Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

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Officielle Ausstellungs - Nachrichten.
die Bürger Berlins im Jahre 1327 zur Sühnung des Mordes, den
das Volk auf dieser Stelle an dem Propst von Bernau begangen
hatte, setzen mussten. Im 18. Jahrhundert wurde dieses Kreuz
von seinem Platz fortgenommen und auf die Marienkirche geschafft,
wo es an dem Thurm befestigt wurde. Nachdem das Kramhaus
unter dem Grossen Kurfürsten seine frühere Bestimmung verloren
hatte, wurde es vom Rath als Stadtkeller eingerichtet und an einen
Mühlcnhofeckreiber verkauft.
In der Spandauerstrasse wohnte ferner ein gewisser Daniel
Conrad, der um die Mitte des 17. Jahrhunderts den grössten
Materialwaarenhandel der Stadt betrieb, auch der bekannte
Concertmeister Friedrichs des Grossen, Graun, hatte sich hier ein
hübsches Haus gekauft.
Nicht weit davon stand das älteste Privatbaus von Berlin, das
den berühmten Patriciern Blankenfelde gehörte. Wie eine im Hause
befindliche Tafel sagte,- ward das Haus klosterartig wieder aufgebaut,
nachdem es beim grossen Brande 138.0 ganz eingeäschert, war.
Auf demselben Platze wie heute, au der Ecke der Spaudauer*
und Königstrasse, stand im alten Berlin das Rathhaus, das wohl
denkwürdig genug ist, in einem eigenen Abschnitt behandelt zu
werden, Dr. Otto Krack.
V
Die Strassen Alt-Berlins waren-gestern äusserst belebt,
man hörte Französisch, Englisch, Italienisch und alle deutschen
Dialekte. Am alten Molkenmarkt waren die Vorplätze zum Rath
haus, zum Landsknecht, .zum Grossen- Kurfürsten, zum Pilsener
etc. -ziemlich besucht, die Besucher amusirten sich , bei den
buntcostümirten Kellnern und Kellnerinnen und liessen sich
die Sonne ins Bier scheinen. In verschiedenen Wirth
schaften sind Fremdenbücher ausgelegt, in denen man sich
durch Schrift oder Zeichnung verewigen kann. Auch
im Wendenhok sass schon Vormittags viel Publikum, welches von
drallen Dirnen in wendischer Tracht bedient wurde. Bei Sarotti
und auf der Karpfeuteichterrasse des Münchener Bürgerbräu amu
sirten sich die Besucher, wie einst in der italienischen Ausstellung
in Berlin, mit dem Anschauen und Anrufen der Gondoliere und
ihrer Fahrgäste.
«
Der Vergnügungspark hat bereits an den beiden Er
öffnungstagen die Probe bestanden. Sämmtliche Etablissements
haben das regste Interesse des Publikum hervorgerufen. Das
Hippodrom der Herren Grützner & Berg musste gegen S / 4 12 Uhr
Nachts mühsam geräumt werden; 912 Personen haben im Laufe
des Nachmittags einen Ritt auf den vortrefflichen Gäulen versucht;
rings um die 42 Fuss im Umkreis fassende Manege befinden sich die
1400 Personen fassenden Restaurationsräume. Auch im »Marok
kanischen Irrgarten« herrschte lebhaftes Treiben ; viele Hunderte
aus dem Publikum wagten sich durch die labyrinthischen Räume,
und die Chronik meldet, dass die odysseischen Irrfahrten jedes ein
zelnen durch eine glückliche Landung im »Harem« belohnt wurden.
Eine Sonutagsüberraschung wird die heute stattfindende Eröffnung
sämmtlicher Ha gen bock 'sehen Etablissements, Cirkus, Grönland
panorama, Affenparadies bieten. Ferner ist Schippanowsky’s
»Weltmusik« mit ihren internationalen Attractionen zum
Empfang der Gäste gerüstet. Americaintheater und das
Variete Neu-Berlin können leider nicht während der Tages
stunden Vorstellungen gehen, da die elektrische Beleuchtung für
die colossalen Räume der »Gewerbe-Ausstellung« noch nicht in
allen Theilen nach Wunsch installirt werden konnte. Dagegen
sind die kleineren Etablissements, die Bayerische Hochgebirgs-Alm,
Van Houtens Schwedische Punsch-Bude, die Conditorei Fielitz, die
Sectpavillons von Lamprecht, Sandmann und Schlomann Nach
folger, sowie die Sehenswürdigkeiten: Zwölfapostel-Uhr und
»Der grösste Topf der Welt« bereits im Betrieb. — Der nächste
Zugang zu dem Vergnügungsparke ist für die Besucher des Aus
stellungsparkes die Brücke hinter »Alt-Berlin«; ausserdem ist dieser
Theil der Ausstellung auf der Coepenicker Landstrasse in wenigen
Minuten erreichbar und Haltestelle der elektrischen Bahn »Schlesi
scher Bahnhof-Treptow«. —
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Der Fesselballon des Dr. Wölfert wird, wie wir er
fahren, heute Sonntag Vormittag in Schöneberg mit Gas gefüllt,
unternimmt von dort aus die Fahrt nach der Treptower Gewerbe-
Ausstellung, wo die Demonstrationen des Fesselballons am heutigen
Tage im Vergnügungspark ihren Anfang nehmen.
