Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

8 Officielle Ausstellungs-Nachrichten.
des Stromes gelegenen Verpflegungsstationen verabreicht werden,
woselbst, wie Generalarzt Boretius in seiner Erläuterung des neuen
Transportmittels erwähnt, Damen des Vaterländischen Frauen-
Vereins bereit sein werden, den Kranken die Speisen mit den
erforderlichen Essgeschirren zuzureichen.
Man sieht, es handelt sich bei dem ausgestellten Sanitäts
schiff keineswegs um ein noch ungeprüftes, nur nebel
haft umgrenztes Project; es ist vielmehr ein Glied aus der
Kette eines grossen, bis in die kleinsten Einzelheiten ausge
arbeiteten Planes, der sich in sicheren Umrissen vor dem geistigen
Auge seiner Schöpfer erhebt, ein neuer, segensreicher Erfolg unseres
an Derberen so reichen Sanitätswesens, ein neuer Schritt zur Lin
derung der Schmerzen der leidenden Menschheit.
Arthur Süssmann.
So muss es kommen!
Eine Skizze vom Lande von Natalie von Brandenburg.
[Abdruck untersagt.]
Der Nachmittagscafe war getrunken, die Kinder waren, froh
des schönen Märztages hinausgesprungen in den Garten, frühe
Veilchen zu pflücken, die Erzieherin hatte sich zum Briefschreiben
zurückgezogen, der Hausherr hatte den Verwalter aufs Feld be
begleitet, so war das Ehepaar allein in dem gemüthlichen Esszimmer
zurückgeblieben.
Kunibert von Sanitz, der Hausherr, sass behaglich zurückgelehnt
in dem ledergepolsterten Stuhl; eine Cigarre rauchend, war er so
recht das Urbild eines mit Gott, der Welt und sich selbst wohl
zufriedenen Mannes, der gewohnt ist, zu herrschen und in allen
Dingen die erste Stimme zu haben.
Stephanie von Sanitz, seine Frau, war gross und schlank und
eine viel elegantere Erscheinung als ihr Herr und Gebieter, trotz
ihrer schlichten Toilette.
Sie musste wohl in Kuniberts Mienen gelesen haben, dass er
heut einem Vorschlag geneigt sei, (er war selten einem Vorschlag
geneigt, der nicht seiner Initiative entsprang) und rückte deshalb
ihren Stuhl näher heran, legte das Strickzeug zusammen und ent
schloss sich endlich zu der schon lange vorher überlegten Frage:
»Du, Kunibert, wann reisen wir nun nach Berlin?« (als ob
eine Berliner Reise schon in einem gemeinschaftlichen Programm
vorgesehen .wäre).
Kunibert nahm vor Erstaunen die Cigarre aus dem Munde
und legte sie vor sich auf den Teller. »Nach . . . nach Berlin?
wir? jetzt?«
Aber Stephanie hatte Muth gefunden. »Gewiss, nach Berlin,
zur Ausstellung . . . zur grossen Gewerbe-Ausstellung, wo alle Welt
hinreist.«
Kunibert lachte laut heraus, ein lautes dröhnendes
Lachen. »Was sollen denn wir bei der Berliner Gewerbe-
Ausstellung, was geht denn die uns an. Na, da müssten wir
unsere Felder dreimal in diesem Lahre mähen können, wenn wir
eine Berliner Reise herausschlagen wollten. Nein, nein, wir sind
sesshafte Landleute und bleiben hübsch daheim . .. ist ja ein Unsinn,
ein baarer Unsinn — und Geld dazu habe ich nicht übrig«.
Stephanie lächelte. »Nun, Kunibert, über Geld beunruhige
Dich nicht. Ich habe schon den ganzen Winter an die Reise ge
dacht, mein Nadelgeld vom Grossvater liegt seit Januar unberührt
im Schreibtisch, ebenso meine Einnahmen für Federvieh, Eier und
Butter. Ich dacht’ es mir ja vom Anfang an, dass Du wegen der
Geldfrage Schwierigkeiten machen würdest. Aber damit ist’s diesmal
nichts.«
»Ja, aber, was sollen wir denn da, was geht uns das Berliner
Gewerbe an, uns ehrsame Landleute?«
»Ich denke — recht viel,« lautete jetztStephanies ernste Erwiderung,
»man freut sich doch an Erzeugnissen jedweden Gewerbfleisses, und
lann giebfs da noch Alt-Berlin, Kaiserschiff, Kairo, kurz, man
muss doch etwas für der Kinder Bildung thun.«
Nun war’s heraus, was ihr wie ein unersteigbarer Berg er
schienen, ihre Absicht, Kurt und Leni mit nach Berlin zu nehmen.
Kunibert sah seine Frau schier sprachlos an.
»Also, die Kinder sollen auch mit, na, das wird ja immer
schöner; und hast Du denn nicht bedacht, was das kostet im Hotel
oder in der Pension oder . . . .«
»Ich habe an Alles gedacht und denke, bei der 8chwester von
Fräulein Herms (Fräulein Heims war Leni's Erzieherin) abzusteigen.
