Path:
Volume Nr. 18, 5. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

12 Qfficielle Ausstellungs-Nachrichten. 
' L ' ^ 
Häuptling, der recht gut spricht und sehr cultivirt erscheint, die 
Togoweiber sassen bei ihren Reistöpfen und rauchten Cigaretten. 
Verbotstafeln machen darauf aufmerksam, dass keine Geschenke an 
die Wilden verabreicht werden dürfen. Bell junior stand bei unserem 
Besuch vor dem Kamerunhaus in eleganter, europäischer Kleidung, 
ein Zipfel seines Taschentuchs lugte kokett aus der Brusttasche. 
\ 9 
Ueber die Anzahl der Restaurants, Bierhallen, 
Cafes und sonstigen »feuchten Lokale« jeglicher Gattung auf dem 
Ausstellungsterrain hatte man vor der Eröffnung vielseitig die 
Köpfe geschüttelt und jene »Weisen«, die allzeit Unheil wittern, 
prophezeiten, dass dieser Wettbewerb ein verderblicher für die Be 
theiligten werden müsse. Heute ist auch diese Besorgniss bereits 
widerlegt. Trotzdem der Besuch der Ausstellung naturgemäss noch 
lange nicht auf der voraussichtlichen Höhe steht, machen alle Lokale 
gute, viele derselben sogar sehr gute Geschäfte, und wieder zeigt 
es sieh, dass der Berliner auch auf dem Gebiet des »Kneipens« 
dem bayerischen Reichsbruder erfolgreiche Concurrenz macht. 
a) In der Ausstellung. 
Spaziergänge in Kairo. 
i. 
Das Gesammtbild. 
[Abdruck untersagt.) 
Endlich einmal warf von oben eine strahlende Sonne grelles 
Licht und scharfen Schatten auf die Mauern und Simse, endlich 
spannte sich ein reines Blau über die Kuppeln und Dächer der 
arabischen Stadt, die über Nacht, wie ein Märchen aus Tausendund 
eine Nacht, hervorgezaubert wurde aus dem Sande der märkischen 
Haide. Gerade zu rechter Zeit, zu pünktlicher Stunde, als zum 
ersten Male die Plätze, die Strassen und Gassen des neugegründeten 
Kairo mit wimmelnder Menschenmenge sich bevölkerten, zeigte es sich 
in seinem besten Lichte: im Sonnenschein des blauen Firmamentes. 
Noch am Tage der officiellen Beleuchtungsprobe war die geflügelte 
Sonnenscheibe, die als vielverwandtes, ui ältestes Wahrzeichen die 
altegyptisehen Tempelpforten ziert, hier ein unverständliches Symbol; 
trübe, grau und dämmerig lagerten die Gebäudemassen unter dem 
missgestimmten tropfenden Himmel, schwer und gedrückt. Und 
nun mit einem Male, seit Sonnenglanz darüber ausgegossen 
Ist, ersteht das Wunderwerk in schmucker Reinheit und schimmern 
der, heiterer Buntheit, leicht und keck recken sich die schlanken 
Thürme, und die Linien der Kuppeln schwellen feingeschwungen. Es 
braucht diese Architektur Arabiens ihre blendende Lichtfülle; diese 
Wandflächen müssen leuchten, und die Farben ihrer Bemalung 
wollen gegen eine klare Luft stehen, zu deren reinem Kobaltblau 
sie feintönig abgestimmt sind. Dann ist auch die charakteristische 
Stimmung da, das echte Lokalcolorit, das harmonische Bild. 
So vermag diese künstliche, in eine fremde Umgebung ver 
pflanzte Welt die schlagende, bestrickende Wirkung der echten 
Natur hervorzubringen. Sind wir unter einem mächtigen Eingangs 
thor, dem stolzen Bab el Futüh, hindurchgeschritten, so stehen wir 
geblendet und gebannt inmitten eines weiten Platzes. Auf seinem 
hellen Sande erheben sich, soweit der staunende Blick reicht, die 
fremdartigen Bauten der grossen egyptischen Hauptstadt, imposante 
Prachtmonumente um wunderliche Häuserchen, Moscheen mit ihren 
Kuppeln und Minarets, Wohngebäude mit ihren Dachterrassen, 
ein malerisches Bild in reizvollen Linien und Farben. Man ver 
gisst, dass man soeben die Coepenicker Landstrasse verlassen hat; 
die Täuschung ist zwingend. Es ist nicht blos eine billige 
Theater-Illusion, der wir uns mit gutem Willen entgegenkommend 
hingeben. Denn das da vor uns sind ja nicht Coulissen, die 
nur von einer Seite betrachtet werden dürfen, denen man nicht 
nahe kommen darf, ohne durch die Erkenntniss des plumpen 
Betruges jäh ernüchtert zu werden. Hier dürfen wir getrost 
dem starken Drange folgen, der uns treibt, in diese Welt 
lockender Wunder einzutreten. Hier trügt nicht der Schein, hier ist 
greifbares Sein, plastische Natürlichkeit, echte künstlerische Künst 
lichkeit. Erst beim Nähertreten werden wir der zahllosen Fein 
heiten gewahr, die hier angehäuft wurden, der edlen Details, die 
mit geschmackvollem Verständniss ausgewählt und mit kunst 
vollem Fleiss nachgebildet wurden. Im Schatten dieser 
Mauern erst umfängt uns die Atmosphäre arabischer Cultur, 
hält uns das intime Milieu einer arabischen Stadt befangen. 
