Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officieffe fiusstelhmgs - Nachrichten.
der Kaiserin in Krystallrahmen stürzte ohne äussere Veranlassung
von der Wand, an der es hing, herab und zerschlug mehrere kost
bare Glaspokale und Becher,' welche einen Werth von ungefähr
970 Mark haben. Der Krystallrahmen' des Bildes blieb merk
würdigerweise unversehrt. Wir führen diesen Fäll deshalb an,
weil er sehr geeignet erscheint, alle Aussteller zur Vorsicht zu
mahnen. Das Bild, welches den Schaden verursachte, fiel herab,
da es wahrscheinlich nicht sorgfältig genug befestigt war. Bei der
ausserordentlichen Bast aber, mit welcher in den letzten Stunden
vor der Eröffnung die Einräumungsarbeiten erfolgt sind, ist vielfach
die nöthige Sorgfalt, ja die Vorsicht bei der Aufstellung und Be
festigung der Ausstellungs-Objecte ausser Acht gelassen worden.
Bezüglich des Eisenbahn-Verkehrs nach und von
der Ausstellung schreibt man uns:,' Unserer Elsenbahnverwaltung
darf das Zeugniss nicht versagt werden, dass sie Vieles aufgeboten
hat, um allen Anforderungen, die der voraussichtlich gewaltige
Verkehr. zwischen Stadt und Ausstellung an sie stellt, befriedigend
zu entsprechen. Wenn trotzdem, constatirt werden muss,
dass am Eröffnungstage und am ersten Sonntag nach dem-
delben die • Beförderung namentlich der heimkehrenden Besucher,
manches zu wünschen übrig liess,: so soll dies; :kein Tadel,
sondern nur eine Anregung für. die betreffenden Organe sein, bald
möglichst für die Abschaffung dieses Uebelstandes Sorge zu tragen,
damit Fälle, wie sie am Sonntag in Erscheinung traten, sich nicht j
mehr wiederholen. Den Schreiber dieser Zeilen rief, um nur per- ;
sünlich Erlebtes anzuführen, seine Berufspflicht in ein .Theater, das .
um 8 Uhr begann. Er bestieg mit den Seinen um 7 Uhr in
Treptow einen Ringbahnzug, der nichts weniger als stark besetzt
war, in der sicheren Voraussicht, dass er längstens 7 1 / i Uhr auf dem
Potsdamer Bahnhof anlange. Statt dessen lief der Zug um S 1 /* Uhr
daselbst ein, nachdem er auf freiem Felde nicht weniger als sieben Mal
gehalten und auf der Station Schöneberg einen viertelstündigen
Aufenthalt gehabt hatte. Auf die ungestümen Fragen der Passa
giere nach der Ursache dieser colossalen Verspätung auf einer
Strecke von etwa 23 Minuten, wurde die Antwort ertheilt, dass
vor dem Potsdamer Bahnhof so viele Züge lägen, dass eine Einfahrt
nicht zu ermöglichen sei. Wir sind in die technischen Geheim
nisse des Verkehrs zu wenig eingeweiht, um die Ursachen dieser
Anhäufung von Zügen zu begreifen, soviel aber glauben wir an
nehmen zu dürfen, dass baldigst Dispositionen getroffen werden
müssen, um derlei Zwischenfälle zu vermeiden, die sich, wenn der
Verkehr erst seine vollen Dimensionen annimmt, als ausserordentlich
unerquicklich erweisen dürften.
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Die Architekten der Ausstellung haben noch mit
Bauten allenthalben zu thun, selbst die Kuppelhalle, in welcher
die Eröffnungsfeier stattfand, ist noch nicht vollendet. Die Fertig
stellung sämmtlicher offleieilen Bauten soll nunmehr bis zum 11. Mai
ermöglicht werden. Auch eine Anzahl von Privat-Pavillons sind
noch im Bau.
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In den frühen Morgenstunden kann man in den
Arkauen des grossen Hauptausstellungsgebäudes ein interessantes
Treiben beobachten. Die Kellner des Cafe Bauer bilden Gruppen,
ein Theil ist beim Frühstück, ein anderer steht plaudernd umher,
einzelne dehnen und recken sich hinter den dicken,
schützenden Säulen. Aus den grossen Buffets klingt und klirrt
das Porzellan und Silberzeug. Die schmucken Buffetdamen
befestigen hier und da noch eine Blume im Haar oder am
Busen, zupfen die Falten in den , Kleidern zurecht, ordnen
Bänder und Schleifen, sie vermissen dabei schmerzlich den ge
wohnten und geliebten Spiegel. Im Schreibraum der Post sind
viele Pulte besetzt; Besucher, Aussteller, Angestellte, Arbeiter, kurz
allerlei Männlein und Weiblein erledigen hier die Correspondenz.
