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Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

14 Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
Eingänge zum „grossen Tunnel, dass die Zahnradbahn zwangs* 
weise feiern müsse, wegen Mangel an elektrischem Strome, 
durchaus aber nicht wegen Mangel des Besucherstromes. Im 
Gegentheil, über den konnte sich das Alpenpanorama am Sonntag 
auch unter den erschwerenden Umständen von scheusslichera Wind 
und Wetter nicht beklagen. Und da der Berliner, wenn er an 
die Berge von weitem wittert, gefeit Ist gegen jede Wetterunbill, 
da ferner die Direction des Alpen-Panoramas so liebenswürdig und 
umsichtig gewesen ist, den Besuchern gegen ein Eintrittsgeld von 
50 Pfg. den Aufstieg zu Fuss zu gestatten, um von der Berliner 
Hütte aus die Ansicht gemessen zu lassen, so hatte das niedliche 
Fräulein an der Kasse genug zu thun und, einige hundert 
auch hiermit zufriedener Sonntagskinder haben mit grossem Ver 
gnügen Einblick genommen in jene Welt von Tunneln, Dorf lein, 
Spitzen, Graten, Hörnern. Um 6'/, Uhr Abends konnte endlich, da 
die grosse Drehstrommaschine in der Maschinenhalle die erforder 
liche Triebkraft lieferte, die erste Auffahrt erfreulicher Weise statt- 
finden. 
Die Marine-Schauspiele 
waren in allen drei Ausführungen vortrefflich frequentirt. Be 
sonders gesucht war die Unterhaltung mit einem dicht umdrängten 
alten See-Invaliden, dessen fehlender rechter Arm bekundete, dass 
er das, was da unten in heiterem Spiel vorüberzog, im bluttigen 
Ernstfall erlebt hatte. 
b) In Berlin. 
Jubiläums-Ausstellung. Die feierliche Eröffnung der 
grossen Kunstausstellung im Ausstellungspark fand pünktlich am 
Sonntag um 12 Uhr statt. Der Kaiser und die Kaiserin 
fuhren auf der linken Seite der Ausstellung vor und begaben 
sich sogleich in den Kuppelsaal, nachdem sie durch den 
Cultusminister am Eingänge begrüsst worden waren. Unter der 
Kuppel sah man die Vertreter des diplomatischen Corps, die 
Ministerien, die Akademie, die Juroren der Ausstellung, die aus 
wärtigen Künstlerdeputationen. In kurzer Ansprache betonte der 
Minister die Bedeutung dieser Ausstellung für Berlin und erörterte 
die leitenden Gesichtspunkte, die diesmal bei der Ausstellung 
maassgebend gewesen seien. Insbesondere habe man sich bestrebt, 
,ein Bild des Einflusses zu geben, den die Berliner Akademie auf 
das Kunstleben-ausgeübt habe. Auf einen Wink des Kaisers hin, 
der in Husarenuniform erschienen war, erklärte der Minister die 
Ausstellung für eröffnet, und der Kaiser trat sogleich den Rund 
gang durch die Säle an. Die Kaiserin folgte, geführt vom Fürsten 
von Bulgarien. Der Kaiser betrachtete die Ausstellung mit 
lebhaftem Interesse und seine Gesten sprachen oft Anerkennung und 
Ablehnung aus. Der Rundgang währte ziemlich eine Stunde. Man 
sah viele Künstler, Vertreter der Akademieen und auswärtigen 
Körperschaften, Delegirte u. A., welche einen Gesammteindruck 
dieser Ausstellung zu gewinnen suchten. Schon ein erster Ueberblick 
ergab, dass die Jubiläums-Ausstellung, auf die wir natürlich noch 
eingehender zurückkommen werden, zu den bcmerkenswerthesten 
und hervorragendsten modernen Kunstausstellungen gehört. 
V 
„Waldmeister“ ist im wundervollen Monat Mai in Berlin 
ein gekehl t, als Operette zwar, aber er wird trotzdem erheiternden 
Genuss gewähren, er wird animirend wirken, wie die frisch 
duftende Pflanze. Johann Strauss und Davis haben diesen 
neuesten Waldmeister gebraut, das Gefäss ist nicht sehr einladend, 
aber sein Inhalt köstlich, erfrischend und prickelnd. Das Buch 
des Herrn Davis beschäftigt sich mit einer nach schwarzem 
Waldmeister suchenden Frau, mit Sängerinnen, die sich als 
Müllerinnen verkleiden, mit einem sächsischen Professor, der 
für einen Müller gehalten wurde und mit Forstbeamten, 
die natürlich nach Liebesabenteuern jagen. Halbwegs brauchbar 
wurde dieses Gefäss für Strauss’sche Kunst erst durch den luftigen 
Aufputz, den ihm Oscar Blumenthal und Julius Freund ver 
liehen haben. Der, Mangel an guten Textbüchern mag in erster 
'Reihe den Niedergang der deutschen Operette verschuldet haben, 
und, wenn Waldmeister trotz seines Libretto in Berlin einen ge 
radezu stürmischen Erfolg erzielt hat, so ist dieser der unverwüst 
lichen musikalischen Gestaltungskraft des Meisters zu danken, 
der zwar der Wiener Meister genannt wird, aber mit seinen Me- 
lodieen sich die ganze Welt erobert hat. Strauss ist eine Indivi 
dualität, trotzdem er das am meisten abgedroschene Genre, den 
Walzer, beherrscht, aber jeder Strauss’sche Walzer ist individuell, 
verräth seinen Schöpfer. Hin und wieder klingt’s im Wald 
meister nicht immer frisch und neu, allein da stellt zur rechten 
Zeit sich ein Walzerrhythmus ein, und der Hörer ist captivirt. 
