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Volume Nr. 18, 5. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

Officiefle Ausstellungs - Nachrichten. 
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< Auf diese Weise ist dem modernen arabischen Stadtbilde 
ein landschaftlicher Hintergrund gegeben und gleichzeitig auch ein 
historischer. Von den frühesten, urältesten Anfangen der Bau 
kunst her, von den Riesengräbern der Pharaonen bis zu den Tempeln 
der Ptolemäer, von den ersten Lebensregungen muhamedanischer 
Cultur, von den Moscheen der ersten Kalifen bis zu den Luxus 
brunnen der maurischen Blüthezeit und weiter bis auf die europäisch 
gemischten Wahnbauten des heutigen Kairo lassen die Wandlungen 
hier sich in ihren bedeutsamsten Erscheinungen verfolgen. Es ist 
lohnend, sich dieselben im Einzelnen zu betrachten, denn sie sind 
in ihrer künstlerisch getreuen Nachbildung eine Quelle der Belehrung 
und des Schönheitsgenusses. Friedrich Fuchs. 
V 
Strassenleben in Kairo. 
»Es freut mich, dass meinen Berlinern der Süden hier so 
nahe gerückt ist« — lauteten die Worte des Kaisers bei seinem 
Besuche der Specialausstellung Kairo am 1. Mai. Und wahrlich, 
schon in den wenigen Tagen seit der Eröffnung hat dieses Trep 
tower Kairo eine derartige Popularität erlangt, dass man es füglich 
zu den beliebtesten Stadttheilen Berlins zählen muss. 
Nicht nur durch Bauten, über die wir heute eine Reihe von 
Aufsätzen eröffnen, sondern auch durch Menschen und Thiere 
durch die Importirung von vielen hunderten Eingeborener, von 
Karneolen, Zugthkren und Waaren konnte ein wahrheitgetreues 
Bild des Lebens und Treibens in Kairo ermöglicht werden. Diese 
Specialausstellung ist ein Studienobject, denn es ist dem Berliner 
und dem Fremden, der die Ge werbe-Ausstellung 1896 besucht, 
hier die Gelegenheit geboten, das Leben des muhamedanischen 
Orients, speciell seine eigenartigen und interessanten Sitten und 
Gebräuche zu studiren. 
Wer mit der Absicht den Boden von Kairo betritt, hier 
nicht nur sich zu amusiren, oder aus Neugierde „sich den Rummel 
mal anzusehen“, sondern gewillt ist, ein ihm noch fremdes, in sich 
abgeschlossenes und interessantes Volksthum kennen zu lernen, 
der findet hier Stoff für Bereicherung seiner Weltkenntniss in Hülle und 
Fülle. Zunächst erscheint es räthlich, den grossen Platz mit den 
eleganteren Bauten links Hegen zu lassen und sich mitten in das 
bewegtere Volksgetümmel zu stürzen, welches sich in den engen 
Strassen entwickelt. Dort umweht uns echt arabische Athmosphäre. 
Diese Strassen sind oft so eng, dass nicht zwei Wagen neben ein 
ander fahren können, bieten aber durch das belebte an den 
merkwürdigsten, fremdartigsten Scenen reiche Verkehrstreiben fort 
währende Anregung und Erheiterung. 
In diesen Strassen wimmeln neben Europäern, Afrikanern und 
Asiaten aller vorhandenen Stämme und Farben durcheinander: 
Nubier, Abessinier, Neger, Tuneser, Marokkaner; ferner Armenier, 
Kurden, Syrer, Perser, Turkomanen, Bocbarioten, Chiwaner, 
Afganen,' Hindus, Malayen etc. etc. — In allen nur denkbaren 
Tracifcen und Zierathen des Ostens wie auch des Westens be 
wegt sich diese Menge zu Fuss oder zu Wagen, auf Karneolen, 
Pferden, Eseln reitend durch die schmalen Passagen, welche noch 
dadurch verengt werden, dass sämmtliche Händler und Hand 
werker auf der Strasse vor ihren Läden sich aufhalten; ja auch 
mitten auf die Strasse hin legen sich die Fruchthändler einen 
Teppich und bieten ihre Waaren feil. — Dort zeigt ein Waffen 
händler seine kostbar eingelegten Gewehre, seine mit funkelnden 
Glas-Brillanten besetzten Dolche und Messer; Kabylen und Beduinen 
drängen sich um ihn, prüfen die Waffen, feilschen und streiten. 
Ein heftiger Zuruf lässt sie bei Seite treten; er kommt aus dem 
Munde eines hochthronenden Wagenlenkers, der sie auffordert, sich 
in Acht zu nehmen, Platz zu machen. — Vor einem kleinen 
Kaffee-Lokal, deren es im echten Kairo viele Hunderte 
giebt, sitzen einige Freunde im lebhaften Gespräch beim 
stark duftenden Mokka; sie rauchen alle aus dem 
curiosen »Nargileh«, den sie in Kairo »Schischa« nennen. — 
An einer Ecke stehen vier Volkskomiker; sic singen in gellendem 
Ton Volkslieder, meist spottenden Inhalts; sie hüpfen dabei von 
einem Bein aufs andere und schlagen sich gegenseitig auf die Backen, 
wobei sie, um Gelächter des Publikums zu erwecken, die Mützen vom 
Kopf werfen. — Eine Specialität von Strassenfiguren sind die tanzenden 
und heulenden Derwische, deren Aufführungen eine tiefere religiöse 
Bedeutung beiwohnt. Mit dem Singen und Paukenschlagen dieser 
Leute vermischen sich die Rufe der Verkäufer, welche ihre Waaren 
anbieten. Plötzlich tritt feierliche Stille ein; man hört die Glöck 
chen von dem Minaret der nächsten Moschee ertönen, und alsbald 
erscheint auf dem Balcon des Minaret der Muezzin, um die Ge 
betstunde zu verkünden. 
