Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Gfficielle Ausstellungs-Nachrichten. 9
— »i
hauem Leux und Burger nach dem Entwurf des erstgenannten
Künstlers ausgeführte Consolefiguren einen reizvollen Abschluss
der Architektur des Wasserthurms. Biese Figuren, eine männliche
und eine weibliche, repräsentiren die Gewalten des Wassers;
kräftig in der Form und schwungvoll in der Linie, von Schilfrohr,
Netzen und allerhand Seegethier umgeben, sind diese Figuren von
ausserordentlich malerischer Wirkung und passen durchaus in den
Kähmen ihrer Umgebung.
Offener Ausstellungs-Brief an eine ganz besonders
Neugierige.
[Abdruck untersagt }
Hochverehrte Gnädige!
Alles was Recht ist — aber Sie fragen — so scheint es uns
wenigstens — doch etwas zu viel!
Als unser Briefkasten-Onkel Ihr hochgeschätztes Schreiben ge
lesen hatte, entrang sich seiner Brust vorerst ein tiefgefühlter Seufzer,
und dann rief er — verzeihen Sie, was er rief ist Redactions-
geheimniss und muss es auch bleiben. Was glauben Sie denn, wie
viel eine ganze Redaction“ antworten kann? Wir sind doch — so
zu sagen — auch nur Menschen — und der Fall, dass ein Re
dactionsmensch einmal etwas nicht weiss — ist durchaus nicht
ausgeschlossen. Aber mit echt weiblicher Berechnung wenden Sie
sich an unsere menschlichste Eigenschaft -— an unsere Eitelkeit —-
und Ihre Klugheit soll Sie nicht getäuscht haben; denn gerade diese
unsere Eitelkeit hat uns zu dem Versuch veranlasst, Ihre 42 Haupt
fragen, von denen einige bis zu 5 Nebenfragen vervollständigt sind,
so weit es uns möglich ist, zu beantworten; vor Allem müssen wir
Ihnen aber das aus tiefster Ueberzeugung stammende Zeugniss aus
stellen: Fragen — das können Sie!
Bezüglich einiger Fragen ist Ihre zu so hoher Entwickelung
gelangte Wissbegierde leicht zu befriedigen:
1. Ob der beim Treptow-Bahnhof verkaufte Honig echt ist?
2. Ob die im Chemie-Palast verkäufliche Seife: a) wohl
riechend ist; b) gegen rauhe Haut schützt? c) den Teint sichert;
d) wenig Soda und e) etwas Glycerin enthält?
3. Ob das in Treptow erzeugte künstliche Eis dieselben Eigen
schaften hat wie natürliches Eis?
4. Ob dreischarige Pflüge wirklich den mehrscharigen vor
zuziehen sind?
5. Ob die Berliner Hütte im Alpenpanorama wirklich so
aussieht?
6. Ob man in der »Bodega« auch spanische Weine trinken
kann?
7. Ob der Halsring vom Rathbaus in Alt-Berlin wirklich echt
ist, und s. Z. in Verwendung war?
8. Ob das »Tucherbräu« in der Ausstellung genau so gut
ist, wie in der Taubenstrasse?
9. Ob »Loeser L Wolfs« in der Ausstellung andere Cigarren
verkaufen wie in der Stadt?
10. Ob man durch das Riesenfernrohr auch bei Tage etwas sieht?
11. Ob der Riesenwasserthurm nach Beendigung der Aus
stellung stehen bleibt?
12. Ob man im Neuen See auch schwimmen kann?
13. Ob die auf der Bühne des Theaters Alt-Berlin auftretenden
Thiere genügend gezähmt sind, ob insbesondere a) der junge Bär
älter als zwei Jahre ist, b) "ob die Kameele auch wirklich in der
Wüste waren, c) ob die beiden hübschen Esel thatsächlich aus
Egypten oder aus der Mark Brandenburg stammen?
14. Ob die Neger in der Colonial-Ausstellung echt und ob die
Männer dieser Truppe alle verheirathet sind?
Wie gesagt, das sind Fragen, die uns nicht ängstigten. Wir
haben einen unserer rührigsten, ausdauerndsten und geriebensten
Reporter — im Vertrauen, er war gleich auf Sie nicht gut zu
sprechen — mit diesen Ihren Fragen in die Ausstellung entsendet
und können nun versichern, dass derselbe mit zähester Rücksichts
losigkeit sein Ziel verfolgte und vor keiner Schwierigkeit zurück
schreckte. Auf Grund seiner gründlichen Recherchen und Forsch
ungen müssen wir nun alle jene 14 Fragen mit einem gediegenen
»Gencral-Ja«. beantworten.
Sie zweifeln, gnädige F.au? Nun dann können und müssen
wir Ihnen enthüllen,' dass die zugehörigen „Special-Ja’s“ von den
betreffenden Erzeugern, Eigenthümern, Constructeuren. Credenz«
jungfrauen u. s. f. selbst abgegeben worden sind, und Sie werden
uns gütigst zugeben, dass die es doch wissen müssen.
