Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officielle Ausstellungs - Nachrichten.
7
Auch hier hat die Berliner Gobelin-Manufactur wieder Cabinet-
stacke geliefert, nämlich:
Eine Wanddecoration in Musik-Emblemen, nach einer farbigen
Skizze des Directors der Königl. Kunstschule Herrn Professor
Ewald. Die wunderbare Webart, in technischer Beziehung das
Vollendetste, zeigt auch hier, wie weit die Kunst der Gobelin-
Weberei in Berlin vorgeschritten ist.
Ferner zwei Frachtstücke, die sich an den Friesen der Pilaster
befinden. Dieselben sind nach Copieen des zur Zeit in Born weilenden
Herrn Professor Meurer aus dem Palast Ducale zu Mantua ent
worfen. Für diese Leistung erhielt schon im Jahre 1888 auf der
Kunst-Ausstellung in München die Berliner Gobelin-Manufactur das
Ehrendiplom, und zwar wegen Wiedereinführung der Gobelin-
Weberei in vorzüglichster Ausführung.
Ueber den Bauchschrank hängt das in Gobelin-Weberei treff
lich ausgeführte Portrait des Wirkt. Geheimen Ober-Begierungs-
raths Laders. Auch hier hat die deutsche Kunst einen Fortschritt
aufzuweisen, den man bisher nur bei der französischen Gobelin-
Weberei zu finden gewohnt war.
Um die Mannichfaltigkeit ihrer Fabrikation genügend vor Augen
zu führen, hat es sich die Firma angelegen sein lassen, neben
Werken, deren Anschaffung nur einem pecuniair sehr begünstigten
Menschenkinde möglich ist, auch Stücke zu liefern, wie sie sich
Jedermann, der guten Geschmack besitzt, für wenig Geld leisten kann.
Da ist z. B. im Speisezimmer das aus massivem Eichenholz
mit Butzenscheiben gearbeitete Buffet, sowie, der in gleichem Genre
gehaltene Credenztiseh nebst Stühlen. Auch das Herren- und
Schlafzimmer sowie der daranstossende Salon zeigen eine so ein
fache und doch in sich gediegene Einrichtung, wie sie das gesunde
Bürgerthum liebt.
Die Confection in der Ausstellung.
[Abdruck untersagt.]
Dass die Bekleidungs-Industrie in dem industriellen Gesammt-
getriebe aller Länder einen der vorderen Plätze einnimmt, dass
innerhalb dieser Industrie die Confection in Berlin einen
herrschenden Einfluss ausübt, sind Thatsachen, welche die angenehme
Eigenschaft haben, dass man sie heute Niemandem mehr zu erzählen
braucht. Diese Voraussetzung zur Geltung gebracht, ist es nicht
schwer, den Bang zu kennzeichnen, welcher der Gruppe II: Be
kleidungs-Industrie, in unserer Ausstellung zuzuweisen ist. Noch
leichter wird es, einen übersichtlichen Eindruck zu gewinnen, von
dem, was die Ausstellung auf diesem, an sich ziemlich uferlosen
Districte dem Beschauer zu bieten hat.
Dank der ausgezeichneten räumlichen Anordnung, welche das
Verwandte in Gruppen sondert, ohne dem Einzelnen den Zwang
einer bestimmten Vorschrift aufzuerlegen, fügen sich die Glieder des
Ganzen planvoll und saehgemäss in einander.
Von deV Kuppelhalle des Hauptgebäudes ausgehend, hat man
die ganze Gruppe II zur rechten Seite und einen Theil der Mittel
flucht vor sich liegen, und der Hauptantheil dieses verhältniss-
mässig grossen Baumes entfällt auf die Confection, natürlich aus
schliesslich die Berliner Confection.
Was aber versteht man eigentlich heutzutage unter Confection?
Das ist so mit zwei Worten nicht wohl zu fixiren. Zu unserer
Grossväter Zeiten hat man den Begriff »Confection« einfach
nicht gekannt; heut kennzeichnet er alles, was im Gross-
Betriebe für die menschliche Bekleidung hergestellt wird. Das er
klärt ihr Wesen; ihren Umfang erfahren wir durch Auf
zählung alles dessen, was Männlein und Weiblein »anziehen«.
Vom Hausschuh und Strumpf angefangen, über die Leib- und Zier
wäsche hinweg, einschliesslich allen costümlichen Kleinkram, wie
Blousen, Jupons, Schürzen etc., bis hinauf zu Costtim, Mantel und
Hut und Schirm, Handschuh, Pompadour, Gürtel und Taschentuch nicht
zu vergessen, vom Arbeiter-Kittel nebst Sackschürze angefangen, dem
Geh-Anzug, Paletot, den Sport-Anzug jedes Genre eingeschlossen,
bis hinauf zum Salonrock, Frack und Klapphut — alles ist heut
Confection! Ja sogar die Papierbranche fängt an, dem Zuge nach
äusserem Schmuck, nach der Ansehnlichkeit in der Ausstattung
der Fabrikate sich zu fügen, und wir reden zur Stunde eben auch
von einer Papier-Confection — unabhängig von unserem vielbespöttelten
papiernen Zeitalter.
