Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

r
Officielle Ausstellungs-Nachrichten.
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Königliche Schloss übertreffen soll, und nur im Mittelflügel eine
gewisse Concentration durch eine wuchtige Kuppel erhalten
hat. Es ist nicht ohne Reiz, durch diese endlos scheinenden
Hallen hindurch zu wandern, die bald als Bauernstuben
oder Gebirgsschänken, bald als Grotten, arabische Cafes oder
monumentale romanische Hallen ausgestattet sind und mit ihrem
Aufwand an Freseomalereien, an Städtebildern und anderem
Schmuck eine gesund wirkende Zerstreuung kilometerweise ver
sprechen. Dort wimmelt es von den interessantesten Gestalten und
Originalen von Künstlern und Eiguranten, darunter verschiedene
Tiroler mit grünleuchtenden Hüten, von denen man — aus jedem
Einzelnen — mindestens acht Hüte machen könnte.
Hat jemand zu lange in diesen heiligen Hallen geweilt und
empfindet die Neigung sich einmal ordentlich aufs hohe Pferd zu
setzen, so bieten ihm Grützner & Berg mit ihrem Hippodrom,
das inmitten einer riesigen Halle eine grosse Arena beherbergt, die
schönste. Gelegenheit dazu. Wer, damit nicht zufrieden, noch höher
steigen will, der wende sich vertrauensvoll an Dr. Wölfert, der in
einer riesengrossen, vorn offenen Halle sein lenkbares Luftschiff
zur Verfügung stellt. Dasselbe hat, soweit das zu erkennen war,
die Form einer an beiden Enden zugespitzten Riesen-Cigarre und
wird seit einer langen Reihe von Jahren schon von dem Erfinder
emsig fortgebildet. Ob die Lenkbarkeit grösser und sicherer ist, als
bei vielen sonstigen der neueren Systeme, darüber wird hoffentlich
die allernächste Zeit uns schon beruhigend aufklären.
Wer nicht ganz schwindelfrei ist, möge den Lüften nicht zu
viel flauen, denn sie haben — ebenso wie das Wasser — leider
keine Balken. Der Erdboden hat ja auch hier noch andere An
ziehungspunkte, wie das grosse Eis-Panorama, dessen Vorderwand
aus riesigen Eisblöcken sich aufbaut, und wie Hagenbeck’s
Arena, deren lustig gestreifte Kuppel das ganze Feld hier beherrscht.
Dem Cirkus selbst ist ein hübscher Frontflügel vorgelegt,
dessen Risalite von weiss und rothen Spitzdächeni recht flott
bekrönt werden. Im Mittelbau sind käfigartige Gelasse angebracht,
um die zugkräftigsten Thierchen und Bestien dem hochverehrten
Publikum persönlich vorzustellen. Die Fronten zeigen nur wenige
Fenster, deren grün gehaltene Einfassung sich freundlich von der
weissen Grundfläche abhebt Neben dem Cirkus verlaufen am
Horizonte sanft die blaulichten Umrisse der Eisberge, die ein
mächtiges Becken für wirkliche Eisbären umsehliessen.
Ein zierliches Bauwerk ist der Scetpavillon von Sand
mann, der nach den Skizzen des Professors Sputh im Aeussern
und Innern ganz vortrefflich ausgeführt wurde. Das nach Art der
Mansarde hochgezogene Dach trägt vier niedliche Eckthünnchen,
zwischen denen zur Zierde eine maassvolle Bekrönung, der First, auf
gesetzt ist. Ueber den Flachbogen der Fenster sind Friese von
Palmetten und anderen decorativen Mustern aufgemalt und besonders
reich wurden die Ecken und Akroterieen der weit vorspringenden
Simse mit Schnitzwerk behandelt.
An Schönheit und Feinheit der Arbeit wird aber das Alles
noch übertroffen durch das höchst glücklich erfundene Haus für
die sogenannte »Zwölf-Apostel-Uhr«, ein Nürnberger Kunst
werk, das nach Art der Uhr im Münster zu Strassburg dieOberammer-
gauer Passionsspiele vorführt. Alles an diesem niedlichen Hause zeugt
von der Liebe des erfindenden Künstlers und seiner gesummten
Mithelfer in einer höchst sinnigen Ueberschrift, die an dem schmalen
Friesbande der Langseite angebracht ist. Das Ornament ist von
prächtiger Erfindung und wirksamster Färbung. Hier liest man
rechts:
»Schau nicht nur Aussen, schau auch Innen,
Halbheit meid' vor allen Dingen!«
Links steht:
»Meinen Riss entwarf Regierungsbaumeister Engelbrecht,
Hofzimmermeistcr Metzing baute mich kunstgerecht,
Gössler Vater und Sohn malten mir das Kleid,
Mich einzudecken war Meister Görnitz hohe Freud’.«
Nahebei dehnt sich die lange Front des freundlichen
Ameriean-Theaters, hinter welchem über den Zaun die Giebel
der Kolonial-Ausstellung verstohlen hinüberlugen. In gewissem
Sinne vermittelnd zwischen Berlin und dem Auslande steht die
grosse Riesengebirgsbaude. Auf dem Wege zum Ausgange
trifft man u. A. noch die gefällig gestaltete Bäckerei von Robert
Keil und einen eleganten Cacaopavillon des Hoflieferanten
Schwartze. Vieles Andere ist natürlich noch im Werden, wie
die Thurmbauten der Stufenbahn, Anderes noch durchaus unfertig,
wie das Colossalgerippe des Panorama-Restaurant, dessen
eiserner Kern unbekümmert um sein ferneres Schicksal in die
Wolken ragt, fast mit dem Scheitel die Sterne berührend.
