Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

io Officielse AussteHungs-Nachrichten.
14. Ob Aussicht ist, dass das Gasglühlicht das elektrische
Licht gänzlich verdrängen wird?
Gnädigste, wir haben diese und die weitere Liste Ihrer Fragen
unserem erwähnten Reporter, als er einmal besonders guter Laune
wär, mit der Bitte unterbreitet, er möge die zugehörigen Ant
worten mit jener Schnelligkeit besorgen, die man von unserer
Höflichkeit erwartet. Nun, wir waren ja auf einen kleinen Sturm
gefasst — dass es aber den Mann so angreifen wird, haben wir
doch nicht erwartet. Beim Durchlesen Ihres Fragezettels wurde
er bleich und bleicher —, und er war noch nicht fertig als er
ein Wuth-, und Klagegeheul ausstiess, aus welchem wir nur
die Worte — Dalldorf — fünf unversorgte Kinder — zu Grunde
gehen — vernehmen konnten, und er verliess uns zur selben Stunde.
— Wir recherchirten nach ihm und erfuhren, dass er am
städtischen Steinlagerplatz mit Steineklopfen bescheiden seinen
Broderwerb sucht. — Schade um den Mann, er war zu etwas
Höherem fähig.
Nun sind wir aber in einiger Verlegenheit, umsomehr, als Sie
uns weitere Fragen in Aussicht stellen, und wenn wir auch die
Beantwortung einiger Fragen entschieden ablehnen, wie z. B.:
1. Warum man zum Aufsichtsdienst nicht ausschliesslich
decorirte Krieger aus 1870—71 verwendet hat?
2. Ob in, der Ausstellung wirklich , nur reine Naturweine
credenzt werden?
3. Ob in der Gruppe XII nicht hier und da die sämmtlichen
Musikinstrumente, gleichzeitig’gespielt werden?
4. Warum in der Gruppe XVI (Papier-Industrie) so viel Holz
ausgestellt ist?
5. Warum in der Gruppe II (Bekleidungs-Industrie) die
Balletcostüme fehlen ?
6. Ob man im Karpfenteich selbst Fische fangen darf?
7. Ob man im Alpenpanorama auch echten Tiroler Wein und
grauen Käs’ erhält?
So bleiben noch genügend offene Fragen übrig, welche den
Redactions-Mitgliedem schwere Sorgen bereiten.
Aber legen Sie sich nur keinen Zwang auf. Wozu ist denn
eine Redaction da, als um die Fragen aus dem Publikum zu beant
worten! Bitte sich auch nicht ausschliesslich auf die Ausstellung
zu beschränken. Wir wissen, Ihr hoch entwickelter Wissensdrang
bedarf keiner Aufmunterung; für alle Fälle machen wir Sie auch
noch auf einige neue Felder für Ihre Frageliste aufmerksam. Bitte
fragen Sie: über Schmuckfedern, Emailgeschirr, Goldwaaren,
Petroleumgaslicht, Kartoffel-Ernte, Falb’sche Theorie, Sammetstoffe,
Windmotoren, kosmologische Probleme, elektrischen Drehstrom,
Röntgen-Strahlen, Puddelöfen, Aether-Theoric-Wurfmaschinen etc. etc.
Bitte nur zu fragen; immerzu, jetzt sind wir bereit, Ihre
Fragen anzunehmen.
Morituri te salutant! J. K.
Gegen 60 000 zahlende Besucher hatte die Aus
stellung am ersten Sonntag, trotz des kalten, regnerischen,
stürmischen Wetters. Eine genaue Fesstellung der Zahl ist deshalb
nicht möglich, weil auch die Eisenbahnstationen und Dampfschiff
fahrtsgesellschaften Eintrittskarten verkaufen und die Kasse der
Ausstellung mit diesen Instituten nur wöchentlich abrechnet. Der
Besuch der Ausstellung war nicht nur ein sehr befriedigender,
sondern übertraf alle Erwartungen, die man bei dem
miserablen Wetter verständiger Weise* hegen durfte.
Das grosse Interesse, welches der Kaiser der
Unfallverhütung einerseits, der Ausstellung andererseits entgegen
bringt, beweist nachstehender Fall: Der ehemalige Metallarbeiter
Marawske, welcher in der Lampenfabrik von Holly durch Ueber-
heben einer Messingplatte verunglückt und Invalide geworden
war, hatte eine Vorrichtung zur Verhütung von Unfällen der
Berufsarbeiter beim Reinigen der Dächer (Feuerwehr, Dach
decker , Klempner, Schornsteinfeger) erfunden. Diese Er
findung war Herrn Marawske patentirt worden, jedoch war
der Verunglückte der hohen Kosten wegen nicht in der
Lage, seine Erfindung praktisch zu verwerthen. Er wandte
sich in einem Immediatgesuch an den Kaiser, welches zur Folge
hatte, dass Herrn Marawske nicht nur ein Geldbeitrag zur Fertig
stellung seiner Erfindung durch Vermittelung des zuständigen
Ministeriums überwiesen, sondern dem Erfinder auch auf Vor
stellung des Hofmarschallamtes bei dem Vorstand der Gewerbe-
Ausstellung ein Freiplatz zur Vorführung seiner Schutzvorrichtung
bewilligt wurde.