Das alles hindert indessen nicht, dass der Grundstock
dessen, was man im Allgemeinen unter Confection versteht, der
fabrikmässige Grossbetrieb der Damen - Mäntel - Her
stellung bleibt. Von diesem und seinen verwandten Zweigen
soll denn auch vornehmlich hier die Bede sein.
Da Berlin, wie man weiss, nach dieser Bichtung hin eine Production
von weitestreichender Ausdehnung hat, und seine Erzeugnisse nach
fast allen Ländern der Erde durch den Export getragen werden,
so durfte man füglich gespannt sein auf das, was die Ausstellung
ihren Besuchern gerade auf diesem Gebiete zu zeigen haben würde.
Und wie sieht’s in Wahrheit damit aus? Nicht annähernd so gut
und opulent, wie es könnte und von reehtswegen sollte. Nicht,
dass unsere Aussteller, so weit sie betheiligt sind, an Leistungs
fähigkeit irgendwie zurückständen — im Gegentheil; die nach
folgenden Sonderberichte werden erweisen, dass wir durchweg mit
bemerkenswerth guten, neben einzelnen glänzenden Leistungen zu
rechnen haben. Die Qualität lässt nichts zu wünschen übrig aber
— die Quantität fehlt. Von den zahllosen Berliner Fabrik-Firmen
erster, zweiter und dritter Ordnung haben die allerwenigsten über
haupt ausgestellt! Während die gesammte Berliner Industrie, der
gesummte Werkfleiss und Schaffenseifer in hingebender
Treue und Liebe zur Sache sein Bestes geleistet und dargebracht
hat, steht das Gras der Dainenmäntel-Confection grollend bei Seite
und lässt es darauf ankommen, die heimische Industrie vor dem
Forum der ganzen Welt in eine durchaus unrichtige und höchst
uhvortheilhafte Beleuchtung gerückt zu sehen. Wer nicht weiss, dass
unsere Confections-Industrie nachgerade eine erdumspannende Aus
dehnung gewonnen, wer nicht weiss, dass sie einmal in ihrer Massen-
Herstellung an Feinheit der Ausführung und an Preis Würdigkeit
die Concurrenz aller Länder schlägt, und wegen ihres guten
Geschmacks in der Modell-Herstellung für die meisten selbstprodu-
cirenden Länder mustergiltig geworden, wer ohne diese Kenntniss
die Berliner Confection auf ihre Ausdehnung und ihr Productiv-
Vermögen beurtheilen würde, nach dem was die Ausstellung zeigt,
der würde sich stark im Irrthum befinden. Wer erhält auf des
Ausstellung z. B. eine Anschauung davon, was Berlin für den
Mantel-Export bedeutet? Was es für den Export erzeugt und
welche Länder mit welchen Genres von uns aus versorgt werden?
Und was hätte Berlin gerade nach dieser Sichtung hin leisten
können, leisten müssen!
Denn wenn unser Export auch heute vielleicht auf einzelnen
Absatzgebieten nicht mehr die volle Ziffernhöhe erreicht, wie früher,
ist er doch qualitativ so erheblich gestiegen, dass man von aller
Herren Ländern, England und Nord-Amerika eingeschlossen, nach
Berlin kommt, um »Ideen« d. h. fertige Modelle zu kaufen, wie
man früher zu gleichem Zwecke nach Paris gefahren ist. Was
aber erzählt von alledem die Ausstellung?! Es wäre falsch ver
standene Zurückhaltung und Scham, wollte man hierüber
schweigen, damit der Verdruss sozusagen in der Familie bleibe.
Im Gegentheil, das wohlerkannte Interesse der Branche fordert es
gebieterisch, dass Alles rückhaltlos gesagt und der Welt bekannt
gegeben werde!
Von dem fremden Ausstellungsbesucher ist nicht wohl zu ver
langen oder anzunehmen, dass er hinter die Coulissen der Industrie
geschaut und dort erfahren habe, wie ungemessen deren Ausdehnung
in Wirklichkeit ist, noch viel weniger kann er errathen, dass das
in der Ausstellung Gebotene gewissermaassen nur eine Andeutung
ist und dass unter Anderem auch für die Damenmäntel-Confection
Berlin die Hauptstadt Europas vorstellt.
Es hat Niemand die Verpflichtung ein guter Bäthselrather zu
sein — aber Jedermann hat das gute Becht zu urtheilen, nach
dem, was er sieht.
Darum ist es für das Gelingen der Gesammtheit, wie für den
Erfolg des Einzelnen gleich richtig und wichtig, alles Vorhandene
so einleuchtend wie möglich zu gestalten. Der Nachtheil des
Fehlenden fällt natürlich nur auf die Daheimgebliebenen, nicht
aber auf die Ausstellung zurück; denn diese bietet, wie gesagt,
noch immer alles in ausgezeichneter Fülle auch auf dem Confections-
gebiete.
Wie reich und glänzend fällt die Ausstellung der Pelz-
Confection aus! Welch’ eine Fülle kostbarer Erzeugnisse, in ihrer
Herstellung ein Zeugniss von unendlichem Fleiss und Werkeifer,
wie von mustergiltig vornehmem Geschmack!
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