Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officieile Ausstelluhys - Nachrichten.
7
606 000 000 Mk. Fabrikate, von denen etwa für 328 000 000 Mkv
exportirt wurden.
Diese Zahlen sprechen deutlicher, als cs erläuternde Worte
noch vermöchten, und wir freuen uns, unsern Lesern mittheilen zu
können, dass die Gruppe der »Chemischen Industrie« auf der
Gewerbe-Ausstellung, wenn auch zunächst nur von Berliner Firmen
beschickt, so doch ein glänzendes Bild entrollen wird von den
Leistungen dieses ganzen Industriezweiges, auf den, als ein Kind
treu deutschen Denkens und Arbeitens, das Vaterland ein Hecht
hat stolz zu sein.
Ein Besuch auf dem Sanitätsschiff.
[Abdruck untersagt.]
Unter den hunderten von farbigen Wimpeln, welche lustig
im Winde flatternd die Uferpartie der Ausstellung beleben, leuclitet
auch, die Spitze eines hohen Mastbaumes krönend, die Fahne mit
dem rothen Kreuz in weissem Felde, das Feldzeichen des Sama
riterthums, weithin in's Land. Wohl sind wir es längst gewohnt,
dieses Szmhol edler Menschenliebe, wo man immerderselben bedarf, auf
dem festen Lande anzutreffen; doch berechtigte Verwunderung muss sich
des Unkundigen aufdrängen, was das Abzeichen der Genfer Convention
auf diesem, einem mittelgrossen Oderkahn gleichenden Fahrzeug zu
bedeuten habe. In der That handelt es sich hier um eine neue,
segensreiche Errungenschaft auf dem Gebiete der humanitairen Be
strebungen: um ein Sanitätsschiss; denn ein solches stellt das
äusserlich so plump und nüchtern wie jeder andere Oder- oder
Spreekahn aussehende Fahrzeug dar.
Das Verdienst, die Ausstellung durch diesen interessanten
Gegenstand bereichert zu haben, gebührt dem Central-Comite des
Preussischen Vereins zur Pflege im Felde verwundeter und er
krankter Krieger, in dessen Aufträge Generalarzt a. D.
Dr. Boretius das Sanitätsschiff ausgerüstet hat. Das Fahr
zeug, welches wir auf der Ausstellung erblicken, stellt nur
einen Theil eines ganzen Schiffs - Sanitätszuges dar, der für
den Fall eines Krieges dazu dienen soll, Schwervcrwuiidete oder
Schwerkranke auf dem Wasserwege an ihren Bestimmungsort zu
bringen, selbstverständlich, wie aus dem Bau des Schiffes schon
hervorgeht, nur auf Flüssen. Ein solcher Schiffs - Sanitätszug ist
aus vier Fahrzeugen für diejenigen Verwundeten und Kranken,
welche nur in liegender Stellung transportirt werden dürfen, und
aus Zweien für leichtere Kranke, welche im Stande sind, den Tag
über sitzend oder herumgehend zuzubringen, gedacht. Ferner
gehört zu dem Zuge noch ein Schleppdampfer, in welchem auch
noch Leichtkranke aufgenommen werden können.
Doch wozu diese neue Einrichtung! Ist nicht, so muss man
sich fragen, unser Krankentransportwesen zu Lande ein so voll
kommenes, unser Sanitätspersonal ein so vortrefflich geschultes,
dass es überflüssig erscheint, noch neue Bahnen einschlagen zu
wollen ? — Gewiss können wir stolz sein auf das, was unser Militair-
Sanitätswesen auf dem wichtigen und schwierigen Gebiete der
Krankenbeförderung bereits geleistet hat, und wie sorgfältig es jede
der auf diesem Felde so zahlreichen Erfindungen und Verbesserun
gen auf ihre Brauchbarkeit prüft. Allein auch bei den best con-
struirten Krankenwagen wird unter Umständen die Beförderung schwer
kranker oder schwer verwundeter Krieger über im Kriege ja meist
in Betracht kommende weite Strecken, besonders über gebirgiges
Terrain und schlechte Wege, mit grossen Unannehmlichkeiten
für die auch für den geringsten Stoss so empfindlichen Patienten
verbunden sein. Anders bei dem Transport mittels des Sanitäts-
echiffes. Hier wird bei dem sanften Vorwärtsgleiten des Schiffes
in dem flüssigen Element die Buhe und Behaglichkeit der
Kranken durch keinen Stoss, durch keine Erschütterung ge
stört. Sie fühlen sich, wie Generalarzt Dr. Boretius bemerkt, so
weich gebettet, wie nur im Krankenhause. Dazu kommen noch als
weitere Vorzüge, welche dies Transportmittel vor allen anderen aus
zeichnet, die reine, staubfreie Wasserluft — ein wohlthuender Gegen
satz zu den Staubwirbeln der Landstrasseft und der Luft in den
Eisenbalmwaggons — und die leichte Fortbeweglichkeit, Um
stände, vollauf genügend, um in Zukunft überall da, wo Wasser-
strassen vorhanden sind, derartige Schiffs-Sanitätszüge zu verwenden.
