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Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

OfficielJe Ausstellungs - Nachrichten. 
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Der Consum der Berliner Bevölkerung. 
Von Dr. Karl Thiess. 
[Abdruck untersagt.] 
Gelegentlich der Ausstellung ist sehr viel die Rede von den 
Leistungen Berlins auf dem Gebiete der Production. Aber neben 
dem, was in Berlin gearbeitet und geschaffen wird, verdient ein 
klein wenig Beachtung auch das, was dort verzehrt wird. Auch 
dies legt Zeugniss ab von der Lebensweise und der Eigenart der 
Berliner, die ja nun einmal in den Augen der Fremden ebenfalls 
ein Ausstellungsobject bildet. Es legt aber auch Zeugniss ab von 
einem grossartigen gewerblichen Thätigkeitszweig Berlins, nämlich 
von den Leistungen des Handels und der Lebensmittelgewerbe, die 
für die Herbeischaffung und Bereitung der Nahrungs- und Genuss- 
mittel der Riesenbevölkerung zu sorgen haben. 
Die Berliner Statistik hat uns mit Recht auch über diese Ver 
hältnisse möglichst genaue Kenntniss zu vermitteln gesucht. Sie 
hat die Mengen der in Berlin verzehrten. Waaren festgestellt, und 
sie hat auch berechnet, wie viel von jeder Waare auf den Kopf 
der Bevölkerung kommt. In Bezug auf Essen und Trinken 
würde sich also der als der Normal-Berliner darstellen, der den 
dort berechneten Zahlen am nächsten kommt. Dieser Normal- 
Berliner verzehrt nach den neuesten Berechnungen im Jahre 
138 Pfund Fleisch (womit allerdings diejenigen Berliner, die 
den Fremden gewöhnlich als Urbild des Berlinerthums 
vorgeführt werden, kaum zufrieden sein dürften), dazu 
35 Pfund Fische, 157 Pfund Kartoffeln, 83 Pfund Obst und Ge 
müse, 8 Pfund Kaffee und Thee, 9 Liter Wein, 187 Liter Bier, 
18 Liter Branntwein. 27 Pfund Salz, 42 Pfund Zucker und Syrup 
und 4 Pfund Reis. Ausserdem wissen wir aus anderen Quellen, 
dass ungefähr 300 bis 350 Pfund Brot und etwa 80 bis 90 Liter 
Milch hinzukommen. 
Die Zahlen sind nicht immer ganz bezeichnend, weil der 
Verbrauch bei Männern und Frauen, Erwachsenen und Kindern 
sich bei den einzelnen Artikeln sehr verschieden stellt. So muss 
man beachten, dass auf den erwachsenen Mann mehr, auf ein 
Kind weniger Fleisch kommt als die angegebene Durchschnitts 
zahl. Dass an sich schon recht stattliche Durchschnitts 
quantum an Bier von beinahe 200 Liter im Jahr erscheint 
noch erheblicher, wenn man bedenkt, dass gar mancher biedere 
Hausvater es für seine Pflicht hält, nicht nur die auf ihn entfallenden 
200 Liter, sondern auch noch je weitere 200 Liter für seine Frau 
und sechs kleine Kinder zu trinken. Ebenso verachtfachen sich 
für ihn die 9 Liter Wein und die 18 Liter Branntwein, die auf 
den Kopf der Bevölkerung kommen, und ganz zweifellos erscheint 
es, dass er die durchschnittlichen 1 Vz Pfund eingeführten Rohtabak 
ebenfalls achtmal consumiren muss. Dafür wird er allerdings auf 
seinen bedeutenden Kopfantheil an Mi'ich, Zucker, Kaffee, Obst ver 
muthlich zu Gunsten seiner Familie verzichten. 
Es nimmt sich eigenthümlich aus zu sehen, in welchem Vcr- 
liältniss der Milch- und der Bierverbrauch zu einander stehen. 
An Milch wird pro Kopf und Tag kaum ’/i Liter verzehrt, an 
Bier dagegen genau Vs Liter — ein Verhältniss, dessen wegen die 
Temperenzler die Hände über den Kopf zusammenschlagen werden. 
Die Berliner haben übrigens nicht nöthig, wegen ihres hohen 
Spirituosenverbrauchs sich von den Fremden schelten zu lassen, im 
Gegentheil können sie getrost einen erheblichen Theil der Schuld 
davon auf diese, auf ihren grossen Bedarf bei den Besuchen in 
Berlin, abwälzen. 
Schon aus den Durchschnittsziffern stellt es sich dar, wie ge 
waltig grosse Mengen an Nahrungsmitteln nach Berlin herangefahren 
werden müssen, da jede dort genannte Menge 1 650 000 mal im 
Jahr in Berlin verzehrt wird. 
Um für Berlin und seine nächste Umgegend das Fleisch zu 
schaffen, werden dort jährlich geschlachtet etwa 156 000 Rinder, 
145 000 Kälber, 580 000 Schweine, 454 000 Hammel. Ausser 
dem wird noch frischgeschlachtetes Fleisch nach Berlin eingeführt 
von 39 000 Rindern, 96 000 Kälbern, 102 000 Schweinen und 
40 000 Hammeln. Dazu kommen 105 000 Doppelcentner Fleisch 
und Speck, 2 s / 2 Millionen Stück Wild und Geflügel. Eine 
wesentliche Beruhigung gewährt es, neben diesen riesigen Zahlen 
noch zu erwähnen, dass jährlich nur 7 618 Pferde in Berlin 
verspeist werden. Die Wahrscheinlichkeit, davon etwas zu erhaltei 
ist also für den Einzelnen äusserst gering, die Furcht vor Pferde 
fleisch in Berlin ist durchaus übertrieben. 
