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Volume Nr. 179, 13. October 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs-Nachrichten. n 
Annahme brachte mich sogar auf eine zweite, nämlich, die, 
dass der schneidige Gardist endlich der so lange ersehnte 
Vertreter spreewälderischer Männlichkeit sei. 
Zwei Spreewälderinnen in Civil und ein Spreewälder in 
Uniform ! — Die Sache konnte interessant werden! — 
Nach hei mir eingeholter Erlaubn'iss nahmen die drei an 
meinem Tische Platz, und bald war eine flotte Unterhaltung 
im Gange, in deren Verlauf ich sah und hörte, dass ich mich 
geirrt, dass ich es mit biederen Pommern zu thun hatte. 
Donnerwetter, konnten die trinken! 
Ich schämte mich fast vor ihnen und war bemüht, ihnen 
die Stange zu halen. 
Indem wir Vier nach und nach alle Vorzüge des Spree 
waldes , die auch sie nur zum Theil aus eigener An 
schauung kannten, besprachen, fiel es mir ein, dass es im 
Spreewald eine Art grosser, hässlicher Batten geben soll 
die für die Bewohner eine grosse Plage sein sollen. Die der 
Wirklichkeit getreu nachgeahmte Ausstattung des ganzen 
Geschäftes, die Nähe des Karpfenteiches und der Mühle ver 
setzten mich plötzlich in einen Zustand der Suggestion, ich 
bildete mir ein, im Spreewalde zu sein, ward äusserst unruhig 
und zog meine langen Pedale in die Höhe. 
„Was ist Ihnen denn ?“ fragte, mich verwundert der 
stramme Gardist, während mich die Mädchen erschrocken an 
blickten und dann gemeinsam mit mir den Kopf unter den 
Tisch steckten. Fast wäre ich vom Stuhl gefallen, wenn ich 
nicht gewohnt wäre, fest zu sitzen, wenn ich mich einmal ge 
setzt habe. 
„Ich fürchte die Ratten,“ entgegnete ich zitternd. 
„Was für Ratten?“ fragten die nun noch ängstlicher ge 
wordenen jungen Mädchen und sprangen entsetzt auf, wäh 
rend der tapfere Vaterlands-Vertheidiger sich nicht rührte, 
sondern mich mit einem Blicke maass, der wahrscheinlich 
besagen sollte: „Der Kerl ist nie Soldat gewesen!“ 
„Die furchtbaren Wasserratten des Spreewaldes!“ sagte 
ich, immer noch ganz entsetzt. 
„Beruhigen Sie sich nur, mein Herr!“ sagte hierauf mit 
überlegenem Lächeln der Unterofficier zu mir, „die kommen 
erst später.“ 
„Später? Wann?“ kam es über die schreckensbleichen 
Lippen der jungen Mädchen, die sich allerdings wieder ge 
setzt, sich aber immer noch nicht wieder ganz beruhigt 
hatten. 
„Wenn die Marine-Schauspiele beendet sind“, meinte 
mit einem flüchtigen Zucken seiner Mundwinkel der liebens 
würdige Mensch. 
Dann hat es ja keine Gefahr!“ rief ich, erleichtert auf- 
athmend, freudig aus, und die alte fröhliche Stimmung von 
vorhin griff wieder Platz. Was die Nähe eines Soldaten nicht 
alles vermag. Ich war wie umgewandelt. 
So angenehm mir die Gesellschaft, in der ich mich be 
fand, auch war, so musste ich dennoch daran denken, auf 
zubrechen. Ich hatte so und soviele Patzenhofer und etliche —- 
in der That nur etliche Dortmunder Union getrunken. Da 
bei lag noch ein grosses Tagewerk vor mir, das bewältigt 
werden musste. 
So empfahl ich mich denn. 
Ich war keine fünf Schritte — und ach, was für welche 
— von meinem Tische entfernt, als ich von demselben her ein 
lautes Gelächter vernahm. Wenn dies etwa mir gegolten 
hätte! 
Mich dem Ausgange nähernd, bemerke ich, dass viele Per 
sonenunverwandt nach dem Dache des Hauses hinaufsahen. Da 
ich ziemlich kurzsichtig bin und in Folge dessen den Gegen 
stand der fast allgemeinen Aufmerksamkeit trotz meines 
Klemmers, dessen Gläser beschlagen zu sein schienen, nicht 
zu erkennen vermochte, so wandte ich mich an eine freundlich 
aussehende Dame, die noch nicht alt und mit vorzüglichen 
Seh Werkzeugen ausgestattet zu sein schien, und bat sie, mir 
doch freundlichst sagen zu wollen, was dort oben auf dem 
Dache zu sehen sei. 
