Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

10 Officielle Ausstellungs- Nachrichten.
Mein Karl sah dies ein, aber er hatte die Hände mit seinem
Aufbau in der Ausstellung voll — geradezu überwältigend mit
einem Reichsadler aus lauter schwarzen Socken nach dem Grund
riss eines akademisch vorgebildeten Künstlers — und schob mir
den Besuehsschlachtenplau zu. Ich sass und bebrütete ihn mit
■ stundenlangem Nachdenken, ohne dass jedoch eine rettende Idee
ausschlüpfte; immer und stets war der Amtsrichter im Wege.
Da wurde mir ganz unerwartet Hilfe in der Noth, obgleich
sie nicht so aussah, denn wenn die Bergfeldter, oder jetzt nach
ihrer Wiedervermählung, Frau Butsch angetanzt kommt, lauert
irgend etwas Erbauliches im Hintergründe, woran sie weniger
Schuld hat, als das ihr im Kalender des Lebens angestrichene Pech.
Sie ging zweckmässig gekleidet, wie es einer Weissbierwirtkin vom
Kiez geziemt, wo Schleppen wegen der übergeschwappten Boden
feuchtigkeit nicht lokalgemäss sind. Sie arbeitet tüchtig in Küche
und Haushalt und da sie merken, dass sie etwas vor sich:
bringen, fassen sie beide unverdrossen an. Er zieht
das Bier alleine ab mit inclusive Flaschenspülen, wobei!
er manchmal zwei Centimeter äussere Rundung verliert.;
Weil das gesund ist, freuen sie sich Beide so darüber, dass sie
ihm ein deutsches Belohnungs-Beefsteak von Suppentellerformat brät
und er eine Selbstanerkennungs-Weisse mehr trinkt oder auch zweie
— genau weiss sie es nicht — worauf die alte Dickditäte über
haupt nicht weg gewesen zu sein scheint.
»Butschen,« sagte ich, als sie mir dies erzählte, »futtern Sie
Ihren Mann nur nicht auf den Schrägen«. —- »Es schmeckt ihm
immer so schön, da kann ich doch nicht davor? Mein Seliger
gab zuletzt das Essen auf und da war’s Alle. Nee
Buchholzen, Hungerkuren sind ja hochmodern, aber sie endigen
ebenso tödlich wie andere Millezin.«
Dies verdross mich. Es passt sich nicht für beschränktere
Intelligenz, in Familien mit einem Sanitätsraths-Schwiegersohn, herab
setzend über arzeneilicbe Sachen zu sprechen. «Liebe Butschen,« ent-
gegnete ich daher klarstellend, »wenn jemand an einer Behandlung
stirbt, so liegt es stets an dem Patienten. Oder haben Sie
vielleicht bei Viichow gehabt, dass Sie es besser wissen?«
»Nee,« erwiderte sie verlegen. »Hab’ ich mich vielleicht mit
'ner Ansicht verhauen? Wissen Sie, nehmen Sie’s man nicht übel,
ich krieg die Zeitungen immer erst zwei Tage später nach der
Küche zu lesen, da bleib ich denn wohl ein Bisken in der Bildung
zurück. Und eben deshalb komm ich zu Ihnen, Frau Buchholz,
weil Butsch auch keine Zeit für die Anzeigen hat, — wir haben
nämlich ein Ausstellungszimmer zu vermiethen —, vielleicht, dass
Sie mal was erfahren und uns recommandiren. . .«
Ich sprang auf. »Butschen,« rief ich, »alleweil sind Sie auf
Ihrem Terrain; Medicin ist dagegen für Sie eine verrannte Sack
gasse, Zimmer? Zu Mitte Juli ganz sicher. Wie sind die Preise?« —
»Zwei Mark mit Frühstück.« — »Ist das nicht etwas zu linden-
haft für die Sehulzendorferstrasse«. — »Wir haben Alles machen
lassen, ich sage Ihnen, einzig. Die Stühle sind im empirischen
Stil, der jetzt mächtig aufkommt, wie der Möbelfritze sagt«.
»Sind die Möbel bezahlt?«
Das Gesicht von der Butschen jetzt. Helle Freude mit
leuchtenden Augen »Ja«, sagte sie — »Wir haben’s sauer ver
dient, groschenweis«. — Sie seufzte tief auf. War es ein Freudenseufzer
oder mehr eine Ausathmung alter Zeiten, wo sie doch, wenn sie
Irgendwo hintraten, ausschliesslich in Dalles [und Rechnungen nicht
anders kannten als in unquittirtem Zustande. Um mich zu über
führen, fragte ich: »Und Ihnen bekommt die Arbeit? Appetit gut?
Schlaf gut? Augen gut? Gedächtniss gut?« — »Nun«, sagte
sie und seufzte noch einmal, »das Gedächtniss ist schlecht, es er-
innnert mich immer an so Vieles, was ich am besten vergessen
möchte.« Aber ich will nicht klagen. Sie wissen ja selber, wie
ich mehr Schatten vom Leben gehabt habe, als Sonne.«
Ihr darzulegen, dass bei dieser Art Beleuchtung sehr viel da
von abhängt, welche Seite man der Menschheit zuwendet, wäre
nicht angebracht gewesen, denn einmal hatte sie sich mit dem
Zimmer von einer wohlthuenden Seite gezeigt und hat im Laufe
der Jahre viele ihrer unangenehmen abgelegt. Die Krausen ;
hingegen bleibt constant unverändert, obgleich in der Zoologie sich
selbst Schlangen häuten.