S
Die Probe ist bestanden! Der hartnäckigste Optimist,
und sei er noch so echt in der Wolle gefärbt, wird nicht be
haupten können, dass der Himmel am Sonntag unserer Ausstellung
auch nur einen freundlichen Blick schenkte oder das mindeste
Verständniss für die Bedeutung dieses ersten Sonntags im
Treptower Park hatte. Der eisige Regen, der hartnäckig von ein
Uhr ab auf Beschirmte und Unbeschirmte aus dem grauen Wolken
meer herniederfiel, der unhöfliche Sturm, der unerbittlich mit
vollen Backen in die Ausstellungsherrlichkeit hineinblies, die
ältesten Bäume und die jüngsten gärtnerischen Anlagen unter
seinem Hauch erbeben liess und ganz besonders die Blumen
zier der Damenhüte seiner feindseligsten Aufmerksamkeit würdigte,
waren wohl geeignet, jegliches wärmere Gefühl für das da draussen
Gebotene zu ersticken und den Geist der Nörgelei, der ja bekannt
lich im Busen jedes Berliners schlummert, wachzurufen. Dass dies
nicht der Fall war, dass man die Unbilden der Witterung mit
Ruhe und wohlwollendster Gelassenheit ertrug und trotzdem nur
Worte der Anerkennung für das Gebotene hatte, darf als eine voll
haltige Stichprobe für die Güte desselben betrachtet werden und lässt uns
fast weniger bedauern, dass der erste Sonntag ein so unwirscher war.
Naturgemäss trieb der den Aufenthalt im Freien erschwerende Regen die
zahlreichen Besucher vorwiegend in das geräumige Haupt-Gebäude,
das denn auch den ganzen Tag über dicht gefüllt war, und hier
hörte man nur Ausrufe des Staunens und Entzückens über all die
Schönheit und Pracht, die sich den Augen von Kennern und Laien
darboten und in Jedem das stolze Gefühl wachriefen, dass die Berliner
Industrie hier ein Bild ihres eminenten Könnens geschaffen, das
Allen unvergesslich bleiben wird, die unsere Ausstellung besuchen.
Dass der mächtige Kuppelsaal in seiner unvergleichlich farbenprächtigen
und künstlerisch - vollendeten Ausschmückung eine geradezu
fascinirende Wirkung auf Alle übte, die ihn zum ersten Male sahen,
ist selbstverständlich; aber nicht minder fand das, was die einzelnen
Gruppen im weiten Innenraum boten, die rückhaltloseste Bewunderung
der zahlreichen Besucher, und allseitig wurden die bedeutenden
Opfer an Arbeitskraft und Geldmitteln voll gewürdigt, die fast alle
Aussteller hier der hauptstädtischen Industrie in voller Hingabe
an die grosse Idee gebracht haben. Man hat so viel darüber
discutirt, dass so Manches auf unserem Ausstellungsterrain noch
nicht vollendet sei, und manches Tadelsvotum von Berufenen und
Unberufenen fand williges Gehör in der breiten Menge. Dem
gegenüber freut es uns, die vernünftige Bemerkung eines Ur-
berliners, die wir am Sonntag vernahmen, hier der Oeffentlichkeit
übergeben zu können: »Weesste, Mutter, da sagen se immer, es is
nischt fertig. Na, bis se dess, wat fertig is, alles gesehen haben,
iss det Bischen, wat fehlt, dreimal fertig.«
»
Die elektrische Beleuchtung der Ausstellung
macht jetzt rasche Fortschritte. Wie wir bereits meldeten, erhielten
am Sonntag das nasse Viereck, das Hauptrestaurant und die nörd
liche Wandelhalle, sowie die Marineschauspiele Licht. Bis Mitt
woch Abend wird auch die südliche Wandelhalle, die Umgebung
des »Neuen Sees« und der Platz vor dem Hauptgebäude mit dem
Cafe Bauer erleuchtet sein. Die vollständige elektrische Beleuchtung
der Ausstellung wird bis zum 15. d. Mts. nach Versicherungen
der Elektrotechniker durchgeführt sein.
S
Gegen tausend Mark Schaden hatte am Mcmtag die
Firma A. W. Arlt (No. 1041 des Kataloges), welche im Haupt
gebäude in der Gruppe 5 Glaswajyen ausgestellt hat. Ein Bild
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