Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Ofticielle Ausstellungs - Nachrichten.
S
sie wohnen. Die wohnt zwar in Charlottenburg, aber da fährt ja überall
die Bahn, die Stadtbahn oder die »Ferdebahn« oder die »Valektische
Bahn«, und mit alle kann man nach die Ausstellung hinkommen.
Also, gnädige Frau, gnädiger Herr, ich bitte recht um Urlaub,
wenn’s geht Ende Mai, dann kann meine Schwester mir ’n huschen
vertreten«.
»Ja, Mamsell, wenn Ihre Schwester dann kommt, wird sich’s
wohl machen, aber Sie können nur dann fahren, wenn wir hier sind».
Mamsells blanke Augen leuchteten, sie stürzte auf Stephanie
zu, küsste ihre Hand (in Pommern eine sehr seltene Huldigung)
und verschwand dankend und knixend.
Kunibert griff lachend nach seiner Mütze und reichte seiner
Frau die Hand. »Ja, ja, Schatz, auch auf’s Land dringt die
unheimliche Kunde von der glänzenden Berliner Ausstellung«.
Als Kunibert die Thür zum Corridor öffnete, begegnete er
dem jungen Verwalter.
»Herr von Sanitz, bitte, ich möchte Sie einen Augenblick
sprechen«.
»Also?«
Kunibert war ungeduldig.
»Ich wollte nur fragen, wenn es Ihnen am besten passen
würde, dass ich auf 10 Tage um Urlaub bäte im Laufe des
Sommers?«
»Urlaub, im Sommer, für Sie, einen Landwirth? Aber in
drei Deubels Namen, Herr Werner, wissen Sie denn nicht, dass ein
Landwirth im Sommer keinen Augenblick Zeit zum Verreisen hat?«
»Ich meine, ich dachte . . es ist auch doch in diesem Jahre
nur eine Ausnahme«, stotterte der junge Werner, »ich wollt’ mir
ja nur die Ausstellung in Berlin ansehen, und nicht nur zu meinem
Vergnügen, es ist da auch viel zu lernen, neue Maschinen und .. .«
»Ja, ja, ist ja alles wahr«, erwiderte Kunibert, dem es leid
that, den jungen tüchtigen Beamten so angefahren zu haben, »aber,
mein Lieber, solche Reise ist doch theuer, Ihr junges Volk gebt
dabei Eure ganze Einnahme eines Jahres aus«.
»0, o, so schlimm ist das nicht, Herr von Sanitz, besonders,
da ich nicht im Hotel wohnen werde, ich bin von Verwandten
eingeladen . . .«
«Haben Sie denn Verwandte in Berlin? davon wussten wir
ja nie etwas!«
»Na, so nah verwandt nun gerade nicht, aber doch etwas,
von meines Vaters Bruders ältestem Sohn ein Schwager, hat eine
Fahrradfabrik im Daten Berlins und der hat alle Verwandte ein
geladen, bei ihm zu wohnen, hintereinander natürlich, aber ich
wollt’ doch nun bei Zeiten wissen; zu wann ich mich anmelden
kann.«
»Denn wird’s wohl am Besten zu Anfang Juni passen», sagte
Kunibert, »im Mai fahre ich mit meiner Familie, da müssen .Sie
hier sein «.
»Besten Dank, Hera von Sanitz«. Und Werner verschwand,
den Hut lüftend.
Kunibert ging über den Wirthschaftshof zu den Ställen.
Kunibert trat zuerst in den Kuhstall, besah den verletzten Fuss
des Handpferdes, sprach wegen dessen Behandlung mit dem Kutscher
und wollte eben wieder in’s Freie treten, als der alte Statthalter
oder Vogt, die Mütze in den braunen schwieligen Händen, auf
ihn zutrat.
»Na, Balzer, was soll’s.«
Dem alten Mann, der weiss Gott wie viele lange Jahre schon nicht
vom Gute fortgewesen, höchstens bis Demmin gekommen war, traute
Kunibert vor Allem nicht Ausstellungsgelüste zu. Aber irren ist
menschlich. Balzer sprach nie hochdeutsch, einfach darum, weil er
es mit der grössten Mühe nie hatte erlernen können.
»0 Herr, ick wule beden, mien Olsch und ick, wi möten in’n
Mai abs’lut na Be—lin (r kennt der Pommer kaum inmitten eines
Wortes) führen.«
»Aber Alter, was wollt Ihr in Berlin?«
»Jo, Hera, dass so wejen die groat Ausstellung, dat sull
tau sön (schön) warn un mien Olsch seggt ock, as wie dat blaue
Büld bie ’n Wirth soahen, Krischan seggt se, ne, doa möten ’s hen,
dat wie oak wat Rechtens gesehn ha’n, eh dat wie starb’n. Un
dann, Herr, sehn’s doa sin drei von unse Jungs bie ’s Militär, bie
de Garde in Beiin, eener bie de Gardekohr, eener bie de Ulanen
in Mojabit und eener bie de Dragoner in de Hasenhaide, un in ’n
Mai doa is immer grote Parade, da wollen wie hen, un wullen uns'
leven Kaiser sehn, un unse Jungs bie seine Garde. Dann wullen
wie toröck kommen un uns freujen, wenn wie daran denken.
