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Volume Nr. 179, 13. October 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

ID Öfficielle Äusstellungs - Nachrichten. 
werden müssen, tun die reichen Schütze, die trotz aller j 
Schwarzmalerei in unseren Kölonieen verborgen liegen, zu 
heben. E. N, 
Wie es mir in der Spreewaldschänke erging. 
(Abdruck untersagt ] 
Heiliger Spreewald, Du unvergleichlicher Erzeuger eines 
hoffentlich nie aussterbenden starken Geschlechts, Du kraft 
spendender, unversiegbarer, ewiger Born der Jugend. Du un 
vergesslicher Förderer auch meiner Wenigkeit, glaubst Du 
wirklich, ich, einer der ältesten Vertreter Deutscher Jugend, 
könnte so undankbar sein, an dem gastlichen Hause vorüber 
zugehen, das Deinen ehrwürdigen Namen trägt, ohne ihm 
uni mit Schiller zu sprechen — Reverenz zu erweisen ! 
Nimmst Du dies wirklich an, Alter, dann kennst Du 
Buchholzen und sein Geschlecht schlecht, denn wir sind von 
Natur aus „weich”, und wenn uns erst Jugenderinnerungen 
überkommen, dann werden wir noch weicher und können nur 
schwer an Stätten vorüber gehen, die mit jenen im Zusam 
menhange stehen und wo man zugleich den von Kindesbeinen 
an immer grösser gewordenen Dürst löschen kann ! — 
Dies waren ungefährmeine Empfindungen und Gedan 
ken, als ich jüngst nach der; mir schon so oft ge rühmten Spree- 
waldschünke 'kaiii xmd von ihrem- Anblick angezogen — 
Tor ihr Halt machte. ... 
Pietät und Dürst sind eigentlich zwei Empfindungen, 
'die sich feindlich gegenüberstehen und dadurch oft. recht 
schwere Conflicte in unserer Seele heraufbeschwören, aus 
welchen, wie ich mir von Freunden habe sagen lassen, häufig 
die letztere als Sieger hervorgehen soll. Diesmal standen 
ausnahmsweise beide auf’s Harmonischste neben einander, 
lind da ich zwar schon in so mancher anderen, jedoch noch 
niemals in einer Spreewaldschänke Erinnerungen nachge 
hangen und aufgefrischt hatte, so gab ich sämmtlichen drei 
Strömungen nach und überschritt wehrnuths- und erwar 
tungsvoll die bescheidene Schwelle. 
Allerdings war ich — ehrlich gesagt. — zuerst nicht 
wenig erstaunt, als ich auf dem am Hausthor angebrachten 
Schild die mir nicht mehr ganz unbekannten Namen „Patzen 
hofer" und „Dortmunder Union” stehen sah. 
Damit will ich nicht gesagt haben, dass ich darüber 
erstaunt gewesen wäre, dass hier, an dieser verehrungswür 
digen Stätte, die ein jeder guter Deutscher wohl mit einer 
gewissen frommen Scheu betreten dürfte, Bier geschenkt 
werde, durch,ans nicht, denn der Begriff „Bier” und „Spree- 
wald” sind Mach meiner Ansicht unzertrennbar von einander, 
über in meiner einmal heraufbeschworenen kindlich-naiven 
Stimmung hatte ich nun einmal nicht das geringste Ver 
ständniss für Neuerungen, allein bald sagte ich mir: möge 
'diese Sproewaldfiliale messen' lassen,-was sie will-, alles was 
direct oder indirect vom Spreewaldc kommt, pflegt stets kräf 
tig und gut zu sein, ganz abgesehen davon, dass auch schliess 
lich die Spreewälder, die so nahe bei Berlin, der Hauptab 
lagerungsstelle des Civilisationslebens, nicht in der Cultur 
züi’ückbleiben'können, und dass es höchst ungerecht wäre; 
vorauszusetzen, dass sie, wenn -io einmal nach Berlin bezie 
hungsweise Treptow kommen, sich mit Lübbener oder Ber 
liners Breslauer Weizenbier begnügen sollten. Würden 
denn wir, wenn wir nach dem Spreewald kämen, uns nicht 
auch etwas Besonderes anthun wollen! 
Die Hoffnung, in der Schänke recht viele, namentlich 
aber männliche Bewohner des Spreewaldes beisammen zu 
sehen, ward nicht erfüllt, hingegen bemerkte ich, gleich beim 
•Eintritt in das mit allen Ckikanen erbaute Spreewälder-Ge- 
höft, welches mit seinen Hof-, Garten- und sonstigen An 
lagen die Schänke bildet, um einen Tisch herumstehend, 
vier bildsaubere junge Spreewälderinnen, deren Anblick mir 
trotz guter Erziehung ein deutliches „Allerhand Achtung” 
abnötnigte und zugleich den Wunsch nach Labung in mir 
»ur vermehrte. 
