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Volume Nr. 21, 8. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
5 
I 
Canalisation und Wasserwerk der Stadt Berlin. 
[Abdruck untersagt.] 
Für jeden Bewohner einer grösseren Stadt, besonders für jeden 
Berliner, nehmen diejenigen Anstalten ein erhöhtes Interesse in 
Anspruch, welche sich mit der Heranschaffung des Trink- und Ge 
brauchswassers und mit der Ableitung der Fäcalien, sowie der 
Wirthsehaftswässer beschäftigen. Je grösser der bebaute Complex 
ist, je höher sich die Miethkasemen in die Luft erheben, desto 
grössere Anforderungen werden vom sanitairen Standpunkte an die 
technische Vollkommenheit der Canalisations- und Wasserleitungs 
anlagen gestellt. Besonders unsere Reichshauptstadt besitzt derartige 
Einrichtungen, welche schön oft von anderen Weltstädten zum 
Muster genommen worden sind. 
Für die Entwässerung ist die ganze Stadt in Radialsysteme 
getheilt, in welchen durch eine Pumpstation die Sammlung und 
Weiterführung der Abwässer auf die in einiger Entfernung von der 
Stadt angelegten Rieselfelder erfolgt. Die in der Canalisation mit 
geführten festen Bestandtheile werden durch ein in das Sammelbecken 
eingesetztes Gitter ausgeschieden und in besonderen Einrichtungen zu 
Dung verarbeitet. Die Rieselfelder sind in einzelne viereckige Ab 
theilungen getheilt, um welche sich der Graben mit dem Riesel 
wasser herumzieht. Durch kleine Schleusenvorrichtungen kann 
ein solches Viereck in wenigen Minuten vollkommen überfluthet 
werden. 
Neben dem Pavillon der Stadt Berlin sind zwei derartige 
Riesel-Abtheilungen in verkleinertem Maassstabe hergestellt worden, 
nach welchen sich der Besucher über die Einrichtung genau in- 
formiren kann. Diese Quadrate werden mit Wirthschaftspflanzen 
(Kohl, Kartoffeln, Getreide etc.) besetzt, welche durch 
die geregelte Zuführung des grosse Düngekraft besitzenden Canali- 
sationswassers vorzüglich gedeihen. Viele Berliner haben zwar eine 
gewisse Antipathie gegen die Producte der Rieselfelder, diese ist jedoch 
vollkommen ungerechtfertigt. Das Dungwasser wird, bevor es zur 
Berieselung genommen wird gründlich geklärt und von allen 
Fäcalien gereinigt, so dass unappetitliche Bestandtheile mit den 
Pflanzen nicht in Berührung kommen. Die Producte der Riesel 
güter zeichnen sich im fiebrigen neben besonderer Grösse noch 
durch sehr guten Geschmack aus. 
Neben der Rieselfeldanlage ist ein Stück eines in Berlin all 
gemein in Verwendung befindlichen Haupt-Canalisatiotsrokres auf- - 
gemauert. Die in Anwendung gebrachte, nicht kreisrunde, sondern 
nach unten sich verjüngende (eiförmige) Cönstructiön des Rohres 
bietet den Vortheil, dass die mitgeführten festen Stoffe zum Fest 
setzen nur eine schmale Fläche finden, wodurch ihre Entfernung 
und die Ausspülung der ganzen Anlage bedeutend erleichtert wird. 
Die Wandungen des Kanals sind aus Klinkersteinen bester Qualität 
gebildet, welche mit Cement vermauert und aussen zur Erlangung 
grösster Wasserdichtigkeit noch mit einem starken Cementmantel 
umgeben sind. An den Seiten sehen wir die Hoffnungen für die 
Hausanschlüsse. Ungefähr in der Mitte des Modells befindet sich 
der Einsteigeschacht. Treppenartig angelegte, starke eiserne 
Krampen, welche in die Wand eingelassen sind, ermöglichen ein 
gefahrloses Einsteigen. Während hier der Schacht nur eine ge 
ringe Höhe hat, führt er in Wirklichkeit vom Strassenniveau bis 
zu dem ca. G Meter unter der Erde liegenden Kanal, welch 
letzterer eine derartige Höhe hat, dass ein erwachsener Mann ohne 
Schwierigkeit hindurchgehen kann. 
Der zweite für ein gesundes Emporblühen der Grosstadt 
wichtige Factor ist das Vorhandensein einer mit den neuesten 
technischen Errungenschaften arbeitenden, geregelten Wasserversorgung. 
Diese haben wir ja, wie allgemein bekannt sein dürfte, in Berlin 
in ausgezeichneter Ausführung Welcher Berliner kennt wohl nicht 
die gewaltigen Wasserwerksanlagen bei Westend, am Tegeler 
See, am Müggelsee und die neue Anlage an der I^ndsberger 
Chaussee. Trotzdem ist die innere Einrichtung noch nicht den 
weiteren Kreisen bekannt. Aber jeder wird an einem von der 
Stadt Berlin neben ihrem Pavillon erbauten Wasserwerke in ver 
kleinertem Maasse sein Wissen in dieser Beziehung vervollständigen 
können. Der schmucke rothe Backsteinbau zeigt sich genau in 
derselben Ansicht, wie wir es bei den grossen Originalanlagen 
gewöhnt sind. 
