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Periodical volume Nr. 176, 10. October 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs-Nachrichten. *3 
gleichzeitig in gleichmässige Umdrehung versetzt werden. 
Die Einfahrt des Werks« an der Dortmunder Seite ist von 
zwei imposanten, in Stein ausgeführten Thürmen flankirt, 
während die tiefer gelegene Ausfahrt zwei kleine Thürme nach 
Art der Schleusenthore erhält. Die Anlage ist seit zwei 
•Jahren im Bau und wird Ende des nächsten Jahres dem 
Verkehr übergeben werden. Die Bau-Ausführung erfolgt 
unter Leitung der Königlichen Kanal-Commission in Münster 
in Westfalen von der oben genannten Firma. Als Zeit für 
die Durchschleusung eines Schilfes ist eine Viertelstunde nor- 
mirt, das Heben dauert nur zwei und eine halb Minute. 
S' 
Zum Kehraus. In tiefsinnigster Weise hört man in 
diesen Tagen oft aussprechen, wie es doch kaum zu glauben sei, 
dass die letzten Tage der Gewerbe-Ausstellung gekommen und alles 
zum Abmarsch rüste. Wieder werden, wie vor der Eröffnung, 
fleissige Hände sich regen, die ausgestellten Herrlichkeiten fortzu 
führen. Schliesslich bleibt nur der grosse Kehraus — also der 
Besen als das Letzte — das Allerletzte. Und das erinnert nun 
daran, in welcher Fülle und soliden Beschaffenheit die Besen und 
alles, was bei einem gediegenen Kehraus helfen soll, auf der Aus 
stellung vorhanden sind. Da sind lang- und kurzstielige Besen 
mit den Borsten des alten bekannten Hausthieres oder mit Ross 
haar oder mit Wurzeln oder mit Schnur; die Stiele sauber und 
glänzend in verschiedenen Farben polirt, da sind Schrubber und 
Bohnerbürsten, Möbelbürsten, Schrankbürsten, Stiefelbürsten, Tassen 
bürsten, auch die schlichte und so nothwendige Wurzelscheuerbürste 
fehlt nicht. Da sind Feder-Büschel, Möbel-Pinsel und Bürsten iür 
eichene Möbel, Teppich- und Sofabürsten. Es sind diese praktischen 
Sachen nicht allein schön und gediegen in der Abtheilung 
für Borstcnwaaren vorhanden, auch in der Musterküche ist ein 
Besenschrank etablirt, vor dem, man wird cs mir vielleicht kaum 
glauben, die Damen ebenso bewundernd stehen, als vor den 
Prunkschränken, hinter deren Glasscheiben jene prächtigen Toiletten, 
Hüte, Mäntel u. s. w. zu sehen waren. Wieder also ein Zeichen 
dafür, dass die Berlinerin wohl gern sich schmückt, aber schliess 
lich auch eine gute Hausfrau und tüchtig ist in Küche und Keller. 
&' 
Etwas vom Hut. Der Hut, macht zwar nicht den 
ganzen Menschen, allein er spielt immerhin eine Rolle in 
dessen äusserer Erscheinung, und der Kenner wird allezeit 
für die gesellschaftliche Beurtheilung des Trägers eine ge 
wisse Handhabe in Form und Qualität des Hutes finden, der 
längst die hei unseren Altvorderen beliebte Mütze in den 
Hintergrund gedrängt und selbst bei unserer männlichen Ju 
gend entschieden das Uebergwicht über die letztere erlangt 
hat. Die Mütze ist für gewöhnlich nicht mehr „fair“ bei der 
nur einigermaassen „situirten“. Menschheit, und nur auf der 
Reiseist sie freilich oft in der groteskestenForm noch zuweilen 
in Gebrauch. Nun giebt es ja freilich allerlei Hüte, und vom 
Zweimark-Hut des Arbeiters bis zum „Bibi“ der Handies und 
dem hochfeinen Cylinder des Diplomaten — diese sollen näm 
lich die feinsten tragen — ist ein so weiter Sprun", wie ihn 
eben der Geldbeutel und die gesellschaftliche Stellung be 
dingen. Allein ob gewöhnlichster Sorte oder hochfein, immer 
ist die Entstehungsart des Hutes interessant, denn der Wand 
lungen, die derselbe vom Urstolf bis zu seiner Vollendung 
durchmacht, sind gar viele, und nur die wenigsten dürften 
Kenntniss davon haben, was ein Hut, ehe er zur fertigen 
Kopfzier wurde, an kalten und heissen Bädern, Farben, 
Pressen, Schlagen, Umformen, Bügeln und anderen Mani 
pulationen alles zu erdulden hatte. Wer es aber kennen ler 
nen will, der braucht sich, nur in das Haupt-Industrie-Ge- 
bäude, Gruppe II, zu begeben, wo die Firma Gebrüder Silber- 
mann & Comp, uns die Fabrikation des Hutes in all’ ihren 
Stadien vorführt und uns veranschaulicht, wie aus den aus 
gestellten Schafen (Rambouillet-, Queensland-, Adelaide-, 
australischen und englischen Mutterschafen) nach den unter 
schiedlichsten Bearbeitungen und Formenwandlungen endlich 
der runde Hut und der Cylinder werden. Dass der erstere 
in seinem Entstehungsprocess auch einmal die Gestalt der 
bekannten zuckerhutförmigen, närrischen Clownmütze aus 
weist und aus dieser erst in eine „vernünftige“ Form gebracht 
wird, ist wohl nur Fachmännern bekannt — vielleicht aber 
gerade die Ursache, dass so viele Menschen unter ihrem Hute 
so närrische Ideen ausbrüten. 