Nicht weit vom Karpfenteich, an einer Stelle, von wel 
cher aus ich den Gasten übersehen konnte und zugleich, die 
reizenden Wesen nicht aus dem Gesicht verlor, liess ich mich 
häusslich nieder und betrachtete nun den ganzen „Bau” und 
alles, was zu ihm gehört, mit hohem Interesse, während der 
Garten sich immer mehr mit durstigen und der Ruhe be 
dürftigen Äusstellungsbesuchem, merkwürdigerweise vorwie 
gend Damen, füllte. 
„Sind die jungen Mädchen dort, die Töchter des Besit 
zers?” fragte ich, auf die jungen Spreewälderinnen weisend, 
den mir bereits die dritte Ratzenhöf er bringenden Kellner! 
„Es sind Kellnerinnen”, antwortete er dienstbeflissen. 
„Dann sind Sie wohl ebenfalls ein Spreewälder ?” lautete 
meine zweite Frage, in der Hoffnung, nun endlich einmal 
ein männliches Wesen dieser Species kennen zu lernen. 
„Ich?“ fragte er hierauf gedehnt und blickte mich 
scharf an. 
„Ja!” antwortete ich unbefangen. 
„Ich bin kein Spreewälder, sondern ein Spreeathener 
so gut wie Siel” versetzte er etwas grob und strich mit seiner 
Serviette mehrmals heftig über den Tisch, obgleich derselbe 
ganz sauber war. Wahrschoilieh glaubte er, ich habe ihn 
uzen wollen. 
Nur um etwas zu sagen, meinte ich: „Haben Sie mir 
das gleich angemerkt?” 
„Nur Ihrer Sprache”, entgegnete er. 
Ich begriff weder den Sinn seiner' Worte noch das die 
selben begleitende.Lächeln recht. Dieses konnte ebenso gut 
Mitleid ausdrücken, was mir umso unverständlicher war, als 
er doch selbst ein Berliner war. 
„Ich habe nämlich noch nie einen Mann aus dem Spree 
wald gesehen,“ sagte ich, gleichsam um mich zu entschuldi 
gen.“ 
„Ich auch nicht!“ entgegnete er, und mir das leer 
getrunkene Glas, das ich ihm hinhielt, aus der Hand neh 
mend, verschwand er im Gebüsch, das wirklich und wahr 
haftig vorhanden war. Gleich darauf sass ich vor dem vier 
ten Glase dunkelen Bieres. Meine Cigarre rauchend und ab 
und zu einen Schluck aus dom von neuem gefüllten Glase 
nehmend, liess ich jetzt meine Blicke weiter schweifen. 
Sämmtliche Tische im Garten und Hofe waren, soweit 
ich derselben ansichtig wurde, dicht besetzt. Angehörige 
aller Stände waren hier vertreten. Ich hörte in allen mög 
lichen Sprachen sprechen, nur nicht den Sprecwalder Dialekt, 
nicht einmal „Mine“ oder „Tine“; so nennen sich ja wohl 
viele der Spreewälder-Scfiönen, drang an mein aufmerksam 
lauschendes Ohr. 
Nachdem ich noch eiine ganze Weile so dagesessen, 
während ich zwei Unions nacheinander den Garaus machte, 
bemerkte ich plötzlich einen etwa zehnjährigen, gutgeklei 
deten Buben auf mich lossteuern. Einen offenen Brief- 
Umschlag',' aus welchem so etwas wie ein zierliches Billet 
hefyöiiugte, vor mich hinlegend, sagte er: „Hier ist etwas zu 
Ihrer Unterhaltung!“ und entfernte sich, mich ziemlich ver 
blüfft zurücklassend. 
Zuerst überkam mich beim Anblick des Briefes, den 
ich natürlich unberührt gelassen hatte, das Gefühl, als mache 
sich jemand einen Ulk mit mir, dann jedoch siegte die Eitel 
keit und mit ihr die Neugierde, zu wissen, was der Brief- 
Umschlag enthalte. 
War es denn so unwahrscheinlich, dass mir eine Bewun- 
derin meiner Länge den Vorschlag- zu einem Stelldichein 
machte S Ganz und gar nicht! Drum schnell Muth ge 
trunken und dann so unbefangen wie möglich nach dem 
Briefe gelangt. 
Himmel, welche Enttäuschung! 
Statt der ersehnten ersten Kunde von „ihr“ enthielt der 
Umschlag eine, ganz gewöhnliche Geschäfts-Reclame. 
Während ich mit dem Schicksal stumm über diesen Aus 
fall in meinem Stundenplan haderte, näherte sich meinem 
Tische ein recht stattlicher Jünger des Mars mit zwei jungen 
Begleiterinnen, welche ihrer ganzen Beschaffenheit nach 
recht gut Spreewälderin neu in Civil sein konnten. Ja. dies»
	        
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