Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officielle Ausstellungs - Nachrichten.
9
Fernrohr. Sehr interessant ist die Austeilung für Photogrammmetrie
von Günther-Braunschweig, welche neben Photographiern! der an
gewandten Apparate Zeichnungen und Bilder zur Erklärung
des Verfahrens für geographische Ortsbestimmungen, für
Wolkenmessung, ferner Photograph!een zur Veranschaulichung
der photogrammmetrischen Messung für die Bahn auf die Jungfrau
enthält. Unter dem linken Querschiffe befinden sich die glänzenden
Ausstellungen von Hirsehmann mit elektro-medicinischen Instru
menten jeder Art; von Lufft-Stuttgart für Barometer jeder Grösse,
worunter auch ein Aneroid von 1 1 ( 2 Metern Durchmesser für Thürme,
und Anderes.
Nicht alles Lehenswerthe kann hier im ersten Berichte als
bald Erwähnung finden; manches war bei der Niederschrift dieser
Zeilen noch unfertig oder noch ganz fehlend. Aber die Ausstellung
wissenschaftlicher Instrumente verdient eine noch weit eingehendere
Behandlung, als ich ihr Jieute widmen durfte, und soll auch die
selbe späterhin erfahren. E. T.
Ausstellungsbriefe
von Wilhelmine Buchholz.
[Abdruck untersagt.]
II.
Sommer-Aussichten.
Sehr geehrter Herr Redacteur !
Das merkwürdigste von allen Organen des Menschen ist sein
Gedächtniss. Ich habe bis vor Kurzem keinen rechten Begriff
davon gehabt, aber ich stelle es mir vor wie früher Beliachini’s
Hut — Nichts ist darin und ohne dass man daraus klug wird,
kommt die erstaunungswürdigste Füllung zum Vorschein: Laternen,
Bälle, Becher und zuletzt ein Wickelkind, das einen Heiterkeits
erfolg erntet. Oeffentlicke Wickelkinder sind immer von durch
schlagender Wirkung.
Ich muss mich an diesen Vergleich halten, denn was ich im
Meyer darüber nachschlug, ist mehr für Professoren verständlich,
als für Jemand, der sich erklären möchte, wieso mein Kail und
ich mit einem Male in dem Gedächtniss so sehr Vieler auftauchen,
die sich erinnern, dass wir sie gebeten haben, uns zu besuchen,
wenn der Weg sie nach Berlin fühlte, und mit unserem Fremden
stübchen vorlieb zu nehmen.
Jahre lang kamen sie nicht darauf, and jetzt sind wir wupp in
ihrem Gedächtniss mit Datum und den genauen Umständen, wann
wir sie dringend ersuchten, uns das Vergnügen zu machen. Da
sind Verwandte von meinem Karl, die mit ihm blos durch höchst
zweifelhafte Urgrossmütter zusammenhängen und es vor Gott und
der Welt unverantwortlich finden, intimere Beziehungen so lange
vernachlässigt zu haben und ihr Gewissen nur dadurch beruhigen
können, dass sie während der Ausstellung einige Tage bei uns
weilen. Ablehnung meinerseits ist nicht angebracht, denn keine
Behandlung schmerzt den Mann mehr, als wenn die Gattin seinen
Angehörigen und Freunden das Haus zum Eiskeller macht, und
ausserdem bin ich durch meine Seitenlinien in gleiche Lage ge
drängt. Als damals die Tante in Bützow starb, habe ich mit geerbt,
und Erben legt Verpflichtungen auf. Sollen die Leute sagen: »den
Draht schluckt die Buchholzer, aber trotzdem sind die Familien
bande gerissen.« — Nein!
Und dann die Geschäftsfreunde, theils mit, theils ohne
Hälften. , Die haben sich bei unserer Silberhochzeit höchst
nobel benommen, — die eine Servante ist ein förmliches
Museum werthvollster Metallgaben — und Jeder, der sich darin
verewigte, ist zum Ehrenmitglied unseres Hauses ernannt. Die
Mode, ihnen die einmal zuerkannte Ehre zu versagen, haben wir
nicht an uns selbst, wenn sich Einiges auch bloss als plattirt her
ausstellt. Beim Putzen schimmert der Verdacht an den Kanten
manchmal durch.
Bei jedem neuen Briefe mit dem Wunsche des Wiedersehens
und der jetzt erst möglichen Annahme der überaus liebenswürdigen
Einladung, vom so und sovielten, anno so und so sagen wir »Sehr
angenehm, aber wo unterbringen? denn das Fremdenzimmer habe
ich ursprünglich für Ottilie bestimmt, die mit mir die Ausstellung
Etudiren wird und ihr ungeheures Wissen hineinträufeln, wo ich
eine Zuthat nothwendig erachte.
