Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

6 Officielle Ausstellungs -Nachrichten.
denen einige der letzten Stilarten — sei es Romanisch, Renaissance,
Rococo oder Empire-Stil — auf der Ausstellung vorgeführt werden.
Nicht immer war das Mobiliar das, was es seiner eigent
lichen Bedeutung. nach sein sollte, nämlich leicht bewegliche
Theile unseres Hausrathes. Früher fand man häufig, ganz
besonders in der Zeit der Gothik, dass Kästen, Bänke, Betten etc.
fest mit der Wandtäfelung verbunden, also vollständig, immobil
(unbeweglich) und so ihrer eigentlichen Bestimmung widersprechend
gemacht worden waren. Auch wäre es eine irrige Anschauung,
Mobiliar aus Metall oder Stein etwa als eine Erfindung der
Neuzeit ansehen zu wollen. Nein, hier ist man einfach auf das
klassische Alterthum im Orient, wie in Griechenland und Rom
zurückgegangen, wo vielfach, d. h. unbedingt mehr als heute,
Marmor und Metall als Material zum Möbelbau verwendet wurde.
Griechenland hatte reich sculptirte Sitze und Tische von Marmor
und Bronze, Und ebenso war es bei den Römern in der Kaiserzeit.
Aber von letzteren wurden auch schon Möbel von gewissen
Holzarten mit besonders schöner Maserung geschätzt, so z. B. solche
von dem Holze'der Orangen-, Citronen- und Bergamöttenbäume,
deren Stämme, in Querschnitten zu Tischplatten verarbeitet, Ver
wendung fanden. Zn einer eigentlichen Gebrauchsaufnahme bei
Herstellung der Möbel kam das Holz jedoch erst zu Anfang des
Mittelalters, und, ausser vielleicht bei Bettstellen, wozu noch immer
Eisen genommen wurde, 1 war es von da an das bevorzugteste, ein
zige Material.
In der Epoche des romanischen Stils, also bis zum IR.
Jahrhundert, wurden die Holzmöbel flach gearbeitet und meistens
bunt bemalt; später trat Reiiefsclinitzerei an Stelle der Bemalung,
und Drachen, Schlangen und sonstige absonderliche Charaktere bil
deten einen wesentlichen Schmuck der Möbel. In Süddeutschland
und Oesterreich hat sich diese eigenthümliche Verzierung noch ziem
lich lange erhalten und noch jetzt trifft man sie hie und da an.
Die auf die Gothik folgende Epoche der Renaissance be
nutzte hauptsächlich die Figuren der Antike. Damit ging zugleich
eine Wandlung in der Form der Möbel vor. Das Mittelalter hatte
im Allgemeinen die Bank und die Truhe dem Sessel vorgezogen.
Nunmehr aber trat Letzterer, häufig recht phantastisch gestaltet, in
seine Rechte. Auch der eigentliche Stuhl, noch ohne Schweifung,
mit geraden Beinen, kam mit Anfang des 17. Jahrhunderts in Ge
brauch. Im Zeitalter Ludwig XIV. werden sic breiter und gewinnen
eine hohe, über den Kopf hinausragende Lehne. Dann aber, im
18. Jahrhundert, werden die Lehnen nach der Form des Rückens
gebogen; und geschweift. Damit entsteht der Rococofäuteuil und
das Sopha oder Canapec. Fast alle heutigen, oft phantastischen
und willkürlichen Formen der Möbel beruhen auf der Grundform
der Roeocozeit.
Die heute so beliebte Marqueteric- und Intarsien-Ein-
Iage stammt aus der Zeit der Früh-Renaissance. Im 16. Jahr
hundert war sie. dann nach Deutschland gekommen und hat später
im Kampfe über das Relicfornament den Sieg davongetragen.
Dann . fügte man den Holzeinlagen Metall und Schildkrot hinzu,
and die Möbel wurden zu Schaustücken. Für das Haus und
für den gewölmlichen Gebrauch baute man zwar einfacher, ver
wendete aber doch die Marqueteric. In der Zeit Ludwig XVI.
verwarf man wieder die gebogene Linie und kehrte zur geraden
zurück, die man mit einer gewissen Affcctirtheifc behandelte. Dieser
Stil war es auch, welcher von einer anderen Neuerung des
18. Jahrhunderts, der Verzierung des Möbels mit vergoldeter
Bronze, den meisten Gebrauch machte. Der Empire-Stil
führte das Angefangene in Steifheit und Geziertheit weiter aus,
wenn auch nur für kurze Zeit. Mit der Restauration des
19. Jahrhunderts kehrten dann die Rococomotive wieder zurück,
die sich dann mit der Renaissance bis auf die heutige Zeit in die
Herrschaft getheilt haben. ' Die Ausstellung bietet genügend Ge
legenheit, alle diese Formen bewundern zu können und zwar
meist in Objecten, zu denen unsere ersten Künstler die Zeichnungen
geliefert haben.
Nach dieser nothwendigen Abschweifung kehren wir wieder zu
Gruppe IV zurück, die mit ihren 220 Ausstellern einen Flächen
raum von 6716 Quadratmetern beansprucht. Dieselbe ist zum
grössten Theile im vorderen Querbau des Hauptgebäudes und
ewar zu beiden Seiten der Centralkuppel, zum kleineren Theile
n einem an den rechten Flügel sich anlehnenden Erweiterungsbau
untergebracht. Der linke Flügel umschliesst die Ausstellung der
Sportpreise des'Kaisers.
