Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officielle Ausstellungs-Nachrichten.
n
Arbeiter meinte allen Ernstes, das Ungeheuer stelle den Capitalismus
clar, dem alle Arbeit zum Opfer falle. Der Mann war sehr stolz
auf diese Auslegung und sah etwas geringschätzig auf einige Herren
herab, die seine Meinung nicht zu theilen schienen.
Vor der Ausstellung der Königlichen Porzellan-Manufaetur
staut sich die Menge der Besucher und mustert die farbigen Wand
fliesen, die allseitig volle Anerkennung finden. Dann theilt sich
der Strom der Schaulustigen und ergiesst sich in die verschiedenen
Seitenhallen, aus denen er immer wieder zu der grossen Mittel
halle zurückfliesst. Die Einen kommen zurück mit warmem Lob
für das Gesehene, Andere haben allerlei auszusetzen. Jenem sind
die Säle noch zu leer, der findet Alles zu reich, zu prächtig, um
dem allgemeinen Nutzen zu dienen, ein Anderer wieder spricht be
geistert von dem Gesehenen.
Viel Vergnügen bereitet es, einige Zeit bei der historischen
Trachten-Ausstellung von Moritz Bacher zu verweilen und die
verschiedenen Gespräche zu belauschen: »So sollen die Leute
früher gegangen sein«, spricht kopfschüttelnd ein junger Backfisch
zu ihrer Begleiterin in dem gleichen beneidenswerthen Alter, Du,
das glaub ich nicht! So würde ich mich ja schämen, über die
Strasse zu gehen.«
»Zu solcher Muffe muss ja ein ganzes Bärenfell verwendet
werden «
»Du, August, 1796 haben se ooeh schon jestreikt«, äussert
lächelnd ein Arbeiter im Sonntagsstaat zu eineta Freunde.
»Wie meenste denn dar?«
»Na siehst De nich, bei die Dame da in die kurzen Kleeder
hat der Stoff nich jelangt, da haben jewiss die Weber jestreikt.«
»Ach, wie süss, wie herrlich!« ruft eine Schöne und veranlasst
ihren Gatten, bei der Gruppe von 1804 stehen zu bleiben.
»Etwas unbequem!« brummt der Herr Gemahl und geht
weiter.
»Das soll’n Stiebei sind!« kritisirt ein Bürger, anscheinend
ein Sachverständiger und betrachtet die weiten Halbschaftstiefel,
wie sie 1796 von den Herren getragen wurden, »det sind de
reenen Knobelbecher!«
So kritisirt, belächelt und bewundert man die einzelnen
Figuren. Dann steht man wieder vor Gerson und Herzog still
and nimmt hier die ausgestellten Herrlichkeiten in Augenschein, wobei
namentlich unsere Damen, Jung und Alt, die strengste Kritik üben.
Das Publikum verweilte sehr gern und lange in dem Haupt-Industrie-
Gebäude und am Sonntag waren die weiten Hallen bis zum Dunkel
werden dicht gefüllt, weil das unfreundliche, kühle und regnerische
Wetter den Aufenthalt im Freien verleidete.
V
Im Pavillon des Berliner Lokal - Anzeiger.
»Waren Sie schon im Pavillon des Lokal-Anzeiger?«, »haben Sie
schon die neuen Setzmaschinen gesehen?«, diese und ähnliche Fragen
konnte man am gestrigen Tage nicht nur vor dem schmucken
Pavillon, sondern überall, in der Wandelhalle, im Chemiegebäude, im
Vergnügungspark etc. vernehmen. In der That glich der Pavillon
am Sonntag einem Bienenkorb zur wunderschönen Maienzeit,' ob
gleich das Wetter nichts weniger als freundlich war. Man darf
mit vollem Recht behaupten, dass Alle, welche die Ausstellung be
suchen, auch den Pavillon des Lokal-Anzeiger betreten, der durch
seine Lage so recht zum Besuch auffordert. Ein äusserst inter
essantes und abwechslungsreiches Bild bietet sich dem unbefangenen
Beobachter dar: zunächst etwas ängstliches Staunen, dann ein
Hasten und Drängen, um Alles möglichst schnell zu sehen. Die
Rotationsmaschine ist in Thätigkeit, alles drängt dorthin, denn
der Lärm zieht immer. Staunend sehen die meisten Besucher
die Papierrolle sich abwickeln und die fertigen Exemplare
erscheinen, und überrascht sucht Jeder dSn wunderbaren
Mechanismus zu ergründen. Auch ein wackeres Bäuerlein
aus Schleswig-Holstein befindet sich in der Schaar der Bewunderer.