Sie ist Wittwe und hat in Berlin in der Potsdamerstrasse ein
Familien-Pensionat. Da können wir bequem mit den Kindern
wohnen und habens so gut wie daheim.«
»Aber, Stephanie, denke doch, im Mai kann ich doch nicht
abkommen!«
»Du kannst doch sonst jedes Jahr im Mai einige Tage zur
Mastvieh-Ausstellung abkommen.«
Damit spielte Frau Stephanie sehr geschickt einen Trumpf aus.
Kunibert konnte nur ein knurrendes »hm, hm« er
widern, während seine Frau begütigend sagte: »Wir fahren also
natürlich zu der Zeit, wo die Mastvieh-Ausstellung ist, Du fährst
zum Viehhof und ich mit den Kindern und Fräulein Heims nach
Treptow.«
»Fräulein Herms soll auch mit?« ...
»Ja, aber gewiss doch, ihre Schwester hat sie eingeladen und
dann ist sie bei den Kindern, wenn wir einmal etwas anderes
vorhaben.«
Kunibert sah klaglos das Richtige dieser Behauptung ein und
wollte sich eben erheben, um noch nach täglicher Gewohnheit,
einen Gang in die Felder zu machen, als der Diener eintrat und
meldete, dass »Mamsell« den Herrn dringend zu sprechen wünsche.
Kunibert sah sehr erstaunt auf seine Frau, denn eigentlich
kümmerte er si§h nie um die innere Wirthschaft und die weib
lichen Dienstboten und sogenannten Haus-Officianten. (Denn eine
»Mamsell« rechnet zu den »Haus«-Officianten und nicht zu den
Dienstboten.)
Frau Stephanie aber zuckte die Schultern und sah ebenso
erstaunt aus, wie der Hausherr.
Indessen war Mamsell eingetreten und an der Thür stehen
geblieben. Augenscheinlich hatte sie sich eben tüchtig ihr Gesicht
abgeseift, die Backen glänzten ordentlich unter dem blank ge
bürsteten Haar. Das helle Kattunkleid war so tadellos sauber, wie
die grosse, weisse Leinenschürze, deren Latz mit zwei grossen
goldenen Sicherheitsnadeln über der prallen Büste festgesteckt war.
»Na, Mamselling, nur näher,« redete Kunibert die Leiterin
der inneren Wirthschaft freundlich an, »wo fehlts denn? Soll ich
Ihnen Vorschuss geben auf Sommerkleider und Hüte oder . .«
»Ach, gnädiger Herr,« Mamsell, gab sich Mühe, recht fein
hochdeutsch zu sprechen, »ich wollt’ man blos um ’n beten Urlaub
bitten,« sie hielt, um Athem zu holen, inne.
»Sie wollen verreisen, Mamsell,« fragte jetzt Stephanie erstaunt,
»ist Jemand bei Ihnen daheim krank, oder will eine Ihrer
Schwestern heirathen ? Und jetzt gerade, wo das Leinen auf die Bleiche
soll, und die Klucken gesetzt werden, und all’ die Arbeit im
Garten angeht?«
»Ich will ja erst im Mai verreisen, gnädige Frau, wenn’s die Herr
schaft erlaubt, dämm sag’ ich’s eben so zeitig schon, ich will auch
nicht nach Haus, oh ne, wat Süll ick woll in Jarmen, dor is nix
los (Mamsell fiel im Eifer des Gesprächs in’s Plattdeutsche zurück)
ick möt doch oock mol wat für mei Bildung dlion«, — ein tiefer
Seufzer — »ich will nach Berlin zur grossen Ausstellung reisen.«
»Aber, Selling, was wollen Sie in Berlin bei der Ausstellung?«
»Ja, gnädige Frau, da giebt’s doch so viel schönes zu sehen,
wie man all’ sein Lebtag nicht mehr zu sehen bekommt. Gestern
beim Concert im Gasthof, da haben wir alle das schöne, grosse
blaue Bild gesehen mit dem Arm und dem Hammer und Jochen
Grave sagt, das ist die Einladung für uns Alle.«
»Das ist schon wahr«, sagte Kunibert, das Placat hängt in
der Wirthsstube. »Und Geld hab’ ich genug«, fuhr Mamsell stolzer
werdend, fort, »Ich hab’ mir rein nichts geschafft in letzter Zeit,
und theuer ist das nicht. Jochen sagt, es kostet vierter Klasse
3 Mark und wohnen kann ich umsonst.«
»In Berlin ist eigentlich nichts umsonst«; sagte der Hausherr
belustigt, »aber es scheint, dass Sie Verwandte dort haben«.
»Habe ich auch«, triumphirte Mamsell, »meiner Schwester
ihrem ersten Manne seine Stieftochter ist in Berlin verheirathet an
einen Schutzmann und die war vorige Woche hier bei meiner Stief-
Cousinc zum Besuch, da hat sie gesagt, wer kommen will, der soll bei
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