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Periodical volume Nr. 19, 6. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Offizielle Ausstellungs - Nachrichten. 
5 
Berlin und das Ausland. 
[Abdruck untersagt.] 
In einer Reihe von Artikeln haben wir die Auslassungen der 
leitenden Zeitungen des Auslandes über die Berliner Gewerbe-Aus 
stellung mitgetheilt: Warme Sympathieen von Seiten Italiens, nicht 
feindselige Erwartung seitens Frankreichs, das Diplom der Eben 
bürtigkeit von den Engländern, das ist in der That nicht wenig. 
Wollten wir die Pressstimmen der übrigen Länder hinzufügen, so 
müssten wir einen stattlichen Band bringen. Kein Welttheil, kein 
Land, keine Provinz, keine Stadt, die nicht ihre Meinung über die 
Berliner Veranstaltung durch ihre Pressorgane kundgethan hätte. 
Die Hefte des Internationalen Pressbureau scheinen in der 
Mannichfaltigkeit ihrer Notizen und Idiome, die Vorbereitungsarbeiten 
zu einem Riesenatlas oder einer umfassenden Encyclopädie zu ent 
falten. 
Schon die Hefte für Asien und Südamerika bestehen aus je 
einigen hundert Quartbogen. Nunmehr freilich gehört alles dies 
bereits der Vergangenheit an. Wir können jetzt nur feststellen, in 
welchem Maasse sich die Erwartungen der auswärtigen Presse er 
füllt haben. 
Bevor wir jedoch diese Uebersicht Schliessen, möchten wir 
noch zwei Momente hervorheben, mit denen sich die auswärtige 
Presse mit Vorliebe befasst hat. Das sind die Behandlung Berlins 
als Weltstadt und die Schilderungen des Wesens der Berliner Kauf 
leute. »Wer da glaubt«, so heisst es in einem Berichte, »dass 
Berlin sich erst seit anderthalb Jahren für die Ausstellung vor 
bereitet, befindet sich in einem gewaltigen Irrthum. Berlin 
bereitet sich systematisch schon seit zehn Jahren mit Anspannung 
aller seiner Kräfte auf die Ausstellung vor. Den Reigen 
eröffneten die »Wiener Cafes«, die mit Erfolg die Concurrenz mit 
den alten Conditoreien aufnahmen. Den Cafes folgte die Begründung 
einer Reihe grösserer Theater, welche mit dem bis dahin allein 
herrschenden Königlichen Schauspielhaus in Wettkampf traten. 
Dann kamen die monumentalen Bierpaläste, die grossartigen Kauf 
häuser, von denen manche die Bevölkerungszahl eines Landstädtchens 
beschäftigen und eine Welt herrlicher Dinge bergen. Es folgten 
die fürstlichen Hotels mit allem Comfort der Neuzeit auf das Ver 
schwenderischste ausgestattet, mit Gas- und elektrischen Kochherden, 
mit Doppelthüren, die dem Gaste besondere Bequemlichkeiten 
bieten u. s. w. Daran schlossen sich grossartige Strassenregulirungen, 
es entstanden Prachtstrassen mit schönen Sandsteinfa§aden, öffentliche 
Monumentalbauten erhoben sich an vielen Stellen, wie das Reichstags 
gebäude, das Generalpostgebäude, das der Vollendung nahe Abgeordneten 
haus — Bauten, die jeder Gressstadt zur Ehre gereichen würden, auf 
die Berlin mit Recht stolz sein darf. Das Bett der Spree wurde ein 
gezwängt durch granitene Quais und überwölbt von einer Reihe 
neuerbauter Brücken, mit Statuen und Vergoldungen, vielleicht zu 
reich beladen, aber wie für die Ewigkeit geschaffen. Elegante 
Läden, neue Verbindungen aller Art, neue hübsche Fuhrwerke u. s. w. 
schossen wie Pilze aus der Erde hervor. Jetzt ist die Reihe an 
den Delicatessläden, die in prunkhaften Schaufensterausstattungen 
einander zu übertreffen suchen. 
Ueberall regt sich neues Leben, überall imponirt die Pracht 
und die Eleganz. Fremde, die Berlin seit einer Reihe von Jahren 
nicht gesehen haben, staunen und bewundern die Metamorphose, 
die mit der Reichshauptstadt innerhalb kurzer Zeit vor sich ge 
gangen ist. Etwas rückhaltender, wenn auch sehr sympathisch wird der 
Verkehr im Berliner Geschäftsleben geschildert. Viele Correspondenten 
auswärtiger Zeitungen bezeichnen die Berliner Ladeninhaber als 
entgegenkommend, liebenswürdig und geduldig. Abgesehen von den 
grossen Kaufhäusern, wo die Bedienung im Durchschnitt musterhaft 
ist, findet man überall in der Reichshauptstadt Kaufleute, die ihrem 
schwierigen Beruf alle Ehre machen. Der Kunde verkehrt mit Ver 
gnügen bei ihnen und behält sie in guter Erinnerung. 
Aber es soll unter den kleineren Ladeninhabern nicht an Leuten 
fehlen, die dem entgegengesetzten Princip huldigen. Sie halten es 
für vornehm, wenn Sie dem Publikum mit militairischer oder polizei 
licher Schroffheit entgegentreten. 
