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Periodical volume Nr. 175, 9. October 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

io Officielle Ausstellungs- Nachrichten. 
würden es als vielleicht erfreulichstes Resultat der diesjähri 
gen so vielfach interessanten Kairo-Ausstellung auffassen,, 
wenn eine Bereicherung unserer zur Nüchternheit zurück 
steuernden Decorations- und Möblirungskunst nach der ge 
nannten Seite hin sich im Laufe der Folgezeit ergeben würde, 
Oder sollte eine unter so glücklichen Anspielen, mit so viel 
Mühe und Kunstverständnis« inscenirte Ausstellung mit 
einem so ärmlichen Facit abschlössen, bloss döNeugörde des 
Publikums befriedigt und diesem statt des Rixdorfer Tanz 
bodens und Halenseeer Carrousels zur Abwechselung den 
neuen Ulk des Esel- und Kamelreitens geboten zu haben? 
Aber auch der ernstere Beschauer von Kairos bunten 
Seltsamkeiten wird unserer Führung bedürfen, um aus dem 
Chaos von Bauten, Menschen, Waaren, Thieren dasjenige 
herauszufinden, woraus das arabische Interieur zusammen 
gesetzt ist. Die reich omamentirten Kuppeln und Thore, die 
schlanken Minarets, kurz alles, was schon in dem Strassen- 
bild Kairos als fremdartige Schönheit auffällt, gehört, ledig 
lich den öffentlichen Bauten an, den Moscheen, Schlössern, 
Schulen, Brunnen. Dagegen stehen die Profanbauten des 
Arabers, die Wohnhäuser — auch der Reichen —, Bade-An 
lagen, Herbergen (Karawanserais) u. a. gänzlich schmucklos 
da; im Innern aber bergen diese Häuser eine Fülle auser 
lesener Pracht. 
Die Direction der Ausstellung Kairo hat in dem soge 
nannten „arabischen Hof“ den Versuch gemacht, dem Be 
sucher einen Einblick in das Innere des arabischen Hauses 
zu verschaffen. Um einen derartigen reich ausgestatteten, 
reizenden Hof, in dessen Mitte ein kleiner Springbrunnen 
seine Strahlen in die Höhe sendet, findet sich im Orient meist 
die ganze Anlage des Hauses gruppirt; auch die übrige 
Disposition der inneren Räume ist in fast allen Häusern, 
wohlhabender Privatleute in Kairo ungefähr die gleiche. Die 
Eingangsthür wird von einem Thürsteher gehütet, dessen 
Wohnung im Vestibüle liegt. Von da führen zwei Thüren 
nach dem Hof, die eine für die Männer, die andere für die 
Frauen. Die Trennung der Geschlechter, durch Religion und 
Sitte vorgeschrieben, bedingt zahlreiche Besonderheiten des 
arabischen Baues. Es sei übrigens bei dieser Gelegenheit 
dem weit verbreiteten Irrthum entgegengetreten, dass die 
Frauen im Orient unter Verschluss gehalten werden; nein, 
wie den griechischen Frauen im Alterthum steht es ihnen 
frei, das Frauengemacb, zu verlassen, aber den Männern ist 
cs nicht gestattet, dasselbe zu betreten. Auch für den Euro 
päer ist es nicht schicklich, einen Besuch zu machen, wenn 
die Frau oder die Tochter des Hauses allein ist. — Das Haus 
ist gewöhnlich zwei oder drei Stockwerke hoch. Das Erd 
geschoss besteht aus einem grossen Saal zur Erfrischung im 
Sommer, der Küche und einigen Wirthschaftsräumen. — Im 
ersten Stockwerk empfängt der Hausherr die Besucher; das 
zweite und dritte gehört den Frauen. Auch ein Fest-saal be 
findet sich hier. -— Charakteristisch für das arabische Haus 
ist es, dass die einzelnen Räume eines Stockwerkes selten in 
gleicher Ebene liegen, man hat immer einige Stufen zu stei 
gen. um aus einem Raume in einen anderen zu gelangen. 
Am üppigsten entfaltet sich der orientalische Luxus in 
der Decoration des Sommersaales und des Frauengemaches. 
Wir wollen versuchen, die Einrichtung dieser beiden Räume 
zu schildern. 
Der Sommersaal des Orientalen kann als Gegenstück 
unserer Gesellschaftsräume, als Mittelding zwischen Salon 
und Wintergarten einer eleganten europäischen Wohnung 
aufgefasst werden. Die Wohlthat eines solchen Raumes ist 
in einer Stadt wie Kairo, deren Temperatur höher ist als die 
der meisten unter demselben Breitengrade gelegenen Orte, 
nicht zu entbehren. In den kühlsten Zimmern — selbst in 
Unter-Egypten — hält; sich das Thermometer während der 
Monate Juli und August auf 24—25 Grad Reaumur ; Gerard 
de Nerval schildert in den „Scenes de -la vie orientale“ diese 
heisse Zeit des Chamsin (Südost-Windes): „Seit dem Morgen 
war die Luft glühend und mit Staub angefüllt. Fünfzig 
Tage hindurch, jedesmal wenn der Wind aus Süden kommt, 
ist e> unmöglich, vor drei Uhr Nachmittags auszugehen ; um 
diese Zeit erhebt sich nämlich die Brise von der See.“ — 
Während dieser heissen Tage hält sich der Orientale in seinem 
Sommersaal auf. Hier sind im 13. und 14. Jahrhundert die 
reichen Kaufleute, die hohen Beamten und Würdenträger 
auf schwellenden Divans gesessen, umgeben von Sklaven, 
die ihnen Kühlung zufächelten; hier haben sie andächtig 
jenen wunderbaren Erzählungen gelauscht, welche wir als 
„Märchen der tausendundeinen Nacht“ kennen. Musiker 
und Tänzer haben ihnen hier mit unmuthiger Kunst den sor 
genden und emsig rechnenden Geist erheitert. 