Doch wir bitten den Leser jetzt, da er über Zweck und
Chai^ter des Fahrzeuges aufgeklärt ist, uns auf dasselbe zu folgen,
um zu sehen, was es in seinem Innern birgt. Wir überschreiten
den schmalen Steg und werden von einem Beamten des Rothen
Kreuzes empfangen, der sofort in freundlichster Weise die
Führung und Erläuterung übernimmt. Alsbald empfangen
wir den Eindruck, dass wir den Besuch nicht zu bereuen
brauchen. Schon in dem kleinen Vorraum athmet alles
Freundlichkeit und Sauberkeit trotz bescheidenster Einfachheit.
Wir wenden uns zunächst nach dein vorderen, kleineren Theil des
Kahnes, welcher durch eine Holzwand in zwei Gemächer geschieden
ist; das grössere dient als Cajüte für zwei verwundete Offleiere
das kleinere ist für zwei Krankenpfleger hergerichtet. Der Raum
für die Offieiere fällt ebenfalls durch seine anspruchslose Ein
fachheit auf, nur wenige Stücke des Hausraths erinnern leise an eine
gewisse Eleganz, sonst ist alles einzig und allein auf das Praktische
zugeschnitten. An der Wand eine Karte des unteren Weichsel-
laufes, mit eingezeichnetem Eisenbahnnetz und Markirung dei
Lazareth- und Verpflegungstationen. — Das ist das Einzige
Militärische in dem ganzen Raum. Eine kleine, mit grünem Tuchschinn
umhüllte Ampel an der Decke, ein hübscher eiserner Ofen, ein Thermometer
verleihen dem Gemach die gemüthliche Stimmung einer bewohnten
Häuslichkeit; seihst die Filzpantoffeln unter dem mit schneeweissem
Linnen überzogenen Bette fehlen nicht. Das Krankenpflegezimmer,
welches wir jetzt betreten, beherbergt ausser seinem einfachen
Mobiliar noch einen recht nett ausgerüsteten Thamm'sehen Instrumenten
schrank, der auch zur Aufbewahrung für die wichtigsten chemischen
Reagentien dient, sowie einen grossen Verbandkasten; sogar eineu
Deshifectipnsapparat für Verbandzeug und chirurgische Instrumente
erblicken wir. Ausserdem dient das Zimmerchen noch als Auf
bewahrungsort. für die verschiedensten nützlichen Gegenstände, wie
Gonserve», Wein, Licht, Toilette - Seife, grüne Seife, Torf-Mull,
Vcrbandsehicncn, Laternen.
Nachdem wir so mit jedem Winkelchen des Vorderschiffes be
kannt geworden sind, begeben wir uns in das hei weitem grössere
Hintertheil des Schiffes. Es dient als Mannsehafts-Lazareth und
enthält 18 an den Längsseite» aufgestellte' Betten und sieben an
der Decke hängende Tragebahren. Der Raum ist heller, als man
von dem Innern eines vollständig gedeckten Oderkahnes ver
muthen möchte; die zahlreichen runden Fenstereben sind mit
blendend »veissen Tüllvorhängen versehen, um all zu grelles Sonnen
licht fernzuhalten. Eine ausreichende Ventilation kann durch
Herabklappen der Fenster, sowie durch Ablieben einzelner Belag-
bretter des Verdecks bewerkstelligt werden; ein an dieser Stelle
ausgespanntes Sonnensegel schützt vor Regen und zu grellem
Licht; eine Anzahl von der Decke herabhängender Ampeln
erhellen Nachts den Raum. An weiteren Requisiten bemerken
wir noch ein Fass mit Trinkwasscr, einen Tisch mit Tinte und
Feder, eine Wandtafel zum Eintragen des Namens und der Be
köstigungsform der Kranken, einen grossen eisernen Ofen, eine
Uhr, einen Geschirr- und Wäscheschrank; in dem letzten eine
kleine Krankenwäsche - Ausstellung des Vaterländischen Frauen
vereins.
Ganz im Hintertheil des Schiffes befindet sich die gleichfalls
recht freundlich und sauber gehaltene Cajüte der Krankenpflegerinnen
mit anstossender kleiner Küche. Wenn wir noch hinzufügen, dass
oben auf Deck, auf. dem Dach der Cajüte ein zweites Sonnensegel
ausgespannt ist, theils um die Sonnenhitze vom Innern abzuhalten,
theils zum zeitweise» Aufenthalt darunter für leichtere Kranke
dienend, so haben wir alles gesehen.
Was die geplante Verthcilung des ärztlichen und des Pflege
personals betrifft, so sind die Cajüten je zweier Fahrzeuge für je
zwei Schwestern vom Rothen Kreuz bestimmt, die der anderen für
je einen Assistenzarzt oder einen Rendanten. Die Wohnung des
Chefarztes befindet sich auf dem Dampfer.
Der ganze. Zug ist im Stande 220 und mehr Kranke oder
Verwundete aufzunehmen.
Alle Maassregeln, alle Handgriffe geschehen nach einem be
bestimmten Plan, der bereits bis in's Kleinste ausgearbeitet ist, nach
Commandos, für we ehe das Krankenpersonal genau eingeübt wird.
Auch die Fahrordnung des Zuges, stromauf und stromab,
geschieht genau nach Vorschrift.
Die Verpflegung an Bord beschränkt sich auf Verabreichung
kalter Küche und Zubereitung von warmen Erfrisehungs- und Be
lebungsmitteln. Die Hauptmahlzeiten werden auf den vielen längs,
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