Publication:
1896
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365322
Path:

Officielle Ausstellungs-Hachrichten. 9
Die Anstalt für Volksmassen-Ernährung bot am
Sonnabend Mittag ein Bild von eigenartigem Reiz. Sie wird ungemein
stark in Anspruch genommen, am 1. Mai verkaufte sie Mittags 7000,
am 2. 13000 Portionen. An den langen Tafeln in den Zelten
und auf der Terrasse sitzen Ausstellungsbesucher, venetianische
Gondelführer, Post- und Telegraphen-Beamte, Portiers, Matrosen,
Stuhlverleiher, Program mverkäufer etc. in ihren kleidsamen
Uniformen, .dazwischen costämirte Kellnerinnen, Telephon-
Damen, Blumenfeeen, Alt - Berliner Patriciertöchter in bunten
Trachten, aber auch elegant gekleidete Leute, die theils aus Spar
samkeitsrücksichten, theils aus Interesse hier speisen. Die Speisen
folge ist mit Kreide auf grosse schwarze Tafeln geschrieben, die
grossartig eingerichteten Küchen werden viel von Damen besucht
V
In der Colonial-Ausstellung waren am Sonnabend
die Schwarzen beim Hüttenbau beschäftigt, vier Suabeliweiber banden
mit Bast Bambusrohre zusammen, die das Gerüst für die Hütten
bilden, die Männer sahen müssig zu. Die Krivileute flicken Bannes.
Die Massais sind im grossen Hofe der Tembe mit Abkochen und
Waschen beschäftigt, putzen Essgeschirr, tragen Wasser zu, zer
kleinern Holz etc. Unter den Besuchern sind viele Damen, die
den Vorbereitungen zum Kochen mit vielem Interesse zusehen.
Ein junges, üppiges schwarzes Weib mit einem netten braunen
Kinde auf dem Rücken erregt bei allen Zuschauern Wohl
gefallen, das Kleine interessirt sich bedeutend für kleine Münzen,
es ist ein äusserst drolliges Wesen. Bei den Massais ist ein junger
Mann bemüht, sich in seiner Sprache den Besuchern verständlich
zu machen, der Erfolg ist ein zweifelhafter. Besser geht es bei
den Kamerunern, dort ist ausser dem Sohne des King Bell, der
längere Zeit in Berlin war, noch Mancher, der wenigstens einiges
Deutsch spricht, Bell junior spricht es ziemlich geläufig. Die
Schwarzen unterhalten sich ziemlich laut und lebhaft, ein kleiner
Affe entspringt oft und wird immer mit grossem Hailoh ein
gefangen. Die Weiber amusiren sich am Kochplatz mit einem
Kanarienvogel. Verschiedene der Herren farbigen Landsleute tragen
helle europäische Filzhüte auf ihren Woilköpfen, Bell jun. trägt
einen ganz modernen grauen Anzug und braunen steifen Filzhut.
In den für das grosse Publikum abgesperrten Wohnräumen liegen
Männer rauchend oder träumend auf Matten, die Weiber putzen
sich oder spielen mit der Nachkommenschaft.
V
Im Hauptrestaurant speisten am Eröffnungstage nicht
weniger als sechs Tausend Personen.
a) In der Ausstellung.
Spaziergänge durch Alt-Berlin.
[Abdruck untersagt.]
1. Am Spandauer Thor.
Wenn man die Strassen von Alt-Berlin durchwandert, so muss
man sich immer wieder wundern, mit welcher Treue hier ein
historischer Charakter architektonisch festgehalten und durchgeführt
ist. Es liegt auf der Hand, dass nicht ein gesummter Strassen-
theil, wie ervor Zeiten war, geschweige denn ein ganzes Stadtviertel bei den
beschränkten Verhältnissen wieder erstehen konnte, dazu hätte das
ganze Ausstellungsgelände keinen Platz geboten. Man hat auch darauf
verzichtet, eine einzige Strasse oder einen öffentlichen Platz mit allen
Details historischer Vorlagen nachzubilden, so dass wir gewisser-
massen einen Ausschnitt aus dem alten Berlin gehabt hätten; man
hat vielmehr den alten Baustil mit besonders denkwürdigen Stätten
und Gebäuden benutzt, um ein architektonisches Bild zu schaffen,
das einen allgemeinen und typischen Eindruck hinterlässt. Der
Berliner, der die Entstehung und Entwickelung seiner Vater
stadt kennt, wird auf Schritt und Tritt an die Geschichte
erinnert werden. Aber auch dem Fremden mag es bei
seiner Wanderung durch Alt - Berlin von Interesse sein,
die alten Baulichkeiten mit ihren historischen Denkwürdigkeiten
genauer kennen zu lernen. Manches Gebäude hat sich noch aus
früherer Zeit inmitten der Kaiserstadt erhalten; die meisten Strassen
haben sogar bis auf den heutigen Tag ihre Namen behalten.
