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Volume Nr. 18, 5. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

Gfficielle Ausstellungs-Nachrichten. 9 
— »i 
hauem Leux und Burger nach dem Entwurf des erstgenannten 
Künstlers ausgeführte Consolefiguren einen reizvollen Abschluss 
der Architektur des Wasserthurms. Biese Figuren, eine männliche 
und eine weibliche, repräsentiren die Gewalten des Wassers; 
kräftig in der Form und schwungvoll in der Linie, von Schilfrohr, 
Netzen und allerhand Seegethier umgeben, sind diese Figuren von 
ausserordentlich malerischer Wirkung und passen durchaus in den 
Kähmen ihrer Umgebung. 
Offener Ausstellungs-Brief an eine ganz besonders 
Neugierige. 
[Abdruck untersagt } 
Hochverehrte Gnädige! 
Alles was Recht ist — aber Sie fragen — so scheint es uns 
wenigstens — doch etwas zu viel! 
Als unser Briefkasten-Onkel Ihr hochgeschätztes Schreiben ge 
lesen hatte, entrang sich seiner Brust vorerst ein tiefgefühlter Seufzer, 
und dann rief er — verzeihen Sie, was er rief ist Redactions- 
geheimniss und muss es auch bleiben. Was glauben Sie denn, wie 
viel eine ganze Redaction“ antworten kann? Wir sind doch — so 
zu sagen — auch nur Menschen — und der Fall, dass ein Re 
dactionsmensch einmal etwas nicht weiss — ist durchaus nicht 
ausgeschlossen. Aber mit echt weiblicher Berechnung wenden Sie 
sich an unsere menschlichste Eigenschaft -— an unsere Eitelkeit —- 
und Ihre Klugheit soll Sie nicht getäuscht haben; denn gerade diese 
unsere Eitelkeit hat uns zu dem Versuch veranlasst, Ihre 42 Haupt 
fragen, von denen einige bis zu 5 Nebenfragen vervollständigt sind, 
so weit es uns möglich ist, zu beantworten; vor Allem müssen wir 
Ihnen aber das aus tiefster Ueberzeugung stammende Zeugniss aus 
stellen: Fragen — das können Sie! 
Bezüglich einiger Fragen ist Ihre zu so hoher Entwickelung 
gelangte Wissbegierde leicht zu befriedigen: 
1. Ob der beim Treptow-Bahnhof verkaufte Honig echt ist? 
2. Ob die im Chemie-Palast verkäufliche Seife: a) wohl 
riechend ist; b) gegen rauhe Haut schützt? c) den Teint sichert; 
d) wenig Soda und e) etwas Glycerin enthält? 
3. Ob das in Treptow erzeugte künstliche Eis dieselben Eigen 
schaften hat wie natürliches Eis? 
4. Ob dreischarige Pflüge wirklich den mehrscharigen vor 
zuziehen sind? 
5. Ob die Berliner Hütte im Alpenpanorama wirklich so 
aussieht? 
6. Ob man in der »Bodega« auch spanische Weine trinken 
kann? 
7. Ob der Halsring vom Rathbaus in Alt-Berlin wirklich echt 
ist, und s. Z. in Verwendung war? 
8. Ob das »Tucherbräu« in der Ausstellung genau so gut 
ist, wie in der Taubenstrasse? 
9. Ob »Loeser L Wolfs« in der Ausstellung andere Cigarren 
verkaufen wie in der Stadt? 
10. Ob man durch das Riesenfernrohr auch bei Tage etwas sieht? 
11. Ob der Riesenwasserthurm nach Beendigung der Aus 
stellung stehen bleibt? 
12. Ob man im Neuen See auch schwimmen kann? 
13. Ob die auf der Bühne des Theaters Alt-Berlin auftretenden 
Thiere genügend gezähmt sind, ob insbesondere a) der junge Bär 
älter als zwei Jahre ist, b) "ob die Kameele auch wirklich in der 
Wüste waren, c) ob die beiden hübschen Esel thatsächlich aus 
Egypten oder aus der Mark Brandenburg stammen? 
14. Ob die Neger in der Colonial-Ausstellung echt und ob die 
Männer dieser Truppe alle verheirathet sind? 
Wie gesagt, das sind Fragen, die uns nicht ängstigten. Wir 
haben einen unserer rührigsten, ausdauerndsten und geriebensten 
Reporter — im Vertrauen, er war gleich auf Sie nicht gut zu 
sprechen — mit diesen Ihren Fragen in die Ausstellung entsendet 
und können nun versichern, dass derselbe mit zähester Rücksichts 
losigkeit sein Ziel verfolgte und vor keiner Schwierigkeit zurück 
schreckte. Auf Grund seiner gründlichen Recherchen und Forsch 
ungen müssen wir nun alle jene 14 Fragen mit einem gediegenen 
»Gencral-Ja«. beantworten. 
