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Volume Nr. 35, 22. Mai 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

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Gfficielle Ausstellungs- Nachrichten. 
Das; die Ausstellung dem Theaterlebcn Berlins ein be 
sonderes Gepräge verleihen wird, möchte ich nicht glauben. 
Es wird vielleicht künstlerisch und geschäftlich das Ge- 
rathcnste sein, das; jede Buhne ans ihrem Rcpertoircschatzedicjcnigen 
Stücke auswählt, welche ihre Stellungnahme zur Literatur 
am deutlichsten ausprägen. So würde auch die Bühnen 
kunst einen Ucberblick des in den letzten Jahren Geleisteten 
gewähren, der sich in gewissem Sinn dem idealen Zweck des 
großen, gemeinnützigen Unternehmens vollwerthig an die 
Seite stellen könnte." 
Herr Königlicher Kapellmeister Felix Weingartner 
schreibt: 
„Meiner Ansicht nach kann die Berliner Gewerbe-Aus 
stellung 1896 für den Besuch der Theater im Allgemeinen 
nur günstig sein, da jeder Fremde, der zur Ausstellung nach 
Berlin kommt, auch Zeit finden dürfte, unsere hervorragenden 
Theater kennen zu lernen. Insbesondere dürfte das König 
liche Opernhaus als einzige Opernbühne der deutschen 
Neichshanptstadt auf die Fremden eilte ganz besondere An 
ziehungskraft ausüben. In jedem Falle wird das Wetter eine 
entscheidende Nolle spielen, das ungünstigste Wetter dürfte das 
für den Besuch der Theater in Berlin günstigste sein. 
Ans das künstlerische Relief kann die Ausstellung nur 
einen fördernden Einfluß ausüben; denn cs liegt in der ,Natur 
der Sache, daß die einzelnen Bühnenleiter Repertoire und 
Aufführungen nach Möglichkeit interessant und mannichfaltig 
gestalten werden, um die Fremden heranzuziehen. Die Aus 
stellung wird aller Wahrscheinlichkeit nach ein glänzendes 
Capitel in der Geschichte von Berlins Handel und Industrie 
bilden, hoffentlich gestaltet sie sich auch zu einer glänzenden 
Epoche für das Berliner Thcaterleben im Ausstellungsjahr 1896." 
Herr Tctzlaff, der Obcrregissenr des Kgl. Opernhauses, 
schreibt: 
„Ihre Anfrage: „Welchen Einfluß kann die Berliner 
Gcwcrbc-AnSstcllnng ans das Berliner Thcaleckcbcn haben, und 
kann sie dieses in Bezug auf Besuch, Repertoire u. s. w. 
in günstiger oder ungünstiger Weise beeinflussen?", läßt sich wohl 
nur bedingungsweise beantworten. 
Da auf einheimische Theaterbesucher während der Aus 
stellung nur zum geringsten Theil wird gerechnet werden 
können, käme cs hauptsächlich darauf an, zu wissen, wie hoch 
sich das Contingcnt der zu erwartenden Fremden stellt. 
Bon einem sehr großen Frcmdcnznzng würden die Theater 
wohl nnrBvrtheil haben, da die Fremden doch nichtallc Abende 
in der Ausstellung zubringen, sondern auch die Darbietungen 
unserer vornehmeren Knnststätten werden kennen lernen wollen. 
Bedenklicher wäre die Situation schon, wenn der Frcmdcn- 
besnch sich in mäßigen Grenzen hielte; dann würden natürlich 
auch die Theater darunter leiden, mindestens jene, welche nicht 
durch bereits bewahrte Zug- und Kassenstücke der Concurrcnz 
entgegenzuwirken in der Lage sind 
Dcr Königlichen Oper speciell dürste durch die Aus 
stellung unter keinen Umständen Nachtheil erwachsen, 
sie kann eher eines mehr als gewöhnlichen Zuspruchs sicher 
sein, selbst wenn sie von Novitäten absähe und nur die be 
liebtesten Repertoire-Opern böte. 
Dies ist selbstverständlich nur meine persönliche Meinung, 
ich will keinen Anspruch ans Unfehlbarkeit erheben. Andere 
werden vielleicht anders denken." 
Die Antwort des Herrn Dircctors Dr. Oscar Blnmcn- 
thal lautet: 
„Da die Ausstellung ohne Zweifel einen breiten Strom 
von Fremden nach Berlin leiten wird, so muß sic auch eine 
Steigerung des Theaterbesuches herbeiführen, und somit haben 
auch die Bühnenleiter alle Ursache, dem große» Unternehmen 
das fröhlichste Gedeihen zu wünschen." 
