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Periodical volume Nr. 175, 9. October 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
Die wissenschaftliche Chemie auf der Ausstellung. 
(Abdruck untersagt ] 
Die beiden Schwester-Wissenschaften Physik und Chemie 
können ihre grundlegenden Theorieen nur durch das Experi 
ment aufstellen. Sie sind beide praktische Wissenschaften, 
die uns gerade durch das Augenfällige ihrer Vorführung so 
interessant und anziehend erscheinen. Wenn die Physik ihre 
Gesetze uns mit Hilfe des Mechanikers klar zu machen ver 
sucht, so fusst die Chemie in ihren. Experimenten auf der 
Glasbläserei. Und gerade die Ausstellung im Chemiege 
bäude hat ausserordentlich dazu beigetragen, uns die erstaun 
liche Höhe der modernen wissenschaftlichen Glas-Industrie 
vor die Augen zu führen. Wer sich einen Heberblick ver 
schaffen will über den augenblicklichen Stand dieser Industrie, 
dem kann es nirgends bequemer geboten werden, als im Che 
miegebäude an den Leistungen unserer bekannten Berliner 
Firmen. Mit wie einfachen Apparaten haben unsere gros 
sen Förderer der Wissenschaft wie Berzelius, Scheele u. a. sich 
behelfen müssen, um das Dunks 1 dieser jüngsten Wissen 
schaft zu lichten und Grosses haben sie trotz der primitiven 
Handhaben gt leistet. Die Chemie in ihrer Theorie als eine 
zusammenhängende Reihe von Vorlesungs-Exprimente uns 
vorgeführt zu haben, ist erst das Verdienst des Prof. A. W. 
v. Hofmann gewesen. Seine Apparate sind auch noch heute, 
nur unwesentlich verbessert, im Dienste der Wissenschaft. 
Die- Anzahl der Firmen, die im Chemie gebäude ausge 
stellt haben, ist eine verhältnissmässig kleine; doch sind ihre 
Ausstellungen so reichhaltig, dass selbst der Laie sich ein 
anschauliches Bild von der Thätigkeit eines Chemikers 
machen kann. Da sehen wir Reagensgläser, Bechergläser und 
Trichter, die zu den einfachsten Manipulationen unentbehr 
lichsten Sachen: die Glühstative und die Universalstative 
und die verschiedensten Formen der sogenannten Bunsen 
brenner von den einfachsten bis zu den eomplicirtesten, die 
gleichzeitig Luft- und Gaszufuhr an sich selbst reguliren las 
sen. So geht ein gemeinsamer Zug durch diese Ausstellung, 
der hier in der Natur der Sache liegt. Es kann uns daher 
nur daran liegen, ausführlicher auf das einzugehen, was die 
einzelnen Firmen von einander unterscheidet. 
Da sehen wir vor allem gleich hinter der schönen Aus 
stellung der Farbenpräparate die Firma Haebler & Martini, 
bei der sich verschiedene Neuerungen geltend machen. 
Neben der grosen Geissler’sehen Quecksilber - Luftpumpe, 
die zu ihrem Betriebe viel Raum und einen starken 
Wasserdruck erfordert, fällt uns eine sehr handliche Pumpe 
nach Babo-Precht auf, die den Vorzug - hat, dass sie bequem 
auf einem Vorlesungstisch Platz findet und auch bei ihrer ge 
ringen Ausdehnung leicht von einem bis zum andern getragen 
werden kann. Sie eignet sich ganz besonders zum Evacuiren 
Hittorf’scher Röhren und wird sich durch ihre Handlichkeit 
für kleine Versuche ganz besonders empfehlen. Auch den 
Exsiccatoren, Apparaten, in die man die mit Niederschlägen 
ausgeglühten Tiegel zum Abkühlen und vor Feuchtig 
keit geschützt hineinstellt, oder die man sehr zweck 
mässig dazu benutzt, um schwertrocknende Substanzen 
zu entwässern, auch in stark coneentrirten Lösungen 
eine Krystallisation hervorzurufen, hat* die Firma eine 
zweckentsprechende Form gegeben, indem sie von der 
bisherigen Gewohnheit, Schwefelsäure oder das Chlor- 
calcium am Boden des Gefässes unterzubringen, ab 
wich und dieselben jetzt in einer besonderen Kuppel, die be 
sonders sorgfältig für den unteren Theil des Gefässes abge 
schliffen ist, unterbrachte. Diese Exsiccatoren eignen sich 
ganz vorzüglich zum Evacuiren. Auf diese Weise erreicht 
man, dass die Absorption der in der umgebenden Luft ent 
haltenen Feuchtigkeit eine vollständige ist. Es fiel uns fer 
ner auf ein Schüttelapparat, der durch einen Heiss-Luftmotor 
in Thätigkeit gesetzt wird und es ermöglicht, auf gleichmäs 
sige Weise den Inhalt grosser Flaschen durchzurühren. 