Langsam, bei jedem Schritt fast innehaltend, wandelt man durch 
diese Gassen, die in malerischen Winkelzügen bald sich erweitern, 
bald eng sich wieder zusammenschieben, und schaut hinauf zu dem 
zierlichen Stabwerk der Fenstergitter, der Erker und Balustraden. 
An jeder Ecke eine neue Ueberraschung, neues Staunen und Ent 
zücken: ein kostbarer Brunnen, ein Durchblick auf Seitengassen 
und Innenhöfe. Dann wieder durch ein gewaltiges Thor, und wir 
stehen vor dem gewaltigen Portal einer Moschee; feinkantige Säulen 
schäfte mit reichen Capitalen stützen die eleganten Kiel- und Huf 
eisenbögen, um die sich bunt gemustertes Ornament in breiten Re- 
lief.bändem schlingt. Und von den Stufen des Gebethauses herab 
schweift dann das nimmersatte Auge wieder über die sonnigen Plätze 
und zählt die schlanken Spitzen der Minarets, die hell in die blaue 
Luft ragen. 
»Lasst mich stehen, lasst mich schauen!« 
Doch bei all’ dem Schauen und Gemessen ermüden die Sinne 
nicht, die immer wieder angeregt werden durch den Wechsel des lebendigen 
Zufalls, des malerischen Lebens. Nicht etwa nur, weil das land 
schaftliche oder architektonische Bild von der bunten, lauten und 
beweglichen Staffage des Kaironer Volkes und seiner leibhaftigen 
vierfüssigen Begleiter belebt wird. Das freilich kommt hinzu, den 
ganzen behaglichen und intensiven Eindruck zu verstärken. Aber 
auch ohnedies würden die Bauwerke an sich in ihrer Composition 
niemals die fade Uebersättigung und Abspannung einer Museums 
wanderung hinterlassen. Dieses Arrangement hat seine besonderen 
erfrischenden Reize. Hier kann Jeder seine eigenen malerischen 
Entdeckungen machen. Von jedem neuen Standpunkte, in jeder 
anderen Stimmung ein neues, anderes Bild. — Welche Pracht, 
wenn bei sinkender Sonne die tiefblaue Silhouette vor dem 
goldenen, purpurnen Abendhimmel steht! 
Dass diese ganze Nachbildung in Aufputz und Ausputz nirgend 
den Eindruck des Theatemässigen, des Schaubudenhaften und des 
Provisorischen erweckt, sondern überall das anheimelnde Gefühl von 
Echtheit, Wirklichkeit und respectabler Gediegenheit beständig erhält, 
ist das anerkennenswerthe Verdienst der Baumeister, die sich nicht 
mit wohlfeilen Mitteln und oberflächlichen Effecten nur begnügen 
wollten, sondern sich von vorzüglichen künstlerischen Gesichtspunkten 
leiten liessen. Und so ist denn ein gutes Stück bester muhame- 
danischer Kunst aus dem alten Kairo zu uns nach Treptow herüber 
gebracht worden. Auch das technische Geschick, mit dem die einzelnen 
Gebäudecopieen zu einer malerischen Gesammtarchitektur, zu einem 
charakteristischen Stadtbild des modernen Kairo zusammengefügt 
sind, muss als eine Leistung anerkannt werden. Denn die ganze 
grosse ägyptische Weltstadt, muss man wissen, zählt über 
400000 Einwohner, die in 400 Moscheen ihre Gebete verrichten. 
Das Kairo, nach dem wir mit unserer Stadtbahn hinausfahren 
können, konnte nur, in bestimmten Grenzen zusammengedrängt, 
eine Darstellung der wesentlichen Charakterzüge aus der Physiognomie 
der grossen und reichen Stadt geben. Durch eine äusserst geschickte 
Disposition nun ist es den Erbauern von Neu-Kairo geglückt, auf 
beschränktem Raume dennoch eine grosse räumliche Wirkung zu 
erzielen, und, indem sie zwar nur ein Stück von Kairo gaben, 
dennoch kein Stückwerk zu liefern, sondern ein in sich ab 
geschlossenes Bild 
Aber man hat sich damit nicht genug sein lassen und hat 
auch die Umgebung der Stadt mit in das Bereich der Darstellung 
gerückt: die benachbarte Wüste, das Hochplateau von Memphis mit 
der Pyramide des Cheops, und weiterhin die altegyptisehen Tempel, 
den am Sethosbrunnen und den von Edfu mit den Riesenmonu 
menten der Ramses davor. Dazwischen wiegen sich die Palmen 
wipfel und beschatten ein Fellachendorf mit seinen primitiven 
Iandwirtbsckaftlicken Betrieben.
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.