Sie zweifeln, gnädige F.au? Nun dann können und müssen 
wir Ihnen enthüllen,' dass die zugehörigen „Special-Ja’s“ von den 
betreffenden Erzeugern, Eigenthümern, Constructeuren. Credenz« 
jungfrauen u. s. f. selbst abgegeben worden sind, und Sie werden 
uns gütigst zugeben, dass die es doch wissen müssen. 
Etwas Anderes ist es mit Ihren wetteren, zum Theil trans 
cendentalen Fingen. Ba ist zum Beispiel eine, deren Beant 
wortung uns arge Schwierigkeiten bereitet: Ob die Ausstellung den 
betheiligten Thieren in Kairo — Alt Berliner Theater etc. auch 
eine Freude macht, und ob es möglich ist, denselben die Be 
deutung des gezollten Applauses zum Bewusstsein zu bringen, 
und wie? 
Bas ist nun eine heikle 8»"' °? 
Wir haben uns deshalb mit einem tüchtigen Thierpsychologen 
in’s Einvernehmen gesetzt. Ber gute Mann hat jahraus, jahrein mit den 
verschiedensten Thiergattungen zu thun, die er mit aufopfernder 
Sorgfalt beobachtet, und er hat bereits überraschende Entdeckungen 
über die geistigen Fähigkeiten der Thiere gemacht. Sein aus 
schliesslicher Umgang mit unseren Miterdenbewohnern zweiter und 
selbst dritter Güte dürfte Veranlassung sein, dass dieser würdige 
Gelehrte und treffliche Denker etwas einseitig geworden ist, und 
wir scheuen uns fast, sein Urtheil in dieser Sache ohne Weiteres 
I zu veröffentlichen. Er ist nämlich in Folge der fortwährenden 
psychologischen Vergleiche dahin gekommen, dass er über die 
Menschen gar nicht mehr gut denkt, und so behauptet er denn, 
dass es. ihm nicht die geringsten Schwierigkeiten bereiten würde, 
einem Pferde, Kameele, Hunde, Rinde,'ja sogar einem Schaf und 
einem Esel das freudige Ereigniss eines Applauses vollkommen zum 
Verständniss zu bringen; nur meint er, dass wohl die meisten Be 
sitzer solcher Thiere in gewohntem menschlichen Egoismus gar 
nicht daran denken, dem applaudirten Thiere das Wohlgefallen der 
Menge zu erläutern, dass sie — die Besitzer — vielmehr den 
Applaus als etwas ihnen persönlich Gebührendes betrachten. 
Ihre weiteren Fragen »nach den seelischen Vorgängen eines 
Droschkengauls beim Anblick der elektrischen Eisenbahn« haben wir 
diesem würdigen Herrn ebenfalls, aber mit der durch die Umstände 
gebotenen Vorsicht zur Beantwortung vorgelegt. Die Wirkung war 
überraschend! 
Vorerst wurde er puterroth am ganzen Kopfe, dann starrte 
er uns der Reihe nach an, nahm polternd Hut und Stock, warf uns 
die Frage entgegen, ob wir glaubten, dass er unser Narr sei und 
lief schimpfend davon! Jedenfalls ein Sonderling; und wir erzählen 
Ihnen, sehr verehrte gnädige Frau, diese kleine Episode nur des 
wegen, um Ihnen zu zeigen, dass selbst Männer mit tiefem Ein 
blick in die Geheimnisse der Natur nicht immer gern antworten. 
Sie fragen ferner: 
1. Warum Herr C. R. Meyer Holz und nur Holz ausgestellt hat? 
■ 2. Warum » Aschinger« nicht noch mehr Bierquellen eröffnet hat? 
3. Warum die Militair-Musik-Dircctoren gar so wenig Stücke 
aus Wagnerischen Opern blasen lassen? 
4. Warum A. Hefter auch »Strassburger« und nicht ausschliess 
lich »Berliner« ausstellt? 
5. Wie viele Kilogramm Kupfer zu den elektrischen Leitungen 
und Apparaten verwendet wurden? 
6. Ob die Nahrungsmittel im »Speisehaus für weibliche Ange- 
gestellte« für Männer wirklich ungeniessbar oder schädlich wären? 
7. Warum bei der elektrischen Naglo-Bahn die Schienen nicht 
etwas weiter von einander abstehen? 
8. Ob Zuntz sei. Wittwe ihre Rohmateriale ausschliesslich von 
Java oder auch von Borneo bezieht? 
9. Ob man neben der Untergrundbahn auch zu Fuss gehen 
kann ? 
10. Warum das grosse Schankzelt »Riesenkrokodil« heisst? 
11. Ob die moderne Spracbenforschung sich schon mit den 
Worten: Tücher, Münchnerhjlrger, Patzenhofer, Landrä, Scholz, 
Habel, Siechen, Pilsen beschäftigt hat, und was dabei heraus 
gekommen ist? 
12. Ob Kloss & Förster nur »deutschen« oder auch »franzö 
sischen« oder auch noch »englischen« Sect verschänken? Und 
welcher Sorte wir den Vorzug geben? 
13. Ob wir irgend etwas wissen, was mit dem Gewerbe nicht 
in Zusammenhang gebracht werden kann?
	        
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