Typen aus Alt-Berlin. 
Der Wirth zum Landsknecht, ein Urwiener, begrüsst 
die Besucher seines einfachen, aber anheimelnden Lokals mit der 
bekannten österreichischen Liebenswürdigkeit. Ohne ihn indess 
überhaupt nur gesehen zu haben, wird man sogleich aus den 
Sprüchen, welche die Wände des Raumes zieren, constatiren können, 
dass er ein Hauptbuch besitzt und sein Geschäft kaufmännisch be 
treibt. Die Thüren im Deutschen Reiche und in dessen Haupt 
stadt dürften zu zählen sein, welche die Aufschrift tragen: 2Mit 
Gott«. Ein anderer Ausgang frägt die bedeutsame Uüberschritt: 
§ 11. Der Wirth heisst, wie die meisten Wiener in Berlin, Bauer 
und huldigt dem Grundsatz, möglichst wenig Biersorten zu führen, 
weil das Getränk, um frisch zu bleiben, laufen muss, und wenig 
Speisai, aber nach bekannter österreichischer Methode vortrefflich 
zubereitet. Der am Eingang befindliche, ziemlich lebensgrosse 
Landsknecht, eine bemalte Gipsfigur, fällt als Ehrengabe dem 
Gaste zu, der den grössten Bierconsum wählend da' Dauer 
der Ausstellung im Landsknecht nachzuweisen vermag. Es ist nicht 
unmöglich, dass Bauens Durst und Leistungsfähigkeit die bereits bei 
der Arbeit im Bierwettkampf befindlichen Bewerber siegreich schlägt. 
Bauer ist ein nicht grosser, beweglicher Mann, humorbegabt und 
angenehm im Umgang, er trägt den am Kinn ausgeschnittenen, in 
der österreichischen Monarchie beliebten Bart und hat natürlich 
als echter Wiener an Berlins Einrichtungen, für die er in seiner 
Heimath nicht genug Worte des Lobes finden kann, immer etwas 
zu nörgeln. Trotz der kurzen Zeit ist der Wirth zum Landsknecht 
bei den Bewohnern und Gästen von Alt-Berlin bereits eine 
populaire und beliebte Figur geworden. 
Der wendische Hochzeitszug wird an dem Tage 
an dem die Premiöre von Bleibtreu’s »Wendentaufe« stattfindet» 
zum ersten Mal die Strassen von Alt-Berlin durchziehen; in wenigen 
Tagen dürften die technischen und Beleuchtungs-Schwierigkeiten, 
welche eine Verschiebung des Schauspiels nothwendig machen, ge 
hoben und die Bewohner und Gäste von Alt - Berlin in der an 
genehmen Lage sein, dem wendischen Brautpaar und den Hoch 
zeitsgästen zuzujubeln. 
V 
Der Fesselballon dürfte am Mittwoch zum ersten Male 
aufsteigen. Mit der Füllung ist bereits Sonnabend Mittag be 
gonnen worden, doch geht sie nur langsam von statten, da die 
Bereitung des nothwendigen Wasserstoffgases auf unvorhergesehene 
Schwierigkeiten gestossen ist. Die Maschinen und Apparate zum 
Ab- und Aufwinden des Fesselseils haben die Prüfung vorzüglich 
bestanden und functioniren tadellos. 
S 
Das lenkbare Luftschiff des Herrn Dr. Wölfert 
wird, natürlich günstiges Wetter vorausgesetzt, Dienstag im Ver 
gnügungspark der Ausstellung landen. Montag Morgen ist 
der etwa vier Centner schwere Ballon nach dem Uebungsplatz der 
militairisehen Luftschiffer-Abtheilung in Schöneberg geschafft worden, 
um dort mit Wasserstoffgas gefüllt zu werden. Heute sind auch 
die Gondel und der Motor dorthin gebracht worden. Im Laufe 
des heutigen Tages gedenkt Herr Dr. Wölfert mit seinem lang 
jährigen Mitarbeiter Herrn Michaelis in Schöneberg aufzusteigen, 
um später hier im Vergnügungspark in dem für den Ballon ab 
gegrenzten Raum zu landen. Herr Dr. Wölfert, der als Luftschiffer 
in Berlin von früher her vortheilhaft bekannt ist, hat für seinen 
Ballon die ellipsoidische Form gewählt. Der Ballon, der eine länge 
von 28 m und an der stärksten Stelle einen Durchmesser von 
8'/ 2 m hat, ist aus je einer Lage Baumwolle und besten Seiden 
stoffes angefertigt, welche zum Zwecke der Undurchlässigkeit für 
Füllgas zwölf Mal gummirt sind. Er braucht zur Füllung 850 cbm 
Wasserstoffgas und ist im Stande, ein Gewicht von 19 ’/ 2 Centncrn
	        
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