In der Mittelhalle des linken Flügels befindet sieh elf Kranz
von Kojen, welche in hervorragender Weise reich durchgeführte
Zimmerdecorationeh zeigen. Hier sind die Ausstellungen der Firmen
J. C. Rfaff, C. Pohl, Ffiedr. Thierichens, Krieg & Goerke,
Flatow & Priemer etc., dazwischen Altai’ und Kanzel von
H. de Bunz. Die Berlin-Aachener Spiegel - Manufactur
hat in der Mitte der Halle eine acht bis neun Meter hohe Glas
pyramide errichtet, umgeben von Billards namhafter Firmen. Von
hier aus bietet sich nach allen Seiten ein freier Ueberbliek.
In der Mittelhalle des rechten Flügels ist gleichfalls eine hohe
Pyramide von i’aeettirten Spiegeln .gebaut, an den Wänden ziehen
sich die Kojen von C. Pr achtel, H. Gerson, J. Groschkus,
Spinn & Menke, M. Schulz & Co., Ehrenhaus etc. Auch in den
Seitenhallen sind in zahlreichen Kojen ganze Zimmer-Einrichtungen,
Einzelsäehen, Pätentmöbel, sowie Korkschnitzarbeiten ausgestellt.
Zu dein Erweiterungsbau, welcher aus drei Hauptsälen besteht,
führt von der nördlichen Seifenhalle des rechten Flügels eine ge
deckte Verbindungshalle, welche. ebenfalls mit einigen nicht un
interessanten Gegenständen des Zimmer- und Hausschmuekes besetzt
ist: Geschäfts- und Comptoireinrichtungen, Gemälde mit künstlerisch
ausgeführten Goldrähmen, Sitzmöbel mit Intarsien etc." sind in dem
zunächst gelegenen' Saale untergebracht. Eine gleiche Ausstellung
befindet sich auch im Saale links, in welcher sich auch die Gruppe
der Bildhauer, die Innung der Korbmacher in hervorragender Weise
betheiligt haben. Anschliessend hieran führt ein Verbindüngsgang
mit Böttcherwaaren zum Saale rechts", wo, deeörativ wirksam unter
stützt von Spiegeln, Goldleisten, Goldrahmen etc., welche die Wände
schmücken, die Bautischler, Treppenbauer und Fabrikanten von
Artikeln zu Bauzwecken, Fournirschneidereien und Fraisereien ihre
hochinteressanten Objecte ausgestellt Haben.
Die Koje eines Berliner Grossindustriellen
wollen wir zum Schluss unsern Lesern noch schildern, damit sie
sich ein annäherndes Bild von einem solchen Pavillon — wie wohl
der technische Ausdruck die Koje prägnanter bezeichnen würde —
machen können Hier haben sich die verschiedensten Gewerke ver
einigt, um ein Gesammtbild zur Anschauung zu bringen, dass nicht
allein durch seine Grossartigkeit, seinen Reichthum und seine Farben
pracht wirken, sondern das auch — vorzüglich bei abendlicher Be
leuchtung — uns das trauliche Heim einer deutschen Patricier
familie vor Augen führen soll.
Hinter einer in vornehmster Weise ausgeführten Fagäde er
blickt man links einen Fürstensalon, dessen ganze Architektur
und Zusammenstellung im reichsten Rococostil gehalten ist Im
Plafond, einem Meisterwerk Berliner Holzschnitzerei, sind musicirende
Putten, eng mit den Linien des Ornaments verweht, angebracht.
Die Wände zieren prächtige, in den Farben fein abgestimmte el-
gemälde nnd den Fussboden schmückt ein in leuchtendem Terracotta-
Ton gehaltener Teppich, der die malerische Wirkung des Salons,
zumal bei strahlender Deck- und Wandbeleuchtung, um ein Wesent
liches erhöht.
Im Hintergründe befindet sich das Cäbinetstück einer Vitrine,
deren glücklich gewählte Verhältnisse trotz allen Reichthums nirgends
Heberladung zeigen, sondern vollständig formvollendet bleiben. Der
untere Theil zeigt eine reizend gemalte Scene ä la Watteau
Rechts und links sind Eckbouquets, mit kostbaren Seidenstoffen
überzogen, angebracht und darüber in geschicktem Arrangement
Spiegel befestigt, deren reich ornamentirter Theil den Gesammt-
cindruck wirksam hebt.
Im Gegensatz zu den leichten, graziösen Formen des Rococo
steht das im Früh-Renaissancestil gehaltene Bibliothek- and
Herrenzimmer, dessen gesammter Entwurf von dem vom neuen
Reichstagsgebäude bekannten Architekten Herrn Walther Schmidt
herrührt.
Der. Bücherschrank übertrifft weit die Kunsterzeugnisse des
Mittelalters. Die breiten, nur durch Flachschnitzereien belebten
Flächen bringen wunderbar, die herrliche Structur des Eichenholzes
zur Geltung und das Sprossenwerk in den Thürfüllungen zeigt die
Harmonie des ganzen Stiles. Dazu kommen noch reiche, prächtig
getriebene Eisenbeschläge, die am Bücherschrank, sowie am Schreib
tisch geeignete Verwendung fanden.
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