Wenn man jetzt einen Plan Berlins aus dem 17. Jahrhundert
zur Hand nimmt, so muss man staunen über die ungeheuere Aus
dehnung, die die Stadt in 200 Jahren genommen hat. Vor dem
alten Spandauerthor, das gleich am Eingänge von Alt-Berlin steht,
wohnten noch um das Jahr 1600 nur einige wenige Acker
leute; sonst war fast nichts angebaut. Erst die Kurfürstin
Dorothea schaffte hierin Wandel, indem sie einen grossen Theil der
ihr gehörigen Aecker und Gälten, die sich längs der Spree hin
zogen, als Baustellen verschenkte oder verkaufte. Nach ihrem Tode
gab Friedrich I. auch die übrigen ab. So entstand vor dem Span
dauer Thor eine neue Vorstadt, die unter den folgenden Königen,
namentlich unter Friedrich dem Grossen, ausgebaut und verschönert
wurde.
Gleich neben der Spandauer Brücke, die den Besucher durch
das Spandauer Thor nach Alt-Berlin hineinführt, steht zur linken
Hand ein alter unförmlicher Thurm, der seine eigene Geschichte
hat. Dieser Thurm, in dem man noch 1716 beim Feldzug in
Pommern Munition verwahrt hatte, war nämlich von der alten Stadt
mauer übrig geblieben. Einige Jahre darauf wurde er von fahr
lässigen Artilleristen in die Luft gesprengt. Nach diesem Unglück
wurden auch die anderen Thürme der alten Stadtmauer, die noch
an verschiedenen Stellen standen, ausgeräumt und niedergerissen.
Die kleine Kirche, die diesem alten Thurm gegenübersteht,
ist die alte „Heiligegeistkirche“, wie sie noch jetzt als ein Denk
mal des alten Berlin unverändert an der Ecke der Spandauerstrasse
und Heiligegeiststrasse steht. Diese Kirche gehörte ursprünglich
zum »Heiligengeist-Hospital«, das im 13. Jahrhundert gestiftet
wurde und das zur Versorgung bedürftiger Männer und Frauen
diente. Neben der Kirche befand sich die sogenannte Klause, ein
kleines Gebäude mit einem Heiligenbild und einer ewigen Lampe,
das unter Aufsicht eines Klausners stand, der die Almosen für das
Hospital in Empfang nahm. Später wurde es niedergerissen und
mit dem Hause No. 2 besetzt.
Der dem Thor zunächst liegende Platz blieb lange unbebaut r
erst unter der Regierung Friedrich Wilhelm’s I., der namentlich die
Bewohner von Berlin und Potsdam allzu oft mit Zwang zum Bauen
anhielt, wurde die Stelle mit einem Hause besetzt. Die Geschichte
hat uns auch den Namen des Eigenthümers aufbewahrt: es war ein
gewisser Feldwebel Gabel. Wie im heutigen Berlin, führte damals
rechts um die Heiligegeist-Kirche die Heiligegeist-Strasse zur Spree,
an der nur einige Fischer wohnten.
Schräge gegenüber lag die Heidereutergasse, die ebenfalls ihren
Namen bewahrt hat. Wenn hier im 17. Jahrhundert nur
wenige Leute wohnten, so mag die unheimliche Nachbarschaft daran
nicht die geringste Schuld tragen; denn fast von der Ecke der
Spandauerstrasse bis zur Rosenstrasse hin befand sich die Büttelei
oder Scharfrichterei. Erst nachdem die Scharfrichterei unter Friedrich
Wilhelm I. (1725) vor’s Thor verlegt war, liess ein gewisser Meyer
heim das Haus niederreissen und auf der Stelle ein Wohn- und
Brauhaus errichten.
Es lässt sich denken, dass schon in alter Zeit auf der Span
dauerstrasse, die vom Spandauerthor am Rathhaus nach dem Molken
markt führte, ein buntes Leben und Treiben herrschte. Hier
wohnten Beamte, Gelehrte, Kaufleute, hier standen alte Gasthöfe
und Wirthschaften, deren Namen noch jetzt zu lesen sind.
So lag gleich in der Nähe des Thores ein Gasthof, »Die alte
Ruppiner Herberge« genannt, die schon im 17. Jahrhundert vor
handen war. Wer jetzt durch die Spandauerstrasse des neuen
Berlin geht, wird das alte Haus unter dem Namen „Stadt Ruppin“
wiederfinden.
In derselben Strasse stand ein anderer Gasthof „Zur weissen
Taube“ genannt, auch aus dem 17. Jahrhundert, der aber später
von einem Gastwirth Rettberg in »Hotel de Saxe« umgetauft wurde,
In neuerer Zeit ist der französische Name wieder verschwunden,
und das Haus heisst wie früher auf gut deutsch „Zur weissen Taube.“
Nahe dem heutigen Neuen Markt befand sich ein Kauf
haus, das sogenannte »Kramhaus«, das in alten Zeiten
zugleich als Niederlage der Kaufmannsgüter diente. Hier stand
auch ein aus Stein gehauenes Kreuz mit einer ewigen Lampe, das
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