Auf einer Ruhebank schlummert ein älterer Herr, über den ein
eben vorbei defilirendes Rudel Putzfrauen allerhand Bemerkungen
macht. Vor den Eisenthoren zur Hauptkuppel harren Einlasssuchende,
der Pförtner, uniformirte Diener des Arbeits- Ausschusses schleppen
Bronzen, Uhren, Flambeaus und Gemälde in kostbaren Rahmen als
Decorationsstücke in die Bureaux. Vor den Schaukästen, in welchen
die Diplome über die Eintragungen in das goldene Buch der Stadt
Berlin ausliegen, erörtern ein paar fremde Besucher die Frage, ob
sie die Mark opfern wollen, um ihre Namen in Berlin zu ver
ewigen. An dem prachtvollen romanischen Brunnen von Gebrüder
Zeidler aus schlesischem Sandstein, welcher für das romanische
Haus gegenüber der Kaiser Wilhelm-Gedächtnisskirche ausgeführt
wurde, werden noch ganz kleine Nachhilfen gegeben, und der Staub vom
vorigen Tage wird entfernt. Vor Stau gen's Reisebureau sendet ein in
gelbe Seide gekleideter Egypter Dampfwolken aus seiner Cigarette
in die Luft. Ueber den Thüren der einzelnen Abtheile werden die
letzten goldenen Aufschriften angebracht. Im Saal der Presse ist ein
Neger in Livree mit dem Aufräumen beschäftigt. Er bringt Couverts
und Briefbogen auf die Pulte, sieht Federn und Schreibzeuge nach,
staubt ab. Fast alle Pulte sind belegt, die Herren haben theils
den Kopf der von ihnen vertretenen Zeitung oder ihre Visiten
karten an ihrem Pult befestigt, auch Damen befinden sich unter
den Pressleuten. Stehen gebliebene Regenschirme,' umherliegende
weisse, einzelne Handschuhe, dolchähnliche, ellenlange, mörde
rische Scheereri sind vom Eröffnungstage zurückgeblieben.
Iih grossen Lesesaal, einem imposant ausgestatteten, kreis
förmigen Raum, wie er wohl kaum auf einer europäischen Aus
stellung dem Publikum je zur Verfügung gestanden hat, werden die
Zeitungen für den Tag geordnet, ein einziger Mensch sitzt über
eine Zeitsclirift gebeugt in der grossen Halle, und man hat genügend
Zeit und Gelegenheit, sich Einrichtung und Ausstattung anzusehen.
Ein dichter, weicher Riesenteppich bedeckt den Fusshoden, schwere
eichene, mächtige I^setische stehen inmitten des grossen Raumes,
bedeckt mit Prachtwerken, Zeitschriften, auch solchen mit Reliefdruck
für Blinde. Ueber den Riesenschränken hängen Gobelins an den
Wänden. Auf den Schränken stehen die Büste des Kaisers und
zahlreiche schöne Bronzefiguren, Vasen, reich ornamentale Ge fasse.
Zur Benutzung laden bequeme Fauteuils, Schaukelstühle und breite
Diwans ein, prächtige indische und persische Shawls und Portieren
vervollständigen die Ausstattung des schönen und dabei doch be
haglichen Raumes, ein sprachkundiges, gewandtes Personal ertheilt
bereitwilligst Auskunft.
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Das Hiesenfernrohr, das jedenfalls eine der grössten
und interessantesten Attractiohen der Ausstellung bilden wird, wie
die Schaaren von Besuchern bewiesen, die bereits nach dessen
Standpunkt, ' allerdings vergeblich, strömten, dürfte seiner Be
stimmung erst in etwa 14 Tagen übergeben werden. Die Röhren.
Linsen etc. sind zwar bereits eingetroffen, doch werden noch ver
schiedene Nebentheile im Laufe der nächsten Tage erwartet. Uno
da die überaus schwierige Montage ebenfalls längere Zeit in Anspruch
nhnmt, wird man an einen früheren Termin der Fertigstellung nicht
denken dürfen.
V
Die Sanitätswache und die Unfallstation auf
dem Ausstellungsterrain, welche von Angestellten und Arbeitern
täglich mehrfach in Anspruch genommen werden/ wären am ersten
Sonntag schon in der Lage, den Besuchern der Ausstellung Dienste
zu leisten. In der Sanitätswache in der Nähe des Hauptportals
suchten ein Herr wegen Wadenmuskelkrampf und eine Dame wegen
Kopfkrampfes Hilfe. (Es würden von Sonntag Mittag bis Montag
Mittag in der Sanitätswache , überhaupt 22 Fälle behandelt). In
der Unfallstation am Ende des südlichen Wandelganges liess sich
am Sonntag eine Besucherin eine Fingerwunde verbinden.
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Umringt von Besuchern, unter denen besonders die
Knaben ein sehr hochgradiges Interesse zeigten, waren am Montag
die Schwänzen in der Colonial-Ausstellung. Die Neger waren am
östlichen Ausgange der grossen Tembe wieder mit Hüttenbau be
schäftigt. Es war ein reichliches Dutzend Männer, die hohe Pfähle
aufrecht in die Erde rammten, mittels Bast Querstangen daran
banden und die Zwischenräume oder Masclien mit Schilf oder
Blattwerk durchflochten. Ein eisiger Wind fegte durch die Tembe
und die Dörfer, die Leute trugen deshalb warme Kleider nach
europäischem Schnitt. Die Suaheli fröstelten unter den rothen
Wolldecken, ein junges Weib führte in einer Art Verkleidung
einen komischen Tanz im Hofe auf, worüber die kleinen Schwarzen
und die Zuschauer herzlich lachten, die schwarzen, frierenden Männer
heuchelten gute Laune, aber es kostet sie Anstrengung. Eine
Dame unterhielt sich in englischer Sprache mit dem bärtigen Togo-
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