Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Offscielle Ausstelturrgs-Nachrichten. 7
Berlin gemacht? Wir müssen allerdings für unsere Leser be
merken, dass wir hier unter Berlin stets das Grossberlin, d. h.
die Hauptstadt mit ihren Vororten verstehen, da gerade die chemischen
Betriebe, die oft durch Gefahren oder Unbequemlichkeiten, die nicht
immer zu beseitigen sind, die Nachbarschaft bedrohen, jetzt bereits
zum grössten Theil über das Weichbild der Stadt Berlin hinausgedrängt
sind. Aber unsere Berliner müssen doch manchmal auch gegen ihren
Willen intensive Wahrnehmungen von der Existenz der chemischen
Fabriken machen. Wer hätte nicht schon, wenn er zum Schlesischen
Thor hinaus die Strasse nach Treptow pilgerte, mit Staunen und
Grauen einen gar wundersam aromatischen Duft wahrgenommen?
Wem riecht nicht der Norden in der Nähe des Weddings, wie der
Berliner sagt, »nach der Apotheke« und die Kaiserin Augusta-
Allee nach Cichorie? Wir haben rundum, und zum Theil noch in
Berlin, eine Anzahl gar bedeutende chemische Etablissements und,
wenn es auch wohl noch grössere Centren chemischer Fabriks
thätigkeit in unserm Väterlande geben mag, so darf doch auch
Berlin sich rühmen, in dieser Beziehung eine der viel
seitigsten Städte zu sein. So besitzt Berlin eine der
grössten Anilinfarbenfabriken und hier werden nicht allein;
Die Farben selbst, sondern auch die Ausgangsprod.ucte . für die
Farbenfabrikation aus dem Rohmaterial, dem Theer, hergestellt
die zahlreichen Gasanstalten, die den Theer. liefern, gehören un
streitig auch zu den chemischen Betrieben. Sie sind liier theils Eigen
thum der Stadt, theils das einer englischen Gesellschaft. Für die chemische
Industrie sind speciell die drei Nebenproducte dieser Werke von Be
deutung, nämlich der Theer, das Gaswasser und die.Gasreinigungsmasse.
.Ersterer wird von einer Anzahl Fabriken zunächst destillirt, man gewinnt
Carbolsäure, Steinkohlenbenzin (Benzol) und diesem verwandte Flüssig
keiten, Naphtalin, Anthracen. Das je nach der Arbeitsweise zurück
bleibende Steinkohlentheer, -Pech oder -Coaks wird z. B. in der
Asphalt- oder in der Lackfabrikation benutzt. Die Carbolsäure wird
von andern Fabriken gereinigt, Benzol, Naphtalin, Anthracen etc.
wandern in die Farbenfabrikation. Hier wird z. B. Benzol durch
Salpetersäurebehandlung in das bittermarrdelölartig riechende Nitrobenzol
und. dieses wieder in das Anilin übergeführt, eines der wichtigsten
Ausgangsmittel für die Faibstoffdarstellung. Es herrscht in dieser Fa
brikation eine ausserordentliche Arbeitstheilung, und wohl nur wenige
Zwisehenproducte pflegt die Fabrik, die die Eudproducte an den
Markt bringt, selbst herzustellen. In Berlin und Umgegend bestehen
eine Reihe von Fabriken, die in dieser Weise Hand in Hand ar
beiten, deren einige z. B. den Theer destilliren, andere die Destillate
in Anilin und ähnliche Ausgangsproducte der Farbenfabrikation
übeiführen, andere schliesslich der eigentlichen Farbstoffdarstellung
obliegen. — Das Gaswasser, das wir oben flüchtig erwähnten,
beschäftigt ebenfalls eine Reihe von Fabriken, die aus ihm
als Hauptproduct schwefelsaures Ammoniak als Düngemittel,
wie als Ausgangsmaterial für die Darstellung anderer Ammoniak-
präparate gleich wichtig. — Die Glasreinigungsmasse liefert neben
geringen Quantitäten von Ammoniak als Hauptproduct Berliner Blau.
Auch diese Fabrikationszweige sind mehrfach in und um Berlin
vertreten.
Eine sehr bedeutende Rolle spielt die berliner Industrie
der chemischen Präparate für Medicinalzwecke und Kleingewerbe,
die sich zum Theil, so weit es sich um die ebenfalls aus Theerpre
duciern herstellbaren Präparate handelt, an die Anilinfarbenfabrikation
anschliesst, zum Theil eine eigene Branche bildet. Von Berlin ist zuerst
die Herstellung mustergiltig reiner Brom- und Jodsalze, des Chloral-
Irydrats, der Cyankaliums, der Pyrogallussäure, der reinsten Carbol
säure, Salicylsäure, des Jodoforms und vieler anderer wichtiger
-Präparate ausgegangen, - und bildet heute noch einen bedeutenden
'Fabrikationszweig. In Berlin ist auch in neuester Zeit das für die
Arzneikunde so wichtige Piperazin, das Salipyrin zuerst hergestellt
worden, auch befindet sich hier eine der wenigen Stätten, die sich
•mit der überaus schwierigen Herstellung von Heilserum befassen.
Auch das auf chemischen Grundlagen beruhende Kleingewerbe Berlins,
so besonders die hier zahlreich vertretene Photographie dankt
der hiesigen Präparaten teohnik zahlreiche neue Chemikalien,
mit denen sie neue Effecte erzielen und alte Processe erleichtern
■konnte. Ein grosser Theil der gerade in den letzten Jahren viel
fach in den Handel eingeführten photographischen Entwickler ist
Berliner, Fabrikat und auch meist Berliner Erfindung. Ebenfalls
für die Photographie wichtig ist die am hiesigen Platze stark be
triebene Fabrikation von photographischen Trockenplatten, Films,
Papieren etc. .