V 
Zwischen Wandelhalle und Hauptgebäude. 
„Nanu? Giebt*s denn da überhaupt ein „Zwischen"?" wer 
den selbst die kundigsten Thebaner kopfschüttelnd fragen. 
„Das ist doch zusammengebaut!“ — Nein ! — Ihr irrt euch ! 
Zwischen dtr Wandelhalle und dem eigentlichen Hauptge 
bäude giebt es sogar ein recht idyllisches Fleckchen. Tische! 
und Stühle laden dort zum dolce far niente ein und zu gewis 
sen Stunden des Tages geht es ganz lustig zu an dem welt 
abgeschiedenen Orte. Man gelangt allerdings nicht auf gar 
so einfache Weise „hinter die Coulissen“. Aber wenn mau 
gute Sohlen unter den Stiefeln hat, Staub und Schmutz nicht 
scheut, Glas, Geröll und Bau-Abfälle zu umgehen versteht, 
dann soll man sich getrost einmal auf die Wanderung! 
machen und sich ansehen, was die Wandelhalle dem Auge des 
grossen Besucherstromes verbirgt. Zunächst führt der Weg 
gelinde ansteigend bei einer äusserst primitiven Reparatur 
werkstätte vorüber, in der „schwarze Männer“ mit Hammer 
und Löthkolben hantiren, dazu unnachsichtlich und ununter 
brochen den bekannten Refrain „Eine ganze kleine Frau!“ 
singend oder pfeifend. Sie bessern die defecten Gas- und 
Wasserrohren aus und haben in einer Anwandlung von Hu 
mor auf einem Schilde die stolze Inschrift angebracht: „Un 
fallstation für Röhren !" Dass ein Bösewicht aus dem R ein .J 
gemacht hat, und dass man nun liest: „für JÖhren“ — dafür 
können sie nicht Zwanzig Schritte hinter der Werkstätte 
steht eine alte Bretterbude, umgeben von einem Chaos von 
Fässern aller Art. In ihr versammeln sich die müden Reprä 
sentanten der in der Nähe gelegenen Gruppen, um sich aus 
zuruhen von dem Angesehen- und Gefragtwerden. Hier 
wird auch gelegentlich o'n kleiner Skat gemacht oder — in 
der Abendstunde — schnell ein Küsschen ausgetauscht. Und 
alles das nur durch eine Cementmauer von der Welt getrennt! 
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Der Edison-Pavillon, der sich mit seinen »Lebenden 
Photographiern!« als die entschieden zugkräftigste Schaustellung er 
weist, da jede der hochinteressanten Vorführungen ausverkauft ist, 
geht nach der Brüsseler Ausstellung. Doch werden die Unternehmer 
auch in Ixnpzig und Stockholm den Kinematograph vorführen. 
« 
Haselnüsse als Ausstellungsobject sind jedenfalls et 
was Merkwürdiges. Wie die alten Egypter auf ihren Hiero 
glyphen den Spatz anbrachten, um etwas Kleines, Unschein 
bares zu bezeichnen, so benutzt der moderne Mensch, insbe 
sondere der Culturgermane, die Haselnuss. Im fiebrigen 
thaten das schon die alten Römer, denen „in nuce“ gleichbe 
deutend war mit „kurz und bündig“. Also „in nuce" ! Die 
Haselnuss als Product d< s Berliner Gartenbau-Gewerbes ist 
die Quelle grosser Einnahmen. Völker, die an dem Hasel 
strauch arm sind, wie die Engländer, führen solcher Nüsse 
weit über hunderttausend Scheffel ein, aus Spanien allein 
jährlich 125 000 Busheis. Und der Consum bei uns ist kein 
geringer. Darf sie doch auf keiner besseren Tafel als Nach 
tisch fehlen. Sie ist die beste Würze des Weins, zur frischen 
Feige gilt sie, wie die Gourmants wissen, für die grösste De- 
licatesse, beim Knacken einer Haselnuss, zwischen dem Auf 
brechen und dem Essen derselben lauschen hohe Herrn dem 
Gespräch ihrer Höflinge und entscheiden sich die Schicksale 
der Menschen, Völker und Balleteusen. Kurz und gut, wie 
Tayllerand bis in’s Greisenalter hinein behauptete, es gil bt 
keine Kleinigkeiten und am wenigsten ist die Haselnuss «ine 
solche. Zum Mindesten, ihr Consum ist enorm ! Zu Weih 
nachten muss sie uns tollerweise auf den Tisch hageln, sonst 
verliert das herrliche Fest eines seiner charakteristischen Merk 
male. Ausserdem giebt sie ein gutes fettes Oel, das zum Auf 
weichen alter Gemälde u. a. verwendbar ist. A\ ir müssen 
daher unseren Königlichen Gartenbau-Director Max Buntzel, 
wie für so vieles andere auch dafür dankbar sein, dass er uns 
in der offen, n Halle hinter Späth’s Baumschule eine sehr voll 
ständige Collection solcher Nüsse vorgeführt hat. Der Po-,
	        
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