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Periodical volume Nr. 70, 26. Juni 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

12 Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 
sonntägliche Dimensionen annahm. Unausgesetzt strömten Schaareu 
von Gästen — Einheimische und Fremde — in das Ausstellungs 
gelände, das nach 4 Uhr in all’ seinen weiten Anlagen dicht gefallt 
war. Im Hauptgebäude drängte sich die Menge zuweilen so dicht, 
dass zeitweise Verkehrsstockungen eintraten und die Sonder-Aus- 
stellungen, ganz besonders aber Kairo und Alt-Berlin erfreuten sich 
des regsten Besuches. Unter den Anwesenden befanden sich 
Tausende, welche, so unglaublich dies klingen mag, die Ausstellung 
bisher noch nicht besucht hatten und diese Yersäumniss nun kurz 
vor Thoresschluss nachholten. Wie das schöne Unternehmen den 
Berlinern an das Herz gewachsen ist, konnte man aus hundert 
fältigen Aeusserungen des Bedauerns hören, dass es übermorgen 
schon der Zerstöruug anheim fallen solle. Die am Abend statt 
findende, allgemeine Illumination des ganzen Ausstellungsparkes und 
sämmtlicher Sonder-Ausstellungen, sowie das prächtige Farbenspiel 
der Licbtfontaine gewährte, leider zum letzten Mal, wieder einen 
entzückenden Anblick und rief allgemeine Bewunderung hervor, so 
dass dieser Tag als einer der nach allen Seiten befriedigendsten und 
glanzvollsten der Ausstellung bezeichnet werden darf. 
V 
Ausstellungsgäste. Die deutsch-österreichische Gewerbe- 
Schutz-Conferenz besuchte gestern die Ausstellung und versammelte 
sich Nachmittags 5 Uhr zu einem Festdiner im Hauptrestaurant, 
an dem über 100 Personen theilnahmen. 
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Kairo wird noch nicht geschlossen! Diese Nach 
richt wird gewiss in den Herzen aller Berliner den freudigsten 
Nachhall finden. Schon seit einigen Wochen wurde der Plan 
gehegt, die Special-Ausstellung Kairo noch über den 15. October, 
den Termin für die Schliessung der Hauptausstellung, hinaus zu 
verlängern, aber man wollte erst abwarten, wie die Witterung und 
die Theilnahme des Publikums sich gestalten werde. In einer 
gestern Abend stattgefundenen Conferenz wurde nun beschlossen, 
Kairo noch bis zum 26. dieses Monats geöffnet zu halten. Be 
sondere Zufriedenheit des Publikums wird die weitere Entschliessung 
hervorrufen, keinen Elitetag mehr abzuhalten, sondern täglich ein 
Entree von 50 Pfennigen anzusetzen, an den Sonntagen aber nur 
30 Pfennige zu nehmen. Auch wurden in der gestrigen Sitzung 
verschiedene Volksfeste und Illuminationen aufs Programm gesetzt, 
über welche wir noch nähere Details veröffentlichen werden. 
W 
Auf dem Fundbureau lagern, trotzdem die Ausstellung 
übermorgen schon zu Ende geht, noch überaus viele gefundene 
Gegenstände, die bis jetzt vergeblich ihrer Abholung harrten. 
Darunter befindet sich auch eine kostbare goldene Uhr mit aufge 
legtem Monogramm, ein Werthstück, das von seinem Besitzer sicher 
sehr schmerzlich vermisst wird. Auch einige Damenumhänge, 
Capes etc. verfehlen in dem grossen Fundschrank ihren Beruf, 
nicht zu reden von den zahlreichen Sonnen- und Regenschirmen, 
Sowie den mannichfachen Spazierstöcken, die im Dunkel dieses 
Riesenmöbels ihr Dasein vertrauern, das doch ganz besonders für 
die Regenschirme im Lauf der letzten Wochen ein so nutzbringen 
des gewesen wäre. Wie man überhaupt bei der heurigen Sommer- 
witterung ansgerechnet den Regenschinn verlieren konnte, ist uns 
einfach unfassbar. Die Sammlung von einzelnen Schlüsseln und 
ganzen Schlüsselbunden, von den einfachsten bis zu den kunst 
vollsten, die als gefunden eingeliefert und nicht reclamirt wurden, 
ist so gross, dass man zwei Dutzend Gauner, deren rechtschaffener 
Broderwerb in der Benutzung von Nachschlüsseln besteht, damit 
ausrüsten könnte, aber auch die Anzahl der nicht abgeholten Porte 
monnaies mit unterschiedlichem Inhalt ist verhältnissmässig eine 
sehr grosse. Die Gegenstände werden nach Schluss der Ausstellung 
an das Bureau des Treptower Amtsvorstehers abgeliefert, wo noch 
eine grössere Anzahl von Fundstücken lagert, die am Schluss jeden 
Monats dort in Verwahrung gegeben und von den Verlierern bis 
jetzt nicht reclamirt wurden. 
