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Periodical volume Nr. 174, 8. October 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 
len Früchten, den rothen und weissen Beeren aller Arten, 
Paradiesäpfeln etc. ihnen so reichliche Nahrung bietet, für 
kurze Zeit häuslich nieder. Länger, als es sonst ihr Brauch 
ist, verweilen die Singvögel in diesem Jahre ; denn sie finden 
nicht nur in der Umgebung der vielen neuen Restaurants 
überreichliches Futter, auch die zahlreichen Vogelsteller, die 
sonst im Herbst auf ihre Durchreise lauern, sind diesmal 
durch, die Ausstellungszäune entfernt gehalten. -— Nun giebt 
es tagaus tagein ein ganz ungewöhnliches Schnattern, Zwit 
schern, Krächzen in den Lüften und den Zweigen. Erst ka 
men in langem Zug die Kraniche; ihnen folgten die Gold 
amseln, die Drosseln, Schwalben, Rothkehlchen, schwedischen 
Weinvögel. — Jetzt concertirt die ganze Musikbande um die 
Wette und singt dem schönen Park, dessen Bäume und 
Sträuche sich allmählich gelb und roth färben, ein lustiges 
Sterbelied. Wenn die Schwalben wiederkommen — ob sie 
dann noch viel von der Ausstellung vorfinden ? 
Die Milch der frommen Denkungsart. Einer 
der beliebtesten und besuchtesten Pavillons auf der Ausstel 
lung- ist, während der ganzen Dauer derselben derjenige des 
Vereins Berliner Milchpächter gewesen, welcher von letzterem 
auf eigene Kosten zwischen den Marine-Schauspielen und dem 
Riesen-Fernrohr errichtet, worden ist. Die dort befindliche 
Meierei mit Dampfbetrieb und den modernsten Maschinen, 
wie Kühlapparaten, Separatoren, Buttermaschinen und But 
terknetern ausgestattet, hat den zahllosen Besuchern täglich 
Gelegenheit geboten, sich durch den Genuss Bischer Milch und 
Kostproben von frischer Butter und frischem Käse für den 
Preis von 10 Pfennigen von den Vorzügen der Milch 
und Milch-Erzeugnisse selbst zu überzeugen. Durch diese 
Ausstellung und Verabfolgung von Kostproben hat der Verein 
Berliner Milchpächter dem Publikum ein Bild von der Lei 
stungsfähigkeit der Berliner Milchlieferanten vorgeführt 
und gleichzeitig zahlreiche Landwirthe, die den Pavillon be 
sucht, haben, zu einer den Anforderungen unserer Zeit ent 
sprechenden hygienischen Behandlung der Milch angespornt. 
Der Pavillon zählte viele Angestellte der Ausstellung und 
zahlreiche Besucher zu seinen ständigen Gästen, und der Con- 
sum an Milch, Butter und Käse war fortdauernd ein ganz be 
deutender. Jedenfalls hat der Verein Berliner Milchpächter, 
durch welchen der Landwirthschaft jährlich die ungeheuere 
Summe von .18 Millionen Mark zufliesst, sich um die Volks 
wirthschaft durch die Massen-Versorgung von Milch und 
ihren Erzeugnissen grosse Verdienste auf der Berliner Ge 
werbe-Ausstellung erworben. 
W 
Die Dahlien blühen noch immer und breiten einen 
eigenartigen Zauber über unsere Gartenbau-Ausstellung aus, 
den wir ehedem nicht kannten. Aeltere Leute erkennen in 
dieser Mannickfaltigkeit die einfache Georgine ihrer Jugend 
nicht wieder. Ein ganz neues Leben ist in diese Herbstflora 
gekommen, seitdem der frühere Gärtner sich zum Künstler 
aufgeschwungen hat. Vor allen Dingen ist die einfache 
Dahlie wieder von den Todten auferstanden und zwar in For 
men und Färbungen, die alle Ei-wartungen der Züchter weit 
hinter sich gelassen haben. Es ist, als wollte diese herrliche 
Blume auf solche Weise uns für den einen Mangel entschädi 
gen, mit dem sie hinter der Königin des Sommers, der Rose, 
zurücksteht, den Mangel an Duft. Der simple Knopf, den 
man kaum achtete, hat sich zu einem Stern ersten Ranges 
entfaltet, wie das unansehnliche Gänseküken im Andersen’- 
schen Märchen, aus dem ein Schwan wurde. Ferner ist auch 
die Cactus-Georgine» eine neue Schöpfung moderner Horti- 
cultur, und es gehört ein ganzes Buch dazu, die Mühen zu, 
schildern, denen sie ihr Dasein verdankt. Sie zeichnet sich 
durch eine rothe Farbe aus, die bisher in der Natur ausser 
bei einigen Cacteen noch nicht beobachtet wurde. Wir se 
hen davon ab, die Reihe von Namen auszuzählen, mit denen 
die verschiedenen Züchter die proteischen Nuancen belegten, 
denen die Dahlie sich in überraschender Weise fähig zeigte. 
