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Volume Nr. 18, 5. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

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Officielle Ausstellung - Nachrichten. 
Wenn man von Pelz-Confection spricht, so muss man 
indessen behutsam sein und diejenigen Pelz-Erzeugnisse ausnehmen, 
die, vermöge ihrer Kostbarkeit im Material, ihrer exceptionellen 
Subtilität und Schwierigkeit in der Ausführung, an sich als Einzel- 
productionen abheben und gesondert aufgeführt werden wollen. Und 
solcher Arbeiten enthält die Pelz-Gruppe zahlreiche, von entzückender 
Pracht und Köstlichkeit, Piecen, deren Nennwerth auf Tausende 
von Mark sich beläuft — so etwas kann man schliesslich nicht 
zur Confection schlechthin rechnen, weder zur Mäntel- noch zur 
Pelz-Confection. Dass die letztere überwiegend mittlere Güter zeitigt 
und sich mit diesen an den heimischen Stapel-Bedarf und den 
Gross-Verschleiss des Exportes wendet, darf man als bekannt vor 
aussetzen. Und was unsere Pelzbranche für den Mittelbedarf 
leistet, kommt in ihrer Ausstellung sehr reich, übersichtlich und 
instructiv geordnet, zur Anschauung. 
Auch das grosse Feld der »Tailor-made-Confection« ist 
fruchtbar bestellt worden, wenn auch dabei manches Samenkorn 
zwischen die Furchen gefallen sein mag Man weiss, was Tailor- 
made-Confection ist — nämlich die Costüme, Jacken und Mäntel 
die nach englischem Schnitt und Geschmack von dichten Tuchen oder 
englischen Fandiesund zwar ausschliesslich durch Männer-Arbeit 
hergestellt werden. Im Detail-Verkehr kostet diese Männer-Arbeit zu 
weilen mehr als der ganze Stoff, und die dazu verwendeten seidenen Futter 
stoffe so viel wie Beides. Das ist der ursprüngliche Charakter des 
»Tailor-made «. Heut repräsentirt sie sich freilich nicht mehr so unverfälscht 
und auf der Ausstellung sahen wir, neben reizenden Nummern 
kostbarer »Tailor-made«-Piöcen, ganze »englische« Costüme für 
10,50 Mk. Dafür wird wohl der Schneider schwerlich 45 Mk. 
FaQon bekommen haben. Auch in dieser Branche leistet Berlin in 
Wirklichkeit unvergleichlich viel mehr und Besseres, als bis jetzt 
auf der Ausstellung ersichtlich ist. Wer kannte noch vor 5 Jahren 
ein »englisches« Costüm? Die Orthodoxen der Mode! Heut sehen 
wir die Sport-Lady einträchtiglich mit ihrem »gebildeten« Kammer 
kätzchen in dem gleichen Stil sich kleiden. Der demokratische 
Zug der Zeit hat auch in der Mode diese Erscheinung zum Aus 
druck gebracht. F. G. 
[Die decorative Plastik 
auf der Berliner Gewerbe-Ausstellung. 
(Abdruck verbotene 
Es hiesse Eulen nach Athen tragen, wollte man auf die Be 
deutung Berlins als Bildhauerstadt in Sonderheit hinweisen. Seiner 
alten Kunsttradition ist die Reichshauptstadt auch auf der Gewerbe- 
Ausstellung treu geblieben: eine stattliche Anzahl von Gruppen und 
Einzelbildwerken, die zum grossen Theil im allegorischen Charakter 
gehalten sind, beleben die Landschaft auf das reizvollste und bilden 
eine angenehme Unterbrechung der oft pittoresk malerischen Archi 
tekturbilder im Treptower Park. 
Betreten wir den Platz vor dem Hauptgebäude, so fesseln zu 
nächst zwei nach den Entwürfen von Professor Nicolaus Geiger 
ausgeführte Gruppen unsere Aufmerksamkeit Der Künstler hat 
den Vorwurf zu dieser beachtenswerthen Arbeit dem praktischen 
Leben entnommen; er schildert uns die Thätigkeit des modernen 
Arbeiters, eine kraftvolle jugendliche Gestalt sehen wir an dem 
Eisen Walzwerk mit dem ungefügigen Material hantiren. Als treue 
Arbeitsgenossin finden wir auch an dem Bildwerk das Weib 
angebracht, das mit der ganzen ihm zu Gebote stehenden 
Energie den Mann in seinem Ringen unterstützt Es ist 
ein ergreifender Vorgang, der sich hier abspielt: der Mann 
im Vollbewusstsein seiner Kraft, das Weib mit verzweifelter Re 
signation sich ihm als Mitarbeiterin anschliessend — weil sie muss, 
ein hochdramatisch bewegtes sociales Motiv! Dies Werk Geigers 
spricht eine gemeinverständliche Sprache, lebenswahre actuelle 
Figuren führt uns der Künstler vor, daher bedeutet seine Kunst 
einen erfreulichen Fortschritt auf dem arg verzopften allegorischen 
Gebiet Bis dahin begnügte sich der Künstler damit, immer und 
Immer wieder die Idealfiguren der Griechen in der Allegorie zu 
verwenden, endlich sehen wir nun einmal moderne, jedermann ver 
ständliche Personen an die Stelle der „antiken Herrschaften“ treten. 
Der Pendantgruppe liegt gleichfalls ein sociales Motiv zu Grunde. 
