Path:
Periodical volume Nr. 178, 12. October 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

12 Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 
ren Leistungen in dieser Gesangbuch-Richtung, auf Bibeln 
und Einzel-Testamente erweitert, aus. Hier ist vielleicht der 
Betrieb auch nicht grösser, aber er arbeitet offenbar unter 
der Voraussetzung des besseren inländischen Handels. 
Und wieder ein besonderes Gebiet thut sich in der Aus 
stellung von Martin Roettger auf, der nur die Lederpressun 
gen für Buchbinderei, Galanterie», Möbel-Bekleidungen, so 
wie deren Press-Vergoldungen als Special-Fabrikation in 
mehreren sehr lobenswerthen Erzeugnissen für den Gross 
handel vorführt. Namentlich einige prächtige Adressen- 
iMappen, Stuhl-Lehnen-Bezüge, einige Leder-Staats-Bücher- 
bände mit reicher Vergoldung, ein Lederkissen in Press-Pun- 
zerei mit dem Reichsadler in Silber-Oxyd und feiner Ver 
goldung, sind aller Ehren werth. Die Specialität der Firma 
aber ist imitirte (also gepresste) Leder-Punzerei in billiger 
Fabrikations-Herstellung für den Massen-Verkauf. 
Nach dieser Abschweifung zurück zu dem eigentlichen 
Bucheinband, dem wir bei Chr. Mass wieder in feinen und 
cxaet ausgeführten Exemplaren als Liebhaber- und Klassiker- 
Bände finden, neben einigen Pracht-Bänden in handgepress 
tem Leder mit Metall-Email-Verzierungen, neben Adressen- 
Mappen von gleichem auserlesenem Geschmack und Arbeits 
werth, in denen allen das solide Detailwerk sich kundthut. 
Auch bei J. Külper findet sich dieses treffliche Genre in 
Klassiker-Bänden, ein schöner Mappen-Band mit Hand 
drücken, nach einzelnen Bogen von Moltke zusammengestellt, 
Ferner das Wappen des Fürsten Bismarck in erhabener Leder- 
Arbeit gepunzt und einige andere Buchbinder-Arbeiten, die 
schon in’s Fach der Leder-Galanterieen gehören und offenbar 
für den Export bestimmt sind. 
Einen ganz anderen Stil und Charakter haben die Ar 
beiten von Bernhard Paul, dessen Specialität Lexikon-Ein 
bände, Prachtbände für Zeitschriften und Mappen für Kunst 
werke sind. Auch die kunstgewerblichen Arbeiten in Leder, 
wie Körbchen, Servietteringe, Rahmen, Blocks, Cigarren- 
Schiebe - Taschen, Cassetten, Documenten - Rollen etc. 
sind mit hoher Auszeichnung zu erwähnen. Von gleicher 
Güte sind die ausschliesslichen Buchbinderei-Detail-Arbeiten 
von C. J. Fischer, deren Handvergoldung auf Leder—Mosaik 
und Leder-Email-Arbeit eine rühmenswerthe Correctheit 
zeigen. Auch einige Prachtbände in erhabener Leder-Plastik 
ohne jeglichen anderen Schmuck, wirken durch die vorzüg 
liche Ausführung allein im besten Sinne effectvoll. Vor 
nehmlich einige Mappen-Arbeiten sind in ihrer gracieusen 
Zeichnung in der Leder-Musterung wie um ihrer peinlich 
sauberen Buchbinder-Arbeit willen, ebenso einige Klassiker 
bände wegen ihrer soliden Schlichtheit den besten Arbeiten 
der Ausstellung anzureihen. F, G. 
Parfum-Zerstäuber und Parfum-Galanteries. 
[Abdruck untersagt] 
Unter den vielgestaltigen Einzelbetrieben der bunt zu 
sammengestellten Gruppe VI unserer Ausstellung giebt es nicht 
viele Artikel von grosser Zierlichkeit und die zugleich in so 
„gutem Gerüche“ ständen, wie die oben Bezeichneten. Die 
Zierlichkeit bedingt ihre, formelle Eigenart, der gute Geruch 
ist (wie auch anderweitig) Charaktersache,. Sehen wir uns 
zunächst nach den Special-Ausstellungen von Zerstäubern um, 
so finden wir bei Charles Ponge eine Collection von Refrai- 
chisseurs, deren äussere Ausstattung ebenso vielfach variirt, 
wie ihr mechanischer Functionair eintönig gedacht und her 
gestellt ist. Fast überall der im Seiden-Filetnetz befindliche 
Gummiball als Vermittler des Luftdruckes, der durch eine im 
Knie gebogene Metallröhre nach dem Essenzballon geleitet, 
dort Pumpen-Hebeldienste verrichtet. Ganz selten sind die 
Ausnahmen in den Einrichtungen, die den Hebeldienst durch 
mechanischen Knopfdruck bewirken. Der Geschmack des 
Fabrikanten, wie seine findige Intelligenz müssen sich vor 
nehmlich, ja nahezu ausschliesslich auf die Ausstattung dej» 
Essenz-Ballons concentriren. Diesem wird dann auch eine 
an Raffinement grenzende, Finesse der Behandlung zugewen 
det, wie am besten aus solch’ einer Special-Collection ersicht 
lich, die eben nichts als nur Zerstäuber einschliesst. Da 
sieht man den feinsten geschliffenen Krystall, Baccarat in 
weiss und farbig, gemalte, emaillirte, geschliffene und gra- 
vijrte Gläser, Porzellan in Phantasie-Decoration, Fayence, 
Majolica mit und ohne Metall-Montagen, mit feinsten Fili 
gran-Beschlägen, mit Silberoxyd-Ornamenten etc. zu Ballons 
verwendet; Ausführungen, zuweilen von einem Prunk und 
Aufwand, der in keinem Verhältnis» zu dem verschwindend 
minderwerthigen Zweck des Objectes steht. Auch bei J. 