Will der Käufer einen bestimmten Gegenstand erwerben, so 
hat er eine wahre Herkulesarbeit zu bestehen. In den Augen 
dieser Anhänger der strammen Handelsdisciplin ist jener Engländer 
der beste Kunde, der einen Laden betrat, um einen Brautschmuck 
zu erstehen, und ihn mit einem Jagdhund verliess. 
»Was soll’s denn sein?« ist die nicht gerade gewählte Anrede, 
mit welcher der Käufer allzuhäufig empfangen wird. Dass man den 
Fremden auch höflicher ansprechen könnte, wissen diese strammen 
Herrschaften nicht. 
»Neulich tat ich« — so erzählt ein ausländischer Berichterstatter 
— »von der Herrlichkeit des Schaufensters angelockt, in die Monumental 
niederlage einer der ersten Fahrradfabriken Deutschlands ein. 
Ich hatte die Absieht, einen Kettenschutzkasten, Schutzleder und 
einen Wegmesser zu bestellen.« 
»Bei wem haben Sie Ihr Rad gekauft?« — herrschte mich 
der blonde Ladeninhaber an. 
»Bei X. & Co.« 
»Dann gehen Sie zu X. & Co. Wir sind nicht dazu da, fremde 
Räder in Ordnung zu bringen.« 
Und obschon fast sämmtliche Fahrradniederlagen sehr gerne 
Räder aller Systeme repariren, begleitete thatsächlich der freundliche 
Stahlrosshändler den enttäuschten Kunden zur Thür. 
Gelegentlich einer Veranstaltung, wie die Berliner Ausstellung, 
sind es schliesslich die Kaufleute und Gewerbetreibenden, die 
den Fremden die Honneurs machen. Die Berliner Ausstellung ist 
darum besonders vor dem Auslande der Prüfstein für die Liebens 
würdigkeit der Berliner Bevölkerung. Und wir hegen die feste 
Zuversicht, dass sie die Prüfung mit Ehren bestehen wird. 
E. Gagliardi. 
Oie praktische Chemie in ihrer wirtschaftlichen 
Bedeutung. 
Von Dr. G. Döllncr. 
(Abdruck untersagt.] 
Wenn man den wirthschaftlichen Werth eines Industriezweiges 
ermessen will, so kommen für die Beurtheilung eine ganze Reihe 
verschiedenartiger Momente in Betracht. Man kann den wirth 
schaftlichen Nutzen eines Gewerbes nach zwei Seiten verfolgen, 
direct oder indirect. Direct, indem die betreffende Industrie in 
ihren Niederlassungen Menschenkräfte beschäftigt und besoldet, indem 
sie ferner zu ihrem Betriebe einerseits Rohproducte und maschinelle 
und sonstige Hilfsmittel braucht, zu deren Lieferung das heimische 
Gewerbe Anregung empfängt, anderseits mit ihren Productcn den 
heimischen Consum von der Einfuhr aus dem Auslande unabhängig 
und womöglich durch Production für den Export den ausländischen 
Consum sich tributair macht. Neben diesem directen, zum grossen 
Theil zahlenmässig belegbaren Nutzen geht dar indirecte einher, 
dessen Vorhandensein zwar auch ohne Statistik jedem vor Augen 
liegt, der sich indessen nicht so leicht zahlenmässig ausdrücken 
lässt. Dieser indirecte Nutzen besteht darin, dass der Consum für 
neue Artikel angeregt wird, dass »Moden« entstehen, neue, ver 
feinerte Bedürfnisse geschaffen werden. Man wird mir einwerfen, 
dass gerade das letztere eine etwas zweischneidige Sache ist. Indess 
kann man nicht leugnen, dass jede culturclle Entwicklung, die, 
abgesehen von der nothwendigen Erhöhung des ethischen Durch- 
echnittsstandpunktes, auch die materiellen Ziele höher steckt und 
stecken muss, naturgemäss auch die Begehrlichkeit und den un 
soliden, unberechtigten Luxus zur Folge haben muss. Und ist es 
sehr fraglich, ob nicht diese an und für sich in dem Einzelnen 
nicht zu rechtfertigende Begehrlichkeit gerade ein wichtiges, treibendes 
Culturelement ist. — Schauen wir uns nun die chemische Industrie 
nach diesen beiden Gesichtspunkten des directen und indirecten 
Einflusses hin an, so werdea wir mit Staunen sehen, welch’ 
einen riesigen Factor im wirthschaftlichen Leben heute unsere 
chemische Industrie bildet, um so mehr, wenn wir bedenken, 
dass dieser Gewerbezweig im Grossen und Ganzen noch nicht älter 
als höchstens ein halbes Jahrhundert gelten darf. Wir müssen 
an dieser Stelle natürlich darauf verzichten, auch nur annähernd 
die wirthschaftliche Bedeutung der chemischen Gewerbe und der in 
anderen Gewerben angewandten Chemie zu erschöpfen. Eine solche 
Abhandlung würde dicke Bände füllen, wir müssen uns darauf 
beschränken, unseren verehrten Lesern durch einige Beispiele einen 
Begriff von dem durch Zahlen ausdrückbaren Werthe der chemischen 
Industrie für die moderne Volkswirthschaft zu geben. In unseren
	        
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