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Periodical volume Nr. 173, 7. October 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs- Nachrichten. 13 
Der Fesselballon, der bereits vor etwa 14 Tagen durch 
einen Unfall, der ihm in einer Sturmnacht zustiess, seiner Be 
stimmung auf dem Gelände der Ausstellung entzogen wurde, 
ist zwar vollständig wieder hergestellt, steigt aber angesichts 
der stürmischen Witterung nicht mehr auf. Hingegen geht 
derselbe das nächste Jahr nach Brüssel, wo ihm hoffentlich ein 
besseres Wetterglück beschieden ist, als hier, wo sein Aufstieg 
leider immer und immer wieder durch die Ungunst der Wit 
terung verhindert wurde. 
9 
Das Theater Neu-Berlin im Vergnügungspark ist 
um den Preis von 42 000 Mark an einen Theater-Director in 
Arnheim (Holland) verkauft worden. Das Gebäude, das dort 
als ständig« s Theater ausgebaut und verwendet wird, geht 
sofort nach seinem Abbruch an seinen neuen Bestimmungsort 
ab. Derselbe holländische Unternehmer soll auch die Zwölf- 
Apostel-Uhr, die sich noch immer eines sehr starken Besuches 
erfreut, für sein Unternehmen erworben haben. 
V 
Ein Porzellanzimmer. Lange genug hat es gedauert, 
bis man den Meissener und Delfter Porze 1 lan-Hanufacturen 
so viel abgelernt hatte, um mit ihnen in ernsthafte Concur- 
renz zu treten. Nicht die Kunst fehlte, künstlerische Ent 
würfe gab es in Hülle und Fülle, nur mit der Technik haperte 
es, denn die berühmten Porzellanmalereien hatten ihre Ge 
heimnisse, „Vortheile“ nennt man sie in der Kunstsprache, 
die sie ängstlich bewahrten und sorgsam hüteten. Nur sel 
ten kamen aus den Ateliers der Weltfabriken technische 
Lehren für die Porzellanmalerei in die Privat-Ateliers, und 
diese spärlichen, meist durch Vertrauensbrüche überlieferten 
Mittheilungen — denn die Angestellten der Manufacturen 
sind von altersher durch Eid gebunden, über die technischen 
„Vortheile“ strengstens Stillschweigen zu halten —- waren 
nicht im Stande, die Porzellanmalerei auch nur annähernd 
auf die Stufe zu heben, auf der die Erzeugnisse der „pri- 
vilegirten“ Fabriken standen. Mit der Errichtung der Kunst 
gewerbeschulen erst und dem daraus erfolgten Aufschwung 
de» deutschen Kunstgewerbes begann auch das selbstständige 
Suchen von technischen Vortheilen. Man machte chemische 
und physikalische Untersuchungen, erprobte alle Farben- 
Mischungen und Lasuren, verglich die Wirkungen mit denen 
auf den Porzellanmalereien der Meissener, Delfter und Ber 
liner Ateliers und lernte durch fortwährendes Verbessern und 
Probiren. Heute hat man den staatlichen Ateliers das Ge- 
heimniss entrissen. Die Porzellanmalerei, speciell die Ber 
lins nimmt im Welthandel einen ersten Rang ein. Im Haupt 
gebäude. befindet sich ein allerliebstes Zimmer, das ganz mit 
bemaltem Porzellan eingerichtet ist. Als Speisezimmer ge 
dacht, läuft eine ungefähr zwei Meter hohe Verkleidung- um 
alle vier Wände aus einen Quadratmeter grossen Porzellan- 
Gemälden, Landschaften darstellend, zusammengesetzt und 
von einem zwanzig Centimeter breiten Friesrand überragt, 
der in wunderbarer Ausführung mit Früchten und Blattwerk 
bemalt ist. Ein Buffet, ganz aus Porzellanbildern gefertigt, 
und ein Servirschrank mit Gemälden im Delfter Stil stehen 
an den beiden Schmalwänden. In der Mitte des Gemaches 
ladet ein gedeckter Tisch zum Gelage ein. Teller, Schüsseln, 
ja selbst die Messer- und Gabelgriffe sind alle im gleichen 
Stile mit Landschaften bemalt. Allerliebst und neu sind 
Gläserständer für Wein, Champagner- und Wassergläser 
eingerichtet, an denen kleine bemalte Ampeln aus Porzellan 
hängen, an denen sich Graspflanzen zum Tische herabsenken. 
