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Volume Nr. 17, 4. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

b Officielle Ausstellungs- Nachrichten. 
der gemeinsamen Gruppe das wundervolle Alpen-Panorama mit dem 
Pilsener Bttrgerbräu und der Förster’schen Weinkapelle, ein Bild 
von unvergleichlichem Reiz, geschaffen. An dieser Stelle kam es 
natürlich nicht so sehr darauf an, in architektonischer Hinsicht 
eine durchschlagende Composition zum Vortrag zu bringen; es war 
vielmehr die Aufgabe, vor den Bergriesen des Zillerthals eine ein 
drucksvolle Baugruppe aufzurichten, die im Anschluss an die gross 
artige Natur auch ein Menschenwerk mit dem Eindruck der lokalen 
Echtheit zur Geltung brachte. 
So entstand dieses hochaufragende Tiroler Schloss, das mit 
seinem kraftvoll anstrebenden Thurme stolz über die Bergbahn 
hinaussteigt. Durch die offenen Bogen schaut man frei hinaus 
in den leuchtenden Abendhimmel, und in freundlichem Glanze 
erstrahlt in der Sonne das trauliche Bild unter dem Altane. 
Ein erkerartiges Chörlein reckt sich aus dem alten Gemäuer 
heraus, das hinter dem spitzbogigen Portal auf zerklüftete Felsen 
aufsetzt. Von der Höhe herab steigt die Linie der traulichen 
Dächer nach dem Vordergründe terrassenartig ab, hier eine lang 
gedehnte Halle, dort einen luftigen Laufgang bergend, wie das sich 
eben organisch von Innen heraus entwickelt. Nach vorne springt 
dann endlich ein auch im Innern bemerkenswerther stattlicher 
Giebelbau vor, der von einem schlanken Dachreiter gekrönt ist. 
Das Alles ist im Einzelnen so schön empfunden und hinge 
zaubert, dass der durch die Alpen gefesselte Blick auch gerne 
länger auf diesem Schlosse haften bleibt. 
Nach links hin setzt sich diese, interessante Gruppe durch ein 
altes Portal mit einem reizend umrissenen Wachtthurm fort, der 
durch eine lange Front bastionartiger Rundbauten mit romanischen 
Bogenarkaden den Hebergang zu einer trotzigen Thorburg bildet. 
Nach der Aufschrift über dem Thore ist das alte Adelsgeschlecht 
derer von Kneipenhausen längst ausgestorben, und die lachenden Erben 
haben den alten verfallenen Bau zu einerBierburgerster Güte hergegebenen 
deren traulichen und beschaulichen Gewölben und Kästerchen, die auf 
sonniger Altane münden, Adelon L Dressei die Labsal des Bürgerlichen 
Brauhauses in Pilsen zu kosten geben. Ueber dem Fallgatter 
des weitgeöffneten Thores erhebt sich ein breiter Thurm, dessen 
Giebel in frei geschwungenen Voluten zur Spitze steigt, während 
auf den Ecken allerliebste Thürmchen frei über das Dach hinaus 
ragen. Auf der Front ist ein farbenreiches Ovalbild aufgemalt, das 
einen würdigen Klausner vorstellt, wie er eben verständnissinnig in 
die Kanne steigt. Ein gefälligen Anbau unter einem schützenden, 
breit vortretenden Dach nimmt weitere Gemächer auf, von denen 
aus in kühnster Weise eine höchst malerische Treppe an dem Thürme 
hinauf gereckt ist. In gleichem Stile hat Hochgürtel für KIoss und 
Förster eine allerliebste Kapelle errichtet, deren offene Säulenhalle 
gastlich zum Betreten einladet. Die Wände des gemüthlichen Raumes sind 
durch Bodenstein in berückender Echtheit auf »alt« gemalt worden, so 
dass man so recht im Mittelalter sich fühlt. Bis zur Kopf höhe 
sind kostbare Teppichbehänge gemimt, darüber in der Tonne be 
decken symbolische Malereien mit Philistern und thörichten Jung 
frauen im Weinberge des Hehn die breiten Flächen, die von lehr 
reichen Sinnsprüchen durchzogen sind. Auch die Inneneinrichtung 
ist bei aller Schönheit so alt wie möglich und stilgemäss 
mit allen historischen Flecken und Schäden beigegeben. 
Den Hintergrund dieses stimmungsvollen Raumes, in welchem nach 
dem Wunsche des Bauherrn der Sekt in Strömen Hiessen soll, 
bildet ein Riesenfass, das mit feiner Schnitzarbeit überzogen ist 
und von der Erde bis zur Decke reicht. Durch den offenen Bögen, 
den reichverzierte Säulen tragen, hat man einen vortrefflichen Blick 
auf die ganze Alpenwiese, deren Ecken von den zahlreichen Bier- 
quellenAschinger’s eingenommen werden. In leichtem gefälligem 
Holzwerk und in blendend weisser Färbung wiederholen sich diese 
Pavillons, deren phantastische Ecktürmchen den in der Form etwas 
bizarren offenen Tempelaufsatz flankiren. Durch Wimpel, Guirlanden 
und allerlei Aufputz erhalten sie ein recht lustiges Aussehen, das 
den »Wissens«- und »Bier«durstigen schon von Weitem her anlockt. 