Prachownik sind ähnliche Zerstäuber, wenn auch nicht ganz 
in dem Grade luxuriös, als* Specialität ausgestellt. Doch ist 
diese hier nicht so ausschliesslich geltend gemacht, dass nicht 
allerhand einschlägige Artikel, wie die zu den Zerstäubern ge 
hörigen Parfumerieen, ferner allerhand Luxus- und Toilette- 
Galanterie» noch daneben Platz fänden. Alle diese an sich 
zwar nicht unentbehrlichen, aber so entzückend reizvollen 
Dinge repräsentiren sich für den Handel in Aufmachungen, 
die für sich allein eine Fabrikationsbranche : die Parfum-Ga 
lanterie, bildet. Diese feinen Cartons in allen möglichen 
Phantasie- und Attrapen-Formen, ausgelegt mit Papier-Man 
schetten, gebunden mit zierlichen Bandschleifen, ergänzt 
durch Blüthen- und Fruchtsträusschen in Fabrik-Imitation, 
das alles beschäftigt Hunderte von fhdssigen Händen, die eif 
rig, geschickt und fachkundig zum Ganzen wirken müssen, 
um diese kleinen Combinations-Bijoux von Luxus und Zweck 
mässigkeit auf den Markt zu schickt n. Natürlich auf den 
Weltmarkt. Wenn wir den Zahlenbeweisen der Statistik 
glauben dürfen, gehen Berliner Parfumerieen in diesen Ga 
lanterie-Aufmachungen auf dem Exportwege nach allen Län 
dern der Erde. Die von der Firma J. F. Schwarzlose ausge 
stellten Zerstäuber zeigen eine neue Erfindung in der Mecha 
nik des Luftdruck-Hebels, die sehr einleuchtend zweckmässig 
und zuverlässig ist. Davon abgesehen, bringen sie ein eige 
nes Parfum: Deutsches Waldveilchen in reizenden Auf 
machungen, die sie gar nicht selbst fabriciren, aber nach eige 
nen, nur für diese Firma zu verwendenden Ideen für sich her 
stellen lassen und die zu Tausenden in die Welt geschickt wer 
den. Wunderlich genug nimmt sich gegen diese ästhetisch 
so unmuthigen Objecte eine andere ganz neue Specialität dieser 
Firma: der „Mäuse-Bacillus“ aus. Ein« bakteriologische 
Erfindung zur absoluten Ausrottung von Mäusen, die aller 
dings mit Parfum nichts ähnlich und gemein hat, dafür aber 
um so wirksamer und zuverlässiger sein soll; jedenfalls g«v 
hört auch dieser „Kauz“ zu den Destillations- Geheimnissen. 
Das wird am Ende die Firma Gustav Lohs« übel nehmen, 
deren Exclusivität in Dingen der Fachtechnik so bekannt ist, 
wie ihre Erzeugnisse von einwandfreier Vorzüglichkeit sind, 
wobei vornehmlich ihre weltbekannten, schön ausgestatteten 
Specialitäten zu erwähnen sind: Maiglöckchen-Parfum und 
Seife in kostbaren Confectionskästchen, Lilien-Milch und Li- 
lien-Seife, neben all’ den anderen hundert Dingen, die 
so verlockend aufgestapelt und geordnet sind, als wollten sie 
zugleich ein Vorbild für den Weihnachtstisch geben, auf dem 
irgend ein „echter Gustav Lohse“ heutzutage nicht mehr feh 
len darf, „so weit die deutsche Zunge klingt“. 
an® 
Der letzte Sonntag war nicht von dem sonnigen 
Himmel begünstigt, der seit Beginn dieses Monats fast un 
unterbrochen über der Ausstellung lachte. Schon am Mor 
gen lagerten dichte Wolken über dem Park, die bange Be 
sorgnis» für einen Regentag wach riefen, und alles athmete er 
leichtert auf, als Frau Sonne gegen elf Uhr endlich ihr Ant 
litz hinter dem Wolkenschleier hervorstreckte — freilich um 
es nach kurzer Zeit wieder dahinter zu verstecken. Kurz nach 
ein Uhr konnte es sich der tückische Regengott nicht ver
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.