Das Walzerfinale des zweiten Aktes ist das Beste, was die 
moderne Operette aufzuweisen hat, es wird nur von dem 
zweiten Akt-Finale der »Fledermaus« erreicht, aber nicht über 
troffen. Nicht ganz zündend wirkt der. erste Akt, aber der zweite 
bringt Schlager auf Schlager, er erregte einen Jubel, der für sechs 
Operettenerfolge genügt hätte. Strauss, der die Ouvertüre persönlich 
dirigirte und bereits bei seinem Erscheinen am Dirigentenpult mit 
langanhaltendem Beifall begrüsst wurde, war Gegenstand stürmischer 
Huldigungen, die sich aus zwölf Hervorrufen, Tusch und der 
Ueberreichung von Lorberkränzen zusammensetzten, auch 
Dr. Oscar Blumenthal und Director Ferency aus Hamburg, 
der die glänzend ausgestattete Operette meisterhaft inscenirt hatte, 
mussten neben Frau Kopaczy und Herrn Steinberger an den 
Ovationen theilnehmen. Steinberger wirkt heute ebenso wie 
früher durch unverwüstliche Komik und pointirten Coupletvortrag, 
Frau Kopaczy, die berühmte, vielgenannte Operettensängerin, 
eroberte sich, nachdem sie die selbst bei siegessicheren 
Bühnengrössen übliche Debutangst überwunden hatte, im Sturm 
das Berliner Publikum; sie ist eine Künstlerin voller Grazie, 
Temperament und Pikanterie, eine Sängerin, die nicht nur Stimme 
hat, sondern auch singen und vortragen kann. Der Walzerkönig 
Strauss war in seinen Operetten auch stets der grosse Musiker 
und darum zündete er im »Waldmeister« nicht allein durch seine 
Walzer - Melodieen, sondern interessirt und fesselt auch durch 
seihe glänzende und doch feine Instrumentation, sowie durch die 
Art und Weise, wie er ein Ensemble zu behandeln und aufzubauen 
versteht. Das Lessing-Theater hat mit »Waldmeister seine Aus 
stellungs-Operette gefunden. Alfred Holzbock. 
V 
Eine Ausstellungs-Coupletstrophe sang Herr Stein 
berger in der gestrigen zweiten Waldmeister-Aufführung. Durch 
die Liebenswürdigkeit des Verfassers, des bekannten Humoristen und 
Bühnenschriftstellers Julius Freund sind wir in der Lage, die 
witzige Strophe unseren Lesern mittheilen zu können; sie lautet: 
Viel frohe Leute wallen 
Hinaus nach Treptows Hallen, 
Wo aus dem märk’schen Sand 
Ein Wunderwerk erstand; 
Doch giebt's in dem Getriebe 
Auch viele Taschendiebe, 
Die nehmen dort geschwind 
Die Dinge — wie sie sind. 
Wie schön und stolz ein Werk auch sei —< 
Von Grossstadt-Bauernfängerei, 
Eine Kleinigkeit Hiesst dazwischen, 
Doch die Burschen wird man schon erwischen, 
Und Herrn Windheim's Befund 
Thut uns später dann kund: 
„Ausser Kleptomanie leiden sie 
Jetzt auch noch an — Treptoivmanie! 1 * 
V 
Das erste elektrische Licht brannte gestern im Alpen 
panorama und in den umliegenden Restaurationen. Auch das 
Kaperschiff und die benachbarten Vergnügungslokale waren zum 
ersten Male elektrisch beleuchtet. Den Strom liefert die in der 
Maschinenhalle aufgestellte Drahtstrom-Maschine von Siemens & 
Halske, die von einer Borsig’sehen Dampfmaschine betrieben wird. 
A. W. in S. O. Es giebt in der Ausstellung siebenhundert 
verschiedene „Gelegenheiten“, um den Durst zu stillen. Das dürfte 
Ihnen wohl genügen. 
£. B. Gewiss, Lord Lonsdale, welcher mit dem Kaiser den Rund 
gang machte ist derselbe Herr, den unser Herrscher im vorigen Jahr 
auf seiner Englandreise besuchte.
	        
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