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Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

Offieielle Aussteüungs - Nachrichten. 
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zu haben, um ihn unter vier Augen zu sprechen, dass sic den 
Widerstand aufgab und immer noch lauschte, oh Jemand sie 
störe. Dann sprachen sie garnichts mehr, sondern blickten sich 
nur noch selig in die Augen. —- 
»Jetzt wollen wir gehen'«, hat Elly. »Es soll uns Niemand 
vermissen.« 
Er wollte sie festhalten; aber sic stand auf. »Nein,« sagte 
sie, »seien wir nicht unbescheiden und verlangen wir vom Glücke 
nicht zu viel auf einmal.« 
Seufzend gehorchte er. »Wann sehen wir uns wieder?« 
fragte er resignirt. 
»Wir müssen sehr vorsichtig sein.« belehrte ihn Elly.» »Mama 
meint, ich sei noch viel zu jung zum Heirathen; sie will über 
haupt nichts davon wissen, dass ich mich für irgend jemanden 
intcrcssire.« 
»Ich v. !c mit ihr sprechen,« brauste er auf, »und das 
sofort.« 
»Um alles in der Welt nicht!«'bat. sie, »Kommt Zeit, kommt 
Rath.« 
»Aber wir können täglich die neuesten Depeschen studiren.« — — 
»Im Pavillon des „Berliner Lokal-Anzeiger“?« rief er freudig. 
«Nur dort.« hauchte Eüy, und reichte ihm die Hand zum 
Abschiede. 
Der Besuch der Ausstellung war auch am Montag, 
Dienstag und gestern, Mittwoch, ein recht befriedigender. Das kühle 
Wetter, die Regenschauer hielten das Publikum nicht davon ab, 
sich endlich an den allgemein zugänglichen Herrlichkeiten zu 
ergötzen. Unter den Besuchern sind alle Stände vertreten und 
gleichmässig hört man nur Anerkennung über die Herrlichkeiten 
der Ausstellung. 
Die Bauten in der Ausstellung’. Theils kurz vor, 
theils nach der Eröffnung der Berliner Gewerbe-Ausstellung sind 
noch eine Anzahl Bauten im Ausstellungs-Park in Angriff genommen 
worden, mit deren Fertigstellung man noch beschäftigt ist. So 
finden wir an der südlichen Wandelhalle noch den maurischen 
Pavillon im Bau, der zum Ausschank holländischer Liqucure be 
stimmt ist, auch ein Haus, in dem Honigkuchen verkauft 
werden sollen, ferner einen hübschen Pavillon für das Prachtwerk 
»Berlin 1896«. Unvollendet sind noch eine Anzahl Nischen 
für Automaten' am Neuen See, auch liegen dort noch Masten 
für die elektrische Beleuchtung herum, mit deren Anstrich 
und Armirung durch Schilder etc. man beschäftigt ist. An der 
Treptower Chaussee ist ein grosser Käfig für Rage-Geflügel im Bau; 
ferner ein schöner Holzpavillon einer Bochumer Firma, die Feld 
bahnen, Kippwagen etc. ausgestellt hat. An verschiedenen Stellen 
des Parks werden noch Brunnen aufgestellt und Wasserleitungs 
rohre dazu gelegt. Am Eingänge zum Nassen Viereck wird eine 
grosse eiserne Halle errichtet, in welcher Blumen verkauft 
werden sollen. Das Gebäude für Gas- und Wasserleitung 
ist auch noch nicht vollendet, doch ist man daran sehr 
thätig. Die grosse Pilsener Bierhalle daneben geht ihrer 
Fertigstellung entgegen. Neben dem Hohenzollemschiff wird 
eine Staubkohlenmühle . eingerichtet, und unweit hiervon ein ganz 
neuer achteckiger Holzbau für die Ausstellung von Erfindungs 
modellen eines Berliner Patent-Bureau aufgeschlagen, ebenso ein 
eiserner Kiosk an der Landungsbrücke des Karpfenteichs am Kanal 
nach Alt-Berlin. Am chinesischen Theehaus beim Karpfenteich 
wird ebenfalls noch gebaut, doch sind hier bereits Decorateure be 
schäftigt, unweit davon ist ein malerisches Portal aus Kunststein 
oder Stuclc ziemlich fertig Die Herstellung der Stufenbahn wird 
beeilt. Am Neuen See werden die Beleuchtungskörper in der 
Platanen-AIlee an die Eiseubogen von Baum zu Baum befestigt. 