Etwas Anderes ist es mit Ihren wetteren, zum Theil trans
cendentalen Fingen. Ba ist zum Beispiel eine, deren Beant
wortung uns arge Schwierigkeiten bereitet: Ob die Ausstellung den
betheiligten Thieren in Kairo — Alt Berliner Theater etc. auch
eine Freude macht, und ob es möglich ist, denselben die Be
deutung des gezollten Applauses zum Bewusstsein zu bringen,
und wie?
Bas ist nun eine heikle 8»"' °?
Wir haben uns deshalb mit einem tüchtigen Thierpsychologen
in’s Einvernehmen gesetzt. Ber gute Mann hat jahraus, jahrein mit den
verschiedensten Thiergattungen zu thun, die er mit aufopfernder
Sorgfalt beobachtet, und er hat bereits überraschende Entdeckungen
über die geistigen Fähigkeiten der Thiere gemacht. Sein aus
schliesslicher Umgang mit unseren Miterdenbewohnern zweiter und
selbst dritter Güte dürfte Veranlassung sein, dass dieser würdige
Gelehrte und treffliche Denker etwas einseitig geworden ist, und
wir scheuen uns fast, sein Urtheil in dieser Sache ohne Weiteres
I zu veröffentlichen. Er ist nämlich in Folge der fortwährenden
psychologischen Vergleiche dahin gekommen, dass er über die
Menschen gar nicht mehr gut denkt, und so behauptet er denn,
dass es. ihm nicht die geringsten Schwierigkeiten bereiten würde,
einem Pferde, Kameele, Hunde, Rinde,'ja sogar einem Schaf und
einem Esel das freudige Ereigniss eines Applauses vollkommen zum
Verständniss zu bringen; nur meint er, dass wohl die meisten Be
sitzer solcher Thiere in gewohntem menschlichen Egoismus gar
nicht daran denken, dem applaudirten Thiere das Wohlgefallen der
Menge zu erläutern, dass sie — die Besitzer — vielmehr den
Applaus als etwas ihnen persönlich Gebührendes betrachten.
Ihre weiteren Fragen »nach den seelischen Vorgängen eines
Droschkengauls beim Anblick der elektrischen Eisenbahn« haben wir
diesem würdigen Herrn ebenfalls, aber mit der durch die Umstände
gebotenen Vorsicht zur Beantwortung vorgelegt. Die Wirkung war
überraschend!
Vorerst wurde er puterroth am ganzen Kopfe, dann starrte
er uns der Reihe nach an, nahm polternd Hut und Stock, warf uns
die Frage entgegen, ob wir glaubten, dass er unser Narr sei und
lief schimpfend davon! Jedenfalls ein Sonderling; und wir erzählen
Ihnen, sehr verehrte gnädige Frau, diese kleine Episode nur des
wegen, um Ihnen zu zeigen, dass selbst Männer mit tiefem Ein
blick in die Geheimnisse der Natur nicht immer gern antworten.
Sie fragen ferner:
1. Warum Herr C. R. Meyer Holz und nur Holz ausgestellt hat?
■ 2. Warum » Aschinger« nicht noch mehr Bierquellen eröffnet hat?
3. Warum die Militair-Musik-Dircctoren gar so wenig Stücke
aus Wagnerischen Opern blasen lassen?
4. Warum A. Hefter auch »Strassburger« und nicht ausschliess
lich »Berliner« ausstellt?
5. Wie viele Kilogramm Kupfer zu den elektrischen Leitungen
und Apparaten verwendet wurden?
6. Ob die Nahrungsmittel im »Speisehaus für weibliche Ange-
gestellte« für Männer wirklich ungeniessbar oder schädlich wären?
7. Warum bei der elektrischen Naglo-Bahn die Schienen nicht
etwas weiter von einander abstehen?
8. Ob Zuntz sei. Wittwe ihre Rohmateriale ausschliesslich von
Java oder auch von Borneo bezieht?
9. Ob man neben der Untergrundbahn auch zu Fuss gehen
kann ?
10. Warum das grosse Schankzelt »Riesenkrokodil« heisst?
11. Ob die moderne Spracbenforschung sich schon mit den
Worten: Tücher, Münchnerhjlrger, Patzenhofer, Landrä, Scholz,
Habel, Siechen, Pilsen beschäftigt hat, und was dabei heraus
gekommen ist?
12. Ob Kloss & Förster nur »deutschen« oder auch »franzö
sischen« oder auch noch »englischen« Sect verschänken? Und
welcher Sorte wir den Vorzug geben?
13. Ob wir irgend etwas wissen, was mit dem Gewerbe nicht
in Zusammenhang gebracht werden kann?
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