Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

6 Officielle Ausstellungs- Nachrichten.
früheren Artikel (No. 11 der «Officiellen Nachrichten«) hatte sieh der
Leser uns zu einer kleinen Wanderung durch die Anwendungs
gebiete der praktischen Chemie anvertraut und hatte mit Ver
wunderung bereits gemerkt, wie vielseitig die Anwendung dieser
geheimnissvollen Wissenschaft ist. Da war eines der interessantesten
Gebiete die Farbenfabrikation. Wir hatten gesehen, wie aus dem
zumeist von der Gasfabrikation gelieferten Theer die schönsten
Farben, ja nicht allein diese, sondern auch die werthvollsten Heil
mittel, die herrlichsten Riechstoffe gemacht werden können. Es
hat wohl selten eine Industrie eine so glänzende Entwickelung
durchgemacht wie die Farbenfabrikation. Die ersten Entdeckungen
fallen in die vierziger Jahre dieses Jahrhunderts, der weitere
wissenschaftliche Ausbau hatte bereits in den sechziger Jahren
eine Reihe werthvoller Producte der beginnenden Praxis zugeführt,
so vor Allem auch das 1868 entdeckte Alizarin. Nach einer kurzen
Pause begann 1874 wieder eine Periode glänzender Entdeckungen
in der Farbenindustrie, die bis heute sich noch in aufsteigender
Entwicklung befindet. Wie rapid ansteigend besonders in der Zeit
ihres Entstehens die Ausbildung der jungen Industrie war, mögen
einige Zahlen erweisen, die den Ueberschuss der Ausfuhr über die
Einfuhr in Deutschland darstellen, also gewissemiaassen den durch
die Industrie geschaffenen Gewinn des deutschen Nationalvermögens
versinnbildlichen. Der Ueberschuss der Ausfuhr betrug:*)
Anilinöl uiid Anilin- und
Anilinsalze andere Farbstoffe ... .
- ■■ - .—.... i Alizarm
1876 175 t**). nicht nachzuweisen
1880 345 t 1640 t 5871 t
1885 1271 t 4213 t 4145 t
1890 3411 t 6695 t 7892t
Der Werth der Mehrausfuhr im Jahre 1890 war für
Anilinöl und -Salze 6 823 OOO Mir.
Anilin und andere Farbstoffe 34 624 000 „
Alizarin 12 628 000 „
Die Production selbst lässt sich mangels statistischen Materials
darüber schwer feststellen, ihr Werth , im Jahre 1890 erreicht,
trotzdem der Handelspreis der Farben im Durchschnitt seit 1878
um etwa 60 pCt. zurückgegangen ist, die Summe von etwa
90 000 000 Mk.
Wer jemals in seinem Leben Gelegenheit gehabt hat, sich von
der intensiven Färbekraft der Anilinfarben zu überzeugen und
weiss, wie unwägbar geringe Mengen bei der Färbung sich auf
den Stoffen fixiren, der wird Angesichts dieser Zahlen ermessen
können, welch’ ungeheure Verbreitung die Anwendung der Anilin
farben haben muss.
Nicht allein, dass die Anilinfarben sich neue Anwendungs
gebiete geschaffen haben, dass Färberei und Farbenverbrauch sich
in Folge der bequemen Verwendbarkeit, der Billigkeit und Aus
giebigkeit der künstlichen Farbstoffe mächtig gesteigert haben,
die letzteren haben auch die natürlichen Farbstoffe, die unser Vater
land vom Auslande kaufte, zum grössten Theil verdrängt und das
Ausland zum Käufer unserer künstlichen Farben gemacht: Ein
geradezu klassisches Beispiel hierfür bildet das Alizarin, der wirk-
Mche färbende Bestandtheil des Krapps, dessen künstliche Darstellung
aus Theer vorwiegend — etwa ’/ 8 der gesummten Production in
der Welt — in Deutschland betrieben wird. Durch seine Ein
führung wurden in Frankreich allein Bodenflächen, deren Krapp-
ertrag etwa auf 34000000 Mk. jährlich geschätzt werden darf,
anderweitiger landwirtbscliaftlicher Benutzung zurückgegeben, da der
Krappbau nicht mit der Alizarin-Fabrikation concurriren konnte.
Besonders bemerkenswertk ist es, dass überseeische Länder, die
früher die Lieferanten in natürlichen Farbstoffen für Europa waren,
beute schon ganz bedeutende Mengen künstlicher Farbstoffe auf
nehmen, so führten 1890 ein:
Indien Theerfarbstoffe im Werthe von 5 309 850
China „ „ „ „ 1 016 430
Japan „ „ „ „ 808 490
Mit dem gewaltigen Verbrauch von Farbstoffen Hand in Hand
ging ferner eine Umgestaltung des Färbereigewerbes; die Vorgänge
Zahlen sind der Arbeit von H. WicKelhaus, Die wirthschaft-
ilC utung chemischer Arbeit. Braunschweig 1893, entnommen.