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Mit Francesco eine Gondelfahrt ist ein Vergnügen eigner
Art. Der schmucke Italiano mit der gelbbordirtcn Jacke und der
rothgelben Schärpe lud uns mit seinem »Vuole gondola« ein, in
seiner Barke, die am Landungsplatz vor dem Industriegebäude hielt,
Platz zu nehmen. Der Abend war schon hereingebrochen, der
Gondoliere legte das Ruder in die forcula und unter den gleich
mässigen Ruderschlägen strich das Boot langsam durch das
Wasser. Wie ein Zauberpalast aus »Tausend und eine
Nacht« lag das erleuchtete Gebäude des Hauptrestaurant
mit seinem mächtigen Thurm, seinen Terrassen und Veranden. Unter dem
Thorbogen des Canals, der sich unter dem Gebäude hinzieht, ging cs dann
weiter bis zur schmalen Wasserstrasse vor dem Theater Alt-Berlin.
Wieder nahm ein dunkles Brückenthor die Gondel auf, dann
breitete sich der Karpfenteich aus, in dessen Wasserfläche sich
der düstere Spandauer Thurm, sowie die Wälle und Befestigungen
von Alt-Berlin widerspiegelten. Auf der anderen Seite grüsste die
idyllische Spreewaldschänke mit dem Bauernhause und dem aller
liebsten Garten, der maurische Prunkbau von Sarotti sowie der
daneben liegende chinesische Drachentempel von Tacn - Arr - Hee
wurden sichtbar, während am anderen Ufer das höbe Götzen
bild und die -Häuser der Eingeborenen in den Neu-Guinea-Dörfern
aus der Finsterniss sieb abhoben. Der Gondelführer lenkte sein
Boot zur Rückfahrt, in wenigen Minuten hatten wir Land erreicht^
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Das Alpen - Panorama wurde heute von denjenigen
1 Urtheilem besucht, welche in dem alpinen Fach die berufensten
sind, nämlich von den Vorständen des deutschen und
österreichischen Alpen Vereins; eine grosse Zahl von Herren
des Auswärtigen Amts war ebenfalls zu dem Feste erschienen.
Gegen 3 Uhr Nachmittags erfolgte die Auffahrt durchs Zillerthal; da der
elektrische Strom streikte, mussten menschliche Hände nachhelfen; die
; Waggons wurden einfach geschoben; auch die Blendschirme, welche
die künstlichen Hilfsvorrichtungen des Panorama verdecken sollen,
waren noch nicht geliefert, aber die Phantasie der Alpenkenner
half nach. Das Werk fand den Beifall, den es reichlich verdient.
; Die Herren der Section Berlin, welche das Protectorät des » Alpen -
: panorama« übernommen haben, sprachen bei dem darauffolgenden
| Bankett, bei welchem die eigenartige Partenkirchener Musikkapelle
I aufspielte, ihre Anerkennung und ihre Bewunderung in warmer
i Weise aus.
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Die Specialabtheilung Kairo hatte am Sonnabend
j einen glücklichen Tag zu verzeichnen. Die Sonne schien mit der«
j selben unermüdlichen Liebenswürdigkeit auf die orientalischen
: Häuser und Menschengruppen herab, wie am ersten Mai; und von
: den Besuchern der Gewerbe-Ausstellung verfehlten wohl wenige,
dieser originellen Sehenswürdigkeit ihren Besuch abzustatten.
: Viele hunderte von Zuschauern standen im Kreise um die Derwische
herum, welche tanzend und heulend auf den lichten Strohmatten
sich produciren. Das Esel- und Dromedarreiten hat sich bereits
i zu einem Hauptvergnügen der Berliner Jugend entwickelt.
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Ein Festbankett eröffnete Sonnabend Abend officiesl die
Deutsche Colonial-Ausstellung. Ungefähr 200 Personen
hatten der Einladung Folge geleistet und versammelten sich um
6 Uhr in der grossen Halle des Hauptrestaurant. Beim Eintritt
: des Proteetors der Deutschen Colonial-Gesellschaft, des Herzogs
Albrecht von Mecklenburg intonirte die Musik-Kapelle den
! Boerenmarsch von Weiss. Während des Diner würden
folgende Toaste ausgebracht: Herzog Albrecht von Mecklcn-
: bürg auf Se. Majestät den Kaiser, Graf v. Schweinitz auf
I den herzoglichen Proteetor, der Herzog auf den Arbeits-Ausschuss
! der Colonial-Gesellschaft, Herr v. Beck auf die Herren Ehren«
j Präsidenten Prinz Arenberg und Geheimrath Kayser, Geheimrath
| Kayser auf Bundesrath und Reichstag, Geheimrath Simon auf den
! Fürsten Bismarck und Rechtsanwalt Imberg auf den grossen Ar
beits-Ausschuss. Die Stimmung war eine recht angelegte und erst
spät trennten sich die Festtheilnehmer.
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