Path:
Volume Nr. 2, 8. Februar 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten (Public Domain) Issue1896 (Public Domain)

Officlelle Ausstellungs - Nachrichten. 
11 
führen. Laut Bekanntmachung der Königlichen Eiscnbahu- 
Dircction in Berlin werden von: 1. Mai bis 1ö. Oktober 
ans sämmtlichen preußischen Staats-Eisenbahnen mit Aus 
nahme des Gebietes des Berliner Vorort-Verkehrs an noch 
bekannt zu machenden Tagen wöchentlich einmal, auf verkehrsreichen 
Linien wöchentlich zweimal, sofern nicht etwa ein durch besondere 
Veranlassung zu gewärtigender Massenverkehr eine Unterbrechung 
bedingt, Sondcr-Rückfahrkartcn I. bis III. Klasse mit lOtägiger 
Geltungsdauer zum Preise einfacher Fahrkarten mit Anspruch auf 
25 kg Freigepäck ausgegeben werden. Bei v-Zügen ist die tarif 
mäßige Platzgebühr zuzuzahlen. Für Kinder unter 10 Jahren 
werden: die üblichen Fahrprciserleichterungen gewährt. Diese Ver 
fügung hat im Allgemeinen nicht befriedigt; man hatte sowohl 
aus Seiten der Leiter der Ausstellung, als auch besonders in 
der Bevölkerung ein größeres Entgegenkommen der Eisenbahn- 
Verwaltung erwartet, und es sind infolge dessen verschiedene 
Stimmen laut geworden, die dieser Unzufriedenheit Ausdruck gegeben 
haben, umsomehr, als au die gemachten Concessionen noch einige Ein 
schränkungen geknüpft worden sind. Durch die Verkehrs-Com 
mission der Ausstellung sind aber wegen zu gewährender Fahr 
erleichterungen weitere Schritte unternommen worden, und cs 
wird in Folge dessen jetzt bekannt, daß noch andere Erleichte 
rungen als die bereits erwähnten geplant sind. So soll z. B. 
die Bestimmung, Fahrkarten nüt Preisermäßigung an einem oder 
zwei bestimmten Tagen in der Woche auszugeben, eine nur vor 
läufige sein. Es liegt in der Absicht, solche Karten an minde 
stens ztvei Tagen in der Woche auszugeben, die Vergünstigung 
sogar auf alle Tage auszudehnen, tvenn der Verkehr nach Berlin 
dies erforderlich machen sollte. Die Reisenden sollen auch dann, 
tvenn der Verkehr auf einzelnen Linien so stark sein sollte, daß 
Schnellzüge von der Vergünstigung ausgeschlossen werden müßten, 
regelmäßig, und zwar durch Vor- und Nachzügc befördert 
werden. Für Die weniger bemittelten Klassen der Be 
völkerung sollen jeden Sonntag Sonderzüge eingelegt 
werden, bei welchen die Fahrpreise nur Vs des ge 
wöhnlichen Preises betragen werden. 
Mit den süddeutschen Eisenbahn-Verwaltungen sind Unter 
handlungen zum Zweck des Anschlusses derselben an die Ein 
richtungen der preußischen Eisenbahn-Verwaltung angeknüpft 
worden, und eS ist bestimmte Aussicht vorhanden, daß dieselben 
von Erfolg begleitet sein werden. Auch außerdeutsche Bahnen sind 
ersucht worden, für die Interessenten der Berliner Gewerbe-Ausstellung 
Fahrerleichterungen zu bewilligen, und es haben in Folge dessen 
bereits die holländischen Bahnen, sowie die Great Eastern Railway 
Vergünstigungen zugesagt. Von London nach Berlin sollen während 
der Dauer der Ausstellnng 14 tägige Rückfahrkarten zum ein 
fachen Fahrpreise ausgegeben werden. 
Es sind in verschiedene:, Bevölkeruugsllasscn noch vielerlei 
anbete Wünsche laut geworden, die sich auf Preisreductionen und 
tveitcre Fahrerleichterungen beziehen; aber ob diese alle ihrer Er 
füllung entgegengehen werden, ist zweifelhaft. Der Verein „Zonen 
tarif" verlangt, daß Billets zum halben Fahrpreise der jetzigen 
Rückfahrkarten mit dem Maximalsatz von 10 Mark für ein Billet 
dritter Klasse ausgegeben werden sollen. Andere Wünsche gehen 
dahin, man möge die ermäßigten Rundrcisekarten schon bei Zurück- 
lcgung einer Strecke von 100 bis höchstens 150 Kilometern ans- 
gebcn, Ausländer nlöchten die Durchgangsbillets durch preußisches 
Gebiet ermäßigt haben, und so giebt es der Wünsche und Forde 
rungen noch recht viele. Auch der Patriotismus wird in's Feuer 
geführt, um das Verlangen nach billigen Fahrten zur Gewerbe- 
Ausstellung zu begründen. 
