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Periodical volume Nr. 174, 8. October 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

8 Officielle Ausstellungs- Nachrichten. 
Verbandwaaren. 
[Abdruck untersagt.) 
Wohl jedem Besucher des Wohlfahrtsgebäudes wird auf 
der Galerie desselben eine überaus lebenstreu geformte Gruppe 
auffallen, welche eine Diakonissin vom Rothen Kreuz dar 
stellt, wie sie einem verwundeten preussischen Krieger Hilfe 
leistet. Das unendliche Schmerzgefühl, das sich im Auge des 
Soldaten ausdrückt, das blutgeröthete Hemd, das aufgeschnit 
tene Beinkleid, welch.es einen verbundenen Fuss sichtbar wer 
den lässt, lassen uns die Situation mit einem einzigen Blick 
überschauen. Dein Arzt, dem Krankenpfleger, der Schw ester, 
welche diese Gruppe sehen, giebt sie zu denken oder sollte es 
doch wenigstens thun. Wie haben sich die Zeiten geändert! 
Noch zu Anfang dieses Jahrhunderts, zur Zeit der Freiheits 
kriege war von einer geregelten, geschulten Krankenpflege 
noch nicht die Rede; thaten auch opferfreudige Jünglinge 
und Jungfrauen ihr Möglichstes, um die armen blessirten 
und im Felde Erkrankten zu pflegen und ihnen die Fittiche 
des Todes abzuwehren, so hatte diese ,,wilde“ Krankenpflege 
doch übergrosse Mängel. So hausten denn damals Wund 
krankheiten aller Art furchtbar und rafften unzählige auch 
von denen hinweg, deren Verletzung einen solchen Ausgang 
nicht erwarten liess. Viel trug auch zu diesem Elend die 
mangelhafte Beschaffenheit des Verbandmaterials bei. So 
manche werden sich noch der Zeiten des Charpiezupfi-ns 
erinnern; jene aus allen möglichen alten Leinwandlappen 
gewonnenen. Fa^ein brachten recht oft du ich die in ihnen 
verborgenen Krankheitskeime die Gefahr dahin, wo ohne sie 
schnelle Heilung eingetreten wäre. Wie ganz anders sieht 
es heute aus! Im Kriegsfall stehen Tausende von männlichen 
und weiblichen Hilfskräften zur Hand, durch lange Uebung 
im Frieden schulgerecht in der Behandlung und Pflege Ver 
wundeter und Kranker ausgebildet. An Stelle der seligen 
Charpie sind keimfrei gemachte resp. fäulnisswidrige Ver 
bandstoffe getreten. Eine ganze Industrie hat sich ihrer 
Herstellung zugewandt. Die Fabrikation, von Verband 
waaren und verwandter Artikel zur Krankenpflege in Berlin 
hat eine Staunenswerthe Mannigfaltigkeit erlangt; ein 
Rundgang auf der Galerie des Wohlfahrt«- und im Saale des 
Dhemiegebäudes giebt ein Bild ihrer überraschenden Ent 
wickelung. 
Beginnen wir bei der Firma Max Kahnemann, welche 
die Samariter Gruppe ausgestellt hat. Wie monoton das, was 
da in Glasvasen um dieselbe herum postirt ist, auch aussehen 
mag, so lehrreich ist es für jeden, der mit diesen Dingen zu 
thun hat. Da haben wir Watte, Watte und wiederum Watte 
den verschiedensten Formen und mit verschiedensten 
Stoffen imprägnirt: Augenwatte, Ohrenwatte, Verbandwatte 
nach Bruns, Spitalwatte, Carbolwatte, Gichtwatte etc. Noch 
bedeutend mehr von diesem wichtigen Bestandtheile jedes 
guten V erbandes sehen wir im Chemiegebäude in der Vitrine 
der Fabrik cheniischrphnrmaceutischer Präparate und medi- 
cinischer I erhandstoffe M. Hellwig. Hier vermag auch der 
i achmann kaum mehr dem kühnen Fluge der Industrie zu 
folgen, welche der Watte alle möglichen Substanzen impräg 
nirt; es wird einem in des Wortes wahrer Bedeutung ganz 
gelb und grün vor den Augen, wenn man diese bunten Far 
benbündel sieht, und man glaubt sich eher vor den Schau 
kasten Spindlers versetzt, als vor den eines Verbandwaaren- 
fabrikanten. Da lesen wii: Oxychinasoptonwatte, blaue 
und gelbe Pyoctanin-, Safranin-, Penghawar-, Djanibi-, Der 
matol-, Aristol-, Loretiu-Watte oder Gaze etc. Es giebt bei 
nahe jeden Tag einen neuen Namen; doch so und so viele 
wandern nach kurzem wieder in den Orkus der Vergessenheit. 
