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Periodical volume Nr. 175, 9. October 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
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die Lichtwirkungen des Stromes in evaeuirten Glasbehältern. 
Von den Aufnahmen ist eine ganz besonders interessant, 
die das Zusammengewachsensein der beiden Mittelfingep- 
knoclten einer Hand zeigt, und eine, die Schrotkömer in einer 
Männerhand deutlich sehen lässt. Eine Aufnahme wurde 
dieser Tage gemacht, die ihrer Originalität wegen verdient 
näher beschrieben zu werden. Einer 'Dame war in einer 
Augenklinik eine silberne Sonde in den Tbränenkanal des 
rechten Auges eingeführt worden. Eines Tages war die 
Sonde spurlos verschwunden. Während nun der Arzt der 
Frau klar zu machen suchte, dass die Sonde unbedingt he 
rausgefallen sein müsste, behauptete die Patientin mit der 
grössten Bestimmtheit, dieselbe müsse im Kopfe stecken. 
Als diese Behauptung auch hei dem Leiter der Klinik nur 
ein ungläubiges Kopfschütteln hervorrief, beschloss die Frau 
dem ungläubigen Arzt durch eine Röntgenstrahlen-Aufnahme 
den Beweis für ihre Ansicht zu bringen. Die Aufnahme,, 
wurde gemacht, und in der That zeigen die uns vorgelegten 
Positive ganz deutlich die Lage der ca. 3 cm langen Sonde 
im Kopfe an. 
V 
Im Zimmer der Presse. Still ist es geworden in 
den behaglichen Räumen, in welchen während der Dauer der 
Ausstellung die „öffentliche Meinung“ ihren Betrieb einge 
richtet hatte. Die 48 Schreibpulte und ihre bequemen 
Lehnsessel stehen meist den ganzen Tag über unbenutzt, 
nur hin und wieder eilt ein Berliner Journalist an seinen 
Platz, um eine kurze Correspondenz zu erledigen oder einen 
Privatbrief zu schreiben. Blitzblank, wie am Tage der Er 
öffnung, liegen die riesengrossen Papierseheeren, welche die 
Fabriken J. A. Henckels in Solingen für das Presszimmer ge 
stiftet, auf dem grünen Tuch der Schreibpulte, und vollge 
füllt stehen die kleinen Glasflaschen mit dem Bureau-Gummi 
da, als ob der Zeitungsschreiber nie in seinem Leben Kleister 
und Scheere nöthig hatte. Selbst die hohen Papierkörbe 
lassen jeden Inhalt vermissen und bilden somit eine rühmen s- 
werthe und erfreuliche Ausnahme von den allgemein üblichen 
Redactionspapierkörben, die bekanntlich nie genug an — Ma- 
culatur bekommen können. Da sind an den Pulten noch die 
Visitenkarten der Vertreter der verschiedensten Zeitungen 
von Berlin und auswärts angeheftet, zum Zeichen, dass der 
Platz für den betreffenden Herrn reservirt ist Da liest man 
den Namen des Vertreters des „Aftenbladet“ in Stockholm, der 
Moskauer Zeitung „Nowosty Dnia“, des „Berner Bund“, des 
„Nieuwe Amsterdaminer Dagblad voor Nederland“ und vieler 
anderer auswärtiger Blätter. Am Eröffnungstage waren sie 
alle da, aber dann verschwanden sie oder kamen höchstens 
noch ein- bis zweimal wieder. Einige unbestellbare Briefe 
liegen schon seit. Woche» auf den Pulten, aber der Adressat 
lässt sich nicht .mehr sehen, es giebt nach auswärts nichts 
Neues mehr zu berichten über die Ausstellung, so denken 
sie, und so sind von den 48 Plätzen den Tag über höchstens 
drei oder vier von fleissigen Arbeitern besetzt. Nur der treue 
Hüter des Presszimmers in seiner kleidsamen braunen Livree 
hat seinen Platz täglich inne, um von dort alle Aus- und Ein 
gänge zu beobachten. Das in der Wandelhalle verüber- 
Huthende Publikum aber wirft neugierige Blicke durch die 
Glasthüren in das Innere des Raumes, zu dem der Eingang 
mir den Leuten von der Presse gestattet ist, und freut sich 
meist über die auffallend grossen Scheeren, diese Muster-Er 
zeugnisse der Solinger Stahl-Industrie. Aber auch die von 
der Berliner Firma Heintze & Blanckertz gestifteten Feder 
halter, Sch,reibfedern, Bleistiftschoner mit Radirgumnü und 
Schreibzeuge, sowie die Blei- und Buntstifte der Nürnberger 
Firma Schwanhäuser haben allgemeinen Anklang gefunden 
and ihren Zwecken aufs Beste gedient. Stets herrschte die 
peinlichste Sauberkeit in dem Zimmer der Presse und dem an 
grenzenden Rauchsalon mit seinem schweren Teppich und den 
weichen Fauteuils und Chaiselongues. Aber dieser Neben 
raum wurde fast gar nicht benutzt, weil er keine versehliess 
baren Portieren hatte und man sich nicht den Blicken der 
Vorübergehenden beim Dolce far niente schutzlos aussetzen 
wollte. Bald werden auch diese schönen Räume in Trümmer 
sinken, aber sie werden bei allen, die häufiger in ihnen ge 
weilt, die angenehmsten Erinnerungen zurücklassen. 
