreiche Buchführung gehandhabt wird, beschäftigt sechs 
Buchhalter riehst zahlreichen Gehilfen. Zehn Portiere und Pagen 
stehen zur Verfügung der Gäste, denen ausserdem 20000 Stühle 
ausreichende Gelegenheit geben, nach ihrer ermüdenden Wanderung 
durch die Ausstellung genügend auszuruhen. 
Die grossen französischen Zeitungen haben aus 
führliche Berichte über die Eröffnung der Ausstellung gebracht. 
Die französische Ignoranz hat aber in diesen Berichten die Eigen 
namen arg verstümmelt. Besonders schlecht kommen Herr Bau 
meister Feilsch und Herr Minister von Berlepsch dabei fort. Das 
»sch« in ihren Namen hat den französischen Collegen anscheinend 
unüberwindliche Schwierigkeiten bereitet. Die Herren heissen zu 
meist Feilsch und Berlepoeh in den Berichten. Die Berichte 
selbst sind durchaus sachlich und wohlwollend gehalten. 
V 
Die Maikühle. Es giebt viele Berliner, welche principiell 
keinen Sommer-Ueberzieher haben. Wozu, sagen sie, sich ein solches 
Möbel anschaffen, das man über den Arm tragen muss, über die 
Stuhllehne hängt und der einem zu gutcrletzt doch nur gestohlen 
wird. Sie haben, wie alle Principienreiter, Unrecht und könnten 
sich davon überzeugen, wenn sie jetzt die Ausstellung besuchen 
wollten. Die braven Egypter würden hei ihrem Anblick das Frieren 
bekommen. Jedenfalls ist es merkwürdig, dass diese Söhne des sonnigen 
Südens die Maikühle nicht in demselben Maasse zu verspüren scheinen, 
wie ihre nordischen Zeitgenossen. Ihr heisses Blut hilft ihnen über 
dieses Ungemach hinweg, das uns jetzt heimsucht, und überdies ist der 
sogenannte »W üstenbrand« eine blosse fa^on de parier. Kenner jener 
schönen Gegend versichern, dass ihnen in der Wüste des Nachts die Zähne 
geklappert hätten. Und ihre mannichfachen Umhüllungen, in denen sie 
sich in dem unserer Ausstellung benachbarten Kairo produciren, sollten 
uns beweisen, dass es contra naturam ist, keinen Sommer-Ueberzieher 
zu haben, zumal wenn der Winter-Ueberzieher keine Knöpfe mehr 
hat und schon in den Mottensack oder — wo anders hin gewandert ist. 
Wer kann’s leugnen, der sogenannte Wonnemond ist »kühl 
bis in’s Herz hinein« bei uns eingezogen; da man aber von ihm 
sagt, er komme wie ein Löwe und geht wie ein Lamm, 
so haben wir nichts weiter zu thun als zu warten, 
bis er diese wünschenswerthe Metamorphose durchgemacht haben 
wird. Dann wird auch die grosse Völkerwanderung der Principien 
reiter zu Fuss ohne Ueberzieher ihren Einzug halten. Nur ist es 
nicht schön von dieser Reiterei, dass sie gewissermaassen das Aus 
stellungscomite für den herrschenden Mangel an Reaumur verant 
wortlich machen 
9 
Thür zu! Es giebt zahlreiche Menschen, zu deren besonderer 
Eigenthümlichkeit es gehört, alle Thüren, durch welche sie ihre 
werthe Persönlichkeit schieben, offen zu lassen — aber es sind 
keine angenehme Menschen. Viele derselben haben sieh als be 
sondere Specialität das Nichtschliessen der Coupeethüren der Stadt 
bahn erwählt und bereiten damit ihren Mitreisenden einen doppelten 
Genuss; erstens den dadurch entstehenden unangenehmen Zug und 
zweitens das Herzklopfen, welches uns der Perron-Beamte verursacht, wenn 
er in nicht ganz unberechtigtem Uh'muth die offengelassene Thüre 
zuschmettert. Auf die Gefahr hin, diese Feinde des Thürschliessens 
schwer zu kränken, müssen wir constatiren, dass diese Unterlassung 
der gewöhnlichsten Verpflichtung, die wir gegen unsere Reise 
gesellschaft haben, immerhin einen gewissen Mangel an Bildung 
verräth, und dass wohlerzogene Menschen immer die Thüre Schliessen. 
Merkwürdiger Weise ist es gerade das zarte Geschlecht, das sich 
mit besonderer Vorliebe dieser Unterlassungssünde schuldig macht, und 
so oft wir eine junge Dame sehen, die nach dem Verlassen des Coupee, 
den offengelassenen Thürflügel stolz ignorirend, davonschreitet, haben 
wir das Gefühl, als ob ein Ehe-Candidat nicht gut daran thäte, sie 
zu heiratheu, da wir aus diesem Manco an Rücksicht bei ihr auf 
Egoismus und Mangel an gesellschaftlicher Bildung Schliessen. 
Möchten diese Zeilen gerade jetzt, wo angesichts des Andranges 
zur Ausstellung die Stadtbalm ohnehin nicht zu den begehrens- 
werthesten Annehmlichkeiten des Lebens gehört, Beherzigung finden 
und die allgemeine Perronlosung sein: »Thür zu!« 
V 
0001. Die erste »Sonder-Rttckfahrt-Karte« für die Berliner 
Gewerbe-Ausstellung erhielt gestern auf der Fahrt von Brüssel 
in Herbesthal der heute hier eingetroffene Vertreter der hiesigen 
Firma Heinrich Simons, Institut für Gesichtsmassage (Potsdamerstr.). 
9 
Die Feuerwehr der Gewerbe-Ausstellung beseitigte 
gestern, Mittwoch, mittels Schiebeleiter einen hohen Baum, welcher 
die Gebäulichkeiten am Münchener Bürgerbräu gefährdete.
	        
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