Sie ist die Tochter einer Halbcousine von mir und geprüfte
Lehrerin, womit sie sich und ihre Mutter, die eine kleine Pension
zu verzehren hat, ziemlich sorgenfrei ernährt, soweit das Leibliche
in Betracht kommt. Mit dem Geistigen und den Nerven aber hat
sie ihre Molesten. Wer versteht sie in dem Nest? Vielleicht
Einige, aber mit denen geht sie unglücklicher Weise nicht um.
Seit Jahren hat sie unbändige Gelehrtheit in sich aufgespeichert,
die sie nicht los wird, da sie nur in den Anfangsgründen unter
richtet, weshalb die Nerven unter fortwährendem, wissenschaftlichem
Druck leiden. Sie schrieb mir, Berlin wäre der einzige Ort, mit
seinen Capacitäten ihren Nerven aufzuhelfen, sie ginge zu Grunde
in der geistigen Einsamkeit und so kam ich auf den Gedanken,
sie als Ausstellungsvertraute heranzuziehen.
Mein Kail war hiermit sogleich einverstanden und sagte: »Es
ist mir lieb, Dich draussen nicht allein zu wissen, denn ich kann
Dich nicht so oft begleiten, als Du wegen Deiner Berichte Dich
abstrappeziren musst. — Aber wenn Ottilie das Fremdenzimmer
bezieht, wo bleiben wir mit den anderen Ehrengästen?«
»Karl«, sagte ich, »Ottilie schläft bei mir«.
»Und ich«, unterbrach er mich.
»Du wirst in der Fabrik eingerichtet«.
»Danke!« — —
»Danke nicht eher, als bis Du siehst, wie gemüthlich Du er
dort haben wirst Fabrik und Haus sind durch den Zwischengang
so gut wie ein und dasselbe. Wollen wir die Kundschaft vor den
Kopf stossen, Herr Ungermann hat sich angemeldet, einer Deiner
besten Abnehmer — er widmete die grosse silberne Frucbtschale
-— durch und durch echt — und seine Frau kommt mit Und
alle die Anderen! Ich dächte, wir müssen noch die gute Stube
als Logirzimmer hergeben. Wenn das Mädchen auf dem Boden
campirt, lässt sich ein einzelnes Wesen auch in ihrer Kammer
beherbergen, wie zum Beispiel Tante Lina aus Bützow. Die
schenkt sieh Ansprüche zu machen«.
»Das kann ja reizend weiden«.
»Karl, es muss sein«.
»Aber bedenke die Menge!«
»Es gehen viele Sardinen in eine Dose, wenn das Oel nur
gut ist, ich meine nämlich die Behandlung. Die Hötels sind bis
unter das Dach übervölkert, also muss die Privatmildthätigkeit ein
greifen. Freilich die Krausen vermiethet für Geld, ich glaube, sie
nächtigt mit ihrem Mann in seinem Schreibsecretair oder sonst, wo
es unpassend ist, bloss um Geld zu machen. Kein Laster dünkt
mich empörender, als diese Art von Wucher, wo er doch die
Jünglingsjahre ihr geopfert hat und in seinen alten Tagen Be
quemlichkeit beanspruchen kann.«
»Mit mir wird auch nicht viel anders umgegangen.«
»Nicht, dass ich wüsste.«
»Commandirst Du mich nicht aus meiner gewohnten Behag
lichkeit in die Fabrik?«
Ich lächelte. »Karl, wie kannst Du Dich mit Krause in
eine Compagnie reihen? Der Versuch allein schon ist stratbar.
Was wir thun, geschieht aus Humanität für unsere Kunden, und
Hiebt aus Mammonsgier. Und das werden sie bei den Herbst
bestellungen beherzigen und nicht knappsen, bis kaum noch das
Maschinenfett verdient wird. Du sollst sehen, wie die Ausstellung
die Industrie hebt.«
Mein Karl legte ein Fremdenbesuchs-Conto an, worin jeder
Angemeldete seinen Termin bekam, um etwaigen Platzzwistigkeiten
im Keime vorzubeugen. Dies war vom theoretischen Standpunkte
so glänzend einfach, dass wir hoffnnngsfreudig in die Zukunft
blickten, vom praktischen machte es sich jedoch bedeutend ver
wickelter. Sie wollten nämlich so ziemlich sämmtlich Ende Mai
eintreffen, für die folgenden Monate hatten sie Badeaufenthalt oder
sonstige hygienische Lsistungen vor.
Nun ging es an ein Umlegen und Aendern und Hin- und
Herschreiben, wobei Einige sogar mit Bemerkungen antworteten, als
fühlten sie sich in die Ecke gesetzt. Einer schrieb, er hätte ge
plant, das Geschäftliche mit dem Ausstellungsaufenthalt zu ver
binden, schwerlich sei ihm dies im August möglich. Er liess mit
vieler Noth bis Mitte Juli herunter, aber dadurch klemmte es sich
mit meines Mannes Verwandten, dem Amtsrichter, der nur während
der Ferien kann, die am 15. Juli beginnen. Und Gerichtspersonen
sind leicht verletzt.
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