Auch wollen wir noch den Molekularbestimmungs- 
Apparat nach Prof. Beckmann erwähnen, der durch 
die minimale Erhöhung des Siedepunktes einer 
Substanz, die wie Aether oder Benzol als Lösungsmittel für 
den zu untersuchenden Körper gilt, nach der Van t’Holl’schen 
Formel leicht das Molekulargewicht der Körper berechnen 
lässt. Die Zunahme der Temperatur "zeigt ein für diese Zwecke 
besonders construirtes Differential-Thermometer an, welches 
bei dem empirisch angenommenen Stand des Quecksilbers 
für ein Lösungsmittel 5—6 Grade in Hundertstel Grade ein 
getheilt enthält. Neu ist auch, wenigstens in den Dimen 
sionen, in denen er angefertigt ist, der Thermometrograph, 
der nach dem Princip der Maximum- und Minimumthermo 
meter den Stand der niedrigsten und höchsten Tagestempe 
ratur abzulesen gestattet. Er hält durch eine sehr lange 
Quecksilberschnecke die Temperatur sehr gleichmässig und 
werden durch einen eigens dazu construirten Magneten die 
beiden Quecksilbermarken kicht wieder an den Hauptfaden 
herangezogen. Vor allem erwähnenswerth sind die Aende 
rungen, die wir an einem grossen Verbrennungsofen, der für 
organische Elementaranalysen dient, bemerkten. Die Verbren 
nungsröhre liegt in einzelnen, mit nicht zusammenschmelzen 
dem Material ausgepolsterten eisernen Klammern, die ein 
gleichmässiges und starkes Erhitzen der Röhre ermöglichen 
und so die Verbrennung in kürzerer Zeit als sonst ausführen 
lassen, gleichzeitig aber auch, wenn man einen Theil des Ver 
brennungsrohres nicht mehr erhitzen will, ausgeschaltet wer 
den können, und dann nicht mehr die Flamme die Röhre um 
spielen lassen. Die Kachelauflage besteht nicht mehr wie 
früher aus zwei seitlicnen Kachelreihen, sondern aus einer 
einzigen, die die ganze Röhre umschliesst und das häufige He 
rausfallen derselben ganz beseitigt. Daneben sehen wir 
(inen Gastrocknungsapparat, um absolut trockene Gase, wie 
Sauerstoff und gegebenen Falles auch Wasserstoff in die Ver 
brennungsröhre einzuführen. Er hat den Vortheil, dass er 
in seiner Combination mit mehreren Trockenflaschen für 
Schwefelsäure und Chlorcalcium auf einem Stativ feststehend 
und daher leicht transportabel ist. Wir hätten nur ge 
wünscht, dass die einzelnen Verschlüsse der Flaschen unter 
einander nicht durch Gummischläuche oder Gummikorken 
hergestellt wären, sondern dass im Interesse der subtilen Ar 
beit einer organischen Elementaranalyse derartige organische 
Verbindungsstücke möglichst vermieden und durch abge 
schliffene Glasstöpsel ersetzt würden. Auch einen Gas-Ent 
wicklungsapparat namentlich für Schweb 1 Wasserstoff in grös 
seren Laboratorien geeignet, wollen wir nicht unerwähnt 
lassen, da derselbe aus zwei grossen, mitte ls Hahn abstell 
baren Säure-Reservoiren, von denen das eine höherstehend 
als Druckflasche dient, einen constanten langen Strom des 
Gases entwickelt, der gleichzeitig aus mehreren Hähnen je 
nach Bedürfniss in die zu behandelnden Lösungen geleitet 
werden kann. Da auch mehrere grössere Waschflaschen 
zum Waschen des Gases zwischen seinem Austritt einge 
schaltet sind, wird selten ein Mangel an dem so wichtigen 
Schwefelwasserstoffwasser eintreten. 
Die Ausstellung von Dr.Robert Mün< k 1 , von Rohibe k, die 
zur Hälfte bakteriologischer Natur ist, unterscheidet sich nur 
unwesentlich von der oben genannten. Bei Rohrbeck be 
merkten wir einen Finkener’ sehen Wassers toff-Ent wickelungs- 
apparat, der das Ideal der heutigen Glasbläserkunst genannt 
werden kann und trotz seines gebrechlichen Aussehens doch 
haltbar, dem geübten Experimentator eine absolute Quelle 
reinen und absolut getrockneten Wasserstoffs giebt. Das 
Princip ist von den sogenannten Kipp schen Apparaten, die 
durch ihre massigen Formen in allen Sonder-Ausstellungen 
auffallen, ein direct entgegengesetztes, da das Zink, aus dem 
der Wasserstoff, oder der Marmor, aus dem die Kohlensäure 
entwickelt wird, an der Spitze des Apparates sich in einer 
Birne befindet, während die Säure in einem geräumigen 
Glasbehälter ihren Platz gefunden hat, in dem gleich 
zeitig das bereits entwickelte Gas unter starkem Druck 
sich befindet und auf diese Weise beim Oeffnen des Hahnes 
und das Hochdrücken der Säure an den Entwickler ein con- 
stanter und gleichmässiger Strom erzeugt wird. Ein seitlich 
angebrachtes Quecksilber-Manometer giebt uns über den ins 
Apparat herrschenden Druck Kenntniss. Was aber ganz 
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