Inmitten des grossen Platzes mit dem Musikzelte baut sich 
>eundlich und wirkungsvoll zugleich die Habel’sche Brauerei 
auf, deren ansehnlicher Pavillon mit dem stattlichen Thurme da 
neben wie ein Jagdschlösschen aussieht. Die Fachwerkgiebel sind 
von allen Seiten recht anheimelnd gestaltet und durch Eckthürmchen 
und zierliche Hauben wirkungsvoll herausgehoben. Von besonderer 
Schönheit ist der Thurm, dessen oberste Galerie auf einem kräftigen 
Unterbau wie spielend mit allerlei offenen Ausbauten hingestellt 
ist, dennoch leicht und sicher das gefällige Kuppeldach tragend. 
Der Pavillon, rings von offenen Hallen mit schützenden Sonnen 
dächern umzogen, birgt im Innern einen recht geräumigen Saal 
mit Nebenräumen jeder Art, die mit vieler Liebe ausgestattet sind. 
Als nächster Nachbar hat sich der treffliche Siechen hier 
angesiedelt, dessen süffiger Stoff den vielfach gereizten Weltstadt 
mägen eine angenehme Wärme zuführt. Ein flotter, luftiger Bau 
mit einem marquanten Thürmchen und dem blumenbesetzten Altan, 
der den Eindruck behaglicher Gastfreundschaft hervorruft. Das in 
mannigfachem Wechsel verstrebte Fach werk in grünen und rothen 
Tönen hebt sich von der glänzend weissen Fläche reizvoll ab, und 
gar manches deeorative Motiv verschönt die Bekrönung der Fenster 
und die hohen Bogen des Giebels. Auch hier ist sicher gut sein, 
wenn die Fülle der äusseren Eindrücke den inneren Menschen 
etwas schwach gemacht hat. 
Weiterhin errichteten die Vertreter der Radeberger und 
Culmbacher Biere eine imposante Halle mit zwei mächtigen Eckbauten, 
die in bezeichnender Weise auf dem Giebel von einer Biertonne 
bekrönt werden. In grossen, kräftig empfundenen Linien wird der 
Rundbogen der Giebel von reich gegliedertem Holz werk umrahmt, 
während die Felder der darunter gebreiteten Flächen mancherlei 
schmückendes Beiwerk erhielten. 
Die Mitte etwa der Alpenwiese nimmt die Internationale 
Bodega ein, die über ihrem originell geschwungenen Dache von 
einem reich durchbrochenen Firstkamme bekrönt wird. Ein Fleder 
mausfenster grössten MaassStabes lässt voll das Tageslicht in die 
luftige Halle, deren Vordergiebel in Holzwerk sehr entsprechend 
gestaltet ist; auch hier tritt der Gegensatz der kräftigen 
Farben des grüngetönten Holzes gegenüber den hellen Flächen 
und dem tiefen Roth der Verdachung in Wirkung, zugleich die 
grossen Massen des glänzenden Aufbaues geschickt gliedernd. 
Von der Südecke leuchtet noch ein besonders schmucker Bau 
herüber, Cafe Watzeck, das mit seinem trotzigen, quergestellten 
Thurme und den zierlichen Pavillons an den Ecken recht er 
freulich wirkt. Der Thurm mit dem Reichsadler und dem kühnen 
Dachreiter über dem First tritt effectvoll aus der Gruppe hervor, 
und die in kräftigem Grün gehaltenen Risalite erhalten durch die 
Kielbogen der Rundfenster, wie durch ihre geschickt umrissenen 
Kuppeldächer eine unmuthige Bewegung. Peter Walle, 
Oie Chemische Industrie Berlins. 
Von Dr. G, Döllner. 
{Abdruck untersagt.) 
Wer Berlin als Besucher betritt, dem drängen sich eine grosse 
Menge Erscheinungen entgegen, deren geistige Aufnahme geraume 
Zeit dauert. Der gewaltige Verkehr, die Mittel, mit denen er be 
wältigt wird, die Exactheit, mit der die einzelnen Glieder des riesigen 
Stadtkörpers zusammenarbeiten, stehen für jeden Berlin Aufsuchenden 
im Vordergrund und im Verein mit den überaus zahlreichen Bildungs 
und Unterhaltungsmitteln, die den Sinnen geboten werden, nehmen sie 
das ganze Denken des Beschauers derart gefangen, dass die Leute, 
die noch mehr in Berlin suchen zu können glauben, zu den Aus 
nahmen gehören. Sind mir doch sogar zahlreiche Berliner Ein 
geborene vorgekommen, die ausser ihrem engeren Beschäftigungskreise 
nur die »Residenz« Berlin kannten. Ersteren, den Besuchern, die 
in drei Tagen Berlin schon »kennen«, kann man es nicht übel 
nehmen, wenn ihren herrlichkeitstrunkenen Augen die rauch 
geschwärzten Industrieviertel entgehen, da ja doch selten der Fremde 
sich tausend Schritt von den in Reisehandbüchern genannten »Sehens 
würdigkeiten « entfernt. 
Aber auch selbst unter den Berlinern giebt es nicht wenige, 
die sich um die industriellen Werkstätten nur dann kümmern, 
wenn sie vom Rauch oder Geruch derselben belästigt werden. Es 
ist doch diese Interesselosigkeit — oder ist es nervöse Uebersätti- 
gung? — vieler Berliner um so wunderbarer, als sonst unsere Be 
völkerung eminent praktisch beanlagt ist. Und so, glaube ich, 
wird mancher Berliner, der auf der Ausstellung die Products 
der Berliner Gewerbe in Augenschein nimmt, zumal bei der 
chemischen Industrie verwundert fragen: Ist das denn alles in
	        
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