Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officielle Ausstelfungs- Nachrichten. 13
Die elektrische Rundbahn Iiat ihren Betrieb am
Sonntag Mittag aufgenommen. Die Wagen wurden sofort vom
Publikum stark benutzt. Für die Besucher der Ausstellung, noch
mehr aber für alle Diejenigen, welche ständig in der Ausstellung
zu thun haben, ist die Betriebseröffnung der Rundbahn sehr an
genehm. Bei den riesigen Dimensionen des Ausstellungsterrains
verlor man bisher bei Geschäftsgängen im Park sehr viel Zeit,
abgesehen von der Ermüdung, die sich bald einstellte.
a) In der Ausstellung.
Oer erste Sonntag.
Von Alfred Holzbock.
' [Abdruck untersagt }
Der erste Sonntag ist, wie bereits im Ausstellungs-Reporter
klagend hervorgehoben ward, leider zu Wasser geworden. Der
Himmel verhielt sich kühl, die Sonne schien uns nicht günstig.
Wenn die Besucherzahl trotzdem eine verbültnissmässig ausserordent
liche und die Stimmung trotzdem eine animirte, wenn auch nicht
überschäumend fröhliche war, so zeugt dieses für die von Wind
und Wetter nicht abhängige Theilnahme des Berliners für
seine Ausstellung. Gerade der Sonntag wird eine von
den anderen Besichtigungen sich wesentlich unterscheidende
Physigniomie tragen, er wird der Tag werden, an dem
die von der eigentlichen Ausstellung unabhängigen Unternehmungen
die grösste Zugkraft ausüben werden. Der Sonntag ist der Volks
tag, an welchem das Volk all' den Sondcr-Sekaustellungen vor
aussichtlich ein lebhafteres Interesse entgegenbringt, als der
Industriehalle. Das Drum und Dran, der Vergnügungspark, Kairo,
das Alpenpanorama u. s. w. repräsentirt, eine die Berliner
Gewerbe-Ausstellung umgebende Weltausstellung; es wird
Gebräuche und Sitten fremder Nationen veranschaulichen, und manches
Belehrende bieten. Aus diesem Grunde dürfte für den regen und
empfänglichen Besucher das Drum und Dran nicht ausschliesslich den
Character oberflächlichen Amüsements und lärmenden Treibens tragen.
Man thut Unrecht, die einzelnen Schaustellungen zwar zu betrachten,
sich auch bei ihnen zu unterhalten, sie aber im Uebrigen von oben
herab anzusehen und als etwas Ueberflüssiges zu beurtheilen; sie
geben dem ernsten Unternehmen das heitere Relief. Kairo, die
Märchenwelt des Orients, Alt-Berlin, die wieder lebendig gewordene
Stätte historischer Vergangenheit, das Alpenpanorama, die Verbild
lichung des Hochgebirges, sie werden objective Anerkennung Anden,
aber der Vergnügungspark muss erst ein gegen ihn herrschendes,
Vorurtheil besiegen, das wie jedes Vorurtheil ungerecht ist.
In den Schaustellungen des Vcrgnügungspaeks stecken auch Ideen
sie haben auch einen Aufwand von Capital, Fleiss, Intelligenz und
Energie gefordert, sie werden in gewissem Sinne ein
internationales Culturbikl bieten, ein lustiges Schauspiel,
an dessen Ausführung sich die Vertreter verschiedener Völker
betlieiligen. In Cairo und Alt-Berlin, im Vergnügungspark und
im Alpenpanorama, sowie an all' den anderen Stätten der Welt
ausstellung in der Berliner Ausstellungwird namentlich am Sonntag
die Eigenart des lustigen Berliner in laut fröhlicher, harmloser
Weise sich offenbaren. Hier dürfte der Fremde nicht nur die
Gebräuche fremder Völker, sondern auch die Sitten des Volkes
von Berlin, des lachenden, frohsinnigen sonntäglichen Berlins kennen
lernen.
Der erste Sonntag war allerdings nicht danach angethan, die Massen
in der Ausstellung froh und lustig zu beleben, die Stätten des Ver
gnügens und der Sehenswürdigkeiten mit Frohsinn und Volkslaune
zu füllen. Das Wetter machte namentlich hier seinen bekannten
Strich durch die Rechnung. Wie es an jenen Orten, die an den
Wochentagen gewiss auch ihr grosses Publikum finden, an den Sonn
tagen jedoch am meisten und fröhlichsten belebt sein dürften,
gestern aussah und zuging, sei in den folgenden kurzen Bildern
geschildert.
