Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

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Officielle Ausstellungs-Nachrichten.
des Tastgefühls der Fingerspitzen bedienen muss, findet in der
Lesehalle der Ausstellung eine Quelle zur Bereicherung seiner Kennt
nisse in den Monatsblättern für ehemalige Zöglinge der Blindenanstalt
zu Königsberg in Pr., welche in der erhabenen Tastschrift herge
stellt sind. Ueberall zeigt sich das Geschick und das praktische
Verständniss der Männer, die dieses wahrhaft grossstädtische Institut
eingerichtet haben. Und wenn man öfter darin geweilt, wenn
mau im Verlauf der nächsten Tage und Wochen sozusagen
Stammgast dieser Räume geworden sein wird, {[dann kann man
nur den einen Wunsch hegen, dass auch nach Schluss der Aus
stellung dauernd eine Institution für Berlin geschaffen werden
möge, die der Lesehalle der Berliner Gewerbe-Ausstellung an Gross
artigkeit, praktischer Uebersicht und Vielseitigkeit gleichkommt.
Im Gebäude für Wohlfahrt und Unterricht sind
alle bis jetzt eröffneten Räume fast den ganzen Tag über stark besucht.
In den der Schulhygiene und dem Unterricht geweihten Sälen be
gegnete man zumeist den ernsten Gesichtern von Schulgelehrten,
die alles sehr aufmerksam zu betrachten und zu prüfen schienen.
Die Rettig’schen Schulbänke weckten die Bewunderung so manchen
Schulmannes, doch mischten sich auch einige Seufzer in das Gefühl
der Anerkennung, weil noch eine geraume Zeit vergehen wird, bis
diese Bänke allgemein in unseren Schulen eingeführt werden.
Bei den Fröbel'schen Spielen verweilen die Damen sehr gern;
einer noch zahlreicheren Schaar von Schönen begegnet man bei
den Ausstellungsschränken des Lettevereins, die so manches bergen,
was ein Frauenauge entzücken kann. Das allgemeine Interesse
für unsere Flotte documentirt sich in dem Ernst und der Auf
merksamkeit, mit welchem die vom »Vulkan« ausgestellten Schiffs
modelle in Augenschein genommen werden. Auch die Aus
stellung der Königlichen Blinden-Anstalt in Steglitz ist stets von
Zuschauern umlagert, wobei die Fertigkeit des blinden Jüngiings
im Korbflechten und des blinden Mädchens in der Handhabung
der Reliefdruckmasehine grosses Staunen hervorruft. Sehr reich
beschickt ist die Gruppe für Krankenpflege u. s. w., deren Be
sucher namentlich Aerzte sind. Der sogenannte Ministersaal rechts
vom Eingang ist noch nicht fertig. Ein Blick hinter die dichten
Vorhänge vor den Thüren zeigt uns die prächtige Cassettendecke
in altdeutscher architektonischer Farbenpracht, während an dem
Wandgetäfel noch gearbeitet wird. Die Räume der Kunstschule
harren gleichfalls noch der Vollendung, doch wird auch hier mit
allem Eifer gearbeitet.
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Das Rauchen ist in allen Ausstellungshallen streng unter
sagt. Es ist sogar verboten, diese Räumlichkeiten mit einer Cigarre
in der Hand zu betreten. Das Publikum erlaubt sich leider sehr
viele Verstösse gegen das Verbot Es sind daher neuerdings die
Aufseher angewiesen worden, mit Rücksicht auf die Feuers
gefahr ganz energisch dafür zu sorgen, dass das Rauchverbot
respectirt wird.
9
Ein Unglücksfall ereignete sich gestern, Dienstag, früh
gegen 7 Uhr in der im östlichen Ausstellungsterrain belegenen
Dröscher’schen Wasclianstalt. Eine achtzehnjährige Arbeiterin war
mit dem rechten Unterarm zwischen zwei Walzen gerathen und
hatte eine sehr schmerzhafte Quetschung davongetragen. Es wurde
durch einen Boten Hilfe aus der im westlichen Terrain in der
Nähe des Hauptportals befindlichen Sanitätswache requirirt, wo in-
dess, da es noch nicht acht Uhr war, der Heilgehilfe noch nicht
anwesend war. Der Bote requirirte darauf die Samariter der
Feuerwehr, welche den ersten Verband anlegten und die Verletzte
dann nach der Sanitätswache schafften. Von hier aus erfolgte
durch einen Angestellten der Sanitätswache der Transport
der Kranken nach einem Berliner Krankenhause. Alle Arbeitgeber,
Pächter, Unternehmer auf dem Ausstellungsterrain werden aus
Anlass dieses Falles darauf aufmerksam gemacht, dass die Sanitäts-
tvache telephonischen Anschluss (Amt Ausstellung 146) hat, und
dass es sich bei allen etwaigen Unfällen empfiehlt, nicht durch
Boten, sondern durch das Telephon bei der Sanitätswache anzufragen,
ob dort sofortige Hilfe zu erhalten ist.
s
Von der Unfallstation wurde, gestern, (Dienstag) eine
Dame wegen schweren Ohnmachtsanfalls behandelt und nach Berlin
transportirt, ausserdem kamen vier leichtere Verletzungen zur Be
handlung.
a) In der Ausstellung.
