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Periodical volume Nr. 172, 6. October 1896

Full text: Officielle Ausstellungs-Nachrichten Issue 1896

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Officieile Ausstellung-Nachrichten. 
Oie Glas-Industrie auf der Ausstellung. 
[Abdruck untersagt.] 
In dem gewaltigen industriellen Bilde, das unsere Aus 
stellung bietet, nimmt das Glas einen auffallend kleinen 
Raum ein. In der Nachbarschaft der Gruppe VI und als 
Unterabtheilung der fünften Gruppe sind die Glaswaaren so 
zusagen von der Porzellan- und Chan otte-Manufactur einge 
presst. Von der gewaltigen Ausdehnung dieser Industrie 
und ihrer Bedeutung für das moderne Leben erhalt man bei 
dieser Ausstellung keinen vollen Begriff. Man sihht es dieser 
kleinen Collection an, dass die Glasindustrie in Berlin nicht 
ihre Heimath hat. Was in der Nähe erzeugt wird, beschränkt 
sich meist auf jene einfachen und anspruchslosen Dinge, die 
für den gewöhnlichen Hausbedarf bestimmt sind. Was aber 
darüber hinausgeht, ist auswärtiges Fabrikat, und nur dem 
Umstande, dass einzelne auswärtige Glasfabriken in Berlin 
grössere Verkaufsgeschäfte besitzen, haben wir es zu danken, 
dass auch manches Schöne und Sehenswerthe aus der Glas 
industrie auf der Ausstellung vertreten ist. 
Der Besucher wird selbstverständlich sofort an den 
Glanzstücken gefesselt, die sieh mit unwiderstehlicher Gewalt 
dem Auge aufdrängen. Und diese Glanzstücke sind jeno 
Gläser, die uns die Werke der Renaissance in moderner Aus 
führung und in höchster Vollendung zeigen. Mehr als zwei 
hundert Jahre standen die Menschen verwundert vor jenen 
Erzeugnissen, die am Ausgang des Mittelalters und. zu An 
fang der neuen Zeit von italienischen und deutschen Glas- 
künstlern verfertigt wurden. Die Technik dieser Glaskünst 
ler, die Kunst der Schleiferei, ihre Art der Bemalung und der 
Erzeugung glänzender Farben, die Ausarbeitung zierlicher 
Formen war gänzlich verloren gegangen. Noch in der 
ersten Hälfte unseres Jahrhunderts war man nicht im Stande, 
auch nur annähernd jene Kunstwerke nachzuahmen, die zu 
einer Zeit entstanden sind, als sich die Chemie noch in ihren 
ersten Anfängen befand, als die Herstellung des Glases die 
ersten Entwickelungsstufen durchzumachen begann. Wie es 
den damaligen Glaskünstlern gelungen war, Farbengläser 
von so leuchtendem Glanze und Geschirre von so grosser 
Schönheit und so kunstvoller technischer Ausstattung herzu 
stellen. ist eigentlich noch heute ein Geheimniss. Es ist ge 
wiss, dass das moderne Verfahren, mit dem man die Arbeiten 
der älteren Zeit so fein nachbildet und vielfach auch über 
trifft, ein anderes ist, als. das, welches die alten Glaskünstler 
hatten. 
Diese moderne Glaskunst entfaltet sich in ihrer vollen 
Schönheit und Mannichfaltigkeit in zahlreichen Objecten, die 
einige Aussteller geliefert haben. Vor allem fällt die Aus 
stellung der Firma P. Raddatz & Co. auf, die eine geradezu 
grossartige Collection decorirter Gläser zeigt. Einzelne Stücke 
sind ganz erstaunliche Kunstwerke der Glasgravirung und 
der Glasschleiferei. Sie sind eigentlich nicht unter den Be 
griff Glaswaaren zu rubriciren, sondern gehören direct in das 
Kunstgewerbe. Bei diesen Arbeiten ist vor allem der künst 
lerische Sinn, die sichere Hand und die .ungeheuere Geduld 
des gravirenden Künstlers zu bewundern. Da ist eine Vase 
in Kelchform, die ohne ihren künstlerischen Schmuck 
vielleicht drei Mark kostet, sich mit den Gravirungen aber 
im Preise auf Hunderte von Mark erhöht •Landschaften, die 
mit der Lupe ausgravirt sind, prachtvolle Arabesken und 
Blumen entkleiden gewissem!aussen das Gefäss seiner Glas 
natur und machen es zu einem Kunstwerke, bei dem das 
Material gar keine Rolle mehr spielt. Dasselbe lässt sich 
von verschiedenen Weingläsern sagen, die Gravirungen in 
Basrelief tragen. Es muss ein eigenes Gefühl sein, solche 
kostbare und so leicht zerbrechliche Gefässc zum Munde zu 
führen. Diesen Kunstwerken Schliessen sich Weinflaschen 
in etwas einfacherem Stil an, geschliffene Liqueurflaschen, 
andere pokalartige \ äsen in Roeocoschliff mit matt geschlif 
fenen Medaillons, die zur Eingravirung von Monograrr men 
bestimmt sind. Nicht minder kostbar sind die geschliffenen 