Der Vergnügungspark wurde gestern Nachmittag von
den Herren Commercienrath Goldberger und Stadtverordneten
Rosenow, welche officiell erschienen waren, besucht. Die Herren
besichtigten, von den Unternehmern geführt, zunächst die »Welt
musik«, über deren prachtvolle, geschmackvolle Special-Etablissements
sie sich äusserst anerkennend aussprachen; sodann wurde das Hippodrom
und Hagenbeck’s Eismeer-Panorama, sowie einige kleinere Pavillons
in Augenschein genommen. Das Gesammturtheil lautete, dass der
Vergnügungspark eine der grössten Sehenswürdigkeiten der Aus
stellung sei, die einen zahlreichen Besuch reichlich verdiene.
Demnächst wird Herr Cultusminister Bosse den Ver
gnügungspark mit seinem Besuch auszeichnen; auch verlautet, dass
Ihre Majestät die Kaiserin eine Besichtigung dieses Theiles der
Ausstellung huldvollst in Aussicht gestellt hat.
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Die Königliche Oper auf der Gewerbe-Aus
stellung. Die Montags-Aufführung des Wagnerischen Musik
drama: »Der fliegende Holländer«, die, da sämmtliche 25 Plätze
besetzt waren, vor ausverkauftem Häuschen stattfand, darf in ge
sanglicher Beziehung als eine vortreffliche bezeichnet werden. Die
Stimmen der Hauptdarsteller, Frau Pierson (Senta) und Bulss (Hol
länder) in erster Reihe, klangen — einige unwesentliche Neben
geräusche abgerechnet — ganz vorzüglich. Der letztere Sänger
namentlich brillirte wieder mit einer Textaussprache, die jedes Wort
deutlich verstehen liess, trotzdem wir auf eine etwa fünfviertel
stündige Entfernung von ihm sassen. Wir hörten das Werk nämlich
in dem Theatrophon der Herren Osc. Baentsch und Comp.,
das am Montag Abend zum ersten Mal in Thätigkeit trat und
jedenfalls als eine der interessantesten Darbietungen der Ausstellung
bezeichnet werden darf. Die mikro-telephonische Uebertragung
musikalischer Werke auf weite Entfernungen ist nichts Neues mehr,
aber so oft wir wieder einer derartigen Aufführung beiwohnen,
überkommt uns ein Gefühl rückhaltlosester Bewunderung. Interessant
war es, die anwesenden Hörer zu beobachten, auf deren Gesichtem
sich ein freudiges Staunen malte, als klar und volltönend die
ersten Klänge der Ouvertüre an ihr Ohr schlugen. Ehe dies jedoch
geschah, erregte ein kleiner Zwischenfall grosse Heiterkeit. Eine an
wesende Dame, die sich bereits ihrer gründlichen Kenntniss der Oper
rühmte und mit bewaffnetem Ohr der Dinge harrte, die da kommen
sollten, bemerkte plötzlich: »Nein, das ist ein Schwindel! Und dafür
bezahlt man Entree! Ist dieses wirre Geräusch etwa die Holländer-
Ouverture?« »Nein, aber die Musiker stimmen ihre
Instrumente!« Die Ouvertüre begann nun wirklich und gleich
das Holländer-Motiv kam prägnant zu Gehör, als ob man es auf
einem Parkettsitz des Berliner Opernhauses und nicht auf dem
Treptower Ausstellungsterrain höre. Was das Orchester betrifft, so
klingen die Streichinstrumente am besten und kommen namentlich
getragene Violinstellen in vollster Klangschönheit zum Ausdruck.
Auch die Leistungen der Holzbläser übermittelt der Apparat vor
trefflich, während die Blechinstrumente mit einem Nebengeräusch
zu Gehör kommen, das jedoch nicht im Stande ist, die interessante
Gesammtwirkung zu beeinträchtigen. Am schönsten äussert sich
dieselbe sowohl im Gesang, wie im Orchester bei den Pianostellen.
Im Interesse der Ausstellungsbesucher wollen wir noch mittheilen,
dass auch während der Morgenproben im Königlichen Opernhaus!
das Theatrophon mit diesem verbunden und gegen ein auf 30 Pf
ermässigtes Entree zu benutzen ist.
S
Als eine sein* interessante Schaustellung im Kleinen in
Alt-Berlin kann die »Hollandsche Herberg« bezeichnet
werden. Die dort aufgestapelten alten, kunstvoll aus Silber ge
arbeiteten Erbstücke, Ess- und Trinkgeschirre, das kostbare, alte 1
Delfter Porzellan, die Gemälde von Meistern der alten holländischen
Schule, der antike Kamin mit Originalplatte und kupfernem Koch
geschirr, die eigenartige altfriesische Wanduhr, sowie die breitbeinigen.
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