Architektonisches aus dem Vergnügungspark.
[Abdruck uutersagt.]
Bei dem Volke der Denker und Dichter ist es eigentlich selbst
verständlich, dass eine Ausstellung nur der Wissenschaft wegen
besucht wird. Da aber der Satz »Keine Regel ohne Ausnahme«
auch auf die Deutschen sich anwenden lässt, so sind einige specu-
lative Köpfe der Meinung gewesen, dass ein gewisser Procentsatz
der Besucher auch ein ganz klein wenig vergnügungssüchtig sei
und nach ernster Prüfung der Fortschritte der Industrie im
Hauptpark vielleicht gerne seinen Gedanken eine etwas
leichtere Ablenkung gestatten möchte. Und da kamen
denn solche Wohlthäter wie Schippanowski, Bendix,
Hagenbeck u. s. w. in Haufen angesetzt und liessen sich abseits
der grossen Heerstrasse im »Hinterlande von Kamerun« mit ihren
Helfern und Schätzen häuslich nieder.
Zwischen der Coepenicker und der Treptower Chaussee breitet
sich ein ansehnliches Gebäude aus, dass sie gewissermaassen zu
einem Paradiesgarten für alle Menschen ausgestalten wollten, so weit
dies mit dem Decorum einer grossstädtischen löblichen Polizei ver
einbar ist. Uebrigens dürften diejenigen eine grosse Enttäuschung er
fahren, die der Erwartung sich hingeben, als ob man hier vor Ver
gnügen die Engel im Himmel pfeifen höre. Weitgefehlt! Hier
geht es lustig und amüsant zu, aber es ist zur Beruhigung frömmeln
der Seelen nichts da, was, wie man sagt, über die Hutschnur geht. —
Sehr nahe dem Eingänge schon steht zur ganz allgemeinen
Versüssung |des Daseins die verlockende Bude eines Bienenvaters,
der mit vieler Weisheit auf die Stirnseite den Spruch Salomonis
setzte:
»Iss’ mein Sohn, Honig, denn es ist gut und Honig
seim ist süss in Deinem Halse.«
Allen leiblichen Bedürfnissen abzuhelfen, liegt daneben ein
schmuckes Augustinerbräu und vor ihm dicht an der Heer-
strasse das automatische Restaurant, für welches Architekt
Krause einen recht ansehnlichen Tempel ausführt. Das Gewölbe
des Innern wird als ein reiner Wolkenhimmel auf azurblauem
Grunde erscheinen, auf welchem allerlei Genien blumen
streuend umherfliegen. Die Außenseiten - werden mit Schrift
tafeln und gefälligen Darstellungen aus dem Lehen unserer lieben
Kleinen bemalt, die liier in wechselreichen Gruppen tanzend, singend
und musicirend auftreten.
Gegenüber erhebt sich das Theater Neu-Berlins, dessen ge
waltig weit gespannte Decke von reich bemalten Wandflächen ge
tragen wird, die ein epheu- und weinumranktes Traillenwerk im
Stile des vorigen Jahrhunderts nachbilden. Die Bühnenwand ist
in einer reichen Barokauffassung mit Nischen, Kartuschen und
durchbrochenen Brüstungen in effectvoller Weise gegliedert.
Ueber dem Eingang ist ein modernes Dämchen mit einem
mächtigen Capothut kokett auf einem Bären reitend dargestellt —
wirklich ein Bärenvergnügen. Vor den Fronten ist ein hübscher
Galten angelegt, dessen kühne Eisenhallen wohl Tausende ver
gnügte Männlein und Weiblein bereitwilligst vor der Sonne hüten.
Ein interessantes Ausstellungsobject ist der Wein-Pavillon
von Lebrun, der aus bunten Glassteinen aufgebaut ist, die
neuerdings in Schlesien mit vielem Erfolg hergestellt werden
Das Innere des hübschen Tempelchens ist äusserst hell und von
angenehmer Stimmung, so dass diese ^Technik hoffentlich bald
weiter eingebürgert wird.
Den Hauptpunkt des Vergnügungsparkes bildet Schippa-
nowski’s Weltmusiktheater, das in seiner Ausdehnung das
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