Die Architektur dieses Luxusraumes ist von der des 
übrigen Hauses vielfach abweichend. Ueber d« m weiten, mit 
Marmorplatten oder bunten Thonfliesen (Fayence) oder auch 
mit Ziegelplatten in Teppichmustern (Alfombra) belegten 
Fussboden wölbt sich eine hohe, durchbrochene Kuppel aus 
Holz. Dieselbe ist so hoch und spitz, dass die senkrechten 
Sonnenstrahlen durch die seitlichen (Öffnungen nicht ein 
dringen. können, während die Luft ungehindert hindurcli- 
strömt. Unter der hohen Decke ist in der Mitte des Raumes 
ein Marmorbassin mit springenden Wassern angelegt, von 
blühenden Pflanzen umgeben. An den Mittelraum schlössen 
sich Seitenflügel mit niederen Decken. Die Wände sind in 
reichster Weise mit Marmor-Mosaiken, emaillirten Fliesen, 
Stuck - Ornamenten decorirt; Friese mit Kornnsprürhen, 
Nischen von Stalaktiten überwölbt, bilden horizontale und 
verticale Unterbrechungen der Wandflächen. Die Orna 
mente, welche in. Email, Stuck oder Farbe aufgetragen wer 
den, sind eben jene charakteristischen Arabesken .von den 
Arabern, denen die religiösen Vorschriften das Abbilden von 
Menschen und Thieren nicht gestatten, erfundene, geo 
metrische Verzierungen zur Ausschmückung ihrer Archi 
tektur. Es sind grad- und krummlinige, mehr oder weniger 
verschlungene Figuren, phantastische Pflanzengebilde mit 
schlanken Stengeln, meist spiralig gewundenen Ranken und 
gewöhnlich streng stilisirton Blättern, Blüthen und Früch 
ten. Die Arabesken unterliegen in ihrer Composition einer 
strengen Gesetzmässigkeit, Hauptevfordemiss ist Einheit des 
zu Grunde liegenden Motivs. Die gleichen Form-Elemente 
werden in der ganzen Arabeske festgehalten, Mannichfaltig- 
keit darf lediglich, durch verschiedene. Combinationen der 
Elemente erreicht werden. Natürlich ist ihre Ausgestaltung 
abhängig von dem architektonischen Charakter des Raumes, 
von der Art, dem Maass, dem Material und der Form der Bau- 
theile oder Ausstattungs-Gegenstände.. Sie werden in leb 
haften Farben mit Zuhilfenahme von Gold ausgeführt. — In 
mittlerer Höhe des Raumes ist manchmal —so im Chateau 
d’Hydza zu Algier — eine hölzerne Galerie angelegt, von der 
aus gewundene Säulen mit Kiel- oder Hufeisenbogen die 
Kuppel tragen. Bronzene Lampen hängen von der Decke 
tief herab, an den Brüstungen tragen metallene Spiralen 
reiche Bronzegefässe für Blumengehänge. — Soweit die archi 
tektonische Decoration des Sommersaales; das Mobiliar wol 
len wir gemeinsam mit dem des Frauengemaches oder Harem 
besprechen, da wir uns -hierbei leichter auf Baulichkeiten, 
unserer Ausstellung beziehen können. 
Die Ausstellung bietet nämlich dreifach Gelegenheit, uns 
mit der Ausstattung des arabischen Frau engemache s vertrant 
zu machen. Zunächst, hat die Direction von „Kairo“ durch die 
Firma Hains einen solchen Raum in antik-arabischer Manier 
decoriren lassen; dieser Harem befindet sich seitwärts des,.ara 
bischen Hofes“. — Sodann hat im Vergnügungspark in dem 
:sogenannten „arabischen Labyrinth“ der mit der arabischen 
Cultur wohlvertraute Director der Orientgesellschaft Weigelt 
ein treues Abbild eines arabischen Frauengemaches geschaffen. 
Und endlich führt das orientalische Theater von Kairo seit 
zwei Monaten tagtäglich Scenen aus dem von Sage und 
Klatsch reich umwobenen Leben des Harems vor. 
Auch das Haremszimmer zeigt in den vornehmen Häu 
sern eine geschmackvolle architektonische Gliederung. Die 
Decke ist in zwei durch eine Säulenreihe geschiedenen, un 
gleich hohen Partieen angelegt, die Wände durch Nischen, 
Wandrahmen etc. belebt-. Der Fussboden ist im Sommer mit 
egyptisehen Matten, im Winter mit Smyrna- oder Salonichi-
	        
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