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Periodical volume Nr. 178, 12. October 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielh Ausstellunqs-Nachrichten. 9 
des Ballsaals. Noch mehr gilt dies von den an sich unver 
gleichlichen Leistungen der ebenfalls neuen Glasspinnerei von 
Cassandra Hollerer, -»eiche nicht nur einen geschlossenen 
Raum erfordern, sondern sogar eine Glasglocke, um ihr über 
aus glanzvolles aber auch staubfängerisches Gefüge zu schüt 
zen. Die Wachsbüste, »eiche diese Dame ausstellt, erregt 
mittels (iner Rococo-Perrücke von weissen Glasfäden, roman 
tischen blauen Blumen aus Glasgespinnst und der blauweis- 
sen Draperie, Latz, Spitzen und Pelerine aus Glasgespinnst 
allgemeines Aufsehen. Es ist ein märchenhaftes Ding, er 
innernd an den gläsernen Berg, auf den die verwunschene 
reiche Erbin wohnte und noch mehr an Schneewittchens 
gläsernen Berg. 
Im Contrast mit diesen Gespinnsten als durchaus nütz 
liche Neuerung in der Glasindustrie stehen die J. Schmidt'- 
sehen Einfall-Luft-Glasprismen, mit einem besonderen Pavil 
lon an der rechtsseitigen Wandelhalle, denen Jul. Staehr sein 
Einfall-Lichtgitter mit weissen Glasschuppen-Einlagen in, 
Gruppe III an die Seite stellt. Die Coepenicker Marienhütte 
(L. Wolf Nachf.) und die Farbenglasfabrik E. Grosse stellen 
sich ebenfalls in den Dienst des Bauwesens. In 
den Bereich der eigentlichen Keramik führt uns die 
Maschinenbau-Werkstätte von P. Tzschabran ein, welche 
die automatische Herstellung eines modernen Massenartikels 
im Betriebe zeigt, nämlich von porzellanenen Isolirkörpern für 
elektrische Leitungen. Sie vollzieht sich auf dem Wege 
trockener Pressung. Die Kaolinmasse wird durch ein Pa 
ternosterwerk gehoben, gemessen in die Form geschüttet,, 
unter den Stempel gebracht, gepresst, freigelegt und auf 
einem Bande ohne Ende vor dem Ofen deponirt. Mit d( in 
gleichen Zwecke entsprechenden Erzeugnissen der Firma Gus 
tav Richter gelangen wir dann in dasBereieh der eigentlichen 
Chanrotte - Industrie hinüber, deren Hauptleistungen der 
Gruppe III angehören. Chamotte ist im Grunde genommen 
auch Porzellan. Sie besteht aus Grus, Scherben und Mehl 
dieser Substanz, die durch eine Thonrnasse verbunden und 
auf’s Neue in Form gebracht und gebrannt werden. Sie dient 
zur Herstellung von Schmelztiegeln, vor allem aber von 
durchaus feuerfesten Hoch-Oefen zum Brennen anderer kera 
mischer Erzeugnisse. Von solchen haben wir in der Bau 
gruppe einige phänomenale Aufbauten vor Augen. Die Rhei 
nischen Chamotte- qnd Dinaswerke lieferten der Ausstellung 
u. a. das grosse Kesselhaus, die Rohr- und Kabelkanäle, Fun 
damente, Wasser- und Gradirbassins, Schornsteine etc. Unter 
der Marke „Luetgen“ hat diese mit G. Lütgen-Borgmann 
identische Firma im Hauptgebäude den gigantischen Kopf 
eines Martinofens, ferner Solwaywerke, Glashäfen, Thür 
steine ähnlicher Grössenverhältnisse aufgeführt. Und an an 
derer Stelle liegen ihre grossen Wasserh itungs- und Kanali 
sationsröhren, von denen Werthe im Betrag von !!—4 Mil 
lionen in den Untergrund Berlins und seiner Umgebung 
versenkt sind. Mit ihr eng liirt ist die hiesige Firma 
H. Schomburg & Söhne, deren patentirte Halbgasfeuerung 
und Verbund-Brennöfen für feuerfeste Thonwaaren sie in 
Ausführung nimmt. Von Schomburg sehen wir in Gruppe V 
eine Reihe von Porzellanen für technische Zwecke, Isolatoren 
u. s. w., wie wir solche auch bei der Königlichen Porzellan- 
manufactur in schönster Vereinigung mit kostbaren Kunst 
werken begegnen. In Gruppe III ist diese Firma ferner durch 
Terracotten-Ornamente vertreten. Auch W. Haldewanger 
(Charlottenburger Sanitäts-Porzellan-Manufactur), Inhaber 
A. Br. Schwarz, vereinigt beide Richtungen. Sie giebt uns 
das gewichtige Reliefbildniss des Fürsten Bismarck in einer 
zehn Centner schweren Chamotteplatte und eine feuerfeste 
Büste Moltke’s; aber auch einen neuen Schmelz-, Destilla 
tions- und Sublimations-Apparat nach Dr. Paul, der sehr 
viele Vortheile vor den üblichen Glaskolben voraus hat. 