e 
Tün Riesen-Kanten. Das Brodschceiden ist nicht leicht; 
darum sollen, wie es im Volksmund heisst, junge Mädchen auch 
nicht eher heirathen, bis sie es gründlich verstehen. Zuweilen 
kann es aber auch zu einer Riesenarbeit werden, wie gestern eine 
sehr interessante Probe bewies, die Nachmittags in Gegenwart eines 
zahlreichen Publikums stattfand. Die Firma Corts & Comp., be 
kanntlich die grösste deutsche Pumpernickelfabrikantin, sollte vor 
einem der ersten Fachmänner auf diesem Gebiet, Herrn Director 
von der Wyngaert, den Nachweis führen, dass ein von ihr ge 
backenes Brod, Pumpernickel, auch wirklich ganz durch 
gebacken sei und sich während der fünfeinhalbmonatigen Aus 
stellungsdauer genussfahig erhalten habe. Zu diesem Zweck sollte 
das »Brödclien« auseinander geschnitten werden, was nicht ohne 
Schwierigkeiten abging, da es die Kleinigkeit von 600 Pfund wiegt 
und es schau, der Anstrengung dreier starker Männer bedurfte, um 
diesen essbaren Köioss von seinem Standpunkt weg auf eine Stelle 
zu bringen, wo der Schnitt Vor sich gehen konnte. Dieser selbst 
erforderte über eine halbe Stunde Zeit, und wir sind überzeugt, dass noch 
niemand beim Brodschneiden soviel Schweiss vergGSS, wie Herr Corts, 
der mit Hilfe eines riesigen Messers und zweier Brecheisen, sowie 
unter Assistenz mehrerer Aufseher die Theilung selbst vornahm 
mit Aufwand aller Kräfte glücklich zu Ende führte. Das Ergebniss 
der Prüfung war für die Finna ein höchst ehrenvolles. Der riesige 
Pumpernickel, der seinen süssen Duft durch die ganze Halle ver 
breitete, erwies sich als vollständig tadellos gebacken und die an 
alle Anwesenden verabreichten Kostproben fanden um ihres Wohl 
geschmackes willen allseitige, lobende Anerkennung. Nachdem 
zwei starke Männer das abgeschnittene »Stückchen« von etwa 
150 Pfund dem ganzen Brod wieder angefügt hatten, war die 
fesselnde Probe zu Ende. 
V 
Chemie in der photographischen Ausstellung. 
Wenn man die photographische Ausstellung durchschreitet, 
wird der Blick in einzelnen Kojen von einer grösseren Anzahl 
verschieden geformter Glasgefäss« gefesselt, die theils mit far 
benprächtigen, theils unscheinbaren Stoffen gefüllt sind. So 
mancher Besucher mochte sich wohl schon gefragt haben, 
was diese Flüssigkeiten, diese Krystalle u. s. w. in den gläser 
nen Cylindern, den Flaschen, Topf n, Schalen bedeuten. Nun, 
sie repräsentiren den chemischen Theil der Photographie. 
Kein Photograph und kein Amateur kann ohne Interesse an 
dieser Ausstellung vorbeigehen, denn diese Stoffe bedeuten 
den Entwicklungsgang dts photographischen Verfahrens von 
dem Momente an, da die lichtempfindliche Platte zum Ge 
brauch bereitet wird. Es würde zu weit führen, die Natur 
aller dieser chemischen Präparate und deren Wirkungen^ 
liier zu erörtern. Es sei an dieser Stille nur auf diejenigen 
Präparate hingewiesen, die liebenden allen Photographen und 
Amateuren bekannten Chemikalien für den Negativ- und Po- 
sitivprocess besonderes Interesse verdienen. So sieht man 
z. B. in der Koje der Berlin«r Actiengesellschaft für Anilin 
fabrikation neben den verschiedenen organischen Entwick 
lern, wie 'Amidol, Paramidophenol, Rodinal, Metol etc. die 
schönsten Anilinfarben. Der Laie fragt erstaunt, wozu die 
ganze Farbenpracht beim Photographin« benutzt wird, und 
auch mancher Chemiker hat sich schon kopfschüttelnd die 
gleiche Frage vorgelegt. Einige Photographieeil, die zu 
gleich mit dem Original ausgestellt sind, zeigen dies. Wenn 
nämlich eine photographisch«. Platte mit einer dünnen Lö 
sung gewisser Farbstoffe imprägnirt wird, so wird sie für be 
stimmte Farben des Originals (z. B. Gelb, das sonst photogra 
phisch wie Schwarz wirkt.) empfindlich und ist so geeignet, 
die Abstufung der Töne des Originals besser zum Ausdruck 
zu bringen, sie wirkt, wie man sagt, „orthochromatisch“. 
Die Chemische Fabrik auf Actien (vorm. E. Schering) 
bringt merkwürdige, gelbliche, durchscheinende Taf« ln und 
Schnitzel unter dem Namen „Celloidin“ zur Ausstellung —■ 
es ist dies eine Abart der Collodiuni- oder Schiessbaumwolle, 
die durch besondere Behandlung durchaus feuerungefährlieh 
gemacht ist und daher auch vorkommenden Falles mit d« i
	        
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