Auch für alle anderen Gewerbe liefert die Berliner Prä-
paratentechnik die nöthigen Chemikalien Da sind die grossen
Lack- und Fimissfabriken. Ihre Producte sind heute zum
Theil thatsächlich besser und billiger als die englischen, deren
Markt sich hier allmählich verkleinert und stellenweise durch ge
schäftliche Manipulationen nur noch künstlich gehalten wird. Da
sind bedeutende Farbenwerke, die die Farbpulver liefern, von den
billigsten Farben für Austriebe bis zu den kostbarsten Künstler-
farben. Von Berlin aus geht auch das als Toilettecreme wohl am
meisten geschätzte Lanolin in die Welt, zahlreiche Betriebe sind
der Herstellung aller Arten von Schmiermitteln, Wichsen, Wachs
präparaten gewidmet. Besonders interessant dürfte auch sein, dass
Berlin die ersten Fabriken erhielt, die sich mit der Herstellung
und . dem Betrieb-von comprimirten anderen Gasen, als Kohlensäure
beschäftigten. Heute liefert Berlin bereits Sauerstoff, Wasserstoff,
Chlor, schweflige Säure, Acetylen in eisernen Bomben. —- Dem
bekannten Süssstoff Saccharin, der von Westfalen aus in den Handel
kommt, macht jetzt das Dulcin, eine Erfindung eurer grossen
Berliner Finna, mit Erfolg Concurrenz, da der Geschmack dieser
Präparate reiner, süss und ohne unangenehmen Nachgeschmack ist.
Auf dem Gebiete der pharmaceutischen Chemie ist das
Berliner Gewerbe ganz bedeutend vertreten. Sowohl die Fa
brikation der bekanntesten Medicinalien und Specialitäten,
als auch die diesem Industriezweig dienenden Nebengewerbe,
welche die Hilfsmittel nnd Zwisehenproducte liefern, stehen hier in
voller Blüthe. Berliner Chinaweine, Pepsine und Pepsin weine nnd
andere ähnliche Heil- nnd Stärkungsmittel haben Weltruf. Die
Berliner Fabriken von Gelatinekapseln und -röhren mit und ohne
Inhalt, von dragirten Pillen und dergl. gehören zu den ältesten
in Deutschland.
Die ausländische Concurrenz wurde besonders aber auch auf
dem Gebiete der Seifen- und Fettwaaren-Industrie und der Fabri
kation von Toilettegegerrständen und Parfumerieen mit Erfolg ver
drängt. Die Seifensiederei, wohl eines der ältesten chemischen
Gewerbe Berlins erfreut sich heute einer derartigen Vollkommen
heit, dass nicht allein die gewöhnlichen Seifen für Hausgebrauch
und Technik (Grosswäscherei, Textilindustrie) hier pröducirt werden,
sondern selbst die wundervollsten und theuersten Luxusseifen, die
man. früher von Frankreich oder England beziehen musste, den aus
ländischen Waaren jetzt mindestens ebenbürtig sind. Auch in der
verwandten Branche der Kerzenfabrikation darf Berlin auf sein
Gewerbe mit Recht stolz sein und die Kerzen einzelner Firmen
haben die grösste Verbreitung in allen Erdtheilen gefunden. —
Wenn es auch in dem nördlichen Klima Berlins nicht möglich ist,
die Blumenzucht zu Paifumeriezwecken durchzuführen, so sind es
doch Berliner Parfumerieen, die aus den importirten Extraits die
herrlichsten Blumengerüche herstellen, die dem Duft der frischen
Blüthen täuschend nahe kommen. Einer der entzückendsten Düste,
das Veilchenaroma ist jetzt von Berliner Chemikern künstlich her
gestellt worden; nicht blos nachgeahmt, sondern es ist thatsächlich,
das duftende Princip der Blumen, auf chemischem Wege aus
einem Bestandtheil des Citronenöls hergestellt worden. Ja, es
scheint sogar, als wenn die weitere Forschung auf diesem
Gebiete uns noch andere veilchenduftende Präparate beschecren
wollte. — Auch andere Luxusartikel wie Puder, Schminken, Teint
mittel, Zahnpasten- und Pulver, Mundwasser, Pomaden u. s. w.
werden heute in grosser Vollendung von bedeutenden und zahl
reichen Berliner Firmen fabricirt. s- '
Zum Schluss wollen wir eines Gewerbezweiges gedenken, der, wenn
auch nicht direct zur chemischen Industrie gehörig, doch mit ihrem
Aufblühen miterblüht ist und an den Erfolgen der chemischen Arbeitim
Laboratorium niebtzu verachtenden Antheil hat: der Apparatenfabrikation.
Jeder, der Hilfsmittel zu seinem Gewerbe braucht, weiss, wie wichtig es
ist, gutes Handwerkzeug zu haben, und wird ermessen können, wie
viel mehr noch in chemischen Arbeiten das Gelingen von den
•Apparaten abhängt. Ohne gute Apparate ist. ein erfolgreiches Ar
beiten sowohl im Laboratorium wie in der Fabrik einfach un
möglich. Und aus diesem Grunde sei hier anclr der. in Berlin zu
hoher Blüthe entwickelten Apparatentechnik gedaclrl, die uns mit ihren
vorzüglichen Fabrikaten in Glas wie Steingut, in Porzellan und Metall
Top of page

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.