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Periodical volume Nr. 172, 6. October 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

Officielle Ausstellungs-Nachrichten. 15 
glänzendes Geschäft, denn die vier Vorstellungen, welche da 
selbst stattfanden, waren zusammen von 27 000 Personen 
besucht, die den imposanten Raum bis auf den letzten Platz 1 
füllten. 
S 
Es ist doch mal was anders. Nachdem der lie 
benswürdige Wettergott, dessen Verdienste um unsere Aus 
stellung billigerweise ganz besonders prämiirt werden müss 
ten, uns so oft schon mit seinen erquicklichen Regengüssen 
erfreute, die so manche an die Ausstellung geknüpfte, frohe 
Hoffnungen zu Wasser m erden liessen, schickte er zur Ab 
wechselung gestern gegen 5 Uhr eine Gewitt-udoe mit Hagel 
wetter begleitet, nieder, die von einem Sturm begleitet war, 
der die ältesten Baumriesen des Parkes unter seinem Anprall 
erbeben liess. Das starke Unwetter hielt nicht lange an, 
aber es genügte, um im Nu alle Wege und Stege zu veröden 
und die Ausstellungsbesucher, die sich im Freien aufhielten, 
in die schützenden Gebäulichkeiten zu treiben, auf deren 
Dächern der herniederprasselnde Hagel ein gar eigenthüm 
liches Concert veranstaltete, während der Himmel sich in 
einer wahrhaft, unheimlichen Farbenstimmung präsentirte 
und die herbstlich-gelben Büsche und Bäume mit jenem fah 
len Licht umhüllte, wie wir es im November gewöhnt sind. 
Alles in allem eine recht ungemüthliche Wettersituation, 
die so recht lebhaft an das Ende der Ausstellungs-Herrlich 
keit erinnerte und so gänzlich verschieden von dem voraus 
gegangenen prächtigen Sonntage war. 
Der Arbeitn - Ausschuss hat beschlossen, dass 
nach dem am 15. d. M. stattfindenden Schluss der Ausstellung 
auch sofort die elektrische Beleuchtung eingestellt wird. Vom 
10. d. M. ab müssen daher alle Arbeiten und geschäftlichen 
Manipulationen jeglicher Art bei Tageslicht ausgeführt wer 
den. Ebenso ist vom 15. d. M. ab laut Beschluss des Arbeits- 
Ausschusses das Rauchen auf dem gesummten Ausstellungs- 
Terrain verboten. 
V 
Der Hauptgewinn der Kairo-Lotterie besteht 
in einer Salon-Einrichtung von Giuseppe Parvis im Werthe 
von 10 000 Mark. In unserer Sonntags-Notiz über die Kairo- 
Lotterie hatte der Druckfehlerteufel nämlich eine in diesem 
Falle recht bedeutungsvolle Null ausgelöscht und aus der 
pompösen 10 000 eine simple 1000 gemacht. 
V 
Die Neu - Guinea - Leute in der Deutschen Kolo 
nial-Ausstellung haben gestern Abschied genommen. Gegen 
Mittag kamen sie in das Verwaltungshaus des Arbeits-Aus 
schusses, um sich von den Herren Graf Schweinitz und von 
Beck zu verabschieden. So sehr sie, sich nach ihrer sonni 
gen Heimat,h sehnten, so wurde ihnen das Gehen doch nicht 
leicht. Den Leuten standen die Thränen in den Augen, als 
sie den Herren vom Arbeits-Ausschuss die Hand reichten. 
Taoluk weinte laut und Tongkinking, der doch daheim etwa 
das Amt einesDorfSchulzen bekleidet und sehr angesehen ist, 
meinte, nur die Sehnsucht nach Weib und Kind treibe ihn 
zurück, sonst würde er gern in Berlin bleiben, wo es ihm 
sehr, sehr gut gefallen habe. Am Sonnabend waren die Neu- 
Guineer in der Privat-Wohnung des Herrn von Beck zum 
Mittagessen eingeladen. Wer gewohnt ist, die Leute in ihrer 
heimischen Tracht zu sehen, hätte sie schwerlich wiedererkannt. 
Jeder trug tadellos weisse Wäsche und schwarzen Anzug. 
Schon beim Betreten des Hausflurs nahmen sie die Hüte und 
Mützen ab und stiegen unbedeckten Hauptes die Treppe zur 
Wohnung des Herrn von Beck hinauf. Hier wurden sie 
freundlich bewillkommnet. Es wurden ihnen etwa 30 Pfund 
Schweinefleisch, Reis und Gemüse aufgetischt, was sie mit 
gutem Appetit verzehrten. Nach dem Essen unterhielten 
sich Herr von Beck und seine Gemahlin noch ein Stündchen 
mit ihren Gästen, von deren manierlichem, bescheidenem, fast 
weltmännischem Auftreten die Herrschaften entzückt waren. 