Bierkrüge und Bierpokale, die fein ausgeführte Wappen in 
Relief tragen. Alle diese Gläser sind Kunstwerke ersteh 
Ranges, sprechende Beweise für die Höhe, welche die Kuns't 
des feinen Glasschliffes und der Glasgravirung in den letzten 
Jahrzehnten erreicht hat. 
Eine andere wiederbelebte und höchst vervollkommnete 
Technik sieht man in der Ausstellung der Firma F. A. 
Schumann. Hier prüsentirt sich die Vergoldung und die 
Glasbemalung mit bunten Farben in ihrer höchsten Vollen 
dung. Sehr hübsch sind die japanischen Vasen mit Gold 
malerei in japanischer Manier und ganz reizend sind ge 
schliffene Vasen in Fächerform, Tulpenform, K,elchform u. s. 
w., die sowohl durch ihren Schliff, wie auch durch ihre feine 
malerische Ausstattung das Auge entzücken. Ein ganz eigenes 
Aussehen, haben Weingläser mit farbiger Tulpenmalerei —- 
sie sind für einen besonderen Geschmack berechnet. Auch 
das irisirende Glas, das eine Zeit lang so beliebt war, ist liier 
vertreten. Die feineren Objecte sind mit sehr hübscher 
Email-Malerei geschmückt, die sieb von dem irisirenden Ton 
des Glases sehr gut abhebt. Für effectvoller halten wir aber 
die irisirenden Objecte ohne Malerei, zumal jene, die in an 
tiken Formen gehalten sind — Vasen, Flaschen etc. — und 
die eine Nachbildung jener irisirenden Gefässe darstellen, 
die man unter den Trümmern aus alten Zeiten gefunden hat. 
Sehr schönen Tafelschmuck stellt die Firma C. Harsch 
& Co. aus. Da sieht man jene aus glitzernden Krystallstäben, 
znsammeng. setzten J ardinieren, die auf Spiegel gestellt, eino 
wirkungsvolle Taft ldecoration bilden. Auch die Fabrikate 
in Eisglas und in jener scheinbar brüchig-krystallr- 
sirter Ausführung, die als „Craquele“ bekannt ist, sind in 
ungemein hübschen Objecten —- zumeist als Bowlen, Bowlen 
kannen und dergl. vorhanden. 
Das ist so ziemlich alles, was die Ausstellung an künst 
lerisch ausgeführten Glasgefässen bietet. Einfache, sorgfäl 
tig hergestellte Gefässe stellen die Firmen G. Hasche und 
L. Woiff Nachfolger ans. Fesselnd sind auch die Ausstel 
lungen der weltbekannten Firmen Warmbaum, Quilitz & Co. 
und von Poncet-Glashüttenwerke, deren Specialität in der 
Herstellung von Glaswaaren für chemische und pharmaceu 
tische Zwecke besteht. 
Wie weit übrigens die fabriksmässige künstlerische Be 
handlung des Glases gediehen ist, sieht man an den Scheiben 
des Glaspavillons von Weinhold & Kranich. Die Aetzerei in 
weisser und farbiger Abtönung und die mittels Sandgebläse 
geschliffenen und sehr fein abgetönten Scheiben bringen die 
beste Wirkung hervor. Dass die zeichnerischen Darstellun 
gen auf den Scheiben künstlerisch gehalten und die Stufen 
der Abtönung sehr gut ausgeführt sind, versteht sich bei 
einem grossen modernen Betriebe eigentlich von selbst. 
Nicht besonders stark ist derjenige Theil der Glas 
industrie vertreten, die sich auf das weite Gebiet der Bau- 
und Hausglaserei u. s. w. erstreckt. Ganz besonderes Inter 
esse dürfte wohl die Ausstellung der Firma E. Grosse in An 
spruch nehmen. Da sieht man zunächst in grossen Cylindern 
vortreffliches Ueberfangglas mit rothem, rosa und blauem 
Ueberfang, ferner einen Cylinder aus Milchglas. Besonders 
schön ist aber das Kathedralglas in verschiedenen Farben 
und Farbenabstufungen. Was man in erster Reihe vom. 
Kathedralglas verlangt, die. Intensität der Leuchtkraft der 
Farbe, Glanz und Brillanz besitzen die ausgestellten Proben 
in vollem Maasscv Eine Specialität der Firma ist das Opal 
glas, jene eigenthümliche Glasart, die undurchsichtig aber 
transparent ein alabasterartiges oder marmorartiges Aussehen 
besitzt und im Licht ein eigenthümliches Farbenspiel ent 
wickelt. Dieses Opalglas ist in Deutschland eine noch junge 
Industrie, die offenbar einer bedeutenden Entwickelung ent 
gegengeht. Die Firma E. Grosse stellt auch schöne Muster 
von Marmorglas aus und jenes von Blumenkrystallen über 
zogene Flachglas, das man als Eisglas bezeichnet und das 
auch im Hochsommer der erhitzten Menschheit Eisblumen an 
den Fensterscheiben vorgaukelt. Bei Leuten, die hicht an, 
Kälte leiden, dürften solche Fensterscheiben jedenfalls etwas 
frostige Empfindungen hervorrufen..
	        
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