Herr Dircctor Lautcnburg schreibt: 
„Wenn ich Ihre Frage nicht so rasch beantwortet habe, 
wie Sie cs vielleicht erwarten durften, so geschah das nur 
deshalb, weil ich sie am liebsten erst nach der Ausstellung 
beantwortet hätte. Denn vorher Bermuthungen — die doch 
entweder Hoffnungen oder Befürchtungen sein müssen! — in 
der von Ihnen gewünschten präcisen Form der Oeffentlickkeit 
zu übergeben — das ist eine Aufgabe, die für einen Berliner 
Thcaterdirector nicht viel Verlockendes hat. 
Ich besitze leider nicht den prophetischen Geist, der vor 
aussieht, was in einigen Monaten geschehen „kann"; es käme 
für mich höchstens der Versuch in Frage, aus früheren Er 
fahrungen Folgerungen für die Zukunft abzuleiten. Und diese 
Zukunft ist gerade für den Leiter einer Bühne so sehr von 
zufälligen Umstünden abhängig, das; man vielmehr erwarten 
darf, um neue Erfahrungen reicher zu werden, als alte sich 
wiederholen zu sehe». 
Ich sage deshalb mit Hamlet: „In Bereitschaft sein — 
das ist Alles!" 
Jede Berliner Bühne ist bemüht — und nicht mir wäh 
rend einer zeitlich begrenzten Periode außergewöhnlichen 
Fremdenverkehrs! — in ihrem Genre das Beste zu bieten, 
ihrem Publikum zu gefallen; dieses Bemühen wird selbst 
verständlich bei jeder Berliner Bühne auch während der Aus 
stellung sich bethätigen. Ueber den Erfolg dieser Bestrebungen 
aber jetzt schon eine Ansicht zu äußern — das ist ein Unter 
fangen, dem ich mich nicht unterziehen will: Ich müßte denn 
sonst ein theatralischer Falb oder eine Berlinische Sibylle sein." 
Herr Intendant Prasch, der Dircctor des Berliner 
Theaters, schreibt: 
„Es ist eine nicht wegzuleugnende Thatsache, das; die 
seitherigen Weltausstellungen nicht dazu beigetragen haben, 
das Interesse für die während derselben stattfindenden Theater 
vorstellungen zu erhöhen. 
Sollte die Berliner Weltausstellung eine Ausnahme zu 
dieser Regel bilden, so würde niich dies nicht nur ans persön 
lichen Gründen, sondern auch im Hinblick ans das Kunstlcbcn 
der deutschen Neichshanptstadt mit besonderer Freude erfüllen." 
Herr Dircctor F ritz sch c äußert sich, wie folgt: 
„Sie wünschen meine Ausichtcu über die Aussichten, welche 
den hiesigen Theatern bei der bevorstehenden Gewerbe-Ausstellung 
winken dürften. So gut ich es verstehe, will ich Ihrem Wunsche 
mit Vergnügen entsprechen, wobei ich nur bemerken muß, daß 
btcjc Ansichten eben mein snbjectives Empfinden sind. San 
guinische Hoffnungen mache ich mir nicht. Man hat leider durch 
die Zulassung einer übergroßen Zahl von Theatern, Spccialitätcu- 
bühncn und anderen Amüsements zur Ausstellung den Dircc- 
torcu der Berliner Theater nicht deu besten Dienst erwiesen. 
Vielleicht hätten gerade nach dieser Richtung hin die Bühnen 
leiter, die nicht immer auf Rosen gebettet sind, ein klein wenig 
Rücksicht verdient. Aber das ist wahrscheinlich auch nur eine 
persönliche Anschannng meiner Wenigkeit. 
Des „Pudels Kern" wird die Witterung bilden. Ist der 
Sommer regnerisch, so werden die Theater in der Stadt gute 
Geschäfte machen, insbesondere wenn sie ein Stück spielen, 
welches durchschlagenden Erfolg hatte. Ist cs anhaltend schön, 
so heißt es von uns, wie der Wiener sich so bezeichnend aus 
drückt: „Gehcn's baden". Für mich habe ich keine Bange! 
Ich stehe von Offcnbach's „Orpheus" her mit Jupiter auf dem 
besten Fuße, der wird, so weit ich ihn brauche, Hoffentlich für 
Regen sorgen, und die Anderen sollen sich wegen des Wetters 
mit ihm selbst abfinde»! Sic sehen, selbstsüchtig bin ich nicht!" 
Herr Dircctor Richard Schultz vom Ceutral-Thcatcrschreibt: 
„Ich halte jede Ausstellung — besonders aber eine, die 
so weit von der Stadt entfernt ist und außerdem selbst so 
viele sensationelle Schaustellungen bietet — für eine Feindin 
der Theater, gebe aber die Wahrscheinlichkeit zu, daß jeder 
verregnete Nachmittag, der die Fremden naturgemäß vom 
Besuche der Ausstellung fernhalten muß, ein glänzendes 
Thcatcrgeschäft für Berlin mit sich bringen wird. Die Sache 
bleibt also tut Grunde — wie überhaupt jedes sommerliche 
Thcatcrgeschäft — eine Wetter-Spcculativn. Obgleich ich im
	        
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