Auf der Vorderseite ist die massive Wand des Kellergeschosses 
entfernt und durch starke von eisernen Trägern gestützte Glas 
scheiben ersetzt. Hierdurch können wir auf das Genaueste die 
Filteranlagen betrachten. Auf der linken Seite befindet sich das eigentliche 
Landfilter. Das Wasser tritt von unten ein und wird nun durch 
verschiedene Schichten geführt. Die unterste Schicht besteht aus 
groben Feldsteinen, welche die gröbsten Unreinlichkeiten fernzu 
halten haben. Darauf verfeinern sich die der Filtration dienenden 
Steinschichten mehr und mehr bis zum feinen Kies und schliesslich 
ganz feingeschlämmtem Quarzsand, welcher eine besonders dicke Schicht 
bildet. Durch diese Anordnung werden aus dem Wasser sämmtliche Un 
reinlichkeiten, selbst die kleinsten wirksam entfernt. Aus diesem Land 
filter muss das Wasser dann noch mehrere, auf der rechten Seite sicht 
bare Kammern passiren, in welchen etwa mitgerissene Sandtkeilchen 
ausgefällt werden. So gereinigt, wird das Wasser durch die in 
dem oben erbauten Maschinenhause befindlichen Piynpenanlagen 
aufgesaugt und sodann nach dem Wasserthurm, einem überhaushoch 
liegenden Sammelbecken, geführt, von wo aus die Weitervertheilung 
in die einzelnen Stadtbezirke erfolgt. Letztere Anlage ist bei dem 
Ausstellungsmodell nicht vorhanden. 
Zwischen der eben beschriebenen Anlage und dem Rieselfeld 
lagern Theile der gewaltigen Vertheilungsröhren. Diese Rohren 
müssen von besonderer Dauerhaftigkeit sein, da die eisernen 
Wandungen bei einer lichten Weite von ungefähr 1 m einem sehr 
erheblichen Drucke Widerstand leisten müssen. Deshalb erhalten 
auch die Absperrventile, welche an dem einen Rohr sichtbar sind, 
bedeutende Dimensionen und Vorrichtungen, welche ein selbst 
thätiges Oeffnen verhindern. Wenn man den enormen Umfang, 
dieser Rohre sieht, so kann man sich wohl ein Bild davon machen, 
welches Unheil durch das Platzen oder Undichtwerden eines solchen 
entstehen kann. 
Das von den, nach diesem Muster eingerichteten Berliner 
Wasserwerken gelieferte Trink- und Gebrauchswasser ist, wie die 
regelmässig vorgenommenen chemischen Untersuchungen ergeben, 
von vorzugsweise guter Beschaffenheit. Selbst beim Grassiren 
von Epidemieen ist ein Uebertragen der Krankheitserreger, sogar 
wenn die Wasserentnahmestelle stark verseucht ist, so gut wie aus 
geschlossen, da die Landfilter auch hierbei ein vorzügliches Schutz 
mittel bilden. Selbstverständlich werden die Filtermaterialien in be 
stimmten Zwischenräumen erneuert, um ein dauerndes exactes Ar 
beiten zu sichern. 
Zur weiteren Informationen sind in dem Pavillon noch Modelle 
und statistische Nachweisungen vorhanden, welche ein genaues Bild 
von dem gegenwärtigen Stande der Canalisations- und Wasser 
technik geben. Im Grossen und Ganzen sind gerade die vor 
beschriebenen Ausstellungsgegenstände geeignet, manche falsche An 
schauung über die Canalisations- und Wasserleitungsanlagen Berlins 
zu corrigiren und hierüber im Allgemeinen aufzuklären. Auch der 
Ausländer wird hier mit seiner Bewunderung nicht zurückhalten 
können und vielleicht selbst Anregung erhalten, in seiner Heimat!» 
für eine Erbauung ähnlicher Anlagen zu wirken. 
G. Jacob. 
Oie Bauten der Alpenwiese. 
[Abdruck untersagt.] 
Das sogenannte »nasse Viereck« im Nordpark, das östlich vom 
Fischereigebäude am Spreeufer sich hinbreitet, ist soeben in allen 
seinem Haupttheilen vollendet worden. In erster Reihe gehört 
dazu das Alpenpanorama, wonach jetzt diese feuchte Stätte 
fröhlicher Erquickung ihren wohlklingenden Sammelnamen »Alpen 
wiese« erhalten hat. Der Berliner findet hier sicher jederzeit viel 
Bekannte, die aus Anhänglichkeit an beliebte Lokale bei Siechen 
oder Habel, beim Pilsener oder in der Bodega pünktlich den An 
schluss erreicht haben. Dem Zusammengehn der hier ansässigen 
gütigen Stoffspender ist es gelungen, der ganzen Wiese ein recht 
stattliches Anselm zu geben, so dass sie in ihrer Aid sich mit 
manchen Bauten des Hauptparks sehr wohl messen kann. Ja, was 
das Gemüthvoile und Malerische in der Erscheinung anbelangt, so 
ist hier in dem nördlichen Theile dieses grossen übersichtlichen 
Geländes etwas ganz ausserordentliches geleistet worden. An 
der Grenze nach dem Hauptpark hat Architekt Hochgürtel in
	        
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