Der bekannte Stein, der schon so vielen vom Herzen gefallen
ist, obgleich ihn noch niemand gesehen hat, war herunter. Was sich auch
ereignete, wenn auch zwei zusammenstiessen: bei Butsch war für
den Einen Unterkommen. Ich klingelte der Dorette, um ihr dies
mitzutheilen.
Ein wahres Glück, sagte ich zur Butschen, dass ich ein so
zuverlässiges Mädchen habe. Freilich, gleich nach der Ausstellung
macht sie Hochzeit, ihr Bräutigam setzt sich als selbstständiger Ta
pezier und die Trinkgelder, die es inzwischen giebt, bringt sie mit
in die Ehe.
»Baar Geld kann man nie genug haben, zumal wenn es Einem
fehlt«, bemerkte die Butschen.
Ich wollte ihr sagen, dass sie soeben ziemlichen Kaff
geredet hätte, wenigstens in dem feineren Gedankenaufbau,
als die Dorette endlich erschien, aber nicht wie gewöhnt frisch und
adret, sondern langsam in ’lrauergefolgeschritt mit rothgeweinten
Augen und zusammengerungenem Thränentuch in der Hand.
»Dorette« rief ich. »Was giebt’s denn? Was ist los!«
Keine Antwort.
»Ist Ihnen was Nahes gestorben?«
Schluchzen.
»Wer denn Dorette?«
Sie schüttelte verneinend mit dem Kopfe.
»Was ist Ihnen denn? So reden Sie doch.«
»Das — kann ick — Ihn’n — man blos — janz alleene —
sagen«, jammerte Dorette und drückte sich das Taschentuch ins
Gesicht.
Mit einem Takt, den sie früher nie hatte, stand die Butschen
auf und verabschiedete sich. »Sie können das Zimmer jederzeit
haben, wenn wir’s nur vorher wissen. Uebrigens hat Butsch seine
Teiephonnummer.«
Ich zurück zur Dorette. Was hat sie? Was soll ich ohne
sie anfangen mit dem Haus voller Gäste und ich selber
halb auf. der Ausstellung und halb am Schreibtisch, nie voll und
ganz für den Hausstand? Eine neue Philippine anbändigen, Berichte
schreiben und dabei tadellose Wirthin spielen — das überstieg
meine Fähigkeit. Mehr als seine gewisse Anzahl Pferdekräfte hat
der Mensch nicht.
Ich also mir schleunig die Philippine vorgebunden und klaren,
wahren Wein verlangt. Sie aber immer gedruckst und mit Wort-
noth behaftet, das ich schon dicht daran war, falsch zu werden, als
mein Karl kam, der im Gegensatz zu ihrer Zurückhaltung sich in
einer Lebhaftigkeit erging, die mich erschreckte.
So hatte ich ihn noch nie schimpfen gehört. 1
Als ich nach und nach erfuhr worum es sich handelte, glaub’
ich, hab’ ich auch einige unsanfte Aeusserungen dazu gegeben.
War es denn erhört? Jetzt, wo die Ausstellung eröffnet werden
sollte, jeder Tag ausgenutzt werden musste, jetzt warfen
die Tapeziere die Arbeit nieder, gerade jetzt, wo sie
die letzte Hand anzulegen hatten, damit alles die Vollendungs
falten und Fransen kriegte und den rothen Callicot um die Tische
und was sonst zu bekleben, zu benageln und zu betroddeln war.
Die Philippine weinte bei dieser Auseinandersetzung ganz
schrecklich.
»Ja, heulen Sie nur« wandte sich mein Karl an sie. »Ihr
Bräutigam, der mir sein Wort gab, meinen Stand rechtzeitig fertig
zu liefern, ist auch mit ausgerückt. Ist das der Dank, dass ich
ihm versprach, ihm bei seiner Etablirung behilflich zu sein.
Jetzt lässt er mich sitzen.«
»Mir ooeh«, jammerte Dorette. »Er sagte, hier könnte er
sich wegen Undank nicli wieder blicken lassen.«
»Kann er auch nicht«, schaltete ich ein.
»Und mit dem Heirathen is et nischt. Er setzt Alles bei
dem Streike zu, ooeh wat ick ihm erspart habe.
»Warum begeht er denn solche Thorheit, sein Glück, Ihr
Glück leichtsinnig aufs Spiel zu setzen?«
»Er wollte ja noch nicli«, barmte Dorette, »ihm hat das Herz
geblut’t, aber er musste ja. Wat kann er alleene jejen die IJeber-
macht? Er jinge für den Herrn und die Frau durch’s Feuer ...
aber er darf nicli.«
»Wer macht mir nun den Adler für meinen Aufbau?«
»Was?« rief ich, »der ist noch nicht da? Die Hauptkrone der
ganzen Ausstellung?«
»Im vorläufigen Grundriss.«
Top of page

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.