Die deutschen Eisenbahn-Verwaltungen dürsten allerdings 
besondere Veranlassung haben, dazu beizutragen, daß in diesem 
Jahre der Fern - Verkehr möglichst nach der deutschen Haupt 
stadt gelenkt wird, weil zu gleicher Zeit auch andere Nationen, 
tvie Ungarn, Rußland, Griechenland u. s. w. Veranstaltungen 
auf ihr Programm gesetzt haben, die geeignet sind, das allgemeine 
Interesse in Anspruch zu nehmen imb die reiselustige Welt an 
sich zu ziehen. 
Es dürfte einleuchten, daß sowohl bei den selbstständig 
reisenden Fremden, als auch namentlich bei den großen Reisebureaux 
im Auslande betreffs der Wahl ihrer Vergnügungsfahrten in diesem 
Jahre die zu gewährenden Ermäßigungen auf Eisenbahnfahrkarten 
sehr in's Gewicht fallen werden. Das größte englische Bureau, 
Thomas Cook & Son, (Tourist Office), z. B. beabsichtigt, viele 
Fremde nach Berlin zu bringen, im Falle die Preise für die 
Eisenbahn-Karten wesentlich herabgesetzt werden. Die Eisenbahnfahr 
karte wird demgemäß bei der Ausstellung eine große Rolle spielen, 
und von ihrem Preise wird zweifellos der Fremdenbesuch abhängen. 
heatee. Liunzt, Vergnügungen 
WM 
Die Attsftellttttg und die Theater. 
Eine Enquete von Alfred Holzbock. 
Die dem Theater nahestehenden Kreise, die gern vorher ohne 
dringende Nothwendigkeit die Chancen eines Ereignisses oder einer 
Persönlichkeit zu discutiren pflegen, beschäftigen sich jetzt schon 
lebhaft mit der Frage: „Welchen günstigen oder ungünstigen Ein 
fluß kann die Berliner Gewerbe-Ausstellung in Bezug auf Be 
such, Repertoire und künstlerischen Charakter unserer Theater 
während der Sommerspielzeit 1896 haben?" Daß die Aus 
stellung eine Wirkung auf unsere Theater ausüben, daß sic nicht 
nur den geschäftlichen, sondern auch den künstlerischen Cha 
rakter unserer Bühnen beeinflussen wird, unterliegt keinem Zweifel. 
Umstände, die vorläufig außerhalb jeder sicheren Berechnung liegen, 
in erster Reihe natürlich Witterung und Fremdenbesuch, werden 
auf den geschäftlichen, die besonderen Vorbereitungen unserer 
Bühnenleiter auf den künstlerischen Charakter von Einfluß sein. 
In unseren Theaterkrciscn halten sich Optimisten und Skeptiker 
das Gleichgewicht; die Einen prophezeien, daß die Ausstellung 
unseren Bühnen und ihren Leitern nur von Nutzen, die Anderen 
daß sie ihnen unter Umständen von Schaden sein kann. Es ist 
sehr schwer, hierbei den Propheten spielen zu wollen, darum 
hielten wir es für rathsam, diejenigen, die am Nutzen und 
Schaden schließlich das meiste Interesse haben, unsere bedeutendsten 
Bühnenvorstände, zu befragen und die Rollen der Auguren spielen 
zu lassen. Vorsicht ist die Mutter der Weisheit, die aus den uns 
in liebenswürdiger Weise zugegangenen Antworten sich offenbart. 
Sc. Excellenz Graf von Hochberg, der Generalintendant 
der Königlichen Hofthcater, schreibt: 
„So vielseitige Betrachtungen über diesen Gegenstand auch 
angestellt werden, schließlich werden doch immer die Ereignisse 
Recht behalten." 
Die Antwort des Herrn Max Grube, Dberregisseurs des 
Königlichen Schauspielhauses, lautet: 
„Bisher hat die Erfahrung gelehrt, daß Ausstellungen nur 
geringen Einfluß auf den Besuch der Theater ausüben. Man 
ist aber meiner Meinung nach wegen dieser Erfahrung noch 
nicht berechtigt, das Gleiche auch für die Berliner Kunstinstitute 
während der Dauer der bevorstehenden großen Gewerbe-Aus 
stellung anzunehmen 
Schon unter gewöhnlichen Verhältnissen stellen in Berlin 
die Fremden fast den größten Theil der Theaterbesucher. 
Wenn nun auch der Frcmdcnzufluß zunächst durch die 
vielen Schaustellungen und mehr oder minder künstlerischen Dar 
bietungen des AuSstelluugsplatzes in Anspruch genommen sein 
dürfte, so ist doch andererseits anzunehmen, datz der Aufenthalt 
des Einzelnen während der Ausstcllungszeit länger dauern 
wird als sonst. Ferner dürfte eine große Anzahl der von 
fern Herkommenden den Zweck verfolgen, auch die Hauptstadt 
des Deutschen Reiches eingehender kennen zu lernen, Vielen 
wird vielleicht die Ausstellung nur eine erwünschte Gelegenheit 
hierzu sein. 
Eine große Rolle bei dem eben Gesagten werden natürlich 
die Verkehrs- und -Wettcrverhältnisse spielen.
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.