In Alt Berlin
waren die Strassen wenig belebt, die Plätze fast menschenleer;
gedrückt voll war es in der »rothen Rose« bei der italienischen
Singspielgesellschaft und im Hackerbräu bei der originellen
Grethe Bauer. Das wenige Publikum, welches Alt - Berlin
besuchte, ging beschleunigten Schrittes über die Strassen und Plätze;
die so hüsch kostümierten Kellnerinnen bargen schützend ihre bunte
Kleidung unter Mantillen, Mänteln, Jaquets und sonstigen schützen
den Hüllen, die gleichzeitig auch den Körper erwärmen. Vor dem
Rathhaus war ein Seil gespannt, auf dem Seiltänzer ihre Künste
zeigen sollten, aber nass ist das Seil und schlüpfrig, und eine Be
steigung daher gefährlich. In den verlassenen Kaufläden sah man
hauptsächlich Verkäuferinnen.
In Kairo
hielten sämmtliche exotischen Thiere, die Dromedare, Büffel,
Mekkaesel, Berberrosse gestern eine feierliche Sitzung im Unte-
bau der grossen Pyramide von Gizeh ab. »Wohin sind wir
gerathen!« jammerte das älteste Kamee!; seit 30 Jahren bin ich Schiff
der Wüste; ich habe mich erprobt in der wüstesten Hitze, und mancher
Weltreisende und Naturforscher rühmt-mir in seinen Werken
-nach, dass ich das Wasser 14 Tage und noch länger hr
meineffl Magen zurückbehalten- kann Hier aber — das sind
ja total undisciplinirte Verhältnisse; da traust das Wasser
immerzu vom Himmel herab, dazu grhört ein eigener Mägen!
Ein Magen der Sonnenschein aufspeichert für Tage der Noth,
Das aber meine verehrten Anwesenden würde noch über Röntgen
gehen! Röntgen, meine verehrten vierbeinigen Gehegen ist ein Un
gläubiger, ein Franke, der jedem Thier und Menschen, meist aberden
Fröschen bis in den Magen hinein leuchten kann; aber aus dem Magen
heraus—das, meine lieben Mitleidenden, muss erst erfunden werden, und
ich, offen gestanden, bin ein zu altes Kameel, um noch was Neues
in die Welt zu setzen! < — Auf diese oratorische Leistung hin,
wie sie seit den Tagen des Reinecke Fuchs nicht gehört worden
ist — wieherten sämmtliche Pferde Beifall, die Karneole senkten
ihre Knie kreuzweis nach orientalischer Sitte, die Esel schrieen
»Yah« —, denn ein Esel kann niemals »Nein« sagen, daran er
kennt man auch diese Sorte Menschen — und alle stimmten einer
von dem ältesten Kameel vorgeschlagenen Resolution bei, in
welcher die Directoren Möller und Wohlgemuth aufgefordert werden,
besseres Wetter aus Kairo nach Treptow zu transpörtiren, — oder
aber im Regen allein auf dem Platz umherzulaufen. — Das walte
Allah!
Der Vergnügungspark
hatte am gestrigen Sonntag am meisten unter der Ungunst der Witterung
zu leiden. Alle Festlichkeiten, welche unter freiem Himmel stattfinden
sollten, mussten bei dem ohne Unterlass strömenden Regen
unterbleiben. Trötzdem kämpfte sich in den Nachmittagsstunden
eine ansehnliche Menschenmenge durch den Sturm bis in diesen
Theil der Ausstellung; glücklicherweise sind die Etablissements
des Vergnügungsparks so gross und weitläufig angelegt,
dass sie Schutz für Tausende bieten. So zählten 7 den»
Hagenbeck’s Circus, Schippanowski’s Weltmusik, das Hippo
drom, das Labyrinth u. a. zahlreiche Besucher. Als grosse
Attraktion bewährte sich die «Tarantella-Truppe« unter Leitung des
Maestro Liberti, aus zehn männlichen und ebensoviel weiblichen
Mitgliedern bestehend, welche ausser dem originalitalienischen National
tanz einige reizende Phantasietänze graziös ausführte. Auch die Sonntags
reiter im Hippodrom erzielten als unfreiwillige Artisten grossen Heiter
keitserfolg. Die Theater haben in diesen Eröffnungstagen noch mit
Beleuchtungsschwierigkeiten zu kämpfen, die ja bei einein derart
colossalen Unternehmen kaum zu vermeiden sind. Nach Besiegung
dieser Hindernisse und bei günstigem Barometer-stand wird der
Vergnügungspark ganz besondes am Sonntag zweifellos der Ziel
punkt des unter haltungsbedürftigen Berlin werden.
Im Alpen-Panorama.
»Nauf geht’s hell nit«, versicherte eine blondbezopfte Ziller-
tbalerin. Und wer es nicht glauben wollte, dem versicherten
es die blau uniformirten Schaffner und die rothen Zettel am
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