Wer den Blumencorso vor einigen Tagen gesehen hat, wird, 
wenn durch sonst nichts, doch jedenfalls durch das Stilvolle 
der Blumen-Arrangements entzückt worden sein, welche fast 
ausschliesslich der Zartheit und dem Zauber dieses Dahlien 
flors entsprang . Man kann sagen, die Dahlie ist auf unserer 
Ausstellung neu entdeckt worden. Es giebt jedenfalls nichts 
Lohnenderes als einen Gang durch, die verschiedenen Anlagen, 
die ihr gewidmet sind, wobei man auch das Innere des 
Schmidt’sehen Pavillons und der grossen Halle für Blumen 
bindereien nicht verpassen wolle. 
» 
„Leuchtende Jugend-Erinnerungen“. Wenn man 
das Gebäude für Gas-Industrie betritt, so findet man gleich rechts 
eine grosse Collection von Lampen jeglicher Gattung und jeglichen 
Alters. Und von den ältesten derselben wollen wir reden. Viele 
Tausende werden achtlos an denselben vorübergehen und unsere 
Jugend namentlich wird verwundert den Kopf schütteln und sich 
fragen: »Wie kommt dieses Gerümpel hierher auf eine Ausstellung, 
die doch das Neueste und Interessanteste auf allen Gebieten 
industriellen Schaffens bieten soll! Doch nur gemach, meine jungen 
Herren und blondgelockten Jungfräulein, die ihr verächtlich die 
Nase rümpft über die halbverrostete Blechlampe oder den 
alten Schiebeleuchter, der in Gesellschaft der Euch zwar 
fremden, uns aber wohlbekannten Lichtputzscheere hier auf 
gestellt ist. Für Euch mag dieser »Urväter Hausrath« 
keine Bedeutung haben, uns Aeltere aber muthet er gar wunder 
sam an und vor unseren Augen taucht bei seinem Anblick die 
blonde Jugendzeit wieder auf und diese alten Lampen rufen eine 
Fluth halbverwehter Erinnerungen in uns wach. Wem, dev heute 
mit ergrautem Haar diese originelle Ausstellung mustert, fiele bei 
der alten blechernen Oellampe mit langem Schnabel nicht die Zeit 
wieder ein, wo wir im einfachen Bürgerhaus noch am Abend mit 
den Unsrigen um den blankgescheuerten Küchentisch sassen 
und unter der strengen Aufsicht der Mutter unsere Schul 
arbeiten machten, während diese von Zeit zu Zeit den Docht der 
Lampe mit einer Haarnadel aufstocherte oder frisches Oel auf den 
selben goss. Und welch’ eine Fülle der Beleuchtung dünkte es 
uns, wenn äu Sonn- und Feiertagen, oder wenn ein besonders 
geehrter Besuch da war, die Familie in der »guten Stube« um die 
kleine grüne Lampe sass, mit dem Oclkasten und der weissen 
Milchglocke, die so sorgsam gehütet wurde, wie ein Heiligthum. 
Welch’ eine Aufregung, wenn die Dochtschraube plötzlich nicht 
mehr fungiren wollte und das »Beleuchtungsprachtstück« zum 
Nachbar Klempner zur Reparatur wandern und einstweilen durch 
den blechernen Scbiebeleuchter ersetzt werden musste, auf 
dem die Unschlittkerze — Stearin kannte man ja noch nicht — 
trübselig flackerte und alle fünf Minuten »gesclmuppt« 
wurde. Und dann kam die »vornehme« Moderatemlampe auch 
in dem Bürgerhaus zur Geltung. Heut sieht man mit verächtlichem 
Lächeln auf sie herab, damals erschien sie uns als der Inbegriff 
eines Lichtspenders — nächst ihr kam gleich die Sonne. Durch 
was Alles wurde sie nicht nach und nach verdrängt. Das Petroleum, 
anfangs vielfach missachtet und angefeindet, schlug endlich Unschlitt 
und Oel aus dem Felde, aber es war noch immer ein weiter Schritt 
bis zum Gas, das freilich eine gewaltige Revolution im Beleuchtungs- 
wesen hervorrief, unsere alten Lampen in die Rumpelkammer ver 
wies und jetzt — in verhältnissmässig kurzer Zeit — einen so 
gewaltigen Feind und Concurrenten im elektrischen Licht fand, das 
im Sturm die Welt erobert. Wie armselig nehmen sich in seinem 
strahlenden Glanz, der die weiten Räume des Gas-Industrie-Ge 
bäudes umwogt, unser einstiger Beleuchtungs-Hausrath aus, allein 
dennoch bildet er für uns ein Stück Jugendpoesic, dessen wir allzeit 
freundlich gedenken, weil er uns an die Zeit erinnert, wo wir noch 
allabendlich bei der kleinen unscheinbaren Studirlampo über unseren 
Lehrbüchern sassen und im Halbdunkel das Wissen sammelten, das 
unsere heutige Jugend beim blendenden Schimmer der elektrischen 
Bogenlampe oder des Glühlichts in sich aufnimmt. Und doch — 
heute belächeln wir unsere alten Blechlampen als eine culturellc 
Curiosität; wer weiss, wie nach 50 Jahren schon unsere Nachkommen 
über die heutigen Beleuchtungs-Apparate urtheilen. 
Der Kinderbrut-Pavillon auf der Gewerbe-Ausstellung, 
der in den zwei Monaten seiner Eröffnung von ungefähr 100000 
Ausstellungsbesuchern besichtigt wurde, hat weite Interessenkreise 
gezogen. Von den ungefähr 5000 Aerzten, welche den Pavillon
	        
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