Eine sitzende weibliche Figur, ein aufgeschlagenes Buch in der 
rechten Hand haltend, während die linke eine brennende Fackel 
umfasst, versinnbildlicht die technische Wissenschaft, der seitlich I 
stehende Fabrikarbeiter dagegen repräsentirt die praktische Arbeit, j 
Einige Maschinenteile sind als symbolisches Beiwerk der Gruppe 1 
hinzugefügt, so dass der Beschauer unschwer den Gedankengang les 1 
Künstlers errathen kann. In der letzten Figur gelangt der moderne 1 
Gedanke wieder in klarer Form zum Ausdruck, während in der * 
Auffassung der ersten sich der Künstler nicht vollständig von der I 
alten Anschauungswelt hat befreien können. Die fackelschwingende 
Dame ist ein Motiv, das wegen seiner Alltäglichkeit nicht mehr ; 
einen neuen Reiz auf uns auszuüben vermag. Dessen ungeachtet j 
sind der deeorativ - allegorischen Kunst durch diese beiden Werke 
neue Wege angebahnt worden, die sie noch zu grösseren Zielen 
führen werden. Hier gelangt das Ringen nach neuen, unserer Zeit 
angemessenen Idealen mit unverkennbarer Deutlichkeit zum Durchbruch. 
Im crassen Gegensatz zu diesen modernen Arbeiten stehen die 
beiden unmittelbar vor dem kleinen Bassin aufgestellten Gruppen. 
Wir haben es hier mit schön akademisch componirten Kunstwerken 
zu thun, die dem Beschauer manche harte Nuss zu knacken geben. 
Was der Künstler mit seiner Arbeit ausdrücken will, wird wohl 
den Meisten ein Geheimniss bleiben; ich vermuthe, dass es in seiner 
Absicht lag, eine Allegorie auf das Handel und Schifffahrt treibende 
Berlin zu schaffen. Wir sehen eine in pathetischer Ruhe am Rande 
des Bassin sitzende Dame, an welche sich ein Knabe anschmiegt, 
ein Fischer mit Netzen ausgerüstet vervollständigt die Composition. 
Die andere Gruppe setzt sich gleichfalls aus drei Figuren zusammen. 
Hier thront ein jugendlich kräftiger Mann, schön wie ein Apoll, mit 
gespreizter Würde die Kaiserkrone, welche ihm von einem derben 
Knaben dargebracht wird, betrachtend. Ihn erfasst eine lustige in 
die Finthen tauchende Nixe, aber kalt bis ins innerste Mark, gegen 
das Liebesgeflüster der holden Meeresmaid, sitzt er da, regungslos, 
ganz in sich versunken. Ob es in der Absicht des Künstlers lag, 
das sittenstrenge Berlin durch eine monumentale Gruppe zu ver 
herrlichen? 
Die Composition beider Gruppen entbehrt nicht einer gewissen 
Geschicklichkeit, auch ist die tecb” ; ' Durchführung eine im 
hohen Grade sorgfältige, selbst die kleine „u Details sind mit grosser 
Gewissenhaftigkeit behandelt worden. Die Ausführung ist in künstlichem 
Sandstein geschehen, ein Material, das in seiner Wirkung kaum von dem 
Naturstein zu unterscheiden ist. Es gelangt auf der diesjährigen 
Ausstellung zum ersten Mal in grösserem Umfang zur Verwendung 
und dürfte für die Folge noch eine bedeutende Rolle als Material 
für decorative Kunstwerke und für bessere Fa^aden spielen. — 
Ueber den drei Mittelportalen des Hauptgebäudes hat man 
als decorativen Schmuck eine muntere Knabenschaar, die einen 
Ringelreigen aufführt, angebracht. Weniger schön in der Ausführung 
als originell in der Anlage tragen sie mehr den Charakter des Or 
naments und erscheinen mehr ein Anhängsel der massigen Voluten 
zu sein, aus welchen sie organisch herauswachsen als eine selbst 
ständige figürliche Decoration. Interessanter sind die Motive der 
den Frontspiece ausfüllenden Composition. Hier ist der Künstler 
bestrebt, eine neue Symbolik zu erfinden, und zwar versucht er das 
Haschen und Jagen nach Ruhm und Ehre bildlich zur Anschauung 
zu bringen. Die Arbeit, ein Werk des Bildhauers Leux, ist ent 
schieden eine eigenartige Schöpfung, aber leider ist sic aus Mangel 
an Zeit nicht genügend durchgeführt worden, so dass wir keinen 
vollständigen Ueberblick gewinnen können. 
Von anderen monumentalen Gruppen sei weiter die am Wasser 
thurm angebrachte Colossalgruppe der Berolina von Professor Wiedemann 
hervorgehoben. Eine eigenartige allegorische Figur unserer lieben 
Heimathstadt: Berolina reitet auf ihrem Bären! Ueber den Geschmack 
lässt sich streiten, daher wollen wir einstweilen noch abwarten, ob 
Berolina als Reiterin Nachahmung finden wird. Ich möchte es 
dahin gestellt sein lassen. Unser Berliner Stadtbär füllt aber sein 
neues Metier mit rechter Grazie aus und ist sich der hohen Ehre, 
einer so grossen Herrin als Sessel zu dienen, wohl bewusst. Auch 
Berolina reitet im Vollbewusstsein ihrer Würde über die beiden 
Figuren, welche, am Fusse der Gruppe sitzend, ihr eine Huldigung 
darbringen, mit stolzer Geberde hinweg. Im übrigen hebt sich die 
Gruppe recht wirkungsvoll von dem weissen Wasserthurm ab, und 
bietet, wenn wir von dem etwas theatralischen Gepräge absehen, 
mancherlei Schönheiten in der Linienführung und im Ausdruck. 
Unter der Berolina • Gruppe bilden zwei mächtige von den Bild-
	        
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