Die Dame wendete sich erröt hend ab und stammelte 
etwas, das ich nicht ganz deutlich hören konnte, das ebenso 
gut „unmöglich“ wie „unverschämt“ heissen konnte. Es 
wird wohl „unverschämt“ gelautet haben, da ich dies viel öfter 
zu hören bekomme, als das andere Wörtchen, weil bei mir 
nichts unmöglich ist. 
Dieser Abfall veranlasste mich nun, meine ganze Seh 
kraft anzustrengen, um das zu sehen, wonach der Blick so 
vieler Menschen gerichtet war. 
Beim Anblick dessen, was ich nun sah, konnte ich nicht 
genug die Gründlichkeit bewundern, mit welcher bis in die 
kleinsten Details hinein das Spreewald-Haus getreu dar 
gestellt war. 
Selbst der Storch auf dem Dache fehlte nicht. 
Nein, es waren zwei Störche. 
Oder war es nur ein Storch ? 
Manchmal war es ein Storch, manchmal waren es zwei 
Störche, ja ich glaube sogar einmal drei Störche gesehen 
zu haben. 
Ich will doch lieber noch einmal nach der Spreewald- 
Schänke gehen oder lieber mehrmals, um die Zahl der Störche 
entgiltig festzustellen. —m— 
Die Kolonial-Ausstellung rechnet auf einen Ge 
winn von 70 — 80000 Mark, vorausgesetzt, dass die Verkäufe 
aus den Abbruchsarbeiten noch günstige Resultate ergeben, 
aber mehr als dieser materielle Erfolg gilt für die Untermfi 
rner der ideelle Gewinn, den die Deutsche Kolonialsache durch 
die Ausstellung davongetragen hat. Und der ist ziemlich 
hoch anzuschlagen. Tausende und Abertausende haben die 
Ausstellung besucht, sie haben die Eingeborenen der Deut 
schen Kolonialbesitzungen kennen gelernt, den guten kräf 
tigen Menschenschlag, ihre Intelligenz und ihre gemüth 
lichen Eigenschaften, Die Besucher konnten sich, ft rnev 
ein Bild von der Consumptions- und Productionsfähigkeit un 
serer Koloniecn machen und werden den Kolonialst agen reizt 
hoffentlich ein erhöhtes Interesse entgegen bringen. Die Ko 
lonial-Ausstellung hat aber auch den ersten Anstoss zur Grün 
dung eines Deutschen Kolonial-Waarenhauses gegeben, das 
Herr C. Antelmann mit Unterstützung maassgebender Kreise 
errichtet, und hoffentlich werden die Anregungen, in Berlin 
ein grosses Kolonial-Museum zu errichten und darin alle di j 
Sammlungen, welche in der diesjährigen Kolonial-Ausstel- 
lung so allgemeine Anerkennung gefunden haben, wieder zu 
vereinen, auf fruchtbaren Boden fallen. 
«S 
Das Philharmonische Blasorchester wurde am 
letzten Sonntag in seinem zweiten Theile von einem ameri 
kanischen Dirigenten John Philip Sousa aus New-York ge 
leitet. Trotz des um diese Zeit herniederströmenden starken 
Regens hatte sich doch eine vielköpfige Menschenmenge ein 
gefunden, darunter viele Landsleute Sousa’s. TV irbemerkten 
unter anderen auch den Botschafter der Vereinigten Staaten, 
Herrn Uhl. Die Unbilden des Wetters thaten dem Enthu 
siasmus nicht den geringsten Abbruch, und so kann Herr 
Sousa mit dem ihm gespendeten Beifall vollauf zufrieden sein. 
Der Dirigent, ein Mann in mittleren Jahren von südlich 
dunklem, geradezu spanischem Typus, hat in Amerika einen 
sehr klangvollen Namen. Sein stark besetztes Orchester ist 
eine ähnliche Institution wie das hiesige unter Leitung Gustav 
Baumann's stehende Philharmonische Blasorchester. Am 
Sonntag präsentirte sich nun Herr Sousa in doppelter Gestalt, 
einmal als Dirigent, dann aber auch als sehr talentirter Com- 
ponist, als der er uns freilich nicht unbekannt war; denn 
manche seiner originellen Compositionen ist auf der Gewerbe- 
Ausstellung bereits zu Gehör gebracht worden. Als Dirigent, 
verdient Herr Sousa ganz entschieden Beachtung; er dirigirt
	        
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