Ein jeder von ihnen erhielt ausser kleineren Andenken einen 
Trainsäbel, und Frau von Beck packte für die Frau des 
Tongkinking verschiedene Kleidungsstücke, Costüme, Hüte 
u. s. w. zusammen, die der Häuptling mit vielem Dank ent 
gegennahm. Gestern Abend 11 Uhr 45 Minuten reisten die 
Neu-Guineer in Begleitung eines Aufsehers nach Bremen, 
Am Mittwoch, 7. d. M., sticht der Lloyddampfer „Sachsen 1 * 
von Geestemünde aus mit ihnen in See. 
V 
Die Prämiirung in der Kolonial - Ausstellung 
findet vom Mittwoch, 7., bis Sonnabend, 10. d. M., 
statt. Das Ehrenpräsidium des Collegiums der Preisrichter 
hat Staatsminister von Hoffmann, Staatssecretair a. D., über 
nommen. Es kommen sieben goldene, 50 silberne und 90 bron 
zene Medaillen nebst den dazu gehörigen Besitztiteln zur Ver- 
theilung. Besondere Verdienste um das Zustandekommen 
der Prämiirung hat sich in erster Linie Herr Consul Schiff 
als erster Vorsitzender des Comite der Aussteller erworben. 
Ausser ihm gehörten noch zu diesem Comite Herr Emst 
Wächter, Herr Nicolaus Grosmann und Herr Landtags- 
Abgeordneter Max Schubert, während Herr Schriftsteller 
Georg Zimmermann, der zum Vorstand der Deutschen Ko- 
lonial-Gesellschaft gehört, die Mittelsperson zwischen Ar 
beits-Ausschuss und Aussteller-Comite bildete. 
V 
Eine Brücke auf Beisen. Ein viel benutztes 
Bauwerk der Ausstellung, welches täglich Tausende und 
Abertausende zu tragen hatte, ist für die Vorortgemeinde 
Friedenau angekauft worden, die grosse Holzbrücke nämlich, 
welche über die Parkstrasse führt und die beiden Theile des 
schwarzen Erdtheiles, das Negerdorf und die Zanzibarstadt 
mit einander verbindet. Die Brücke wird in Zukunft einem 
neuangelegten Strassenzuge in der aufblühenden Villencolonio 
als Ueberführung über den Bahnkörper dienen. Der Ab 
bruch muss bis spätestens zum 1. November vollzogen sein. 
Cravatten. Man erzählt von der Venus, welche be 
kanntlich,in einer ihrer reizenden Launen den schönen Ado 
nis zu ii'sJTln Geliebten erkor, dass sie eines Tages in einer feu 
rigen Aufwallung ihres liebevollen Herzens dem geliebten 
Jüngling ihren Gürtel, den berühmten Gürtel der Venus, ver 
ehrt habe. Nun soll Adonis aber, wie die meisten beaux ein 
wenig dumm gewesen sein. Er wusste mit dem Gürtel nichts 
Rechtes anzufangen, band ihn sich, wie eine Schnur, um den 
Hals und wurde hiermit der eigentliche Erfinder der Cravat 
ten. Es hat Jahrtausende gedauert, ehe dieses Kind des Zu 
falls, die Cravatte, sich zu ihrer jetzigen Vollkommenheit ent 
wickelte, aber heut’ darf man nur die Abtheilung Cravatten 
in der Gruppe II der Gewerbe-Ausstellung besichtigen, um, 
an der Autorschaft des Adonis und der \ orbildlichkeit des 
Venusgürtels für sie keinen Zweifel mehr zu hegen. Schön, 
fast zu schön ist da beispielsweise die Ausstellung von Kamper 
& Weber, einer Firma, die vor allen Anderen den Weltmarkt 
mit ihren Erzeugnissen beherrscht. Ein wenig excentrisch, 
aber entschieden geschmackvoll sind in der Vitrine von Kam. 
per & Weber die Cravatten (Regattes und Diplomates in ver 
schiedenen Formen) aus schwerem Seidenstoff, auf dessen, 
matt seegrüner, schwarz geäderter Grundfarbe sich ein gelb 
liches Kreuzdommuster phantastisch ausbreitet. Bemer 
kenswerth sind hier auch die Regattes und Schleifenformen in 
schwarzer Faille und die grosse Auswahl von Four in hands. 
(Selbstbinder) in allen Farben. Nur sogenannte Ballsachen 
d. h. Batistcravatten fabricirt Paul Bock und man darf ihm 
nachrühmen, dass er besonders in gestickten Genres gana 
Vorzügliches leistet. Hochelegante Seidensachen in geradezu 
fürstlichen Aufmachungen bringen Pellens & Loick. Bei 
ihnen fallen in erster Reihe die sehr feinen Schleifen-Selbst- 
binder und die schwarzen Diplomates mit angeblich nicht ab 
färbender Binde auf. Wenn die letzteren, was sie ver 
sprechen, erfüllen, so wäre hier ein entschiedener Fortschritt 
der Industrie zu constatiren. Ein sehr gediegenes Genre 
in reichster Auswahl der Stoffe, Formen und Farben zeigt die 
altbekannte Wäsche- und Cravattenfabrik von H Stemberg 
jun. in ihrer Ausstellung, während Albers & Lippold äugen-
	        
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