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Periodical volume Nr. 173, 7. October 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Officielle Ausstellungs - Nachrichten. 
Physikalische Apparate. 
[Abdruck untersagt.) 
Es ist nicht unwahrscheinlich und nicht fernliegend, 
dass mancher noch gar nicht betagte Mann, wenn er prüfend 
durch die Ausstellung wissenschaftlicher Instrumente schlen 
derte und auf die prächtigen physikalischen Apparate bei 
Ernecke, bei Gebhardt, bei Keiser und Schmidt blickte, nei 
disch der heutigen „höheren“ Schuljugend gedacht, vielleicht 
auch bei sich gesagt hat: „Ja ! Als wir so alt waren !“ Frei 
lich, vor etwa 25 Jahren noch sah es wohl mit dem physikali 
schen Unterricht in den Schulen noch anders aus. Natür 
lich sagen wir nichts gegen die Befähigung oder das Wissen 
der Lehrer jener Zeit; auch können wir leider nicht sagen, 
dass heute diesem Unterrichtszweige mehr Zeit gewidmet 
wurde, als damals. Aber selbst für den besten Lehrer war 
es damals nicht möglich, auch auf die weniger fassungs 
kräftigen Schüler derart zu wirken wie es die heutigen De 
monstrationsmittel gestatten. Auch vor 25 Jahren bestand 
von den genannten Firmen wenigstens schon die von Er 
necke; aber wie enorm die Herstellung physikalischer Ap 
parate an Vielseitigkeit zugenommen, das beweist allein ein 
Blick in eine der neuesten Preislisten, welche mehrere Tau 
sende verschiedene Apparate auszählen. Eigentlich kann 
man auch von den schönen Ausstellungen der genannten 
Firma nur sagen, dass man jeden Zweig der Physik mit den 
bekanntesten Apparaten vertreten sieht; und wenn ein Lehrer 
einen schon bekannten Apparat, dessen Besitz er in der Phy 
sikstunde schmerzlich, vermisste, in der Ausstellung nicht 
findet, so fehlt er sicher nur aus Mangel an Platz, nicht weil 
das Bedürfniss hier nicht, zu befriedigen wäre. Wir wollen 
daher aus dieser Hochfluth der Fabrikation nur einiges her 
vorheben, was als Specialität einer Firma und als Neuheit 
betrachtet werden kann. Bei Gebhardt sehen wir ein sehr 
praktisches Demonstrations-Modell eines Telephons. Das 
eine der beiden Rohre ist in seinem Längsschnitt soweit aus 
einanderzunehmen, dass sein innerer Bau völlig sichtbar wird. 
Wenn das Rohr zusammengesetzt ist, kann es mit dem ande 
ren duzn benutzt werden, die Function des Telephons vorzu 
führen. Interessant und besonders zur Vorführung vor 
grösserem Auditorium geeignet ist ferner ein Apparat, der die 
Wirkung eines um einen Magneten geleiteten galvanischen 
Stromes zeigt. Die Umschaltung des Stromes bewirkt, dass 
ein Metallband sich einmal nach rechts, einmal nach links 
um den Stabmagneten herumlegt. Die Berliner Firma Er 
necke ist ohne Frage die grösste am Orte für solche Apparate 
für Schule und Vorlesung ; sie hat den Ruhm besonders vieler 
Neu-Constructionen ttnd Verbesserungen, welche sie durch 
ihre stete enge Verbindung mit. einer grossen Zahl von Fach 
männern der Physik zur Ausführung gebracht hat. Jeder 
Gelehrte weiss den Werth der praktischen Intelligenz des 
Mechanikers zu schätzen, die in vielen Fällen die werthvolle 
Idee erfolgreich in die werthvollere Praxis überträgt. Auch 
hier kann nur einzelnes besonders erwähnt werden. Da ist 
eine ausserordentlich zweckmässige Centrifugal-Maschine, 
welche ebensowohl in horizontaler wie in verticaler Stellung 
zu benutzen ist. Noch nie ausgestellt war ein hydromecha 
nischer Apparat nach Hartl, welcher die Gesetze des hydro 
statischen Druckes (des Druckes in einer ruhenden Wasser- 
masse) in sehr einfacher und klarer Weise zur Anschauung 
bringt. In einem mit Wasser gefüllten Gefässe befindet sich 
eine mit einer thierischen Membran verschlossene Glasglocke, 
welche auf der gegenüberliegenden Seite durch eine Röhre 
mit der Aussenluft verbunden ist. Wird die Membram durch 
die Flüssigkeit eingedrückt, so Überträgt sich die Wirkung 
auf einen über einem Gradbogen fortgleitenden Zeiger; an 
ersterem wird die Stärke des Wasserdrucks abgelesen. Die 
Vorzüge dieses Apparates bestehen darin, dass das Glocken- 
gefäss mit der Membran in jede beliebige Höhe und Stellung 
innerhalb der Wassersäule gebracht werden kann; dadurch 
kann demonstrirt werden, dass der hydrostatische Druck von 
der Höhe der Wassersäule abhängt, dagegen von der Rich 