Die altbewährten Jodoform-, Salicyl-, Sublimat-, Carholprä 
parate haben — wenigstens bis jetzt. — noch allen auf den 
Markt geworfenen neueren Mitteln gegenüber, die meist 
noch den Nachtheil einer erheblich grösseren Kostspieligkeit 
haben, stets behauptet. Etwas antiquirt ist nur jene früher 
Bo sehr als Stillungsmittel bei Blutungen beliebte gelbe Eisen* 
chloridwatte, die wir dort in dem hohen Standgefäss sehen, 
wie man überhaupt heute den Grundsatz befolgt, chemische 
Stoffe, welche die Wunde alteriren und reizen könnten, so 
viel wie möglich von derselben fernzuhalten. Sehr praktisch 
für den schnell arbeitenden Arzt ist die von derselben Firma 
geführte gepresste Verbandwatte in fertiger Rollenform. Eine 
besonders für denGeburtshelfer wichtige Specialität ist Eigen 
thum der Firma Arnold Passmann: die, pateutirten Verband- 
büchsen nach Prof. Dührssen. Nach diesem der Firma pa- 
tentirten Verfahren werden die Büchsen, nachdem das anti 
septische Verbandmaterial in dieselben gepackt worden ist, 
durch kleine Oeffnungen in Boden und Deel ci sammt ihrem 
Inhalt sterilisirt und die Oeffnungen noch im Sterilisations- 
Apparat seihst verschlossen. Jeder Arzt ist hierdurch in die 
Lage versetzt, absolut keimfreie Verbandstoffe in handlicher 
Form bequem bei sich führen zu können. Durch ein nied 
liches Arrangement zeichnet sich die Ausstellung der bekann 
ten Verbandstoff-Fabrik Paul Hartmann aus. Ein kleiner 
Tempel ist ganz aus den Materialien errichtet, deren Herstel 
lung die Firma betreibt; die Stufen bestehen aus Holzwolle, 
die Säulen aus Ferripyrinwutte, die Wölbung des Thores ist 
aus abwechselnden Schiebten Salicyl- und Sublimatwatte er 
baut, der Giebel aus Dermatol-, die Kuppel aus Dermatol 
gaze. Mehr die Zusammenstellung von fertigen Verband 
kästen und Taschenapotheken betreibt die Kade’sche Apo 
theke. Unter ihren Ausstellungs-Objecten erweckt beson 
deres Interesse eine Medicament-Satteltasche, welche für den 
eigenen Gebrauch 8. M. des Kaisers im Manöver gefertigt ist, 
ebenso das Modell einer Schiffsapotheke für dieYacht„Hohen- 
zollern“, ebenfalls zum Privatgebrauch des Monarchen; fer 
ner Verband- und Apothekenkästen für die Tropen, als deren 
Muster die für die Afrika-Expedition des Grafen Gürtzen 
gelieferte ausgestellt ist. Ein behagliches Schmunzeln ents 
lockt dem Mediciner die Photographie einer für den König 
Behanzin von Dahomey gelieferten Apotheke, deren Haupt 
inhalt neben Ricinusöl, Tamarinden aus Opiumzäpfchen, 
Kapseln mit Sandelöl, Copaivabalsam, Cubeben und Mischun 
gen dieser heilsamen Pflanzensäfte besteht. Eine grosse Aus 
wahl von Kästen, für alle in irgend einem Beruf möglichen 
Unfälle besonders angepasst, führt auch die Firma Hans 
Friedländer vor; Apotheken für Radfahrer, Damen Tasehen- 
Apotheken, Taschen für Ruderer, hygienische Damen-Neces- 
saires — das sind einige der zahlreichen Artikel. Den alt 
bewährten Verbandkasten nach Prof. v. Esmarch stellt u. a. 
die schon oben erwähnte Firma M. Hellwig aus; er enthält 
vor allem eine Anweisung, die auch dem Unerfahrenen unter 
Umständen die Möglichkeit geben kann, lebensrettend ein 
zuspringen, nämlich den von dem berühmten Chirurgen im 
Aufträge des Deutschen Samaritervereins herausgegebenen 
„Katechismus zur ersteü Hilfeleistung in Unglücksfällen“, 
sodann die nöthigsten Materialien: Verbandwatte, einen fer 
tigen antiseptischen Nothverband, ein dreieckiges Tuch, mit 
instructiven Abbildungen, hydrophile Mullcompressen, eine 
Flasche mit gleichen Theilen Leinöl und Kalkwasser für Ver 
brennungen, Hofmannstropfen, Ammoniakflüssigkeit, einen 
elastischen Gurt zur Blutstillung, Fingerbinden, Tupfer, 
Glasnäpfe, Seife, Bürste und eine Feldscherscheere. Wir ha 
ben den Inhalt ausgezählt, weil derselbe im grossen und gan 
zen den Grundstock auch der meisten anderen Verbandkästen 
darstellt. Den besonderen Zwecken des Exereierplatzes oder 
des Feldes dient eine von Assistenzarzt Dr. Tobold zusammen 
gestellte und von demselben im Wohlfahrtsgebäude ausge 
stellte Verbandtasche für Lazarethgebilfen; mehrere Photo 
graphien zeigen die Tragweise derselben heim berittenen 
und nicht berittenen Sanitätssoldaten. Einen Kasten für 
häusliche Gesundheitspflege führt 8. Kommen vor. Reich 
haltige Collectionen zeigen auch die vereinigten Norddeut 
schen Verbandstoff- und Gummiwaarenfabriken Carl Ludwig 
Spielhagen, A. Baumert Inhaber C. Dressier, sowie im Che 
miegebäude Carl Hoffmann. A. 8—nn.
	        
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