Mien Swager, der is ’n Beamten in Belin, ick glöw, man seggt
dato Kastöllan, in ’n Hus, wo de Ministers sitzen und sehrieven,
do wer’n wie avsteig’n. De Olsch het extra een fiene Spickgoans
un een halven Schinken ufhebt for de Schwägerin for dat Wohnen
dor un for de Jungs.«
Des Alten Augen leuchteten, indem er diese Pläne vor Sanitz
auskramte.
»Dann man immertau, Alter,« sagte Kunibert, »fahrt Ende Mai
nach Berlin, Marks kann Dich vertreten — und wer noch sonst
von Euch Hofleuten Ausstellungsgelüste hat, der muss sie auf
stecken, ich kann doch nicht Ernte Ernte sein lassen und Ihr
zieht alle nach Berlin.«
/
Der Häringslogger in der Ausstellung.
[Abdruck untersagt.!
Vor dem Gebäude für Fischerei liegt in einem künstlich ge
schaffenen Hafen neben dem mächtigen Lloyddampfer eine kleine
Flotte der verschiedenen Fahrzeuge, wie sie in der Nord- und Ost
see zur Hochseefischerei benutzt werden. Die Ostsee hat keine
eigentliche Hochseefischerei, und die Fahrzeuge, die von dort
kamen, sind denn auch kleiner als die von der Nordsee, die drei
schöne Fahrzeuge hergeschickt hat, nämlich einen Häringslogger,
einen Kutter und einen Ewer. Eine Buttjolle, die von Ham
burg mitgekommen ist, erwähnen wir wegen der lokalen Zugehörig
keit neben diesen Fahrzeugen; zur Fischerei auf hoher See kann
sie nicht benutzt werden.
Betrachten wir die kleine Flotte vor dem Fischereigebäude,
so fällt uns zuerst der Häringslogger, an Grösse und Eleganz der Formen
der Hervorragendste, auf. Man sieht auf den ersten Blick, dass er ein
Fahrzeug für grosse Fahrt ist und für schweres Wetter gebaut ist.
Der Logger ist auf der rühmlichst bekannten Schiffswerft
»Bremer Vulkan« in Vegesack 1896 erbaut, heisst »Weser«
und führt das Unterscheidungs-Signal B. V. 14. Dieses Unter
scheidungs-Signal bedeutet Heimathhafen Vegesack; bei den anderen
beiden Nordseefischerfahrzeugen bedeuten die Unterscheidungs-Signale:
bei dem Kutter »Freya« S. B. 80 Heimathhafen Blankenese,
bei dem Ewer »Zebra« 8. B. 51 dasselbe und bei der Butt
jolle »Ablers« L. L. 40 Lüneburg.
Die Dimensionen des Loggers sind ziemlich bedeutende. Er
hat bei einer Länge von 24 m über Deck (vom Heck zum Steven)
und bei einer Kiellänge von 21 in einen Brutto-Raumgchalt von
232,8 Cbm — 82,19 Register Tons und einen Netto-Raumgehalt
von 183,7 Cbm = 64,85 Register Tons; das heisst, er fasst
Netto 6'/z—7 Doppelwaggonladungen. Sein Tiefgang beträgt hinten
2 m, vorne 1,80 m; über Wasser liegt er vorne 12, in der
Mitte 10 und. hinten, oder wie der Seemann sagt »achter«,
14 Fuss, seine grösste Breite beträgt 6 m. Der Logger trägt
Kuttertakelage mit geringfügigen Abweichungen. Er hat zwei
Masten, — den Grossmast, den Besahn und Klüverbaum. Der
Grossmast ist 58 Fuss hoch, der Besahnmast 40, der Klüverbaum ist
.28 Fuss lang. An Segelgut führt er Grosssegel mit loser Schoote
(ohne Grossbaum), hierüber ein Gaffeltopsegel, ferner Besahnsegel
ebenfalls mit Top und als Vorsegel einen Klüver und eine Stagfock.
An Sturmsegeln führt er ein Spitzsegel für den Grossmast
und einen Sturmklüver, das Besahnsegel wird bei schwerem
Wetter gerefft, das heisst verkleinert. Der Logger führt zwei
Anker, die je 380 Pfund wiegen und an den Ketten
75 Faden, das ist circa 130 Meter weit ausgelassen werden können.
Das Boot des Loggers ist speciell für den Dienst auf hoher See
gebaut nach Art der »Klinkerboote«, denen durch eine besondere
Construction und Anordnung der Planken — die aus Eschenholz
sind — eine bedeutende Elasticität und Tragfähigkeit gegeben
ist Zur Bemannung des Loggers sind 15 Mann, inclusive
Capitain und Steuermann nothwendig. Die Eintheilung des
Schiffes ist mit peinlichster Raumausnutzung berechnet. Vor
dem Grossmast ist das sogenannte Kabelgatt zur Aufnahme der
Ankerketten und Taue, die Logis für die Mannschaften und die
Combüso (Schiffsküche); vor dem Besahnmast befinden sich die
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