Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officielle Ausstellungs - Nachrichten,
ii
»Karl, her damit. Ich hole den Eiserkasten. Den bringen
wir selbst auch wohl noch zu Stande, der akademische Plan ist ja
vorhanden und die Socken dito.«
»Halt, Wilhelmine, nicht übereilt. Es sind Tapeziere von
auswärts verschrieben, die werden kommen. Was am Eröffnungs
tage nicht fertig ist, wird’s vierzehn Tage später sein. Mit unserer
kleinen Ecke hat es keine Noth, die macht sich auch ohne das
Aeusserliche gediegen und gefällig.«
»Das werde ich besonders in meinen Berichten hervorheben,
mein Karl. Du sollst nicht wegen des Streikes zu kurz kommen.
0 nein. Ich werde öfter lobend auf Dich hinweisen, und wenn
er erst an seinem Platze prangt, auch auf den Sockenadler. —
Beruhigen Sie sich nur, Dorette, Sie sehen, es geht auch ohne.«
»Ach, Madame, wie kann ick mir je in’s Leben wieder be
ruhigen; ick weess nich, wo der Kopp mir steht. Mir is, als
wären alle Jedanken mit’n mal rausjeloofen. Ick weess nich, wie’t
werden soll.«
»Dorette«, nahm ich strenge das Wort, »wir haben diesen
Sommer doppelte, ja dreifache Arbeit, dabei müssen Sie durchaus
auf dem Posten sein,«
»Det kann ick nich versprechen,« schluchzte sie.
»Dann gehen Sie besser.«
»Det wollte ick ooeh nich.«
»Was wollen Sie denn, Dorette?«
»Blos en Bisken Nachsicht mit meine traurige Lage.«
»Das werde ich mir erst noch mal überlegen. Gehen Sie
an Ihre Arbeit.«
Sie ging.
»Karl« sagte ich, »die Ausstellung, ein Mädchen, auf das
kein Verlass, die Berichte, oder gar ein unerfahrenes neues, das
Haus voller Fremden, weisst Du, das sind Sommer-Aussichten, die
ich mir doch etwas anders gedacht hatte.«
»So denkt man immer« sagte mein Karl. Ob andere derselben
Meinung sind!« Ihre ganz ergebene
Wilhelmine Buchholz.
Der erste Sonntag der Ausstellung hatte ein
äusserst zahlreiches Publikum in den prächtigen Treptower
Park hinausgelockt. Schon am Vormittag waren Tausende von
Eintrittsbillets ausgegeben und in den Nachmittagsstunden
nahm der Andrang von Stunde zu Stunde an Umfang
zu. Wenig liess sich die schaulustige Menge durch das hin
und wieder etwas unfreundliche Wetter abschrecken und in hellen
Haufen drängte man sich »in gewaltig wiederholten Wehen durch
die enge Gnadenpforte«, die zu den Herrlichkeiten führte, die man
in Wort und Bild schon vorher so viel hatte rühmen hören. Und
wenn nicht Wenige den Lobpreisungen, die vor Eröffnung
der Ausstellung vielfach schon in die Oeffentlichkeit gedrungen
waren, etwas misstrauisch und skeptisch gegenüber standen, so
wurden doch selbst die Ungläubigsten auf das Angenehmste
überrascht von der Grossartigkeit des Bildes, das Ihnen die Aus
stellung im Ganzen und in ihren Theilen bot, das sahen und hörten
wir aus den mancherlei Kritiken heraus, die wir über das Gesehene er
fuhren. Ganz besonders im Nordpark, der mit dem Alpenpanorama
dem Lloyddampfer, dem Nebelhorn und vor Allem mit dem »Nassen
Viereck«, einen Hauptanziehungspunkt für das vergnügungs- und
schaulustige Publikum bildet, herrschte ein erfreulich reger Verkehr.
Das Alpenpanorama war freilich noch nicht eröffnet, und die vielen
Besucher, die es besichtigen wollten, mussten ihren Besuch auf eine
spätere Zeit verschieben und vorläufig ihren Groll in dem Spaten
brau, das man unten im Panorama schänkt, ertränken. Und weil
man gerade so hübsch in der Nähe war, ging man dann hinüber
zur Bodega oder zu Siechen oder zu Habel und kneipte sich da in
voller Gemüthlichkeit fest.