Durch mehrere Tuben in dem auf setzbaren Helm ist das 
Innere jederzeit für das Thermometer, den Evacuator u. s. w. 
zugänglich und die Durchsichtigkeit des Glases wird dadurch 
für die Ueberwachung des Processes entbehrlich. Ausserdem 
sehen wir in diesem Aufbau die hochfeuerfesten Dinas 
steine., den Quarzziege), durch welche das lustige Schwinden 
der Thonsteine im Feuer vermieden wird. Im Gegentheil, 
sie haben das Bestreben sich auszudehnen und sind auch 
sonst gegen basische Schlacken und namentlich gegen Tempe 
raturwechsel sehr empfindlich. In Fällen, wo auch diese Eigen 
schaften gefährlich werden könnten, benutzt man die basisch 
feuerst steil Magnesitsteine und speciell für Thomasbirnen die 
Dolomitsteine, für welche ausser den genannten Firmen die 
Siegersdorfer Werke als Bezugsquelle genannt werden 
müssen. Wir verdanken diesen letzter. » das Material zu der 
dem Bauhofe zugewandten, von dem Geh. Regierungsrath 
Professor Otzen entworfenen interessanten Fa§ade der Längs 
halle in Gestalt reichlich variirter Formsteine, Verblender 
und Glasuren. Solche sind auch von J. H. Schäffer, 
R. Schacher, von den Ullersdorfer Werken (Fayade des 
Töpferei-Gebäudes im Bauhof), Graf zu Dohna (Malmitzer 
Thonwerke, Giebel der Haupthalle, dieser Gruppe), die Helm 
städter Tonwerke (Portale an der Querhalle im Bauhof), 
Evers & Klapper, Max Esche (Magnesitplatten) u. a. in 
schöner Auswahl ausgestellt. 
Ausserordentlich reichhaltig sind ferner die Formsteine, 
Röhren, Platten aus Cement vertreten, denen sich Kunst 
steine, Marmor, Sandstein, Granit, Kieselguhr u s. w., auch 
Holzcement, Beton und Rabitzconstructionen in mancherlei 
Gestalt hinzugesellen. Sie sind vielfach bei den Ausstellungs 
bauten zur Verwendung gekommen und ragen einigermaassen 
über das Reich der Keramik hinaus. Andererseits müssen 
wir vornehmlich noch der Töpfer im eigentlichen Sinne des 
Wortes gedenken, welche den Ofenbau wiederum auf eine 
künstlerische Höhe zu bringen sich bemühen, der sog* nann 
ten Kachler. Unter diesen patentirt die Firma Gebr. 8 a- 
lomon tragbare keramische. Oefen aus einem Stück. Die 
grosse Reihe hervorragender Namen cDr in dieser Richtung 
thätigen Firmen: 0. Titel’s Kunsttöpferei, Carl Tesch 
& Söhne (Tischplatte von Ofenkacheln), C. A. Schuppmann, 
der Hoflif ferant C. H. Herrn. Schmidt (Feuervergoldete alt 
deutsche Oefen und Kamine), E. Scboeffel, Karl Roedel (Mo 
delle), Franz Grund, August Burg (Majolica-Oefen) lässt er 
kennen, dass ein Aufschwung, eine Reaction gegen die stil 
lose Ofenwirthschaft eingetreten ist, an welche sich Berlin 
nach Schöneberger Bauernnruster gewöhnt hatte. Der Ge 
schmack hebt sicli, und die Keramik ist alle Zeit das Baro 
meter desselben gewesen. 0. Beta. 
Petroleum-Lampen auf der Ausstellung. 
(Abdruck untersagt.) 
Es ist nun einmal die Eigenthümlichkeit unserer Aus 
stellung, dass sie von manchen Imbi'-trieen, in denen Berlin 
Grosses, ja geradezu das Grösste leistet, gewissem»)aasen nur 
Stichproben bietet. Zu dieser Stichproben-Ausstellung ge 
hört die Abtheilung für Lampen. Berlin ist seit Jahren für 
die Production von Lampen der wichtigste Platz. Nirgend 
wo werden im Jahre so viele Lampen hergestellt, wie in Ber 
lin, und die Berliner Lampen sind über die ganze Welt ver 
breitet. Sie bilden einen der allerwichtigsten Exportartikel 
der Reichshauptstadt. Wenn mau aber die Lampen-Abthei- 
lung im Industrie-Palaste betritt, wird man kaum einen Be 
griff davon erhalten, welche Wichtigkeit und welchen Um 
fang dieser Industriezweig für Berlin gewonnen hat. Nicht 
etwa, dass die Abtheilung einen ungünstigen Eindruck her 
vorbrächte. Im Gegentheil, sie gehört zu den schönsten, 
die die Ausstellung aufweist, sie strotzt förmlich von Glanz 
und Pracht. Aber sie bildet nur eine Miniatur-Ausgabe von 
Ausstellung, sie ist so klein, dass man mit ihr, wie mit einer 
Nebenindustrie bald fertig wird, und dass man verwundert 
fragt, wo die Ausstellung, die in dem schmalen Gange doch 
erst begonnen hat, sich in dem ihr gebührenden Umfange 
wohl fortsetzen mag. 
Für den genügsameren Besucher freilich, der sich, nicht 
diesen wirthschaftÜchen Gedanken hingiebt, erscheint die 
Ausstellung wohl gross genug. Er sieht zwar nicht alles, 
was wirklich sehenswerth wäre, aber er sieht doch recht viel.
	        
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