tung der gedrückten Fläche infierhalb der Wassermasse un 
abhängig ist. Für das letztere Gesetz gab es bisher noch 
kein Demonstrations-Mittel. Für die Lehre von der Welle n- 
Bewegung des Aethers ist eine neuere Construction nach 
Goldstein zu bemerken, bei welchem die Wellenbewegung in 
einem Spiegel beobachtet werden kann; verschiedene Nei 
gungen des Spiegels zeigen die Welle in verschiedenem Aus- 
maasse. Die Gesetze der Brechung des Lichts in Flüssig 
keiten zeigt ein anderer Schul-Apparat (nach Blüroel), ohne 
dass eine Verdunkelung des Raumes oder eine längere Rech 
nung nöthig ist; derselbe Apparat gestattet dein Schüler, 
den Brechungsgrad des Lichts in einer Flüssigkeit selbst mit 
grosser Genauigkeit zu bestimmen. Ein Linsen-Apparat 
dient gleichzeitig zur Erklärung der Wirkung verschiedener 
Linsen, derjenige der Camera ohseura und des menschlichen 
Auges; auch die Function der Brille kann dadurch demon 
strirt werden. Eine relativ wenig kostspielige „optische 
Bank" gestattet mannichfaltige Versuche zur Erklärung der 
Grundgesetze des Lichts. Ein sehr werthvoller Demonstra 
tions-Apparat., von Director Hrabowski-Berlin angegeben, ist 
von Sommer & Runge ausgestellt; er dient zur Messung von 
Spannungen und beschleunigten Bewegungen und ermög 
licht die graphische Darstellung der letzteren. Besonders 
zu einer handgreiflichen Erklärung der Gesetze des Falles 
bietet diese neue Construction ausserordentliche Vortheile. 
Bevor wir nun von diesen für den Lernenden so ungemein 
werthvollen Apparaten zu denen übergehen, welche dem Ge 
lehrten zu weiteren selbstständigen Forschungen zu dienen 
bestimmt sind, müssen wir eines ebenso interessanten wie be 
deutsamen Productionszweiges gedenken, welcher das eigent 
liche Fundament für einen grossen Theil der optischen l nter- 
suchungen liefert — nämlich die Fabrikation von Kalk 
spat-, Quarz- und anderen Präparaten zur Erzeugung und 
Beobachtung der Polarisations-Erscheinungen. Wir haben 
für diese Specialität, welche eine im höchsten Grade präcise 
Arbeit erfordert, in unserer Ausstellung zwei ganz vor 
treffliche Repräsentanten : die Collectionen Halle-Steglitz und 
Niendorf-Bernau. Die letztere Firma ist die ältere, und hat 
ihr Inhaber sich seinerzeit, als die Bearbeitung des soge 
nannten Isländischen Doppelspats iu Deutschland noch we 
nig bekannt war, durch langjährige eigene Versuche um die 
Begründung dieser Fabrikation bedeutende Verdienste er 
worben. Dabei kam ihm eine schon früher von E. Pawlowski 
und Franz Schmidt erfundene und später von Töpfer in Pots 
dam verbesserte Sägemaschine sehr zu statten; durch dieses 
Hilfsmittel heim Schneiden eines — Krystalls ist es erst 
möglich geworden, da.s Material desselben voll auszunutzen, 
und das ist um so wichtiger geworden, als der Preis für den 
isländischen Kalkspat wegen seiner zunehmenden Seltenheit 
in den letzten Jahren auf das Zehnfache des früheren Preises 
gestiegen ist. Der Werth des Rohmaterials wird am besten 
aus einigen rohen Krystallen isländischen Kalkspats ersicht 
lich, von denen einer allein das Sümmchen von 15 000 Mark 
und mit den anderen beiden zusammen 20 000 Mark 
werth ist. Die Verwendung des Doppelspats geschieht fast 
ausschliesslich für Herstellung von Polarisations-Apparaten 
verschiedener Systeme, unter denen die von Nicol, Glan- 
Thompson und Hartnack die gebräuchlichsten sind. Nien 
dorf, ebenso Halle stellen eine Reihe von Präparaten aus, 
welche die Entstehung der beiden erstgenannten Prismen 
aus dem natürlichen Krystall durch die verschiedenen Schnitte 
aufs Beste illustriren. Besonders anschaulich sind noch die 
Glas-Modelle von Halle, welche die Lage der Prismen im na 
türlichen Krystall zeigen. Halle arbeitet übrigens mit einer 
selbsterfundenen Sägemaschine, und auch die weitere Aus 
führung gründet sich auf eigene Methoden. Noch schwerer 
zu behandeln ist der Bergkrystall, zu dessen Zerlegung nach 
bestimmten Richtungen Fuess in Steglitz eine mit Freuden 
begrüsste Specialmaschine construirt hat, die mit Diamant- 
staub arbeitet. Die Leistungen in Quarzpräparaten sind dem 
gemäss sehr vorzügliche geworden; wir erwähnen nur den 
in Quarz parallel der optischen Axe geschnittenen, 140 Milli 
meter langen Maassstab, ferner die grosse planparallele Platte
	        
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