An Mi 16h verbraucht Berlin nach einer Untersuchung vo 
B. Martiny jährlich fast 14/z Millionen Doppelcentner. Etwas übe 
die Hälfte davon wird von der Bahn eingeführt, stammt also au 
der etwas weiteren Umgebung Berlins, namentlich aus den gras- 
reichen Kreisen Ost- und Westhavelland und Ruppin. Die Zufuli 
von Milch mit Fuhrwerk auf den Landstrassen ist jetzt bis unter 
Vs der Gesammtmenge zurückgegangen. Dagegen ist inner 
halb der Stadt in neuerer Zeit die Milchgewinnung 
wieder bedeutend vorgedrungen. Das Verlangen eines Theile, 
der hauptstädtischen Bevölkerung, ganz frische Milch zu 
beziehen, über deren Unverfälschtheit kein Zweifel besteht, liess die 
aus dem Inneren Berlins schon ziemlich verdrängten Kuhställe 
wieder aufleben. Gegenwärtig giebt es wieder* über 5000 Milch 
kühe in den Mauern Berlins, diese liefern etwa den siebenten Theil 
des gesummten Berliner Milchbedarfs, nämlich 211 000 Doppel- 
Centn er. 
Diese Selbstgewinnung ist natürlich für Berlin Ausnahme. 
Die meisten Nahrungsmittel müssen in ihrer Gesammtmenge einge 
führt werden. So verbraucht Berlin im Jahre etwa 2 l / 2 Millionen 
Doppelcentner Getreide, 1.*/* Mail. Doppelcentner Kartoffeln, 
2 /s Millionen Doppelcentner Obst und ‘ Gemüse, Vs Millionen 
Doppelcentner Zucker u. -s. w. Es- begreift sich leicht, 
dass eine grosse Schaar von Berufsarbeitern, eine hohe Intelligenz 
und Geschicklichkeit dazu gehört, den Berliner Markt mit diesen 
Mengen stets ausreichend zu versorgen und ihn doch nicht an über 
schwemmen. 
Am meisten von allen Nahrungs- und Genussmitteln wird das 
Bier in Berlin selbst gewonnen. Sein Verbrauch beziffert sich ira 
ganzen auf etwa 311 Millionen Liter. Davon sind 44 Millionen 
Liter eingeführtes Bier, alles übrige ist Berliner. Auch die Ein 
fuhr kann Berlin noch ziemlich wieder ausgleichen, da es seiner 
seits 42 Millionen Liter ausführt. 
Ausser für die Nahrungsmittel liegen auch für einige andere 
Massenartikel die Verbrauchszahlen vor. Torf und Holzkohle 
weiden in Berlin nur noch 13 Pfund auf den Kopf der Bevölkerung 
gebraucht, Petroleum 35 Liter. Eine grössere Menge von Nahrungs 
mitteln — und damit kommen wir zum Schluss wieder auf das 
arbeitende und Werthe schaffende Berlin zurück — als die gesammte 
Einwohnerschaft verzehrt die Industrie Berlins. Von der Nahrung 
der Industrie, der Steinkohle, werden jetzt jährlich über 24 Millionen 
Doppelcentner in Berlin verbraucht, auf den Kopf der Bevölkerung 
entfallen 14 1 /* Doppelcentner. Und zwar wächst die Schaffenskraft 
Berlins weit schneller als die Consumkraft. In den letzten zehn 
Jahren hat sich der Steinkohienverbrauch auf den Kopf der Bevölkerung 
um 20 Procent, von 12 auf 14Vs Doppelcentner erhöht. Diese 
Zahl zeigt, dass die Bedeutung Berlins als Industriecentrum auch 
jetzt noch rasch und bedeutend in der Zunahme begriffen ist. 
Die Ausstellung der Berliner MöbeMudustrie. 
Von Carl BaeU. 
[Abdruck BBtoKasgitJ 
Nächst der Metall- und Bekleidungsbranche ist die Möbel 
industrie, rechnet man die ihr angehörenden Untoriwancheu, wie 
Drechslerei, Schnitzerei etc. dazu, mit ihren ca. 40 OÖÖ Arbeitern 
wohl die grösste in Berlin und ihre Vertretung auf clor Berliner 
Gewerbe- und Industrie-Ausstellung ist auch dementsprechend und 
sie wird auf keinen Fall verfehlen, ihre Bedeutung für deutsches 
Kunstgewerbe in das rechte Licht zu setzen. 
Ganz besonders interessant ist sie durch die Vielseitigkeit ihrer 
Ausstellungs-Objecte, sowohl durch hervorragende Einzelleistungen, 
als auch durch Vorführung stilvoller Zimmer- und decorativer 
Gesammt-Einrichtungen und bildet somit entschieden einen Haupt 
anziehungspunkt der ganzen Ausstellung. 
Es mag hier am Platze sein, bevor wir uns mit den Aus 
stellungsobjecten selbst beschäftigen, einen kurzen Ueberblick über 
die Wandlungen zu geben, welche die Möbel-Industrie in den ver 
schiedenen Epochen der Zeit hat durchmachen müssen und von
	        
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