S X 
Die Preisrichter in Gruppe XII: Musikalische 
Instrumente. Der allgemein gefasste Beschluss, hei der Wahl 
der Preisrichter der diesjährigen lokalen Berliner Gewerbe-Aus 
stellung vollständig auf auswärtige Kräfte zu verzichten, war auch 
von dieser Gruppe der Fabrikanten musikalischer Instrumente 
adoptirt worden. Vom Arbeitsausschuss waren nach Anzahl der 
etwa 120 betragenden Aussteller vier Preisrichter zugestanden 
worden, und von Seiten des Gruppenvorstandes war ein Wahl-Comitee 
ernannt worden, um geeignete Herren in Vorschlag zu bringen, 
deren endgiltige Wahl dann in einer allgemeinen Versammlung er 
folgen solle. Die Zusammensetzung der Jury war in der 'Weise 
vorgesehen, dass neben einem musikalischen Sachverständigen, als 
welchen man sich einen Künstler von Ruf dachte, noch drei Herren, 
und zwar durchweg streng sachlich gebildete Männer als Preis 
richter fungiren. Leider konnte der einstimmig geäusserte Wunsch, 
dass Herr Hofpianofabrikant Commercienrath Carl Be ehstein die 
Wahl eines Preisrichters übernehmen würde, nicht erfüllt werden, da 
Herr Commercienrath Bechstein im Voraus jede auf ihn gefallene 
Wahl, unter dem Hinweis auf sein hohes Alter und auf die Thätig 
keit, welche die Leitung seines eigenen Geschäftes von ihm fordere, 
auf das Bestimmteste abgelehnt hatte. Am Abend des Wahltages waren 
beinahe sämmtliche Aussteller im Versammlungs-Lokal erschienen, und 
nachdem man sich über den Modus der Abstimmung klar geworden 
war, wurden Candidaten für das Preisrichteramt ernannt. AIs Künstler 
von Ruf waren die Herrpn Professoren: Joseph Joachim, Heinrich 
Barth, Radecke undeinigeandere in Vorschlag. Von Berliner Fach 
leuten wurden aufgestellt die Herren: Commercienrath J. L Duysen, 
Geheimer Commissions - Rath W. Biese, Pianoforte - Fabrikant 
G. Seh weckten, sowie die Pianofortefabrikanten Carl Ecke, 
F. Neumeyer, B. Görs und Herr Orgelbaumeister 0. Dinse. 
Von den vorgeschlagenen musikalischen Sachverständigen wurde 
Herr Professor Joseph Joachim als künstlerischer Beirath ge 
wählt. Von Fachleuten wurden die Herren Pianofortefabrikanteil 
Carl Ecke und F. Neumeyer, sowie der Orgelbaumeister 
0. Dinse als Mitglieder der Jury ernannt, nachdem die Herren 
Commercienrath J. L. Duysen, Geh. Commercienrath W. Biese, 
und Hofpianofortefabrikant G. Sch weckten die Wahl als Preis 
richter unter Berufung auf ihr hohes Alter gleichfalls abgelehnt 
hatten. Die meisten grösseren Firmen stellen kors concours aus. 
V 
Der abendliche Schluss des Hauptindustrie- 
Gebäudes. Es ist 7 7» Uhr, die Abenddämmerung macht sich 
in den hohen Hallen bereits stark bemerkbar und es herrscht jenes 
unbestimmte Zwielicht, das die Umrisse der einzelnen Gegenstände 
grau in grau verschwimmen macht. Nur in der Maschinenhalle 
rings um die riesenhafte Drehstronimaschine und hei der elektrischen 
Centrale im Nordflügel verbreiten die elektrischen Bogenlampen ihr 
glänzend weisses Licht. Da tönt die Glocke der Aufseher, den Schluss 
des Gebäudes verkündend. Schnell geht’s an’s Einräumen. Die 
kostbaren Wagen in der Maschinenhalle hüllen sich in helle 
Nachtgewänder, die Ausstel'.ungssehränke im Hauptgebäude werden 
sorgsam verhüllt und die Vertreter der einzelnen Firmen, die Ver 
käuferinnen an den Ständen rüsten sich zum erlösenden Feierabend. 
»Guten Abend! — Auf Wiedersehen!« tönt es von allen Seiten. 
»Na, wie war’s Geschäft,« fragt ein Jüngling die schöne Katalog 
verkäuferin und zuckt vielsagend die Achseln, als ihm eine klagende 
Antwort wird. »Die Fremden fehlen eben noch,« setzt er hinzu. 
»Und dann das Wetter! Am Nordpol ist’s ja jetzt wärmer!« 
Mancher der Herren, die den Tag über der Neu- und Wissbegier 
der Menge über die Ausstellung ihrer Firmen Rede und Antwort 
stehen müssen, können kaum den Augenblick erwarten, sich nach 
sehr langer Enthaltsamkeit dem Genuss einer Cigarre hinzugehen; 
kaum haben sie das grosse Thor erreicht, so wird der Glimm 
stengel angezündet und die ersten blauen Rauchwölkchen steigen 
in die Luft. 
Dem Publikum wird der Abschied von den reichen Schätzen 
der Kunst und Industrie sehr schwer. Neugierig werden rasch 
noch einmal die verhüllenden Vorhänge gelüftet. Verschleierte 
Damen, reich mit Gedankenstrichen ausgestattete Romane und ver 
hüllte Schaukasten reizen die Phantasie und die Neugier am meisten. 
Die Glocke des Aufsehers, die den Schluss verkündet, regt 
bei vielen das Gelüst an, noch einen Blick in das verbotene 
Paradies zu werfen. _ Aber schon eilen die Ausstcllüngsbeamteu
	        
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