Es hat den ersten Sonntag benutzt, um einen Ausflug nach
Berlin zu machen, da ihm später die Landarbeit nicht ge
nügend Zeit lässt. In Begleitung seines Sohnes, eines »Isen-
bahners« hat er sich nach Treptow aufgemacht. Es ist rührend,
mit welcher Naivetät der biedere Landbewohner sich die Maschine
ansieht und der Erklärung seines Sprösslings lauscht, welcher ihm
an dem Numerirwerk zeigt, wie schnell ein Exemplar ferti
gedruckt ist. » Dünner werter, geiht dat oabers gan;« weitere
Worte kann er nicht finden, und kopfschüttelnd ver
lässt er endlich das Lokal. Die Maschine steht still
nun strömt alles nach der andern Seite des Pavillons, wo
sich die Setzerei befindet. Am Nachmittag fluthet das Publikum
in dichten Schaaren in den Pavillon und zeitweilig entsteht
ein fast bedenkliches Gedränge. Damen in kostbaren Toi
letten, Frauen in einfacher Kleidung, Männer mit ernsten
gereiften Zügen und junge Elegants, denen man auf zehn
Schritte ansieht, dass lediglich Neugierde sie hinführt, schieben
einander oder sie werden geschoben. Die Setzer werden bei
ihrer Arbeit bewundert und mancher Besucher erbittet sich
auch Auskunft, »wie es gemacht wird«, ob es schnell geht, ob
es sehr anstrengt u. s. w. Der meiste Andrang ist jedoch bei den
Setzmaschinen, den Linotypes. Gehört hat fast jeder von ihnen, aber
Frau Fama hat sie mit einem Sagenkreis umgeben und ihre Vor
züge und Nachtheile mit so grellen Farben gezeichnet, dass
man sie sehen muss. So gings vom frühen Morgen bis zum
späten Nachmittag, unaufhörlich kamen neue Besucher und
gingen diejenigen, welche genug geschaut oder aber
sich auf den Fauteuils im Depeschensaal genügend gestärkt hatten.
»Am Markt lernt man die Leute kennen« ist gewiss ein wahres
Wort, wer aber die Ausstellungsbesucher kennen lernen und phy-
siognomische Studien machen will, der besuche an einem Sonntage
den Pavillon des Lokal-Anzeiger, er wird hier ein dankbares Feld finden.
Dass der Pavillon das Interesse weitester Kreise in Anspruch
nimmt, erhellt am besten aus dem Umstande, dass am
Sonnabend Nachmittag der Herr Unterstaatssecretär Humbert
und der Mecklenburgische Gesandte von Oertzen sich die An
lagen ansahen und eingehend erklären liessen. Am Sonntag
waren unter anderen namhaften Persönlichkeiten auch 45 Mit
glieder des Liverpooler Lehrervereins, welche sich auf einer Rund
reise durch Deutschland befinden, erschienen, und besichtigten mit
grosser Aufmerksamkeit namentlich die Setzmaschinen.
V
Am NeuenSee und inder Gartenbau-Ausstellung.
Die gesummte Naturschönheit der Ausstellung, deren unvergleichlichster
Punkt der Neue See und seine stilvolle Umgebung bleibt, hatte
sich darauf vorbereitet, den ersten Maisonntag und die unzähligen
Berlinea Gäste, die er unbedingt mitbringen musste, würdig zu
empfangen. Allein der böse Wolkengott beschloss es anders;,
trotzdem, der wahre Berliner »forcht« sich nicht, war der Besuch
stärker, als man den Umständen nach erwarten konnte,
selbst der Besuch der Anlagen , am Neuen See, wozu die entzücken-.
den Arrangements der Gartenbauausstellung gerechnet werden
müssen. Die Staffage zu dieser Umgebung war deshalb auch am
Sonntag in ihrer Art eine interessante, weil kaleidoskop
artigwechselnde. Das Publikum wandelte; es verweilten da
gegen nur umgekippte Promenadenstühle, frierende Blumen
verkäuferinnen und fröstelnde venezianische Gondoliere, die
bei den starken Windstössen keine Gegenliebe für ihre schlanken,
schwankenden Gefährte fanden. Die Klänge der Musik entflatterten
im Winde, die Fahnenmasten ächzten und dann und wann entfloh
ein mangelhaft befestigter Feston seinen Haken und Oesen. Dort,
das lauschige Plätzchen mit den niedlichen Terracotten und dem
schaukelnden Gnomen unter der schattigen Baumkrone, wie war er am
Sonntag entvölkert! Vergebens überredeten die herrlichen Blumen,
die scheinbar dem tropischsten Süden entstammenden Fächerpalmen,
die Anlagen zur Züchtung appetitlichen Spalierobstes mit ihren
Düften und ihren natürlichen und künstlichen Schönheiten zum
Bleiben, zum Verweilen. Starrender Frost, rauschender Sturm —-
des Windes — rieselnde Feuchtigkeit — ein Dreiblatt, das auch
den Widerstrehendsten zwingt, die Naturkneipe schleunigst mit
denen der verschiedenen Bräus, Conditoreien und Cafes
zu vertauschen. Doch ein Sonntag macht nicht alle. Wir stehen
noch immer im Zeichen des Beginns, der Vorbereitungen im
himmlichen Wetter und im irdischen Ausstellungstheater. Die
Sonne lacht schliesslich uns Allen, und dann werden jene Stätten,
an denen am Sonntag jedermann unaufhaltsam vorüberstrebte,
duftige Ketten der Poesie um die Besucher der Ausstellung
Schliessen, denen man sich am späten Abend nur widerwillig wird
entwinden können.
V
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