Stühle und sonstiges Mobiliar, wie Ofenvorsetzer, Wand- 
Decorationen, Schirmständer sind alle aus Porzellan und mit 
prächtigen Malereien geschmückt. Nippes und Säulen für 
Blumen und Majolica, ebenfalls schön bemalt, Schliessen die 
Koje nach vorn ab. Das interessante Zimmer ist im kunst 
gewerblichen ATelier für Porzellan- und Majolica-Malerei 
von Martha Wundahl angefertigt 
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Soldatenblut. Es war vor einigen Abenden, in der 
Kolonial-AussteJlung war schon alles still und Öde, da führte 
uns unser Weg an der Tembe vorüber. Seltsam! Sollte in 
der Tembe plötzlich ein Exercierplatz errichtet worden sein, 
auf dem noch ein arnur Rekrut nachexercieren muss? — In, 
schnarrendem Commandoton eines schneidigen Feldwebels 
tönte es deutlich zu uns herüber:' Achtung ! Präsentirt das 
Gew« hr! Dann wieder klang es: Ganzes Bataillon Kehrt I 
Und so fort, als ob dort in der That der Drill nach allen Re 
geln der Kunst geübt würde. Wir trauten unseren Ohren 
kaum. Das Räthsel musste gelöst werden. Wir pochten 
also an die Tembethür und nach einigem Warten wurde uns 
geöffnet. Es bot sich das gewohnte Bild. Weiber und 
Knaben waren eifrig mit Kochen beschäftigt, die Männer 
gingen von Feuer zu Feuer und plauderten bald hier, bald 
da mit den Köchen. In der Nordecke aber erwartete uns eine 
Scene, die uns hell auflachen liess. Acht Kameruner standen 
in zwei Gliedern geordnet, stramm, wie Musteigardisten, jedei 
hatte als Gewehr einen Stock über die Schultern geworfen 
Vor ihnen ging Rudolf musternd auf und ab und comman- 
dirte, wie wir es vernommen hatten. Die Soldaten sahen 
schnurrig ausv Einige hatten ein buntes Tuch um den Leih 
geschlungen und eine Militairmütze auf dem Kopfe, andere 
trugen braune Joppen und darunter ein Hüftentuch, manche 
hatten sich noch abenteuerlicher mit Fez, Fellen und Decken 
costümirt. Die« Glieder wankten etwas beim Marschiren 
und dann theilte Rudolf bald hier, bald dort einen Rippenstoss 1 
aus, was statt Geheul und Zähneklappen nur die unbändige 
Heiterkeit der Gepufften h« rausforderte. Wir konnten uns 
lange nicht von der komischen Scene trennen. Ein Zeichner 
der „Fliegend«n“ hätte hier dankbaren Stoff gefunden. 
S 
Afrikanisches Pelz werk. In der wissenschaftli 
chen Halle der Kolonial-Ausstellung sind u. a. verschiedenes 
Exemplare von Säugethier«n in ausgestopftem Zustande aus 
gestellt, die ganz besonders unsere Kürschner und Pelzhänd 
ler interessiren dürften, da ihr Pelzwerk sich vortrefflich 
für ihre Fabrikate eignet. In erster Reihe sind es zwei Affen 
arten, denn Felle in grosses Anzahl importirt werden, dei 
Weissschwanzseidenaffe vom Kilima-Ndscbaro und der Weiss- 
schulter-Seidenaffe aus Tanga und Pangani, die allerliebstes 
Pelzwerk likfern. Auch von Kamerun und Gabun werden 
jährlich viele Tausende von Fellen der Seidenaffen (Colobus 
ursinus) ausgeführt, die vorwiegend Verwendung für Muffe, 
und Kutscherkragen finden. Ebenso liefert i.i-utseh-Ost- 
afrika ziemlich feines Pelzwerk, von dem Proben in der Ko 
lonial-Ausstellung vorhanden sind. So viel steht schon heut 
fest, dass durch die letztere eine grössere Anzahl werthvolle» 
afrikanischer Pelzsorten in den Handel eingeführt wird. 
9 
Das ewig Weibliche äussert. sich auch in der Ge 
werbe-Ausstellung in eigenartiger, aber nicht ungewöhn 
licher Weise. Schon an den Schaltern zur Bahn oder zu den 
Dampfern sieht man viele Vertreterinnen des schönen Ge 
schlechts, die Aufschriften „Eingang“ und „Ausgang“ län 
gere Zeit studiren, nach einer Weile nicken sie befriedigt, 
und man kann darauf schwören, dass sie den Eingang dort zu 
forciren suchen, wo andere Leute den Ausgang nehmen. 
Zu ihrer Beruhigung sei jedoch mitgetheilt, dass dies auch 
Herren thun, die des Schreiliens und Lesens völlig kundig 
sind. An den comhinirten Marktagen, die meist ausserge- 
wöhnlich starken Verkehr mit sich, bringen ,sieht man häufig 
im dicksten Gewühl einige Frauen stehen, die sich etwas ganz 
Wichtiges mitzutheilen haben, man kann dreist wetten, dass 
sie vor einer Viertelstunde nicht damit fertig werden, auch 
wenn sie von Zeit zu Zeit Hippenstösse empfangen oder auf 
die Füsse getreten werden, so etwas merken sie gar nicht. 
Ganz besonders bevorzugt für derartige Unterhaltungen sind 
auch sehr belebte Portale und Eingänge zu stark frequentir- 
ten Lokalen. Im Pavillon des „Lokal-Anzeiger“ ist die prak 
tische Anordnung getroffen, das Publikum zum Zweck unge 
hinderter Circulation rechts zu dirigiren. Auch, hier wird 
oft beobachtet, dass Frauen unter allen Umständen links, 
d. h. dem Strom entgegenstreben; wird ihnen dies nicht ge 
stattet, so scheinen sie recht unglücklich zu sein. Auch hei 
interessanten Schaustellungen lassen sie nicht von ihrer lie-
	        
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