Wohl selten ist die Wetterprognose für den Sonn
tag so eifrig studirt worden, wie am verflossenen Sonnabend, und
freundliche Gesichter waren es nicht, mit denen die Ankündigung
von ziemlich kalter Temperatur und zeitweiligen Regenfällen begrüsst
wurde. Es war wirklich kein gnädiger Himmel, der über dem
ersten Sonntag der Ausstellung lag. In seinen dichtesten, grauen
Wolkenmantel gehüllt, schaute er mürrisch auf alle die Herrlich
keiten da draussen herab, die so dringend des Sonnengoldes be
dürfen, wenn sie sich in ihrer ganzen Schönheit präsentiren
sollen, und boshaft trieb ein schneidiger Wind sein tolles Spiel
zwischen den zahllosen Fahnen und Wimpeln, dass sie unwirsch
unter seinem Hauch sich bäumten und wanden. Glücklicher Weise
aber ist der Berliner ein wetterharter Geselle und gegen derlei
Launen der missgünstigen Witterung längst gefeit. Nur äusserst
schwer lässt er sich durch sie seine Sonntagsdispositionen um-
stossen; und so herrschte denn auch gestern aas den verschiedenen
Stadthalmhöfen bereits in der Frühe ein sehr reger Verkehr und
sämmtliche Züge, die nach dem Ausstellungsterrain führten, waren
dicht besetzt. In den Mittagsstunden steigerte sich der An
drang ganz gewaltig, ohne dass sich indessen irgendwie störende
Zwischenfälle bemerkbar machten. Selbst die an Sonntagen
von jeher übliche Ueberfüllung der Wagenahtheilungen — in
vielen drängten sich zwanzig Personen — wurde mit oft erprobter
Gemüthlichkeit hingenommen, und lachend tröstete man sich mit
bekanntem berliner Humor gegenseitig über die drückende »Enge der
Situation«, die allerdings eine Fährlichkeit in sich birgt —
das Bauchen. Wir möchten nicht um die Welt den zahlreichen
Freunden des edlen Tabaks den Genuss desselben, wo derselbe nur
irgend angängig ist, verkümmern, möchten sie aber im Interesse
der Allgemeinheit eben so höflich wie dringend bitten, den Glimm
stengel und ganz besonders die überaus gefährliche Cigarette,
wenigstens im überfüllten Stadtbahncoupee, während der verhältniss-
mässig kurzen Fahrt, ausser Curs zu setzen. Abgesehen davon,
dass die Luft in dem vollgepropften Räum durch den Tabaksnebel
nicht gerade lieblicher wird, gehört es auch nicht zu den Annehm
lichkeiten des Daseins, wenn wir plötzlich entdecken, dass uns ein
freundlicher Zufall, das durch die Erschütterung des Fahrens und
das gegenseitige Stossen und Drängen der Passagiere herabfallende
Feuer einer »Rauchrolle«, auf die Kleidung geworfen und ein Loch
in dieselbe gebrannt hat, wie dies gestern einem jungen Manu
passirte, der das Unglück hatte, mit einem eifrigen Cigaretten
vertilger Schulter an Schulter zu fahren.
V
Ein Stündchen im Haupt-Industriegebäude hot
am Sonntag für den stillen Beobachter hohen Genuss. Die Jünger
fast aller Künste, der Maler, der Dichter, der Bildhauer und sogar
der Musiker, hätten hier allerlei Studien treiben können. Gleich
am Eingang drängte sich die Menge um die Nischen, wo das
Goldene Buch der Stadt Berlin ausliegt. Viel bewundert wurden
die Unterschriften des Kaisers. »Sähst Du, Mudding,« meinte ein
Bäuerlein aus Mecklenburg zu seiner besseren Hälfte, »dat het hei
schrewen und mit de golden Feder de dor in dem Kasten liggen
daiht. Wi künn’n uns ok inschrewen!«
»Ok mit de goldne Feder?«
»Ach Mudding, Du büst wol nich recht unklauk? Komm
man binnen, ick mak mi dat Plesir und schriew mi ok in.«
»Ach Du Däskop kannst ja gar nich schriewen. Du makst ja
man blot drie Krüze!«
»0 hude mak ick blot een Krüz, aber keen lüksches!«
»Warum?«
»Na, Mudding, weil Du dor büst, da hebb ick doch dat grote
Huskrüz bei mi!«
Die Umstehenden lachten laut über die treffende Antwort.
»Mudding« aber jtvarf ihrem Ehegemahl gerade keinen freundlichen
Blick zu.
Im Kuppelsaal blickt die Menge staunend und bewundernd
zu dem prächtigen Kuppelgemälde empor. Nur selten hört man
ein Wort des Spottes und Witzes, obwohl doch sonst der Berliner
schnell mit einer schnodderigen Redensart bei der Hand ist. Die
Symbolik des Bildes findet recht verschiedene Auslegungen. Die
beiden Bauern, welche den Boden bearbeiten nnd denen ein Un
geheuer zuschaut, werden bald für Schatzgräber, bald für Drachen-
tödter gehalten, die ausziehen, das Ungeheuer zu todten. Ein
P
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