**) 1 t = 1000 kg. ~ öi - —-
bei der Färberei wurden untersucht, wissenschaftliche Arbeiten ver
breiteten Licht über die Rolle der verschiedenen Färbereihilfsmittel,
wie Beizen, Oele etc. und die Folge war eine grossartige Anregung
der chemischen Präparatenteehnik, die sich in dem Aufschwung
derselben besonders in den letzten Jahrzehnten ausdrückt. — Die
Anzahl der Arbeiter, die in der Farbenfabrikation ihren Lebens
unterhalt erwerben, war:
1885 in 13 Fabriken 2418 Arbeiter,
1890 in 21 „ 10237
Soweit der directe Nutzen, den die Farbenindustrie gestiftet
Nicht minder ist aber bei diesem Industriezweige gerade der in»
directe, fördernde Einfluss auf andere Gewerbe und schliesslich auch
auf Geschmacksrichtung, Moden und verfeinerte Ansprüche nach
weisbar. Es sind durch die Farben- und Färberei-Industrie Leute
manche Artikel auch den Minderbegüterten in Qualitäten zu
gänglich gemacht, deren Anschaffung früher nur den reicher
mit irdischen Gütern Gesegneten möglich war. Denken wir
nur an die durch Schönheit und Haltbarkeit ausgezeichneten
Türluschrothartikel, an die zarten gebrochenen Modetöne, an die
vollendet schön gedruckten Gewebe, deren Zeichnungen heute an
Feinheit fast den Schöpfungen eines Malers gleichen. Doch genug
von der Farbenindustrie. Wir haben gerade diese so ausführlich
behandelt, dass es an dieser Stelle nicht darauf ankommen kann, die
gesammte chemische Industrie Deutschlands an der Hand strenger
statistischer Daten auf ihren wirthschaftlichen Werth zu prüfen,
vielmehr es unsere Absicht ist, durch typische Beispiele dem Leser
einen Begriff von der Bedeutung zu geben, die chemisches Schaffen
im deutschen Gewerbsleben hat. Und gerade die Farbenindustrie,
die wie keine andere durch das stetige Handinhandgehen der
wissenschaftlichen Forschung mit der praktischen fabrikatorischen
Ausführung gross geworden, ist eines der typischsten Beispiele der
vielseitigen chemischen Industrie, um den Einfluss derselben auf
das wirthschastlicbe und gewerbliche Leben zu zeigen. Wir können
uns daher im Weiteren auf einige Zahlen beschränken, deren Höhe
das schon genügend belegen wird, was wir über die Bedeutung der
chemischen Industrie als volkswirtschaftlichen Factors eingangs
sagten. Einer der wichtigsten Zweige des chemischen Grossgewerbes
vom wirthschaftlichen Standpunkte ist die Rübenzucker-Industrie.
Diese Fabrikation, die uns eines der unentbehrlichsten Nahrungs-
und Genussmittel liefert, beschäftigte 1890 in 396 Betriebsstätten
95420 Arbeiter, denen 33411450 Mk. Löhne gezahlt wurden.
Der Werth des erzeugten Zuckers war 275000000 Mk., von denen
allein für 216107000 Mk. ins Ausland exportirt wurden. Diese
Fabrikation mit ihren imponirenden Zahlen dürfte von den ver
schiedenen Zweigen die umfangreichste nach dem Werthe des
erzeugten Productes sein, ihr folgt in diesem Sinne die Farben
fabrikation und nächst dieser die Düngemittelbranche und zwar
speciell die Superphosphatfabrikation. . Hier schafften nur 88 Be
triebe doch einen Werth von 60 000 000 Mark, wobei entgegen
gesetzt zu den beiden ersten Beispielen, Zucker und Farben,
die Hauptproduction der künstlichen Dünger im Lande ver
braucht wurde. Werthe von 30 bis 36 Millionen Mark erzeugen
die Margarinedarstellung, die Holzzellstofffabrikation, die Verarbeitung
der über den grossen Steinsalzlägem gefundenen Kalisalze (Abraum
salze). Letzterer Gewerbezweig beschäftigte 4500 Arbeiter und von
den erzielten Producten im Werthe von 36 000000 Mk. gingen
allein für 16 467 000 Mk. in’s Ausland, während der Rest der
heimischen Landwirthschaft als wichtiger Pflanzennährstoff geliefert
wurde. Mit der Darstellung von Soda waren 1890 19 Fabriken
mit 11892 Arbeitern beschäftigt, die eine Lohnsumme von fast
11 Millionen Mark verdienten. Erzeugt wurde für 1 900 000 Mk.
Soda, von der für fast 4 000 000 Mk. exportirt wurden.
Der Raum verbietet uns, diese interessanten statistischen Daten
für alle Zweige der chemischen Industrieen durchzuführen; die
Schwefelsäurefabrikation, die Darstellungvon Ultramarin, die Präparaten-
technik, die Industrie der Riechstoffe und ätherischen Oele und viele
andere sind darum nicht minder wichtig. Wir wollen uns nur noch
die annähernden Gesammtzahlen vorführen lassen, die uns ein impo
santes Bild der grossen Wichtigkeit der chemischen Industrie für
den deutschen Volkshaushalt geben. Abgesehen von Beamten und
höheren Angestellten der Fabriken konnten im Jahre 1890
166 000 Arbeiter ihren Erwerb in chemischen Fabriken finden.
Gezahlt wurden 76 000 000 Mk. Löhne, erzeugt wurden für
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