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Die letzten Schwarzen aus der Deutschen Kolonial- 
Ausstellung, die Massai und Suaheli, 38 an der Zahl, sind 
gestern Nachmittag 5 Uhr 25 Minuten vom Lehrter Bahnhof 
Hach Hamburg abgereist, um mit dem Dampfer „Kanzler“ 
heute. Morgen 3 Uhr nach der Heimath zurückzukehren. Ur 
sprünglich sollten die Leute, erst um 11 Uhr 45 Minuten 
Abends von hier abfahren, doch erhielt der Arbeits-Ausschuss 
gestern Morgen von der Direction der Ostafrika-Linie eine 
Depesche, der zufolge die Abreise beschleunigt wurde. Vom 
frühen Morgen an war gestern in der Kolonial-Ausstellung 
alles auf den Beinen. Die Schwarzen packten mit fieberhaf 
ter Hast. Sie warfen ihre Sachen ohne Wahl kunterbunt 
in Kisten und Kasten, die dann recht nothdürftig verschnürt 
wurden. Nur wenige hatten feste, seetüchtige Koffer, die 
meisten besassen nur ganz dünne Stärkekisten, die schon heim 
ersten festen Griff zerbrachen. Dann gab es ein Geschrei 
und Lamentiren, bis der Schaden wenigstens nothdürftig wie 
der gut gemacht war. Endlich war alles bereit, das zum Ab 
kochen gebrauchte Geschirr, das die Frauen noch tüchtig ge 
reinigt hatten, war auch schon aufgeladen, da kam Gaula, 
ein verwaister , elf jähriger Massaiknabe, und bat Herrn 
Franke flehentlich, dass er hier bleiben dürfe. Herr Franke 
benachrichtigte sofort Herrn Grafen Schweinitz. Herr Antel 
mann, der schon eine ganze Anzahl der Eingeborenen in sei 
nen Dienst genommen hat, erklärte sich bereit, Gaula eben 
falls aufzunehmen. Nachdem der Knabe versprochen hatte, 
sich gut zu führen, wurde der diesbezügliche Vertrag unter 
zeichnet und Gaula blieb bei seinem Lehrherrn, während die 
übrigen Schwarzen zum Bahnhof fuhren, wo der Arbeits-Aus 
schuss mit seinen Damen ebenfalls anwesend war. Recht 
traurig gestimmt und mit Thränen in den Augen nahmen die 
Schwarzen Abschied und bestiegen dann einen Waggon drit 
ter Klasse. Bis zum letzten Augenblick riefen die Leute 
immer und immer wieder aus den Coupeefenstern „Guaheri! ’ 
Guaheri!“ (Lebewohl) und streckten die Hände den draussen 
Stehenden zum Abschiede entgegen. Die Eingeborenen wer 
den von zwei Aufsehern und Herrn Dr. Gronauer nach Ham 
burg begleitet. In Neapel wird Herr Kaufmann jr. mit 
ihnen zusammentreffen und sie bis nach Ostafrika überführen,. 
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Kehraus! Schon wird es Ernst mit dem Verschwinden 
der Ausstellungs-Herrlichkeit. An der Stelle des Betriebs- 
Bureau, wo man bisher Passirscheine zum Eintritt und Au 
fenthalt in der Gewerbe-Ausstellung löste, drängen sich schon 
heute die Aussteller um Ausfuhrscheine zu erlangen. Für 
jeden Wagen, der mit Ausstellungsgegenständen den Park 
verlässt, ist ein solcher nöthig, auf ihn muss auch die Anzahl 
der Arbeiter verzeichnet sein, die den Wagen zum Zwecke des 
Vorladens der Schränke etc. begleitet. Die bisherigen Dauer- f 
karten für Aussteller und Besucher verlieren mit dem 15. I 
October ihre Giltigkeit. Neue Passirscheine (rothe) werden | 
an der Hauptkasse des Verwaltungsgebäudes ausgegeben, I 
ohne solche erhält man auch keinen Ausfuhrschein. Jeder- | 
mann, der mit Packeten die Ausstellung verlassen will, muss 1 
im Besitze eines Ausfuhrseheines sein, wenn er dies unge-1 
hindert thun will, die Aufseher sind angewiesen, niemand 
ohne solchen durehzulassen. Die Aussteller erhalten die» 
Scheine nur, wenn ihr Conto mit der Hauptkasse beglichen 'S 
ist. — In wenigen Tagen wird an den Portalen der Ausstellung 1 
wieder ein ungeheurer Wagenpark zur Aufnahme der Aus-» 
stellungsgegenstände bereit stehen und den Park werden nui f 
Tausende von Arbeitern bevölkern, die mit Demoliren, Ab-« 
brechen und Aufräumen beschäftigt sind, der Wagenpark dorr j 
Droschken, die Zahl der Strassenbahnwagen und Omnibusse! I 
wird sich bedeutend vermindern. 
9 j 
Photographische Optik. In der photographische^» 
Ausstellung im Chemie-Gebäude ist jene kleine Abtheilung!* 
in welcher der Besucher neben den Cameras verschiedenster» 
Constructionen auch eine reichhaltige Collection von Objec-B 
tiven findet, vielleicht der interessanteste Theil. Nur drei» 
Firmen haben in dieser Abtheilung ausgestellt, aber geradl» 
diese drei Firmen sind gegenwärtig nicht allein die» 
hervorragendsten Vertreter der photographischen Optik ■ 
sondern sie repräsentiren auch gleichsam die Fut-» 
Wickelung, welche die Construction photographische.» 
Objective bis auf die neueste Zeit durchgemacht» 
hat. Geben wir der ältesten Firma den Vortritt.» 
Das is.t Voigtländer & Lohn in Braunschweig. Dm»
	        
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